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Kapitel 2

last update publish date: 2026-07-21 19:57:47

Liliths POV

Die Hochzeit endete wie im Rausch. Es war vorbei. Ich war jetzt jemandes Ehefrau. Killians Ehefrau. Das Wort klang fremd in meinem Kopf. Unbehaglich.

Ehefrau.

Ich folgte allen zum Empfang, meine Absätze klickten auf dem Steinweg, während ich wie ein Gast auf meiner eigenen Hochzeit dahinschritt. Die Leute lachten, der Klang hallte in der offenen Luft wider, vermischt mit der Musik und dem Klirren der Weingläser. Auch der Empfang fand draußen statt, unter Girlanden warmer Lichter und rund um geschmückte Tische. Es gab Tabletts mit Essen, Getränken, Torten, und Menschen, die so taten, als wäre alles perfekt.

Emily half mir im privaten Umkleidebereich aus meinem Hochzeitskleid. Ich schlüpfte in etwas Schlichteres. Ein seidiges, cremefarbenes Kleid, das mich etwas leichter fühlen ließ. Aber nicht frei.

Ich ging zum Empfang und sah mich um. Mein Vater war schon in seinem Geschäftsmodus, sprach über Business, als wäre der heutige Tag nur ein weiterer Machtzug. Meine Mutter hüpfte von einem Gast zum nächsten, lachte, machte Aufhebens und stellte sich zur Schau, als wäre sie die Braut.

Ich stand still, allein, mitten unter allen.

Menschen begrüßten mich. Ich antwortete leise. Ich lächelte nicht. Ich konnte nicht. Worüber hätte ich auch lächeln sollen?

Alle wussten, dass Killian nicht mich hätte heiraten sollen. Sie wussten, wen er liebte. Meine Schwester. Nicht mich.

Ich aß nichts. Ich trank nichts. Mein Magen war zu verkrampft, um es überhaupt zu versuchen. Ich konnte nur an eines denken: was als Nächstes passieren würde, wenn ich in mein neues Zuhause zog.

Ich konnte kaum atmen, nur beim Gedanken daran.

Endlich war es so weit.

Zeit, mit meinem Ehemann zu gehen.

Als ich nach draußen trat, traf mich die kühle Luft auf der Haut, und ich sah meine Eltern warten. Meine Mutter eilte zu mir, sobald sie mich sah. Sie zog mich in eine Umarmung, so fest, dass mir fast die Luft wegblieb.

„Mein Kind”, sagte sie, ihre Stimme schwer vor Emotion. „Nun bist du also eine Ehefrau. Mach mich stolz. Widersetz dich nicht deinem Mann. Wenn es irgendein Problem gibt, ruf mich einfach an.”

Bevor ich auch nur ein Wort herausbringen konnte, unterbrach mein Vater.

„Sie wird Killian keine Schwierigkeiten machen. Es wird keinen Grund geben, dich anzurufen. Verstanden?”

Ich wandte mich ihm zu, unsicher, ob er mich warnte oder trösten wollte. Er sah ernst aus wie immer, die Art Mann, für den Umarmungen Schwäche bedeuten.

„Sei gut zu deinem Ehemann”, sagte er.

Ich nickte.

Er nickte zurück.

Das war seine Version von Zuneigung. Ich hatte gelernt, nicht mehr zu erwarten.

Dann tauchte Emily wie aus dem Nichts auf und warf ohne zu zögern die Arme um mich. Ich klammerte mich an sie, als wäre sie mein letzter Halt an Trost.

„Ich werde dich so sehr vermissen”, flüsterte sie. „Ich komme dich bei jeder Gelegenheit besuchen.”

Ich schenkte ihr ein schwaches Lächeln. „Das würde ich lieben. Wenigstens hätte ich dann jemanden in der Nähe, der mich wirklich liebt.”

Sie beugte sich näher, strich mir die Haare hinters Ohr. „Selbst wenn es erst in einem Monat ist und du den Plan trotzdem noch durchziehen willst … das wäre kein Problem. Ich hole dich. Ich finde einen Weg, wegzukommen.”

Ich nickte, doch tief in mir wusste ich, dass ich nicht fliehen würde.

Nicht, weil mir der Mut fehlte.

Sondern weil ich die Dinge nicht noch schlimmer machen wollte, als sie ohnehin schon waren. Es gab bereits genug Spannungen zwischen unseren Familien. Genug unausgesprochenes Durcheinander.

„Lilith”, sagte meine Mutter erneut, „versprich mir nur, dass du brav bist. Sei gut zu deinem Ehemann.”

„Ich-”

„Natürlich wird sie gut zu mir sein”, unterbrach eine Stimme.

Killian.

Er war so lautlos aufgetaucht, wie ein Schatten. Meine Mutter wandte sich ihm zu und zwang sich zu einem höflichen Lächeln.

„Bitte kümmere dich gut um sie.”

Er grinste. Es erreichte seine Augen nicht. Es machte mich unruhig.

