LOGINKapitel 100MondgezeichnetLena war in ihrem Leben vieles genannt worden – Näherin, Hartwell, Wächterin, Närrin –, aber als sie in der Morgendämmerung unter einem Weidenbogen stand, die Hände ihres Mannes in ihren, und seine tote Mutter über das Wasser auf sie zukam, dachte sie, das wahrste Wort für das, was sie war, sei vielleicht einfach: geliebt.Niemand atmete. Viertausend Wölfe standen im rosigen Licht auf dem Kies, mitten in einer Hochzeit erstarrt. Die Geige war verstummt. Irgendwo stieß ein Kind ein dünnes staunendes Schluchzen aus. Der goldene Pfad rollte über den See wie ein Band, und die Frau, die darauf ging, beeilte sich nicht. Sie kam in einem schlichten weizenfarbenen Kleid, das dunkle Haar löste sich aus seinem Zopf, und ihre nackten Füße machten überhaupt keine Kräuselungen auf dem Wasser.Kael bewegte sich nicht. Seine Finger waren starr um Lenas geschlossen. Sie spürte ihn zittern, von den Handgelenken bis zu den Schultern, und sie dachte mit durchdringender Zärtlic
Kapitel 99Eine Hochzeit am Rand der WeltRhys Greyfell fand den verlorenen Jungen schließlich, und es war, wie solche Dinge so oft sind, ein gutes Stück einfacher, als alle befürchtet hatten.Sie brauchten den größten Teil des Morgens. Sie fuhren in drei Booten hinaus, sechs Wölfe pro Boot, mit Laternen, obwohl der Tag hell war, und ruderten in einer langen zerzausten Linie über den silbernen See und riefen den Namen des Kindes. Das Wasser war warm. Das war das erste Seltsame. Es war eine Woche lang kalt wie Eisen gewesen, und jetzt lag es weich und klar wie ein Bad, und als Rhys seine Finger hineintauchte, liefen kleine goldene Kräuselungen von ihnen weg wie die Erinnerung an ein Lied.„Das Schilf blüht", sagte Wren vom Bug.Er sah hin. Sie hatte recht. Am ganzen Ostufer, wo der Winter alles grau und braun getötet hatte, war ein dünner grüner Flaum durch den Schlamm gekommen. An den Weiden waren Knospen. Es gab Primeln, Hunderte von ihnen, blass und gelb, unter den zerbrochenen Stei
Kapitel 98StimmenLena hatte immer angenommen, dass es laut sein würde, wenn sie je starb.Es war nicht laut. Es war das Stillste, was sie je gekannt hatte. Sie schwebte in einem warmen, dämmrigen, honigfarbenen Dunkel, ohne Gewicht oder Schmerz oder Verlangen, und irgendwo weit über ihr leuchtete ein kleiner heller Kreis Licht wie die Mündung eines Brunnens. Sie war vollkommen zufrieden, ihn zu betrachten. Sie dachte, sie könnte ihn sehr lange betrachten.„Du wirst bald gehen wollen", sagte eine Stimme.Sie drehte sich um, oder fühlte sich, als drehte sie sich. Das Dunkel reifte zu einem Raum. Da war eine niedrige Decke mit Balken, ein Feuer im Herd und ein abgescheuerter Tisch aus Tannenholz, und am Tisch, eine angeschlagene Tasse in der Hand und eine Katze im Schoß, saß Isaude, so braun und runzlig und behaglich wie zuvor.„Hallo wieder", sagte Isaude. „Pass auf die Brühe auf. Ich habe sie für dich hingestellt."„Bin ich tot?"„Oh nein. Nicht ganz. Du bist in der Vorhalle. Es ist
Kapitel 97Die Wiese hinter dem DunkelKael öffnete die Augen auf einer Wiese, die er seit seiner Kindheit nicht gesehen hatte.Es war ein langer grüner Hang über der Halle von Ashfang, wo der Hügel zum Fluss abfiel und das Gras ihm bis zu den Knien stand. Der Himmel über ihm war ein hohes blasses Gold, die Farbe des Inneren einer Muschel. Ein warmer Wind bewegte sich durch die Gerste. Irgendwo sang eine Lerche, dünn und süß und endlos, und die Luft roch nach zerdrücktem Klee und Sommerstaub und Sonne auf Stein.Er lag auf dem Rücken und sah nach oben. Er fühlte sich seltsam leicht. Er hatte überhaupt keine Schmerzen. Die Wunde an seiner Schulter war fort und die Blasen in seinen Handflächen und der lange Schmerz in seiner Brust, wo die Schnur gebrannt hatte, und einen Moment lang lag er einfach da, atmend, dumm glücklich, wie ein Mann, der aus einem Albtraum in ein ruhiges Bett erwacht ist.Dann erinnerte er sich.Er setzte sich so schnell auf, dass die Wiese schwamm.„Lena."Nichts.
Kapitel 96Alles, was sie hatteEs gibt eine Art von Mut, die sich überhaupt nicht wie Mut anfühlt, und Lena fand sie in jener Nacht, kniend im Schlamm eines zertrümmerten Ufers, ein schlafendes Kind im Schoß und die Hand eines sterbenden Mannes auf ihrer.Es fühlte sich an wie sehr still sein.Sie hatte Angst erwartet. Sie hatte sich darauf gefasst gemacht. Den ganzen Weg von der Zisterne hinunter, durch all jene lange goldene Dämmerung, hatte sie sie wie einen Stein in der Brust getragen, und sie war sicher gewesen, dass sie über ihr zusammenbrechen würde in dem Moment, in dem sie begann. Aber als Kael seinen Mund von ihrem Handgelenk hob und ihre Augen traf, und sie in seinem Gesicht alles sah, was er nicht gesagt hatte, wurde die Angst einfach still. Sie fühlte sich, als stünde sie in einem sehr großen Raum, um Mitternacht, mit heruntergedrehten Lampen. Es gab eine Aufgabe zu erledigen. Sie wusste, wie. Sie hatte achtzehn Jahre lang gelernt.„Bereit?", sagte Marek.„Nein."„Gut. N
Kapitel 95Der Mann im TürrahmenDas Erste, was Marek Vane an der Welt bemerkte, war, dass sie nach Schlamm roch.Er hatte es vergessen. In der langen Dunkelheit hinter der Tür hatte es eine Menge Dinge gegeben – Licht und Wärme und das kleine heiße Gewicht einer Kinderhand in seiner –, aber es hatte überhaupt keinen Geruch gegeben, kein Wetter, keinen Wind. Jetzt, da er im zerbrochenen Türrahmen des Turms stand, die Kälte im Gesicht und der Abend grau und golden über dem See hereinbrechend, atmete er nassen Stein und verrottendes Schilf und Holzrauch und den schwachen scharfen Beigeschmack von Blut ein und dachte mit dummer hilfloser Freude: Oh, irgendwo regnet es.Er hatte vorgehabt, im Dunkeln zu sterben. Er hatte seinen Frieden damit gemacht. Er hatte, was sich wie hundert Jahre anfühlte, mit einem Jungen gesessen, der an seinem Knie schlief, den Rücken am Eisen, und sich gesagt, dass es ein fairer Handel sei, dass ein Mann, der vierzig Jahre lang ein Rudel versklavt hatte, es sch







