تسجيل الدخولKapitel 4
Die Vision im Feuer
Später würde Lena versuchen, die nächsten zehn Minuten in eine Reihenfolge zu bringen, und scheitern. Sie kamen zu ihr in Bruchstücken zurück, hell und scharf wie zerbrochenes Glas, und egal, wie sie sie anordnete, die Stücke passten nie zusammen.
Sie erinnerte sich an das Geräusch des sich drehenden Schlosses. Ihre Großmutter war in vier schnellen Schritten durch den Laden gegangen und hatte den Riegel an der Vordertür vorgeschoben, und das Klicken hallte in der Stille wider wie ein Schuss. Sie erinnerte sich an Tobias, weiß im Gesicht, der sagte: „Jemand sagt mir jetzt sofort, was hier vorgeht", mit einer Stimme, die oben überschlug. Sie erinnerte sich an den großen sandhaarigen Mann an der Tür, Rhys, der auf den Boden starrte, als hätte dieser ihn beleidigt.
Und sie erinnerte sich an den Fremden.
Kael Draven stand mit dem Rücken gegen das Regal mit den alten Taschenbüchern und verschränkten Armen, und er sah aus wie ein Mann, dem man gesagt hatte, er solle ganz still halten, während eine Bombe entschärft wurde. Er hatte seine Augen kein einziges Mal von ihr abgewandt. Es hätte beunruhigend sein sollen. Fremde, die Mädchen in Läden so anstarrten, waren die Sorte Männer, über die die Freundinnen ihrer Großmutter beim Tee tuschelten. Aber in der Art, wie er sie ansah, lag nichts Gieriges. Es war ein Blick voller Staunen, mit etwas Rohem und fast Verängstigtem darunter, wie bei einem Mann, der eine Wüste durchquert hat und einen Fluss findet, dem er nicht traut.
„Redmaw", sagte Odette tonlos. „Du sagst mir, dass Marek Voss in meiner Stadt war."
„Seine Späher waren es. Vier von ihnen." Rhys hielt seine Stimme leise und gleichmäßig, so wie man mit einem nervösen Pferd spricht. „Wahrscheinlich eine Jagdgruppe des Rudels aus dem Osten. Sie wären dem Blutmond-Schub hierher gefolgt, genau wie wir. Sie werden inzwischen Bericht erstattet haben."
„Bericht an wen?"
„Voss."
Der Name bedeutete Lena nichts, und doch sah sie ihre Großmutter zusammenzucken.
„Dann haben wir keine Zeit mehr", sagte Odette. „Mr. Draven. Du hast gesagt, du würdest gehen. Ich schlage vor, du tust es jetzt und nimmst deinen Gefährten mit, und"
„Nein", sagte Kael.
Er sagte es leise. Es war ein sehr kleines Wort. Aber es schnitt durch den Laden wie eine Klinge, und Lena spürte, wie sich die Härchen an ihren Armen aufrichteten. Er schrie nicht. Er war nicht einmal wütend. Aber unter dem Wort lag etwas, etwas Altes und Schweres und Absolutes, und für einen Moment verstand sie genau, warum Rhys ihn ohne jede Ironie den Alpha genannt hatte.
„Ich habe gesagt, ich würde gehen, wenn du mich darum bittest. Ich habe nicht gesagt, dass ich sie hier zurücklassen würde, damit man sie holt." Er wandte den Kopf zu Odette, und das Gold in seinen Augen fing das dämmrige Licht ein. „Wenn Voss' Wölfe ihre Witterung haben, dann werden sie heute Nacht wegen ihr kommen. Vielleicht früher. Ich habe gesehen, was Redmaw Menschen antut, die es für eine Bedrohung seiner Macht hält. Ich werde sie dem nicht überlassen."
„Du hast kein Recht, das zu entscheiden", sagte Lena.
Alle drehten sich um und sahen sie an.
