Se connecterDer Anruf kam am späten Nachmittag, als Emilia gerade versuchte, sich auf ihre Vorlesungsunterlagen zu konzentrieren und so zu tun, als wäre ihr Leben noch immer normal. Ihre Wohnung war still, doch diese Stille fühlte sich nicht mehr selbstverständlich an, sondern beobachtet. Nicht durch Kameras oder Schatten, sondern durch Wissen. Sie wusste, dass irgendwo Entscheidungen getroffen wurden, die sie betrafen, ohne dass sie Einfluss darauf hatte. Als ihr Telefon vibrierte, sah sie den Namen nicht. Es war eine Nummer, die sie inzwischen kannte, obwohl sie nie gespeichert worden war. Sie ließ es zweimal klingeln, bevor sie ranging. „Ja?" Ihre Stimme klang ruhiger, als sie sich fühlte. „Du bist noch in der Wohnung", sagte Dante. Es war keine Frage. Sie schloss kurz die Augen. „Du weißt das bereits." „Ich weiß genug", antwortete er. Im Hintergrund hörte sie nichts. Kein Verkehr, keine Stimmen. Nur seine Präsenz durch die Leitung. „Was ist passiert?" fragte sie. Eine kurze Pause folgte, nicht zögernd, sondern abwägend. „Bewegung", sagte er schließlich. „In deiner Nähe." Ihr Magen zog sich zusammen. „Was bedeutet das?" „Es bedeutet, dass jemand nicht verstanden hat, was gestern passiert ist." Sein Ton blieb ruhig, doch unter dieser Ruhe lag etwas Härteres. „Und?" fragte sie. „Und es bedeutet, dass du jetzt deine Tasche packst." Ihr Puls beschleunigte sich. „Wie bitte?" „Du kommst mit mir." Kein Vorschlag. Kein Versuch, sie zu überzeugen. Eine Entscheidung.
Sie lachte leise, doch es klang nicht amüsiert. „Du kannst nicht einfach beschließen, dass ich mit dir irgendwohin gehe." „Ich kann", antwortete er ruhig. „Und ich habe es gerade getan." „Ich habe ein Leben", sagte sie. „Vorlesungen. Arbeit. Freunde." „Du hast gerade Prioritäten", erwiderte er. „Und deine Sicherheit steht jetzt über deinem Stundenplan." Ihre Finger umklammerten das Telefon fester. „Du übertreibst." „Nein", sagte er. „Ich unterschätze nichts." Es war nicht Lautstärke, die seine Worte schwer machte. Es war Gewissheit. „Ich komme nicht", sagte sie. „Dann bleib", entgegnete er. „Und erklär mir später, warum ich zu spät reagiert habe." Stille breitete sich aus. Sie hasste, dass er mit dieser Logik arbeitete. Er drohte nicht. Er zwang sie nicht. Er verschob nur die Verantwortung. „Wo bist du?" fragte sie schließlich. „Unten." Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Sie trat ans Fenster und sah auf die Straße. Ein dunkler Wagen stand am Bordstein. Er lehnte nicht lässig dagegen. Er stand einfach da. Ruhig. Wartend. Als wüsste er, dass sie kommen würde. Zehn Minuten später stand sie vor ihm, eine Tasche in der Hand, ihr Blick angespannt, aber nicht unterwürfig. Er musterte sie, nicht ihren Körper, sondern ihre Entscheidung. „Du hättest auch nein sagen können", sagte er. „Hätte ich?" fragte sie. Ein kaum sichtbares Lächeln erschien in seinem Gesicht. „Nein." Er öffnete ihr die Tür des Wagens. Nicht galant. Funktional. Sie stieg ein. Während das Fahrzeug anfuhr, sah sie die vertrauten Straßen vorbeiziehen und spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog. „Wie lange?" fragte sie. „Bis ich entscheide, dass es sicher ist", antwortete er. „Das klingt nicht nach einer kurzen Lösung." „Es ist keine kurze Situation." Sie drehte sich zu ihm. „Und was genau ist dein Plan?" Sein Blick blieb nach vorne gerichtet. „Kontrolle zurückholen." „Du kannst nicht alles kontrollieren." Jetzt sah er sie an. Direkt. Intensiv. „Doch", sagte er ruhig. „Ich kann genug kontrollieren." Das Anwesen lag außerhalb der Stadt, hinter einem Tor, das sich lautlos öffnete, als sich der Wagen näherte. Emilia hatte Häuser gesehen. Große Häuser. Reiche Häuser. Doch das hier war keine Demonstration von Luxus. Es war eine Demonstration von Struktur. Kameras. Wachposten. Unsichtbare Linien. Als sie ausstieg, spürte sie, dass dies kein Ort war, an dem jemand einfach auftauchte. Dante trat neben sie. „Du bleibst im inneren Bereich", sagte er. „Nicht ohne Begleitung nach draußen." „Du meinst Bewachung", erwiderte sie. „Ich meine Schutz", antwortete er. „Das ist nicht dasselbe." Er sah sie an, sein Blick dunkel, intensiv. „In meiner Welt ist es identisch." Er führte sie durch den Eingangsbereich. Männer nickten ihm zu, respektvoll, ohne zu starren. Niemand stellte Fragen. Niemand kommentierte ihre Anwesenheit. „Die denken, ich bin dein Besitz", sagte sie leise. Er blieb stehen. Drehte sich langsam zu ihr um. „Sie denken nichts", sagte er ruhig. „Sie wissen nur, dass du hier bist, weil ich es entschieden habe." Seine Nähe war plötzlich spürbar enger. „Und warum hast du es entschieden?" fragte sie. Seine Hand hob sich und strich eine lose Haarsträhne