Se connecterKirill
Frieden ist das Einzige, was ich mir mit Geld noch nicht kaufen konnte. Also habe ich eine Festung gebaut, um ihn mir selbst zu verschaffen.
Von der Straße aus sieht das Lagerhaus an der Commerce Street aus wie ein fauliger Zahn in einem Mund voller Löcher.
Ein massiver Bau aus rotem Backstein, geschwärzt von Jahrzehnten Industriequalm. Die zerbrochenen Fenster sind mit verzogenem Sperrholz vernagelt, und über den Toren der Laderampe prangt Graffiti.
Für einen flüchtigen Betrachter – und vor allem für jemanden mit Dienstmarke, der genauer hinsieht – ist es nur eine weitere Leiche der amerikanischen Industrie, die in Brooklyns feuchter Luft vor sich hin verfällt.
Drinnen gibt es zwei völlig verschiedene Welten.
Der hintere Bereich, in dem ich mich gerade aufhalte, ist unser Rückzugsort. Schallisoliert, klimatisiert und mit einem Sicherheitssystem ausgestattet, das sich mit dem des Pentagons messen könnte. Ledermöbel, erstklassige Server und genug Waffen, um in einem mittelgroßen Land einen Staatsstreich anzuzetteln.
Der vordere Bereich ist unsere Maske.
Wer durch die Haupttore kommt – vorausgesetzt, er schafft es an den gut sieben Zentimeter dicken Stahlriegeln und meiner tödlichen Crew vorbei –, landet in einer Autowerkstatt, die seit den Achtzigern vermutlich keine Sicherheitsprüfung mehr bestanden hat.
Es riecht nach altem Schmierfett, abgestandenem Tabak und Rost. Manche Ölflecken auf dem Beton sind älter als die meisten Leute in meinem Team. Der Raum soll unterschätzt werden. Die Leute sollen uns ansehen und nur schmierige Schrauber und Kleinkriminelle erkennen.
„Ruhige Nacht“, murmelt Dominique.
Sie lümmelt auf dem Sofa der Kommandozentrale und putzt eine Pistole mit der gedankenverlorenen Zuneigung, die andere einer Katze schenken. Ihre Stiefel liegen auf dem Couchtisch, direkt neben einem Laptop mit den Bildern unserer Außenkameras.
Ich mag es nicht, wenn es ruhig ist. Dann hält die Welt den Atem an. Dann richten sich die chaotischen Zufälle des Universums so aus, dass etwas Dummes passiert.
Ich nehme einen Schluck schwarzen Kaffee. Die Bitterkeit bleibt mir auf der Zunge liegen. Als sich auf Bildschirm vier etwas bewegt, schaue ich hin.
„Kontakt“, sage ich. Meine Stimme wird eine Spur tiefer. Ein Reflex. Der Jäger in mir wacht auf.
Dominique hört auf, die Waffe zu putzen. „Polizei?“
„Nein.“ Ich zoome näher heran. „Ein Streuner.“
Eine Gestalt läuft mitten auf der Straße. Allein, eingewickelt in mehrere Schichten viel zu großer, schmutziger Kleidung. Eine Mets-Kappe sitzt tief im Gesicht und verdeckt es.
Er bewegt sich ziellos. Geht ein paar Schritte, bleibt stehen und sieht sich um, dreht sich einmal im Kreis und geht weiter.
Er scheint etwas zu suchen.
„Junkie?“, fragt Dominique. Sie steht auf und tritt neben mich.
„Vielleicht“, sage ich. „Oder ein Kundschafter.“
Ich schalte auf die Wärmebildkamera um. Die Gestalt leuchtet rot. Hohe Körperwärme, aber keine taktische Ausrüstung. Keine Schutzweste.
Direkt vor unserem Lagerhaus bleibt er stehen. Die Tür interessiert ihn nicht. Er schaut zu den geschwärzten Fenstern hinauf und mustert das Mauerwerk.
Er sieht aus wie eine Kanalratte. Ein Straßenkind auf der Suche nach etwas Essbarem. Aber sein Verhalten passt nicht. Wer nach etwas Brauchbarem sucht, schaut nach unten, nach verlorenen Münzen oder Zigarettenstummeln. Dieser hier sieht nach oben. Er sucht etwas Bestimmtes.