Es war herausgekommen, bevor sie es aufhalten konnte. Ihre Stimme zitterte, und sie hasste das, aber sie hielt das Kinn hoch, den Arm an die Brust gepresst und die Augen auf sein Gesicht gerichtet. „Ich weiß nicht, wer du bist. Ich weiß nicht, was irgendeines von all dem ist. Letzte Nacht bin ich mit einem Licht in meinem Arm aufgewacht, und meine Großmutter hat mir eine Tasche in die Hand gedrückt und gesagt, ich soll rennen, und heute Morgen kommst du in meinen Laden und sagst meinen Namen, und jetzt erzählst du mir, dass eine Horde Fremder mit einer Vorliebe für Gewalt in die Stadt kommt – wegen mir. Und niemand hat mir ein einziges Ding gesagt, das irgendeinen Sinn ergibt." Sie rang nach Atem. „Also nein. Du darfst nicht entscheiden, was mit mir geschieht. Nicht du, nicht Gran, niemand. Ich will, dass mir jemand die Wahrheit sagt."
Es folgte ein langes, angespanntes Schweigen.
„Sie hat das Rückgrat ihrer Mutter", sagte Odette sehr leise, zu niemandem.
Lenas Kopf fuhr herum. „Was hast du gesagt?"
„Nichts." Das Gesicht ihrer Großmutter war hart und angespannt geworden. „Nichts, Kind. Mr. Draven, du verlässt meinen Laden. Ich werde dich nicht in ihrer Nähe dulden."
„Bei allem Respekt, Ma'am, ich bin nicht sicher, ob du mich aufhalten kannst."
„Oh, das kann ich nicht." Odette lächelte dünn, ohne eine Spur von Wärme. „Aber es gibt einen Grund, warum dein Großvater nach der Nacht, in der er tat, was er tat, nie wieder einen Fuß in diese Stadt gesetzt hat, und ich vermute, du wirst bald genug herausfinden, was dieser Grund ist."
„Was hat er getan?"
„Frag deinen Vater."
Etwas glitt zu schnell über Kaels Gesicht, um es zu lesen. Er öffnete den Mund, um zu sprechen, und dann ging ein Beben durch den ganzen Laden, als hätte sich eine große Last unter den Fundamenten verschoben.
Die Gläser in den Regalen klirrten. Der getrocknete Lavendel schwankte. Lena spürte, wie die silberne Kette an ihrer Kehle plötzlich kalt wurde, und dann riss der Verband an ihrem Handgelenk der Länge nach auf, als hätte jemand ein Rasiermesser über den Stoff gezogen, und das Mal brach flammend in den dämmrigen Laden hervor, strahlend und weiß.
„Oh nein", sagte Odette.
Das Licht war nicht warm. Es war ein kaltes, reines Silber, die Farbe des Mondes auf Schnee, und es erleuchtete jedes Gesicht im Raum wie eine Laterne. Tobias machte ein erdrosseltes Geräusch. Rhys trat einen halben Schritt zurück. Und Kael Draven, der sich seit zehn Minuten nicht vom Regal bewegt hatte, wurde vollkommen still.
Seine Augen waren geschmolzen. Das Gold in ihnen war keine Farbe mehr. Es war ein Licht, eine wilde flackernde Flamme, die direkt durch ihre Haut brannte. Seine Lippen teilten sich, und sie sah, wie sich seine Hände zu Fäusten ballten, und sie sah, unter dem schwarzen Ärmel seines Mantels, wie die Muskeln seines Unterarms zitterten, als kämpfte etwas darum, auszubrechen.
„Lena", sagte er heiser. „Beweg dich nicht."
„Ich tue es nicht", flüsterte sie. „Ich bin es nicht. Ich schwöre, ich bin es nicht."
„Ich weiß." Er zog einen zitternden Atemzug ein. „Es reagiert auf mich. Es ruft nach mir. Ich kann es hören."
„Es hören?"
„Eine Stimme. Es sind keine Worte. Es ist." Er schloss die Augen, und ein Muskel zuckte in seinem Kiefer. „Als würde jemand im Nebenzimmer singen."
Gegen jeden Instinkt, gegen jede Warnung, die ihre Großmutter ihr gegeben hatte, gegen den sehr vernünftigen kleinen Teil ihres Gehirns, der sie anschrie zu rennen, hörte Lena sich selbst sagen: „Tut es dir weh?"
Er öffnete die Augen.
„Nein", sagte er. „Es ist das Gegenteil von Schmerz. Das ist das Problem."
Sie hätte nicht sagen können, warum sie es tat. Hinterher redete sie sich ein, dass das Mal es getan hatte, dass es ihren Arm bewegt hatte, so wie eine Flut Treibholz bewegt. Aber die Wahrheit war, dass sie ihr ganzes Leben auf Arten einsam gewesen war, die sie nie zugegeben hatte, und er sah sie an, als wüsste er es.
