MasukDer Sommer des vierten Jahres begann ohne Ankuendigung. Das war das, was Sommer taten, wenn sie die Besten waren: Sie kamen nicht mit dem Versprechen, sie kamen einfach, und eines Morgens stand man auf und es war da, das Warme, das Helle, das Lange, und man wusste, dass der Sommer da war, weil alles anders war, leichter und offener und mit der Energie, die nur der Sommer hatte. Noelle bemerkte es an einem Dienstagmorgen. Das war der zweiundzwanzigste Mai, ein Dienstag, und sie oeffnete das Schlafzimmerfenster und die Luft, die hereinkam, war die Sommerluft, nicht die Fruelingsluft, die noch Zurueckhaltung hatte, sondern die Sommerluft, die sich gab, vollstaendig, warm und direkt. "Das ist Sommer," sagte sie. Damian schief noch. Sie sagte es fuer sich. Und das war gut. Manche Dinge sagte man fuer sich. Das war der Sommer des vierten Jahres. Er brachte das Wachstum. Das war kein poetisches Bild. Das war die Tatsache des Sommers: Das Wachsen, das im Fruehjahr angefangen hatt
Hanna Fischer kam im Mai. Das war ihr zweiter Besuch in Frankfurt, der erste nach dem Weihnachten, und sie kam diesmal allein, ohne den Anlass einer Hochzeit oder eines Feiertags, einfach so, weil sie wollte. Das war das Groesste, was Hanna Fischer tun konnte: einfach kommen, weil sie wollte, ohne dass ein Anlass es verlangte. Noelle holte sie ab. Der Mainachmittag des Mais war das, was Mainaachmittage waren, wenn sie ihr Bestes gaben: warm und mit einem Licht, das goldener war als das Sommerliche, weil es noch nicht die Hoehe des Sommers hatte, sondern die Schraeglage des Fruehjahrs. "Du siehst gut aus," sagte Hanna, als sie abstieg. "Das sagst du immer," sagte Noelle. "Das stimmt immer," sagte Hanna. "Aber diesmal anders." "Wie anders?" fragte Noelle. Hanna Fischer schaute ihre Tochter an, auf die Art, die keine schnelle Antwort gab, sondern die sah. "Breiter," sagte Hanna schliesslich. "Breiter?" fragte Noelle. "Als ob du mehr Platz einnimmst," sagte Hanna. "Nicht phys
Noelle flog im April zum dritten Mal nach London. Das war ihr drittes Quartal in Folge, und das dritte Mal hatte eine andere Qualitaet als das erste und das zweite, weil das dritte Mal der Punkt war, an dem etwas aufhoerte, neu zu sein, und anfing, vertraut zu werden. Vertraut war nicht dasselbe wie langweilig. Vertraut war das, was man liebte. Man liebte, was man kannte. Man kannte, was man oft genug erlebt hatte. Das war die Mathematik des Vertrauens. London war ihr vertraut geworden auf eine Art, die Frankfurt nie verdraengte, aber die eine eigene Schublade hatte: die London-Schublade, mit dem Geruch des Borough Market am Morgen und dem Geruch der Themse am Abend und dem Licht, das in London anders war als in Frankfurt, breiter und weicher und gleichzeitig direkter. Sie wohnte im selben kleinen Apartment in Mayfair. Das hatte sie gebeten. Nicht weil es das Beste in London war, sondern weil es das wurde, was sie kannte, und weil das Bekannte beim Arbeiten half, weil man n
Der Februar war der schwerste Monat. Das wusste Noelle seit ihrem ersten Winter in Frankfurt, und das blieb wahr in jedem Winter danach: Der Februar war schwerer als der Januar, weil der Januar noch die Energie des Neuanfangs hatte, das Blankheitsversprechen des ersten Tages, die Moeglichkeit, die jedes neue Jahr trug. Der Februar hatte das nicht. Der Februar war die Mitte des Winters, der Punkt, an dem man wusste, dass man noch nicht am Ende war, dass noch Wochen kamen vor dem ersten Fruehlingstag, und dass man das durchstehen musste, nicht mit Anfangsenergie, sondern mit dem, was man wirklich hatte. Das war das Pruefen. Der Februar pruehte. Er pruehte die Arbeit, weil Projekte im Februar ihren schwersten Punkt hatten, den Punkt, an dem die Anfangsbegeisterung vorbei war und das Ende noch nicht nah genug, um zu treiben. Er pruehte die Beziehungen, weil man im Februar laenger innen war als aussen, und das Innen war der Ort, an dem man sich kannte, besser als man wollte, und weil
Der erste Januar des vierten Jahres begann mit Schnee. Das war selten in Frankfurt, Schnee am ersten Januar, weil Frankfurt kein schneereicher Ort war und weil der Winter meistens grau blieb, ohne das Weiss, das den Winter verwandelte. Aber dieser Januar hatte Schnee. Nicht viel. Genug. Genug, um die Stadt weiss zu machen fuer die Stunden des fruehen Morgens, bevor die Menschen kamen und bevor die Autos und bevor das Leben begann, und um Frankfurt fuer diese Stunden in etwas zu verwandeln, das stiller war als es sonst war. Noelle stand am Schlafzimmerfenster. Die Strasse darunter war weiss. Die Baeume hatten Schnee auf den Aesten, den duennen Zweigen, und das war das Bild, das sie sich gemerkt hatte, als Kind, das Bild der Winterbaeume mit dem Schnee auf den Zweigen, das so aussah, als haette jemand die Konturen neu gezeichnet, weiss auf dem dunkelgrauen Himmel. Damian trat hinter sie. Kaffee. Wie immer. Er stellte sich neben sie und schaute auf den Schnee. "Dein Vater h
Der Dezember brachte die Kaelte, die Frankfurt im Dezember immer brachte, und die Weihnachtsmaerkte, die die Stadt weicher machten, und das Licht, das an den kuerzesten Tagen des Jahres am knappsten war und deshalb am wertvollsten. Das war das Paradox des Winters: das Licht, das fehlte, war das Licht, das am meisten gesehen wurde, weil man aufpasste, wenn es knapp war. Noelle passte auf. Das war ihr Dezemberritual: das Licht bemerken, das kurze, das knappe, das zwischen acht Uhr morgens und halb fuenf nachmittags war und das man nicht verschwenden durfte, weil es so wenig war. Sie stand morgens frueher auf. Nicht viel frueher. Aber frueher als der Sommer verlangte, weil der Dezember das fruehzeitige Aufstehen belohnte mit dem Licht des fruehen Morgens, das noch nicht voll war, aber das auf dem Weg war. Das Licht, das auf dem Weg ist. Das war das Schoenste. Nicht das Licht, das da war. Das, das kam. Damian hatte das bemerkt. "Du stehst frueher auf," hatte er gesagt, an eine