Meine Finger fliegen über die Steuerung. Ich gehe die Kameras im Umkreis durch und prüfe die Gassen in allen Richtungen, drei Blocks weit. Ich suche nach seinem Unterstützungsteam. Nach dem schwarzen Van mit getönten Scheiben. Nach einem Scharfschützen auf dem Nachbardach. Nach Zivilpolizisten, die in einer Limousine sitzen und Donuts essen.
Nichts.
Nur die regennassen Straßen eines verfallenen Industriegebiets und ein einzelner, offenbar völlig verirrter Junge, der erbärmlich aussieht.
Ich will ihn schon abschreiben. Das ist New York. Verrückte, die auf der Suche nach einem Unterschlupf durch alte Industrieviertel ziehen, sind keine Schlagzeile wert.
Ich greife nach dem Regler, um den Monitor zu dimmen. „Fehlalarm. Nur ein Streuner.“
Da schießt der Pegel des Tonsensors in den roten Bereich.
Der Junge auf der Straße hält die Hände vor den Mund, wirft den Kopf zurück und schreit.
„KIRILL NIKOLAEV!“
Ich erstarre. Fast zerbricht die Kaffeetasse in meiner Hand unter dem Druck meiner Finger.
Mein richtiger Name. Kein Deckname, kein Nutzername. Der Name in meiner Geburtsurkunde, in den Akten der russischen Regierung. Mitten in Brooklyn aus voller Kehle von einem Fremden gebrüllt.
„Wollt ihr mich verarschen?“ Max’ Stimme kommt über die Sprechanlage aus dem Trainingsraum. „Hab ich gerade wirklich gehört, was ich glaube?“
Der Junge holt Luft und brüllt wieder.
„ICH WEISS, DASS DU IRGENDWO HIER BIST! KIRILL NIKOLAEV!“
„Halt die Klappe, du kleiner Bastard“, knurre ich und knalle die Tasse auf den Tisch. Kaffee schwappt über den Rand und spritzt auf die Glasplatte. „Wer ist dieser Idiot?“
„Laut ist er“, sagt Dominique. Ihre Hand wandert zur Pistole an ihrem Gürtel. „Sollen wir ihn zum Schweigen bringen?“
„Holt ihn rein“, befehle ich kalt. „Ich will wissen, woher er meinen Namen kennt, bevor ich ihm eine Kugel in den Hals jage, weil er meine Identität im ganzen Dreistaatengebiet herumbrüllt.“
„Bin dran“, antwortet Max.
Auf dem Monitor sehe ich, wie Max wie ein Stier aus einer Seitentür schießt. Der Junge will zurückweichen und stolpert über seine eigenen Füße. Er ist langsam und unbeholfen. Max packt ihn am Kragen seiner lächerlich großen Jacke, zerrt ihn hinein und tritt die Tür hinter ihnen zu.
Ich verlasse die Kommandozentrale und gehe durch den makellosen Flur zur schweren Sicherheitstür, die unseren Arbeitsbereich von der vorderen Tarnung trennt. Ich tippe den Code ein. Die Stahlriegel klicken auf.
Sofort verändert sich die Atmosphäre. In den Ecken lauern Schatten und verbergen rostige Ersatzteile und Reifenstapel. Ein Friedhof für Maschinen.
Max hat den Jungen neben den geparkten Motorrädern gegen einen Werkzeugschrank gedrückt. Zwischen meiner Harley und Saints Indian. Beide wirken im Halbdunkel bedrohlich.
Der Junge keucht. Seine Brust hebt und senkt sich unter den Schichten verdreckter Kleidung. Die Kappe ist ihm vom Kopf gefallen. Sein verfilztes blondes Haar sieht aus, als hätte es seit einer Woche kein Shampoo gesehen.
Ich bleibe im Schatten stehen und lasse meine Augen sich an das Halbdunkel gewöhnen.
Er hebt den Kopf. Sein Gesicht ist zugerichtet. Ein Auge ist zugeschwollen, über seinem Wangenknochen breitet sich ein hässlicher violetter Bluterguss aus. Die Lippe ist aufgeplatzt und mit getrocknetem Blut verkrustet. Auf seiner Stirn liegt ein Schmutzstreifen. Er sieht aus, als hätte er zehn Runden gegen einen Fleischklopfer gekämpft und jede einzelne verloren.