Sie durchquerte den Laden. Sie hörte Odettes Schrei: „Lena, nein!" Sie hörte Tobias ihren Namen sagen. Sie hörte Rhys etwas murmeln, das wie ein Gebet klang. Sie blieb eine Armeslänge von dem großen dunklen Fremden in der Mitte des Ladens ihrer Großmutter stehen und hielt ihr Handgelenk hin.
Er sah darauf hinunter.
Einen langen Atemzug lang bewegte sich keiner von ihnen.
Dann, sehr langsam, als näherte er sich einem wilden Tier, das scheuen könnte, hob Kael Draven eine vernarbte Hand und berührte mit den alleräußersten Fingerspitzen das silberne Mal.
Die Welt wurde weiß.
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Sie stand auf einem Feld aus Asche.
Es erstreckte sich in jede Richtung, grau und endlos und weich wie Schnee, und der Himmel darüber hatte die Farbe eines Blutergusses. Schwarze Bäume standen wie verbrannte Knochen. Ein Wind wehte von irgendwo weit entfernt, und er trug den Geruch von Rauch und Eisen und etwas Süßeres darunter, etwas, das sie kannte, obwohl sie nicht hätte sagen können, woher.
Eine Frau stand mitten auf dem Feld.
Sie war groß, und ihr Haar fiel offen bis zur Taille, weiß wie Milch in dem fremden Licht. Sie trug ein langes silbernes Gewand, das sich um sie bewegte, als wäre es Wasser. An ihrem Handgelenk, genau an der Stelle, wo Lenas eigenes Mal brannte, leuchtete eine Mondsichel aus weißem Licht so hell, dass es wehtat, hinzusehen.
Sie weinte, und die Tränen liefen silbern über ihr Gesicht.
„Hallo?", sagte Lena. Ihre Stimme klang seltsam, flach und fern, als käme sie vom Grund eines Brunnens. „Wer bist du?"
Die Frau drehte sich um.
Ihre Augen waren Lenas Augen. Das war der erste Schock. Ihre Form, das tiefe Teebraun. Das spitze Kinn, der breite Mund. Es war, als blickte man in einen Spiegel, der sehr alt und sehr traurig geworden war.
„Du bist spät", sagte die Frau sanft. Ihre Stimme war tief und schrecklich müde. „Ich habe so lange gewartet. Ich hatte Angst, dass niemand mehr übrig sein würde."
„Ich verstehe nicht."
„Nein. Du wirst es auch nicht. Noch nicht." Die Frau lächelte, und das Lächeln war das Traurigste, was Lena je gesehen hatte. „Er wird dir sagen, es sei meine Schuld gewesen. Sie werden es alle sagen. Glaub ihnen nicht, Kind. Glaub nicht denen, die dich lieben, und glaub nicht denen, die dich hassen. Finde das Buch. Finde, was ich versteckt habe. Finde"
Hinter ihr begann das Feld zu brennen.
Es begann am Rand der Welt, eine dünne rote Linie am Horizont, und es lief auf sie zu, schneller, als irgendetwas sollte laufen können, eine Feuerwand, die über die Asche fegte. Die schwarzen Bäume entzündeten sich wie Streichhölzer. Der Himmel wurde scharlachrot. Und aus den Flammen kam ein Geräusch, das Lena für den Rest ihres Lebens nie vergessen würde, das Geräusch von tausend Wölfen, die im Chor heulten, nicht vor Hunger, sondern vor Qual.
„Sie kommen", sagte die Frau leise. „Sie kommen immer am Ende."
Eine Gestalt trat aus dem Feuer.
Es war ein Mann, groß und breitschultrig, mit Augen wie geschmolzenes Gold. Er trug einen Mantel aus dunklem Fell und hielt ein langes silbernes Messer, und sein Gesicht war so schrecklich vor Trauer und Wut, dass Lena nicht hinsehen konnte. Er ging auf die silberne Frau zu, und die Asche rauchte unter seinen Füßen.
„Corvin", sagte die Frau sanft. Es war kein Vorwurf. Es war etwas viel Schlimmeres. Es war Liebe.
