LOGINEs war ein Augustmorgen, der fruehe, und Noelle Fischer-Wolff sass in dem kleinen Zimmer. Das kleine Zimmer, das ihres war, das Zimmer mit dem Regal und den Buechern und dem Blick auf den Baum im Innenhof. Der Baum war im August vollstaendig belaubt, der vollste Punkt seiner Jahresrunde, bevor der Herbst kam und das Abgeben anfing. Sie sass auf dem kleinen Stuhl, den Kaffee in beiden Haenden, und schaute auf den Baum. Das war ihr Morgenritual an diesem Zimmer: hereinkommen, wenn Damian noch schlief oder schon in der Kueche war, sich setzen, den Baum ansehen, denken. Heute dachte sie an das, was sie wusste. Nicht was sie geplant hatte. Nicht was sie erreicht hatte. Was sie wusste. Das war ein Unterschied. Wissen war tiefer als Planen und ehrlicher als Erreichen, weil Wissen das war, was blieb, wenn man das Planen abzog und das Erreichen abzog und nur noch das uebrig war, was sich bewiesen hatte. Das erste, was sie wusste: Das Bleiben war immer die richtige Entscheidung gewe
Der Sommer des dritten Jahres war der Sommer, in dem Noelle Fischer-Wolff verstanden hatte, was Ruhe war. Das klingt nach wenig. Es war das Groesste. Ruhe war nicht das Fehlen von Arbeit. Ruhe war nicht das Fehlen von Anforderungen. Ruhe war nicht der Urlaub oder der freie Tag oder das Wochenende, an dem man nichts tat. Ruhe war das Wissen, dass man genau dort war, wo man sein sollte, auch wenn sehr viel zu tun war und auch wenn Anforderungen kamen und auch wenn der Montag wieder da war. Das war die Ruhe, die sie in diesem Sommer hatte. Die Firma lief gut. Lena Brandt wuchs in ihre Rolle, nicht ohne Fehler, aber mit dem richtigen Umgang mit Fehlern: sie erkannte sie, sie benannte sie, sie lernte daraus und machte weiter. Das war das Richtige. Das Londoner Quartal war das beste seit dem Beginn der Partnerschaft. Charles Whitmore hatte Noelle einen Brief geschrieben, einen wirklichen, auf Papier, weil er der Art Mensch war, der Papier fuer Wichtiges benutzte: "Frau Fischer-Wo
Der Freitagmittag im April war der letzte Bistrofreitag fuer eine Weile. Das war kein Abschluss, kein Aufhoeren, kein Ende von etwas. Es war die Pause, die das Leben manchmal einlegte, wenn sich etwas veraenderte: Petra hatte entschieden, fuer drei Monate nach Lissabon zu gehen, weil sie seit Jahren davon geredet hatte und weil das Reden irgendwann aufhoerte und das Tun anfing, wenn man wirklich meinte, was man sagte. "Lissabon," hatte Petra gesagt, als sie es Noelle mitgeteilt hatte. "Wann?" hatte Noelle gefragt. "Mai bis Juli," hatte Petra gesagt. "Drei Monate." "Was machst du dort?" hatte Noelle gefragt. "Das, was ich hier nicht tue," hatte Petra gesagt. "Schreiben. Lesen. Die Stadt kennenlernen, ohne einen Grund." "Du schreibst?" hatte Noelle gefragt. "Ich moechte versuchen," hatte Petra gesagt. "Das ist nicht dasselbe. Aber der Versuch ist der Anfang." Das stimmte. Der Versuch war der Anfang. Das war das, was Noelle gelernt hatte, in all den Dienstagen. Der Versuch w
Der Tag nach dem Gut war ein Sonntag. Renz blieb noch den Sonntag, weil Noelle ihn gebeten hatte und weil er gern blieb, wenn man ihn bat, weil das Bleiben bei Menschen, die man mochte, eine der wenigen Dinge war, die er sich noch goennte, ohne dass die Aerzte dagegen hatten. Der Sonntag begann mit Fruehstueck, lang und ohne Eile, mit dem Licht des Maerzsonntags, das durch die Kuechenfenster fiel und das die Tasse und den Tisch und die Menschen daran in etwas verwandelte, das schoeiner war als die Summe seiner Teile. Renz sass an dem Kuechentisch und aß und schaute gelegentlich aus dem Fenster auf die Strasse, die sonntagsstill war, und hatte den Ausdruck eines Mannes, der nichts vermisste und nichts mehr brauchte und dem das gut genug war. Das war das Schoenste, das man ueber jemanden sagen konnte: dass er nichts vermisste und nichts mehr brauchte. Das war Ankommen auf die Art, die kein Ort hatte. Damian sass ihm gegenueber und las die Zeitung. Noelle sass zwischen beiden und
Albrecht Renz kam im Maerz. Das war spaeter als geplant, weil der Februar einen Rueckschlag gebracht hatte, keinen grossen, aber einen, der seine Aerzte vorsichtiger gemacht hatte: eine Erkaeltung, die laenger gedauert hatte als eine Erkaeltung bei einem Mann seines Alters und mit seiner Vorgeschichte dauern durfte, und die sie darauf bestand, dass er wartete, bis der Winter wirklich vorbei war, bevor er reiste. Renz hatte protestiert. Die Aerzte hatten nicht nachgegeben. Das war das Schoenste an dem kleinen Rueckschlag: dass Renz protestiert hatte, was bedeutete, dass er reisen wollte, und das Wollen war das Zeichen des Lebenden. Er kam am siebzehnten Maerz. Frankfurt hatte an diesem Tag den ersten wirklichen Fruehlingtag des Jahres beschlossen: nicht warm, aber klar, das Licht, das aus einer anderen Richtung zu kommen schien als im Winter, hoeher und mit mehr Intensitaet, das Licht, das anzeigte, dass die Erde sich weitergedreht hatte und dass der Winkel anders geworden war.
Der Januar war wieder da, und er war der Januar nach dem Hamburg-Weihnachten, der erste Januar, der anders war als alle vorangehenden, weil er der erste war, in dem Noelle Fischer-Wolff das Gefuehl hatte, dass alle Teile ihres Lebens gleichzeitig an ihrem richtigen Ort waren. Das war selten. Das war das Seltenste. Meistens war ein Teil falsch oder zu wenig oder noch unterwegs. Aber dieser Januar hatte das Gefuehl des Vollstaendigen, nicht weil nichts fehlte, sondern weil das, was fehlte, nicht mehr vermisst wurde. Das war der Unterschied. Man vermisste nicht mehr, was man hatte. Man lebte das, was war. Sie sass am ersten Januarmorgen auf dem Balkon. Die Jacke, die Tasse, das Licht. Frankfurt darunter, still, weil der erste Januar die Stadt schlafen liess, solange er konnte. Damian trat hinter sie. Er hatte Kaffee, wie immer, den er gemacht hatte, waehrend sie draussen stand, weil das ihre Aufteilung war, die keine war, die sich einfach ergeben hatte. Er stellte sich neben







