LOGINDer Dezember war die letzte Monat des Jahres, und er trug, wie alle letzten Monate, die Doppelnatur des Endens und des Vorbereitens. Das war seine Qualitaet, die er immer hatte, aber in diesem Jahr hatte er sie staerker, weil das Jahr, das er abschloss, mehr gewesen war als die meisten Jahre. Es war das Jahr gewesen, in dem sehr viel begonnen hatte und sehr viel zu seinem Ende gefunden hatte, und das Paradox war, dass Enden und Anfaenge manchmal dasselbe waren, wenn man lange genug schaute. Noelle dachte das an einem Dezembermorgen, dem achten, einem Mittwoch, als sie auf dem Balkon stand und den Becher Kaffee hielt, den sie sich mitgebracht hatte, und auf die Strasse schaute, die fruehmorgendlich war, fast leer noch, nur die ersten Laeufenden und die Lieferwagen und ein Kind, das zur Schule ging, mit dem Ranzen, der auf dem kleinen Ruecken zu gross aussah, wie Schultaschen immer zu gross fuer die Menschen aussahen, die sie trugen. Das Kind lief. Nicht langsam. Mit der Eile von
Der November war da, und er war wie immer: grau und bestimmt und ohne Entschuldigung. Das war sein Charakter, und man liebte ihn oder man liebte ihn nicht, und Noelle hatte nie entschieden, wie sie zu ihm stand, weil er beides gleichzeitig war: der Monat, der die letzten Blaetter von den Baeumen nahm und die Stadt kahl und ehrlich machte, und der Monat, der die Wohnungen waermer machte, einfach weil draussen kuehl war und drinnen warm, und dieses Drinnen wurde mehr wert, wenn das Draussen weniger einlud. November war der Monat des Drinnen. Das war in diesem Jahr besonders wahr. Die Wohnung hatte den Charakter des Novembers angenommen, nicht traurig, sondern gediegen: die Decken, die aus dem Schrank gekommen waren, die Kerzen, die Noelle mochte und die Damian tolerierte, das Tee, das neben dem Kaffee stand, die Abende, die frueher dunkel wurden und die deshalb laenger waren, gemessen an der Zeit, die man drinnen hatte. Damian spielte haeufiger Klavier. Das war das Novemberleben:
Das hunderste Kapitel. Das war eine Zahl, die etwas bedeutete, auch wenn Zahlen meistens neutral waren und nur Positionen in einer Reihe. Hundert war anders, weil hundert der Ort war, an dem man ueblicherweise innehielt und schaute, wie weit man gekommen war, und was man gesehen hatte, und wohin man noch gehen wollte. Noelle wusste das nicht, als sie an diesem Oktobermontag ins Buero kam, dem ersten vollstaendigen Arbeitstag nach dem dritten Oktober und nach Hannas Abreise. Sie dachte nicht an Kapitelzahlen. Sie dachte an die Arbeit, die wartete, und an den Kaffee, den sie machen wollte, und an das Treffen mit Felix um zehn, das die Londoner Quartalszahlen betraf. Aber sie wusste, ohne es in Worte zu fassen, dass dieser Montag anders war als alle Montage davor. Nicht weil sie einen Ring trug. Nicht weil der dritte Oktober gewesen war. Sondern weil sie an diesem Montag nicht innerlich kuentdigte. Nicht einmal kurz. Nicht einmal als Gedanke, der kam und sofort wieder ging. Es
Hanna Fischer blieb fuenf Tage. Das war laenger als drei, was das Maximum gewesen war, das sie beim letzten Mal erwogen hatte, und es war laenger als Noelle erwartet hatte, weil Hanna nicht die Art Mensch war, die blieb, wenn sie das Gefuehl hatte, ueberfluessig zu sein. Aber sie hatte das Gefuehl nicht. Das erklaerte die fuenf Tage. Sie erklaerte es selbst, am dritten Abend, als Noelle fragte, wann sie zurueckfahre. "Wenn ich das Gefuehl habe, dass ihr ohne mich genauso gut weiterkommt," sagte Hanna. "Das koennen wir immer," sagte Noelle. "Das weiss ich," sagte Hanna. "Aber es braucht manchmal ein paar Tage, bis das wieder selbstverstaendlich ist. Nach einem grossen Tag. Das Leben nach dem grossen Tag muss wieder zu sich selbst kommen." "Und bis dahin bist du da," sagte Noelle. "Bis dahin bin ich da," sagte Hanna. Das war das. Das Schoene daran war, dass sie Recht hatte. Die Tage nach dem dritten Oktober hatten tatsaechlich eine eigene Qualitaet: nicht schlecht, aber ein w
Der vierte Oktober war der erste Morgen danach. Das war eine einfache Tatsache, und gleichzeitig war sie keine einfache, weil danach nie dasselbe war wie davor, auch wenn alles genauso aussah. Das Schlafzimmer war dasselbe, das Licht war dasselbe, der Geruch der Wohnung war derselbe, und Damian schlief noch auf seiner Seite des Bettes, auf der rechten, wie immer, weil er die rechte bevorzugte und weil Noelle die linke bevorzugte und weil das sich so ergeben hatte, ohne Diskussion, wie viele Dinge sich ergaben, wenn zwei Menschen aufhoerten, alles zu besprechen, und einfach lebten. Aber es war danach. Und danach war anders, nicht weil sich etwas Aeusseres veraendert hatte, sondern weil das Innere einen Namen hatte. Das war das, was Noelle in den ersten ruhigen Minuten des vierten Oktobers dachte, als sie wach lag und auf die Decke schaute und die Stadt draussen ihren fruehen Morgen begann: Das Innere hatte jetzt einen Namen. Das, was zwischen ihr und Damian gewesen war, das Grosse
Danach war das Essen. Das war die naechste Stunde, und es war die Stunde, die die Feierlichkeit abloegte und das Normale zurueckbrachte, und das Normale nach dem Wichtigen war das Schoenste, was es gab, weil es zeigte, dass das Wichtige im Normalen weiterlebte und nicht aufhoerte. Der kleine Gastronomie-Betrieb, den der alte Gutsbesitzer kannte und der auf das Gut gekommen war, hatte aufgebaut im Nebenzimmer, in dem ein Tisch fuer acht stand: die sechs, der Pfarrer, der geblieben war, und der Gutsbesitzer selbst, weil Noelle ihn eingeladen hatte, weil es sein Haus war. Das Essen war das, was gutes Essen war, wenn man wusste, was man tat: einfach und praezise und mit den richtigen Zutaten, und der Tisch war voll von Essen und von Menschen und von dem Gerausch, das entstand, wenn Menschen, die sich zugehoerten, zusammen sassen. Renz sass neben Hanna Fischer. Das hatte sich ergeben, ohne dass jemand es geplant hatte, weil Menschen manchmal die richtigen Plaetze fanden, wenn man ihn