„Maren." Seine Stimme brach bei dem Wort. „Maren, es tut mir leid. Es tut mir so leid. Ich kann nicht."
„Ich weiß", sagte die Frau in Silber. Sie öffnete ihre Arme. „Ich weiß, meine Liebe. Tu es schnell."
Der Mann hob das Messer.
Lena schrie.
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Sie erwachte auf dem Boden des Ladens, den Kopf in jemandes Schoß, ihre eigene Stimme noch in ihren Ohren nachhallend.
Einen Moment lang dachte sie, es sei ihre Großmutter. Aber die Hände, die ihr Gesicht hielten, waren zu groß und zu warm, und sie zitterten gegen ihre Wange. Sie öffnete die Augen und blickte in ein Paar geschmolzener goldener Augen, so nah, dass sie die Flecken dunkleren Bernsteins darin sehen konnte, die dichten dunklen Wimpern und die winzige Narbe durch seine Augenbraue.
„Dir geht es gut", sagte Kael Draven. Seine Stimme war rau. „Dir geht es gut. Du bist ohnmächtig geworden. Ich habe dich."
„Nimm deine Hände von ihr!"
Es war die Stimme ihrer Großmutter, und sie erreichte Lena wie aus großer Ferne. Sie spürte, wie die Wärme von ihrem Gesicht wich, als Kael zurückgezogen wurde, und sie hörte das Geräusch eines Gerangels und Rhys' leises Knurren. Sie hörte Tobias schreien. Sie hörte ihr eigenes Herz, laut und unbeholfen, gegen ihre Rippen stoßend wie ein Fisch an einer Leine.
„Ich habe sie gesehen", sagte sie. Ihre Stimme kam krächzend heraus. „Gran. Ich habe sie gesehen. Die Frau. In der Asche. Corvin. Er hat sie getötet."
Der ganze Laden wurde absolut still.
Sie stützte sich auf einen Ellbogen. Tobias kniete neben ihr, weiß wie Papier. Rhys hielt Kael am Arm, und Kael wehrte sich überhaupt nicht. Er starrte Lena mit einem Ausdruck völligen, verheerenden Schocks an.
„Du hast diesen Namen gesagt", flüsterte er. „Corvin. Woher kennst du diesen Namen?"
„Wer ist er?"
„Mein Ururgroßvater." Er schluckte. Sein Hals arbeitete. „Er war vor dreihundert Jahren Alpha der Ashfang. Und in den alten Geschichten war er der größte Held, den unser Rudel je hatte."
„Er hat sie getötet", sagte Lena. Sie hatte zu zittern begonnen. „Er hat eine Frau in Silber getötet. Er weinte. Er weinte, während er es tat."
„Das steht in keiner Geschichte, die man mir je erzählt hat."
„Nein", sagte Odette Hartwell mit einer Stimme schrecklicher Erschöpfung. „Das würde es auch nicht."
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Sie brachten sie um fünf Uhr ins Bett, in ihr eigenes Zimmer, unter ihre eigene blaue Steppdecke, und Odette saß neben ihr mit einer Tasse Kamillentee, die keiner von ihnen trank. Es war fast dunkel. Draußen vor dem Fenster hatte der Himmel die Farbe von angelaufenem Zinn angenommen, und die Straßenlaternen waren eine nach der anderen flackernd angegangen.
Rhys und der Fremde waren gegangen, nach einem erbitterten Streit unten, den Lena nur bruchstückhaft gehört hatte. Ihre Großmutter hatte jedes Angebot abgelehnt. Sie hatte Schutz abgelehnt. Sie hatte Hilfe abgelehnt. Schließlich hatte sie mit einer Stimme wie gefrorenes Eisen gesagt, dass sie Salz entlang der Türschwelle streuen und den Eisenwarenladen in Brand stecken würde, wenn einer der beiden bei Einbruch der Dämmerung noch auf ihrem Bürgersteig stünde.
Tobias war mit dem Versprechen nach Hause geschickt worden, am Morgen anzurufen. Er hatte nicht gehen wollen. Er hatte Lena am Fuß der Treppe so heftig und verwirrt umarmt, dass sie fast geweint hätte.
Jetzt war das Haus still, und Odette saß im Lampenlicht, die Hände gefaltet und die Augen geschlossen.
„Gran", flüsterte Lena. „Wer war sie?"
„Schlaf."
„War sie Familie?"