Doch sein unverletztes Auge ist blau, wach und unheimlich klug. Er sieht Max mit einem höhnischen Blick an, der eher einem König stünde als einem Bettler.
„Ich hab gesagt, ich will Kirill Nikolaev sehen“, spuckt der Junge. Dabei spritzen Blutstropfen auf sein Kinn.
Max, gut einen Meter dreiundneunzig schottische Muskelmasse mit rotem Bart, verschränkt die Arme vor der Brust.
„Den hast du vor dir, Junge“, lügt Max mit tiefer, rauer Stimme. „Warum hast du meinen Namen auf der Straße herumgeschrien wie ein Todesgeist?“
Der Junge starrt ihn an. Er mustert den roten Bart, die helle Haut und das Gesicht, das nun wirklich nicht russisch aussieht.
Dann lacht der kleine Scheißer.
Es klingt feucht und kratzig, aber es ist eindeutig ein Lachen.
„Du bist nicht Kirill“, krächzt er. „Es sei denn, Kirill Nikolaev hat über Nacht seine Liebe zu Haggis entdeckt und seinen russischen Akzent verloren. Du klingst wie jemand, der beim Casting für Braveheart rausgeflogen ist.“
Max blinzelt, ehrlich beleidigt. „Ich klinge überhaupt nicht wie …“
„Genug“, sage ich.
Meine Stimme schneidet durch die Werkstatt wie eine Klinge.
Ich trete aus dem Schatten und gehe auf sie zu. Meine Stiefel sind auf dem ölfleckigen Beton kaum zu hören. Der Junge reißt den Kopf zu mir herum.
Sein unverletztes Auge wird groß. Sein Blick wandert von meinen Stiefeln zu meinem Gesicht. Er schluckt. Sein Adamsapfel hüpft.
Gut. Ein bisschen Überlebensinstinkt hat er also.
„Wer zum Teufel bist du?“, frage ich und bleibe einen knappen Meter vor ihm stehen. „Und warum brüllst du meinen Namen durch den ganzen Stadtbezirk?“
Er richtet sich auf und löst sich vom Werkzeugschrank. Er versucht, den Dreck von seiner Jacke zu klopfen. Sein Versuch, sich ein bisschen Würde zurückzuholen, ist beinahe schmerzhaft anzusehen. Bei der Bewegung verzieht er das Gesicht und schont die linke Seite. Vermutlich sind seine Rippen geprellt.
„Ich bin dein neuer Kunde“, sagt er und hebt das Kinn. „Oliver Blaese.“
„Wir haben keine Kunden“, sage ich. Mein Akzent ist stärker, als er es seit Jahren war. „Wir sind ein Motorradclub. Wir fahren Motorrad, trinken Bier und reparieren Motoren. Laufkundschaft von der Straße nehmen wir nicht an.“
„Spar dir den Scheiß“, faucht er. „Ich weiß, wer du bist. Ich weiß, was du tust. Du lässt Probleme verschwinden.“
Ich komme näher und dringe in seinen persönlichen Raum ein. Ich überrage ihn. An seinem Hals sehe ich den Puls flattern, schnell und unregelmäßig wie eine Motte in der Falle.
„Man hat dir falsche Informationen gegeben“, sage ich leise. „Und du bist hier unbefugt eingedrungen. Nenn mir einen Grund, warum ich Max nicht deine Beine brechen und dich in den Müllcontainer hinterm Haus werfen lasse.“
Der Junge zuckt zusammen, weicht aber nicht zurück. Er greift in seine Tasche.
Max spannt sich an, die Hand schon bei dem großen Schraubenschlüssel auf der Werkbank. Butcher tritt hinter einem Reifenregal hervor und wischt sich die Hände an einem Lappen ab.
