تسجيل الدخولNach dem Pariser Urteil kam die Stille, die bleibende. Nicht die Stille des Wartens. Nicht die Stille der Erschöpfung. Die Stille des Angekommenseins, die sich anders anfühlte als alle anderen Stillen, weil sie nicht auf etwas wartete, sondern einfach war. Das war eine neue Erfahrung für Noelle Fischer. Sie war eine Frau, die immer in Bewegung gewesen war, nicht weil sie keine Ruhe wollte, sondern weil die Ruhe immer die Ruhe vor dem nächsten Schritt gewesen war, die Pause zwischen zwei Dingen, die getan werden mussten. Das hier war etwas anderes. Das war Ruhe, die nicht auf ein Ende wartete. Es dauerte eine Weile, bis sie sich daran gewöhnte. Damian bemerkte das. Er bemerkte alles. An einem Dienstagabend, als sie in seiner Wohnung sassen und er las und sie auf ein Dokument schaute, das sie nicht wirklich las, weil ihr Kopf woanders war, fragte er: "Was ist?" "Nichts," sagte sie. Er schaute sie an. "Du bist unruhig," sagte er. "Ich bin nicht unruhig," sagte sie. "Doch,"
Das Pariser Urteil kam im August. Das war schneller, als alle erwartet hatten, und es war ein vollständiges Urteil, nicht ein Zwischenbescheid und keine Vertagung. Isabelle Dumont rief um acht Uhr morgens an, als Noelle noch in Damians Wohnung war und Kaffee trank und er unter der Dusche war, und Isabelle Dumonts Stimme hatte die Qualität von jemandem, der schon wach war, seit das Urteil angekommen war, und das war, nach Isabelle Dumonts Zeitrechnung, wahrscheinlich seit fünf Uhr morgens. "Wir haben gewonnen," sagte Isabelle Dumont. Noelle stellte die Kaffeetasse ab. "Vollständig?" fragte sie. "Vollständig," sagte Isabelle Dumont. "Das Gericht hat das Muster als systematisch und als Wettbewerbsverstoss gewertet. Hale Meridian muss Schadensersatz zahlen. Die Höhe wird noch festgestellt. Und, das ist der Teil, der öffentlich ist: Das Urteil wird veröffentlicht. Das ist bei Wirtschaftssachen selten, aber der Richter hat entschieden, dass das öffentliche Interesse es erfordert." "D
Es passierte nicht in einem grossen Moment. Es passierte in vielen kleinen, über mehrere Wochen, und als Noelle bemerkte, was passiert war, war es schon längst passiert. Ihre Zahnbürste war in seiner Wohnung. Das war zuerst ein praktisches Ding, weil man keine Zahnbürste dabeihaben wollte, wenn man dort übernachtete, und weil er eine kaufte, die sie dort hatte, und das war nicht dramatisch, das war einfach vernünftig. Dann war ein Buch von ihr bei ihm, weil sie es mitgebracht hatte und es nicht mehr mitnahm, weil sie weiterlas, wenn sie dort war. Dann war eine Tasse in seiner Küche, die ihre war, nicht weil er sie kaufte, sondern weil sie eine mitgebracht hatte, die besser zu greifen war als seine runden, und weil es sinnlos war, sie jedes Mal mitzunehmen. Das waren kleine Dinge. Aber kleine Dinge waren die Art, wie grosse entstanden. An einem Donnerstagabend Mitte Juni sass Noelle in seiner Wohnung und las, während er am Klavier sass und spielte, nicht das vollständige Stück,
Der Sommer kam nach Frankfurt mit der Plötzlichkeit, die Sommer manchmal hatten: als wäre er am Vortag noch nicht beschlossen gewesen und am nächsten Tag vollständig da. Das war ein Mittwoch Anfang Juni, und Noelle merkte es daran, dass sie morgens die Jacke nicht mehr brauchte und dass die Stadt draussen einen anderen Klang hatte, heller und offener, den Klang von Menschen, die begonnen hatten, mehr Zeit draussen zu verbringen. Sie mochte den Sommer in Städten. Es gab Leute, die sagten, der Sommer gehörte in die Natur, an Seen und Berge und auf Felder, und das stimmte auch, aber der Sommer in einer Stadt hatte eine eigene Qualität, die sie liebte: die Biergärten und die Menschen auf Bänken und die Abende, die sich dehnten, weil es lange hell blieb. Damian mochte den Sommer nicht besonders. Das hatte er ihr am ersten heissen Tag beiläufig gesagt, als wäre es eine Tatsache, die keiner Begründung bedurfte. "Warum nicht?" hatte sie gefragt. "Zu laut," hatte er gesagt. "Zu viel au
Albrecht Renz hatte Damian am Telefon gefragt, ob er bereit war, den Anteil anzunehmen. Damian hatte ja gesagt. Das war einfach, in dem Sinne, dass es ein Wort gewesen war. Es war nicht einfach in dem Sinne, dass es leicht gewesen war. Es war die Art Ja, das kam, wenn man sehr lange sehr gründlich nachgedacht hatte und schliesslich verstand, dass das Nachdenken aufgehört hatte, hilfreicher zu sein als das Entscheiden. Noelle erfuhr das Einzelne davon am Sonntagmorgen, beim Frühstück in ihrer Küche, das inzwischen zu einem festen Bestandteil der Wochenenden geworden war, die sie miteinander verbrachten. Damian erzählte, während er seinen Kaffee trank und sie zuhörte und gelegentlich nachfragte, weil sie die Art Zuhörerin war, die gute Fragen stellte. "Er hat den Anteil nie als Investition gesehen," sagte Damian. "Das war der Teil, den ich nicht sofort verstanden hatte. Er hat ihn als Verpflichtung gesehen. Als etwas, das er meinem Vater schuldete." "Und jetzt?" fragte Noelle. "
Der Samstag begann mit Regen. Das war Frankfurt im Mai, der Regen, der kam, wenn man ihn nicht erwartet hatte, leicht und warm und ohne die Schwere des Winterregens, der Art Regen, gegen den man keinen Regenschirm brauchte, wenn man nicht wollte, weil er einem nicht schadete, wenn man ihn liess. Damian kam trotzdem, wie immer, um zehn. Er hatte keinen Schirm. "Es regnet," sagte Noelle, als sie die Tür öffnete. "Ich weiss," sagte er. "Du hast keinen Schirm." "Ich brauche keinen." "Du wirst nass." "Nur ein bisschen," sagte er. "Das ist in Ordnung." Noelle schaute ihn an. Er sah aus wie jemand, dem der Regen nichts ausmachte, weil er entschieden hatte, dass er ihm nichts ausmachte, und das war eine der kleinen, typischen Eigenschaften von Damian Wolff: er entschied, was ihn beeinträchtigte, und dann war es so. "Dann komm rein," sagte sie. "Wir trinken zuerst Kaffee." Sie tranken Kaffee und schauten auf den Regen draussen, und das war eine dieser Situationen, die keine Unter







