MasukDas fuenfte Jahr war das erste, das sich selbst trug. Das war kein kleines Ding. Das war das Groesste, das man ueber ein Jahr sagen konnte, das man ueber ein Leben sagen konnte, das man ueber alles sagen konnte, das man aufgebaut hatte: dass es angefangen hatte, sich selbst zu tragen, ohne dass man jeden Tag daran druecken und halten und stuetzen musste, weil die Struktur so gut geworden war, dass sie stand, weil das Fundament so tief war, dass es hielt. Noelle bemerkte das im Februar. Das war der Monat, der pruehte. Das war der Monat, in dem das Leichte schwer wurde und das Schwere noch schwerer. Und trotzdem war der Februar des fuenften Jahres nicht das Pruehen des ersten oder zweiten. Er war der Februar eines Jahres, das schon wusste, was es war. Sie kam montags ins Buero und kuentdigte nicht innerlich. Das war seit Jahren so. Aber im fuenften Jahr war es anders: Es war nicht mehr das Nicht-Kuendigen als Entscheidung. Es war das Nicht-Kuendigen als Zustand. Der Gedanke kam n
Das neue Jahr begann mit dem Stueck. Das war nicht geplant. Es war der erste Januar, kurz nach Mitternacht, und die Gaeste waren gegangen, Hanna zur Strassenbahn, Claudia zu ihrem Hotel, Renz zu seinem, weil Renz nachmittags angekuendigt hatte, dass er um Mitternacht gehen wuerde, egal was, und weil Renz seine Ankuendigungen hielt. Sie waren allein. Die Wohnung war still. Die Stadt draussen war laut, wie Silvester das hatte, das Feuerwerk, das jetzt abklang, die letzten Raketen, die hochgingen und verschwanden. Damian ging ins Schlafzimmer. Noelle blieb in der Kueche und raeumte ein wenig auf, weil Aufraeum nach einem Abend gut war, das Zurueckbringen von Ordnung in das, was Freude ungeordnet hinterlassen hatte. Dann hoerte sie die ersten Toene. Das Stueck. Um kurz nach Mitternacht. Im neuen Jahr. Sie stellte die Gabel hin, die sie in der Hand hatte. Sie ging ins Schlafzimmer. Damian sass am Klavier und spielte, und er hatte die Augen geoeffnet, was er manchmal tat und
Das fuenfte Weihnachten war in Frankfurt, in der Wohnung, mit allen, die dazugehoerten. Das war das Vollstaendigste. Hanna Fischer kam am zweiundzwanzigsten. Claudia Wolff am dreiundzwanzigsten. Renz, der die Reise gewagt hatte, entgegen dem Rat seiner Aerzte, am vierundzwanzigsten, dem Heiligabend selbst, mit der Begruendung, dass Weihnachten der einzige Tag war, an dem das medizinisch Unkluge das menschlich Richtige ueberwog. Seine Aerzte hatten protestiert. Renz hatte nicht nachgegeben. Das war Renz. Die Wohnung fasste alle. Das war erstaunlich, weil die Wohnung nicht gross war, aber sie fasste alle, weil Menschen sich in Raeume fanden, wenn der Wille da war, zusammen zu sein. Damian kochte. Das war sein Weihnachten: die Kueche, der Herd, der Geruch, der die Wohnung fuellte. Noelle half. Das war neu in diesem Jahr: dass sie half, wirklich half, nicht mit dem Gefuhl, dass sie eingriff, sondern mit dem Gefuehl, dass sie Teil des Kochens war. Hanna Fischer sass am Kuechen
Albrecht Renz schrieb im November des vierten Jahres. Das war kein ungewoehnliches Ereignis; Renz schrieb regelmaessig, immer handschriftlich, immer gescannt, immer prazise. Aber dieser Brief war anders als die anderen. Das merkte Noelle, als sie die erste Zeile las. Die erste Zeile lautete: Ich schreibe Ihnen, weil ich das Gefuehl habe, dass dieser Brief wichtig ist. Renz schrieb nie, dass etwas wichtig war. Das war sein unausgesprochenes Gesetz: alles, was er schrieb, war wichtig, weil er nur schrieb, was er sagen wollte, und was er sagen wollte, war immer wichtig. Aber dass er es sagte, war neu. Noelle sass und las weiter. Der Brief war vier Seiten lang, das Laengste, das Renz je geschrieben hatte. Er schrieb ueber das vergangene Jahr: die Aerztebesuche, die Spaziergaenge, die Ausdauer, mit der er das Aufrechtstehen uebte, weil Aufrichten ein Entschluss war und weil Entschluesse in seinen Augen das Mutigste waren, das man tat. Er schrieb ueber das Manuskript, das er gesc
Das vierte Firmenjubilaeum fand auf der Dachterrasse statt. Das war immer so. Die Dachterrasse war der Ort geworden, an dem Wolff und Crane Consulting seine Feiern hielt, und das war keine Entscheidung, die irgendwann getroffen worden war, sondern eine, die sich ergeben hatte, weil die erste Feier dort so gut gewesen war, und weil das Gute wiederholt werden durfte. Das vierte Jubilaeum war das vierundzwanzigste. Vierundzwanzig Jahre Firma. Das war lang. Das war sehr lang, wenn man es in Jahren mass. Aber wenn man in dem stand, was die Jahre gemacht hatten, dann war es nicht lang, weil es sich nicht lang anfuehlte, wenn man dabei gewesen war. Noelle war vier Jahre dabei gewesen. Das war ein Sechstel. Ein Sechstel der Geschichte der Firma. Das war nicht wenig. Das war das, was vier Jahre waren: ein Sechstel, das vollstaendig war. Damian hielt die Rede. Das war das vierte Mal, dass er auf der Dachterrasse eine Rede hielt, und das vierte Mal war das beste, weil er nicht meh
Petras Buch kam im Oktober des vierten Jahres. Nicht veroeffentlicht, nicht gedruckt, kein Verlag, kein Titel auf einem Buchruecken in einem Laden. Es kam als Manuskript, gedruckt auf weissem Papier, dreihundertachtzehn Seiten, gebunden mit einem einfachen schwarzen Einband, den Petra selbst ausgesucht hatte, schlicht und ohne Ornamente, weil Petra kein Mensch der Ornamente war. Sie brachte es persoenlich. Das war der fuenfte Oktober, ein Montag, und sie trat ins Buero mit dem Manuskript unter dem Arm und dem Gesicht einer Frau, die etwas getan hatte, das sie lange nicht gewusst hatte, ob sie es konnte. Noelle sah das Gesicht. Sie stand auf. "Du hast es fertig," sagte Noelle. "Ja," sagte Petra. "Ich habe es fertig." Sie sagte nichts dazu. Das war das Richtige. Manche Dinge sagten sich selbst, wenn man sie fertig hatte, und das Fertigsein brauchte keinen Kommentar. Petra legte das Manuskript auf Noelles Schreibtisch. "Fuer dich," sagte sie. "Das erste Exemplar." "Was ist