„Entspann dich“, sagt der Junge und zieht ein Bündel Geldscheine hervor. Ein mickriger Betrag. Vielleicht ein paar Tausend Dollar. „Ich kann zahlen. Ich habe Zugriff auf Geld. Auf sehr viel Geld. Aber gerade komme ich nicht dran. Nicht ohne einen sicheren Rechner.“
„Dein Taschengeld brauche ich nicht“, spotte ich. „Und dein übriges Geld interessiert mich auch nicht.“
„Ich werde gejagt“, platzt es aus ihm heraus.
Er zeigt auf sein Gesicht. „Ein paar meiner neuen Fans waren das.“
Ich sehe mir die Blutergüsse an. Sie sind frisch.
„Und was geht mich das an?“, frage ich gelangweilt.
„Ich brauche Schutz“, sagt er. „Einen sicheren Ort, an dem ich bleiben kann. Und ich brauche dich, um mit ihnen fertigzuwerden.“
„Mit ihnen fertigwerden“, wiederhole ich.
„Sie töten“, stellt er klar. „Hunderttausend pro Kopf für jeden Angreifer, den du endgültig erledigst. Suchen musst du sie nicht mal. Irgendwie spüren sie mich immer wieder auf.“
Ich starre ihn an. Er ist völlig verängstigt. Trotzdem steht er hier, in meiner Basis, und gibt Auftragsmorde in Auftrag, als würde er Essen bestellen.
Ein kurzes, raues Lachen hallt von den Betonwänden wider.
„Hältst du das hier für einen Film, Kleiner?“, frage ich. „Glaubst du, du kannst einfach in einen Bikerschuppen marschieren und einen Killer anheuern?“
„Es ist kein Bikerschuppen“, widerspricht er und schaut sich die staubigen Werkzeuge und das verrostete Chassis eines alten Chevy in der Ecke an. „Das ist Tarnung. Ich weiß, dass es Tarnung ist. Ihr seid Söldner und benutzt den Club als Deckmantel. Ich bin nicht blöd.“
„Doch, bist du“, verbessere ich ihn. „Du bist ganz allein hier hereingekommen. Wenn ich wirklich der wäre, für den du mich hältst, wärst du schon tot.“
„Wenn du der bist, für den ich dich halte, bist du schlau genug, mein Geld anzunehmen“, gibt er zurück.
Diese Frechheit.
Beinahe beeindruckend.
„Wir transportieren Sachen“, lüge ich glatt. „Muss ein Paket über die Grenze, können wir vielleicht reden. Bei Drogen eventuell auch. Aber Babysitten? Auftragsmorde?“ Ich schüttle den Kopf. „Wir sind nicht dafür da, hinter Teenagern aufzuräumen, die sich übernommen haben.“
Sein Gesicht läuft rot an.
„Ich bin kein Teenager“, faucht er. „Ich bin vierundzwanzig.“
„Du siehst aus wie zwölf“, sage ich. „Und riechst wie ein nasser Hund.“
„Ich lebe seit zwei Tagen auf der Straße, weil mir Leute eine Kugel durch den Schädel jagen wollen!“, schreit er. Endlich verliert er die Kontrolle. „Ich habe von deinem Ruf gehört, Nikolaev. Ich weiß, dass du der Beste bist. Hör auf mit den Spielchen!“
„Mein Ruf“, sage ich nachdenklich. „Wo hast du denn von meinem Ruf gehört? Wer hat dich geschickt?“
Er presst den Mund zusammen.
„Das kann ich dir nicht sagen“, sagt er stur.
„Dann verschwinde.“
Ich packe ihn am Arm. Unter der dicken Jacke ist sein Bizeps überraschend fest.
„Nein! Warte!“, ruft er und stemmt die Fersen in den Boden. „Du musst mir helfen! Ich kann nirgendwo sonst hin!“
„Nicht mein Problem“, knurre ich und zerre ihn zur Tür.
Er windet sich und schlägt um sich. Als hätte ich eine wilde Katze erwischt. Er kratzt nach meiner Hand, seine Nägel graben sich in meine Haut.
„Lass mich los, du faschistisches Arschloch!“
„Faschistisch?“ Ich hebe eine Braue. „Das ist neu.“
Ich schleife ihn an den Hebebühnen vorbei. Er ist leicht und lässt sich problemlos bewegen, aber er wehrt sich mit verzweifelter, hektischer Kraft.