„Oh, das werde ich”, sagte er. „Sie wird sich auch um mich kümmern. Nicht wahr, Ehefrau?”

Ich schluckte.

„Ja. Ich … ich werde mich um dich kümmern.”

Doch es kam nur als Flüstern heraus, so leise, dass ich nicht sicher war, ob es jemand gehört hatte.

Killian und mein Vater traten zur Seite und führten ein kurzes Gespräch mit gedämpfter Stimme, das ich nicht hören konnte. Ich wollte es auch nicht hören.

Eine Minute später wandte sich Killian wieder mir zu.

„Gehen wir”, sagte er ausdruckslos.

Keine Hand griff nach meiner. Kein Blick zurück, um zu prüfen, ob ich ihm folgte. Er ging einfach los.

Ich wandte mich zu Emily und schenkte ihr ein sanftes Lächeln. Dann sah ich meine Eltern an – meine Mutter kämpfte gegen Tränen an, und mein Vater war wie immer undurchschaubar.

Und ich ging mit Killian.

Die Autotür stand bereits offen. Der Fahrer hielt sie mir auf, den Blick gesenkt. Killian saß schon drinnen und starrte aus dem Fenster, als hätte er Wichtigeres vor.

Ich stieg leise ein und schloss die Tür hinter mir.

Kein Wort wurde gewechselt.

Nur pure Stille.

Die Fahrt nach Hause verlief quälend still.

Killian saß neben mir und tippte auf seinem Handy herum, als würde ich nicht existieren. Er sah mich nicht ein einziges Mal an.

Ich warf ihm ein paar verstohlene Blicke zu – heimlich. Ich wollte nicht, dass er mich beim Starren erwischte. Ich wusste selbst nicht genau, warum ich ihn ansah. Vielleicht versuchte ich immer noch, etwas Menschliches in seinem Gesichtsausdruck zu finden.

Die Stille im Auto war so laut, dass sie meine Gedanken übertönte. Mein Kleid war nicht einmal eng, doch es fühlte sich an, als würde es mich erdrosseln. Als wäre es ein Käfig, der sich um meinen Körper legte. Ich wollte atmen, konnte es aber nicht.

Dann verlangsamte sich das Auto.

Ein massives Tor stand vor uns, hoch und einschüchternd. Es öffnete sich sanft, als würde es einen König und seine Königin willkommen heißen. Doch ich fühlte mich nicht wie eine Königin. Ich fühlte mich wie gar nichts.

Wir fuhren langsam hinein. Die Straße drinnen war lang und wand sich zwischen Bäumen, Lichtern und Stille. Ich presste meine Finger an die Fensterscheibe und versuchte, die Details aufzunehmen. Doch es war dunkel, und alles wirkte verschwommen. Bis das Anwesen in Sicht kam.

Es war atemberaubend.

Riesig, elegant, und schimmernd im sanften Licht. Doch statt Ehrfurcht spürte ich einen Stich in der Brust. Es war schön, ja. Aber es fühlte sich nicht wie ein Zuhause an.

Das Auto hielt.

Killian sagte kein Wort. Er wartete nicht. Er öffnete einfach seine Tür und stieg aus.

Ich saß eine Sekunde lang da. War ich ihm so zuwider? War meine Anwesenheit so unerträglich für ihn?

Ich öffnete langsam meine eigene Tür und stieg aus. Die Nachtluft war kühl und strich über meine Haut wie eine leise Warnung.

Hinter mir begannen der Fahrer und ein paar andere, das Gepäck auszuladen. Ich sah nicht einmal zurück. Ich folgte ihm einfach. Wie eine Fremde.

Im Inneren des Anwesens roch die Luft nach frischer Politur und zarten Blumen. Teuer und distanziert. Der Marmorboden hallte unter unseren Schritten wider.

Und dann blieb er stehen.

Zwei Personen standen am Eingang. Ein Mann, wahrscheinlich Ende fünfzig, und eine Frau, etwas älter als ich. Sie begrüßten uns herzlich.

Killian reagierte nicht. Nicht einmal ein Nicken.

Er ging einfach weiter.

Und ließ mich dort stehen. Allein. Mit Fremden. An einem Ort, den ich Zuhause nennen sollte.

Ich stand unbeholfen da, klammerte mich an den Saum meines Kleides, unsicher, was ich tun sollte. Meine Stimme steckte irgendwo tief in meiner Kehle fest.

Die Frau trat vor.

Sie wirkte freundlich, mit sanften Augen und einem warmen Lächeln. „Ich bin Rose”, sagte sie. „Lass mich dich zu deinem Zimmer bringen.”

Dein Zimmer.

Nicht unser Zimmer.

Ich blinzelte und schluckte den Kloß in meiner Kehle hinunter. Natürlich wollte er nicht bei mir bleiben. Warum sollte er auch?

Die Erkenntnis stach, obwohl ich sie schon hatte kommen sehen.

Alle würden es wissen. Alle würden sehen, wie sehr mein Mann mich hasste. Und ich würde damit leben müssen, unter demselben Dach.

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