„Schlaf, Kind. Morgen."
„Du sagst immer morgen."
Odettes Augen öffneten sich, und für einen Moment sah Lena darin etwas Rohes und Ungeschütztes. „Ich weiß", sagte sie. „Ich weiß, das tue ich. Ich bin eine Feigling, und es tut mir leid. Morgen, ich schwöre es. Morgen werde ich dir alles erzählen."
Sie erhob sich und beugte sich hinunter, um Lena auf die Stirn zu küssen, und ihre Lippen waren trocken und kühl. An der Tür hielt sie inne, die Hand am Lichtschalter.
„Halte heute Nacht den Vorhang geschlossen", sagte sie. „Was auch immer du hörst."
Sie schaltete das Licht aus.
Lena lag im Dunkeln, das Handgelenk pochend und das Herz noch immer rasend, und starrte an die Decke. Irgendwo unter ihr tickten die Rohre, während sie abkühlten. Irgendwo weit weg bellte ein Hund. Sie drehte sich auf die Seite, und der Mondstein glitt kalt über ihr Schlüsselbein.
Sie hielt zwanzig Minuten durch.
Dann schlüpfte sie aus dem Bett, ging über den kalten Boden und schob den Rand des Vorhangs mit einem Finger zurück.
Die Straße war leer. Die Straßenlaterne an der Ecke warf einen gelben Kreis auf das Pflaster, und in der Mitte dieses Kreises, vollkommen still sitzend, den Kopf zu ihrem Fenster erhoben, war ein Wolf.
Er war riesig. Größer, als ein Wolf sein durfte, schwarz wie ein Loch in der Nacht, mit einer dichten Fellmähne um die Schultern und einer blassen Narbe, die an seinem linken Vorderbein entlanglief. Er bewegte sich nicht. Er knurrte nicht. Er saß im Lampenlicht wie eine Statue, und seine Augen, selbst aus dieser Entfernung, leuchteten golden.
Sie kannte diese Augen.
Ihr Herz machte einen großen, langsamen, hilflosen Schlag. Sie presste ihre Fingerspitzen an das Glas, und ihr Mal pulsierte warm gegen die Scheibe, und unten auf der Straße senkte der Wolf sehr langsam den Kopf, als verbeugte er sich.
Sie hätte dort die ganze Nacht stehen können. Vielleicht hätte sie es getan. Aber während sie zusah, öffnete sich ein zweites Augenpaar in der Dunkelheit am Rand der Bäume, hundert Fuß hinter dem ersten.
Diese waren nicht golden.
Sie waren rot.
Kapitel 5Zähne im DunkelnDie roten Augen blinzelten nicht.Lena stand erstarrt am Fenster, die Fingerspitzen auf dem kalten Glas, und zählte, was sie sehen konnte. Ein Paar in den Bäumen. Dann ein zweites Paar, etwas weiter links. Ein drittes. Sie hingen in der Dunkelheit am Rand des Waldes wie Glut, die von einem Feuer aufsteigt, und unter ihnen, im Pool gelben Lichts, erhob sich der schwarze Wolf langsam auf die Beine.Er knurrte nicht. Er sträubte das Fell nicht. Er wandte einfach seinen großen Kopf zu den Bäumen und wurde still auf eine Weise, die die Luft auf der Straße dicker erscheinen ließ. Jeder Muskel in seinem riesigen Körper hatte sich in eine einzige lange Linie gespannt, und Lena wusste mit plötzlicher kalter Gewissheit, dass sie eine Kreatur beobachtete, die beschloss zu töten.„Gran", sagte sie, ohne den Kopf zu wenden. Es kam als Flüstern heraus. „Gran, da draußen ist etwas."Es kam keine Antwort. Das Haus war still.Sie riss sich vom Fenster los und rannte in den F