„Bitte!“, keucht er. „Die bringen mich heute Nacht um! Wenn du mich rauswirfst, unterschreibst du mein Todesurteil!“
„Besser deins als meins“, sage ich. „Du bringst Verfolger zu meiner Tür. Du schreist meinen Namen herum. Du bist ein Risiko.“
Ich greife nach der Klinke der Seitentür. Ich werde ihn in die Gasse werfen und den Riegel vorschieben. Falls er nach zehn Minuten noch da ist, soll Max ihn endgültig vertreiben.
„Kir“, ruft eine Stimme.
Ich halte inne, die Hand schon an der Klinke.
Dominique ist durch die Sicherheitstür aus dem hinteren Bereich gekommen. Sie steht auf der Schwelle zwischen der glänzenden Welt voller Technik hinter ihr und der schmutzigen Werkstatt vor ihr. Die Arme verschränkt, das Gesicht undurchdringlich.
„Was?“, fahre ich sie an.
„Lass ihn los“, sagt sie.
Ich runzle die Stirn. „Ich bringe den Müll raus.“
„Wir müssen zuerst reden“, erklärt sie entschieden.
KirillMein Zufluchtsort ist überrannt worden.Ich stehe im dunklen Flur meiner eigenen Wohnung, gefangen von meiner nachlassenden Disziplin.Ich sollte die Bilder der Sicherheitskameras prüfen. Ray kontaktieren und sicherstellen, dass unser digitales Schutzsystem nach der Zerstörung des Lagerhauses noch intakt ist. Mit Oba die nächste Operationsbasis organisieren.Stattdessen stehe ich wie festgewurzelt da und starre ins Wohnzimmer. Wie ein Besessener.Oliver ist vor zehn Minuten frisch geduscht aus dem Gästebad gekommen, in Kleidung, die Dominique für ihn gerettet hat.Eigentlich müsste es besser sein, ihn angezogen zu sehen als nur in Boxershorts. Aber dieses Outfit fühlt sich an wie ein gezielter Angriff auf meine Willenskraft.Er trägt eine unglaublich weiche, weite Hose, deren Stoff bei jedem Schritt um seine Beine fließt. Das dünne Material schmiegt sich an seinen Hintern, bevor es weiter fällt. Aber das Oberteil bringt mich wirklich an den Rand des Wahnsinns.Ein lockeres, hel
OliverSchlaf kommt nur in kurzen, brüchigen Stücken. Auf der unglaublich harten Matratze in Kirills Gästezimmer wälze ich mich hin und her und dämmere immer nur für ein paar Minuten weg, bevor die Angst mich wieder weckt.Sobald ich die Augen schließe, hämmert das Echo der automatischen Waffen durch meinen Schädel. Jedes Mal schrecke ich hoch.In den vergangenen vier Tagen hatte ich überhaupt keine Privatsphäre. Im Wohnbereich des Lagerhauses war immer jemand bei mir. Die ständige Überwachung hat mich erdrückt. Aber allein in diesem makellosen Zimmer zu sein, fühlt sich irgendwie noch schlimmer an.Zu wissen, dass ein tödlicher russischer Auftragskiller ein paar Türen weiter schläft, beruhigt mich längst nicht so sehr, wie ihn vor Augen zu haben, während er mich finster anstarrt.Schließlich gebe ich das Schlafen auf und setze die nackten Füße auf den kalten Boden. Die Kälte schießt mir bis in die Beine.Ich fahre mir durch die Haare. Das bringt das zerzauste Chaos, das die ganze Nac
OliverIm Penthouse ist es vollkommen still, aber in meinen Ohren dröhnt noch immer das ohrenbetäubende Rattern der Maschinengewehre.Das Adrenalin, das mich während unserer Flucht in Bewegung gehalten hat, lässt endlich nach. Übrig bleiben eine schwere, giftige Erschöpfung und eine langsam aufsteigende Angst.Meine Hände zittern so sehr, dass ich sie unter die Oberschenkel klemmen muss, um sie ruhig zu halten.Der Schock weicht. Darunter kommt die furchtbare Wirklichkeit meiner Lage zum Vorschein.In den letzten Tagen hatte ich mich davon überzeugt, dass das Schlimmste vorbei ist.Ich hatte wirklich geglaubt, ich hätte mir mein Überleben gekauft. Die Iron Wraiths würden mich in ihrem Betonbunker einsperren, meine Verfolger aufspüren und die Bedrohung nach und nach ausschalten, während ich die Zeit absitze.Danach würde ich mir eine neue Identität zulegen, alle Konten leeren und auf irgendeiner Tropeninsel mit ordentlichem Glasfaseranschluss noch einmal von vorn anfangen.Für einen Kr
