LOGINGABRIELDie Sonntagsglocke ertönt, klar, unerbittlich.Ich höre jeden Schlag wie eine Mahnung, eine Warnung.Meine Hände zittern, als ich das Messgewand anlege. Ich verstecke sie in den Falten des Stoffes, als könnte ich so das Beben kaschieren, das mich zerfrisst.Die Sakristei ist still, nur durchdrungen vom vertrauten Duft nach Wachs und Weihrauch. Ich suche für ein paar Sekunden Zuflucht darin, in der Hoffnung, diese kurze Atempause reiche aus, um das Toben in mir zu ersticken.Aber nichts hilft. Das Echo ihrer Lippen brennt noch immer auf meinen.Ich schließe die Augen. Atme tief ein.— Herr, gib mir Kraft, murmle ich. Lösche dieses Feuer.Doch als ich die Lider hebe, weiß ich bereits, dass Er nicht antworten wird.---Die Kirche ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Gläubigen drängen sich auf den Bänken, die Kinder tuscheln, die
CLÉMENCEZwei Wochen.Zwei Wochen ohne ihn zu sehen.Seit jener Nacht, in der ich ihn wanken fühlte, ist Gabriel verschwunden. Kein Blick mehr in der Kirche, kein Wort mehr im Beichtstuhl. Ich habe auf ihn gewartet, bei jeder Messe, jedem Gebet, jedem angehaltenen Atem. Vergeblich.Man munkelt, er helfe in einer Nachbargemeinde aus, er sei für kurze Missionen entsandt worden. Vielleicht. Oder vielleicht flieht er vor dem, was er in jener Nacht nicht beherrschen konnte.Zuerst glaubte ich, seine Abwesenheit würde das Feuer in mir löschen. Ich überzeugte mich, dass die Zeit ausreichen würde, die Besessenheit zu ersticken. Aber jeder Tag ohne ihn schürte nur den Brand. Je weiter ich ihn wusste, desto mehr spürte ich ihn gegenwärtig, unter meiner Haut verankert. Unablässig durchlebe ich diesen kurzen Atem, diese verkrampfte Hand auf meiner Schulter, dieses Fast, das mich am Rande des Ab
CLÉMENCEDen ganzen Tag habe ich nur daran gedacht. An ihn. An dieses Schweigen im Beichtstuhl, wo jedes Wort, jeder Atemzug von ihm zu einem Schauer auf meiner Haut wird. Und an diesen Satz: »Nicht nur deinetwegen … sondern auch meinetwegen.«Diese Worte verfolgen mich. Ich habe sie tausendmal in meinem Kopf gewendet. Auch meinetwegen. Was soll das heißen? Ist ihm überhaupt bewusst, was er mich hat ahnen lassen?Ich kann nicht mehr atmen, ohne ihn nahe zu spüren, selbst in seiner Abwesenheit. Also habe ich heute Abend beschlossen. Ich will wissen, ob diese Verwirrung echt ist, ob sie in ihm existiert wie in mir. Ich will ihn brechen sehen, nur einmal.Ich öffne meinen Kleiderschrank und wähle mein leichtestes Kleid. Nicht unanständig – ich will nicht, dass er mich der Unkeuschheit bezichtigen kann – aber der Stoff schmiegt sich an meine Formen, und der Ausschnitt läss
ClémenceDie Nacht bricht herein, und ich fühle mich bereits verdammt. Seine Worte hallen in mir nach: »Du wirst zehn Ave Maria und zehn Vater unser beten …« Wie ein Befehl, der in mein Fleisch eingraviert ist. Aber je mehr ich sie höre, desto mehr verschmelzen sie mit seinem Klang, als ob Gabriel mir keine geistliche Prüfung auferlegt hätte, sondern eine intime, fast körperliche Anweisung.Ich schließe die Tür meiner Wohnung, dieses bescheidenen Rückzugsortes, wo mir jedes Möbel fremd vorkommt, zu still. Mein Schreibtisch bricht unter den Schulheften zusammen, die ich eigentlich korrigieren sollte, aber ich kann nicht. Wie soll ich mich auf Rechtschreibfehler konzentrieren, wenn ich vor Verlangen sterbe, seinen Namen auszusprechen, mir seine Lippen dicht vor den meinen vorzustellen?Ich setze mich auf den Bettrand. Ich falte die Hände wie ein braves Kind, schließe d
ClémenceDie Nacht schien endlos. Dutzende Male schloss ich die Augen, doch jedes Mal, wenn der Schlaf zu kommen drohte, tauchte sein Gesicht hinter meinen Lidern auf. Ich sah seine Lippen, seinen Blick, der das Schweigen durchdringt, seine Hände, die gemacht schienen, um zu segnen und zugleich zu verdammen. Bei jedem Herzschlag hatte ich das Gefühl, dass er für ihn schlug.Am Morgen sind meine Lider schwer, aber mein Geist ist wach, besessen. Ich habe das Gefühl, eine trockene Wüste durchquert zu haben, eine Wüste, die vom Feuer der Begierde verbrannt wurde. Meine Gedanken sind trocken, mein Körper leer und meine Brust so schwer, dass ich kaum atmen kann. Ich weiß, dass ich nachgeben werde: Ich werde zurück in die Kirche gehen. Nicht weil mein Glaube nach Sühne verlangt, sondern weil mein Verlangen nach seinem Gift schreit.Dabei sollte ich eigentlich anderswo sein. Ich bin Grundschullehrerin in einer kleinen Schule im Viertel und sollte heute Morgen meinen Siebenjährigen Lesestunden
VERTRAUTE GESTÄNDNISSEClémence lebt für diese Momente, die sie der Stille der Kirche stiehlt. Von jeher gläubig, empfindet sie jedes Mal, wenn sie dem Blick des jungen Priesters Gabriel begegnet, eine intensive Verwirrung. Seine Strenge, seine verhaltene Sanftheit und diese Mischung aus Kraft und Kontrolle wecken in ihr ein Verlangen, das sie nicht unterdrücken kann.Bei jeder Beichte spürt Clémence, wie ihr Körper erschauert, ihr Herz zu rasen beginnt. Sie vollzieht die frommen Gesten, doch ihre Gedanken schweifen stets zu dem Priester ab. Sie wird von ihm besessen, stellt sich vor, wie ihre Hände sich berühren, ihre Atemzüge sich vermischen, jede Stille der Kirche wird zur Bühne für verbotene Fantasien.Diese Besessenheit treibt sie dazu, Vorwände zu suchen, um sich ihm zu nähern, seine Grenzen und ihre eigenen auszutesten, ihn subtil zu provozieren, mit der Gefahr und der Schuld zu spielen. Sie ist fasziniert von Gabriels innerem Kampf, seinem Ringen zwischen Glaube und Begierde,