Kapitel 4Die Vision im FeuerSpäter würde Lena versuchen, die nächsten zehn Minuten in eine Reihenfolge zu bringen, und scheitern. Sie kamen zu ihr in Bruchstücken zurück, hell und scharf wie zerbrochenes Glas, und egal, wie sie sie anordnete, die Stücke passten nie zusammen.Sie erinnerte sich an das Geräusch des sich drehenden Schlosses. Ihre Großmutter war in vier schnellen Schritten durch den Laden gegangen und hatte den Riegel an der Vordertür vorgeschoben, und das Klicken hallte in der Stille wider wie ein Schuss. Sie erinnerte sich an Tobias, weiß im Gesicht, der sagte: „Jemand sagt mir jetzt sofort, was hier vorgeht", mit einer Stimme, die oben überschlug. Sie erinnerte sich an den großen sandhaarigen Mann an der Tür, Rhys, der auf den Boden starrte, als hätte dieser ihn beleidigt.Und sie erinnerte sich an den Fremden.Kael Draven stand mit dem Rücken gegen das Regal mit den alten Taschenbüchern und verschränkten Armen, und er sah aus wie ein Mann, dem man gesagt hatte, er s
Kapitel 3Was der Alpha wussteKael Draven war einunddreißig Stunden wach gewesen, als er sie zum ersten Mal sah, und neunundzwanzig davon hatte er sich eingeredet, dass das Ding, das an seiner Brust zerrte, nicht real war.Es hatte beim Mondaufgang in der Nacht zuvor begonnen. Er hatte auf der Veranda der Ashfang-Loge gestanden, zweihundert Meilen nördlich von hier, und sich mit dem Heiler über das Fieber seines Vaters gestritten, als sich etwas unter seinen Rippen einhakte und zog. Kein Schmerz. Eine Richtung. So klar wie eine Hand am Kragen, die ihn nach Süden und Osten drehte, zu einem Teil der Karte, den zu besuchen er nie einen Grund gehabt hatte.Er hatte es eine Stunde ignoriert. Dann hatte er es noch eine Stunde ignoriert. Dann war er wortlos die Verandastufen hinuntergegangen, hatte Rhys seine Schlüssel zugeworfen und gesagt: „Hol den Wagen."Rhys hatte ihn einen langen Moment angesehen, so wie ein Mann einen Freund ansieht, der gerade verkündet hat, dass er ins Meer hinausl
Kapitel 2Alles Gute zum Geburtstag, Lena HartwellDas Auto war eine graue Limousine, älter als Lena, unter einer Segeltuchplane in dem Unterstand hinter dem Laden verstaut, und es sprang nicht an.Odette drehte den Schlüssel. Der Motor hustete, bebte und starb. Sie drehte ihn erneut. Diesmal gab es nur ein dünnes elektrisches Sirren und dann gar nichts mehr. Achtzehn Jahre des Wartens, und die Batterie hatte irgendwann um die Zeit der Clinton-Administration aufgegeben.„Nein", sagte Odette leise. „Nein, nein, nein. Nicht heute Nacht. Du elendes altes Ding, nicht heute Nacht."Lena stand in der Kälte, die Segeltuchtasche über der Schulter, und lauschte dem Wald. Das Heulen hatte sich verändert. Es erhob sich nicht länger von einem Dutzend Stellen gleichzeitig. Es kam zusammen, zog sich zusammen, bis es klang, als stünde das ganze Rudel ganz am Rand der Bäume am Ende der Hauptstraße und blickte auf die Stadt.Sie war in ihrem Leben noch nie so verängstigt gewesen, und sie war sich noch
Kapitel 1Die Nacht, in der der Mond bluteteIn Blackthorn passierte nie etwas, und Lena Hartwell hatte ihren Frieden damit geschlossen, vor langer Zeit.Sie hatte ihren Frieden damit geschlossen, wie dieselben elf Autos jeden Morgen vor dem Diner parkten, und damit, wie Mrs. Pruitt in der Post jeden Woche nach den Knien ihrer Großmutter fragte, mit exakt denselben Worten. Sie hatte ihren Frieden mit der einzigen Ampel geschlossen, die die ganze Nacht gelb für niemanden blinkte, und mit dem Kiefernwald, der sich an den Rand der Stadt drückte wie ein angehaltener Atem. Achtzehn Jahre Stille hatten sie gelehrt, den Ort zu lieben, so wie man einen Mantel liebt, der nicht mehr passt – aus Gewohnheit und aus einer Art sturem Treue.In der Nacht des Blutmondes saß sie auf dem Dach des Ladens, die Knie an die Brust gezogen, eine Tasse kalter Kamillentee neben sich, die schal wurde, und versuchte zu entscheiden, ob sie glücklich war.Es war eine lächerliche Frage an einem Dienstag. Aber ihr G