KirillSobald ich die letzte Ziffer in das Tastenfeld eingebe, gleitet die schwere Stahltür zischend auf.Als ich über die Schwelle trete, zielt der Lauf einer Pistole mit Schalldämpfer genau auf meine Brust. Saint zuckt nicht. Einen Augenblick später erkennt er mein Gesicht, und die Waffe sinkt wie selbstverständlich an seine Seite.„Lage?“, fragt er knapp.„Alle tot“, sage ich und wische mir mit dem Handrücken fremdes Blut vom Kiefer.„Ein Spezialteam für gewaltsames Eindringen. Schwer bewaffnet, militärische Vorgehensweise.“Saints Kiefer verhärtet sich. „Der Standort ist aufgeflogen.“„Ja.“ Ich komme weiter in den Raum. Noch immer rauscht Adrenalin durch meine Adern, ein schwerer, giftiger Strom, der jeden Schatten nach einer Bedrohung aussehen lässt.„Wir müssen das Gebäude anzünden und sämtliche Spuren von uns beseitigen. Geh nach unten. Chana und Tariq brauchen Hilfe dabei, die Laufwerke aus den Servern zu holen, bevor Oba die Thermitladungen anbringt. Kein einziges Gigabyte bl
OliverDie schwere Stahltür fällt klickend ins Schloss. Der russische Terminator ist jetzt auf der anderen Seite.Die Stille kehrt sofort in den Raum zurück, dicht und drückend. Aber die Luft scheint noch immer aufgeladen, als knisterte darin die heftige Spannung, die Kirill zurückgelassen hat.Mein Herz hämmert in einem schnellen, unregelmäßigen Rhythmus gegen die geprellten Rippen.Ihn zu reizen ist gefährlich. Vielleicht sogar dumm. Aber dass dieser sonst so unerschütterliche, furchterregende Killer die Flucht ergriffen hat, weil er kein Gespräch mit mir aushält, ohne mich würgen zu wollen? Das fühlt sich wie ein gewaltiger Sieg an.„Du willst unbedingt sterben, was?“Die Stimme klingt weich und ein wenig gedehnt, ganz anders als Kirills raues Bellen. Vielleicht höre ich sogar einen Hauch Südstaatenakzent heraus.Ich drehe mich von der Tür weg und sehe den Mann, der gerade noch in den Raum geschlüpft ist, bevor sein Boss hinausgestürmt ist.Saint lehnt mit locker verschränkten Arme
KirillVier Tage sind vergangen, seit sich dieser britische Hacker in mein Leben gedrängt hat. Die Ruhe im Lagerhaus ist gründlich dahin.Um die verschlüsselten Dossiers über die Bewegungen des Kartells von Miami aus durchzugehen, brauche ich volle Konzentration.Mein vom Netz getrennter Laptop steht auf dem Tisch. Auf dem Bildschirm reihen sich Daten, Geldtransfers und Überwachungsfotos aneinander.Aus diesen Informationen einen brauchbaren Einsatzplan zu machen, ist mühsame Detailarbeit. Dafür brauche ich Ruhe und Ordnung.In den vergangenen sechs Monaten waren mein Team und ich in den schwülen, blutgetränkten Dschungelgebieten Kolumbiens und Perus im Einsatz. Wir haben dort Drogenschmuggelrouten zerschlagen, um dem mexikanischen Kartell, das uns angeheuert hatte, sein Monopol zu sichern.Die Rückkehr nach New York sollte uns Zeit geben, wieder zu Kräften zu kommen.Der Schutzauftrag war eine gemeinsame Entscheidung. Das Team sollte an einem sicheren Ort ausruhen können und dabei we