hinter ihr Ohr, eine Bewegung, die viel zu intim für die Kälte seiner Worte war. „Weil ich keine Fehler wiederhole", sagte er leise. Er ließ sie nicht allein durch das Haus gehen. Nicht, weil er ihr nicht traute, sondern weil er niemandem sonst traute. Emilia bemerkte es sofort. Schritte folgten in diskretem Abstand. Türen öffneten sich, bevor Dante sie erreichte. Räume waren vorbereitet, als hätte jemand gewusst, dass sie kommen würde. „Du planst immer alles", sagte sie, während sie eine breite Treppe hinaufgingen. „Ich plane genug", antwortete er. „Genug wofür?" fragte sie. „Damit ich nicht reagieren muss, sondern handeln kann." Seine Stimme blieb kontrolliert, aber sie begann zu verstehen, dass Kontrolle für ihn kein Charakterzug war, sondern Überlebensprinzip. Der Flur im oberen Stock war heller, ruhiger, fast elegant, doch die Ruhe wirkte nicht gemütlich, sondern strategisch. Er öffnete eine Tür. „Das ist dein Zimmer." Sie trat ein. Der Raum war größer als ihre gesamte Wohnung. Hohe Fenster. Dunkles Holz. Ein Bett, das mehr nach Festung als nach Komfort aussah. „Ich brauche kein Luxushotel", sagte sie. „Du brauchst Sicherheit", erwiderte er. „Und die bekommst du hier." Sie stellte ihre Tasche ab und drehte sich zu ihm um. „Wie lange soll ich hier bleiben?" Er trat nicht sofort näher. Er musterte sie, als würde er prüfen, wie viel Wahrheit sie gerade verkraftete. „Solange es nötig ist." „Das ist keine Antwort." „Es ist die einzige, die zählt." Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Du behandelst mich wie eine Entscheidung, nicht wie einen Menschen." Das brachte ihn dazu, einen Schritt näher zu kommen. „Ich behandle dich wie jemanden, den ich nicht verlieren will." Der Satz hing zwischen ihnen. Schwerer als beabsichtigt. Ihr Atem stockte minimal, aber sie wich nicht zurück. „Wir kennen uns kaum", sagte sie leise. „Du weißt nicht einmal, ob du mich magst." Sein Blick wurde dunkler. „Ich weiß genug." „Was weißt du?" forderte sie. Er trat so nah heran, dass sie die Wärme seines Körpers spüren konnte. „Dass du nicht wegrennst", sagte er ruhig. „Dass du mich ansiehst, als würdest du mich verstehen wollen, statt dich zu fürchten." Seine Hand legte sich an ihre Hüfte. Nicht grob. Nicht zärtlich. Besitzend. „Und dass mich das mehr interessiert, als es sollte." Ihr Herz schlug schneller, aber nicht aus Angst. Sie spürte die Spannung zwischen ihnen wie eine gespannte Saite. „Du bist gefährlich", sagte sie leise. „Ja." Keine Rechtfertigung. Kein Widerspruch. „Und trotzdem bist du hier." Sie hob das Kinn leicht. „Ich bin hier, weil ich keine Wahl hatte." Sein Daumen drückte sich minimal fester in ihre Hüfte. „Du hattest eine." „Nein." „Doch", sagte er ruhig. „Du bist mit mir gegangen." Die Art, wie er es aussprach, ließ keinen Raum für Diskussion. Er zwang sie nicht. Er hatte sie überzeugt. Und das war vielleicht noch beunruhigender. Ein Klopfen an der Tür unterbrach die Spannung. Matteo trat ein, wartete jedoch respektvoll in Distanz. „Bewegung im Westen", sagte er knapp. Dante löste den Blick nicht von Emilia. „Ich komme." Matteo nickte und verschwand wieder. Emilia spürte, wie sich die Atmosphäre veränderte. Der Mann vor ihr war nicht nur ein dominanter Fremder. Er war Macht. Struktur. Gewalt, wenn nötig. „Das ist deine Welt", sagte sie. „Ja." „Und ich passe nicht hinein." Er sah sie an, diesmal länger. Ehrlicher. „Noch nicht." Er ließ sie los. Nicht abrupt. Bewusst. „Bleib hier. Niemand betritt diesen Flügel ohne meine Anweisung." „Und wenn ich gehen will?" fragte sie. Sein Blick wurde hart. „Dann sprich zuerst mit mir." Sie erkannte die Bedeutung dahinter. Nicht als Bitte. Als Regel. Als er den Raum verließ, blieb sie allein zurück, doch seine Präsenz war noch immer im Raum. In der Luft. Auf ihrer Haut. Sie ging zum Fenster und sah hinaus in den Garten, der eher Park als Grundstück war. Bewacht. Kontrolliert. Geschützt. Sie wusste nicht, ob sie sich sicherer fühlte oder gefangener. Und genau dieses Zwischending war es, das sie nicht einordnen konnte. Unten im Arbeitsbereich des Hauses veränderte sich Dantes Haltung sofort. Die Wärme, die für Sekunden zwischen ihnen existiert hatte, verschwand. „Wer?" fragte er. „Ein Wagen, der zweimal am Tor vorbeigefahren ist", sagte Matteo. „Kennzeichen?" „Gefälscht." Dantes Kiefer spannte sich an. „Finden." Kein Zorn in seiner Stimme. Aber etwas anderes. Besitz. „Sie glauben, ich teste nur", sagte Matteo. Dante sah auf die Überwachungsbilder. „Dann zeige ich ihnen, was ein Test wirklich ist." Doch während er Befehle gab, während Männer sich in Bewegung setzten und Strategien verschoben wurden, tauchte ein Gedanke auf, den er nicht sofort verdrängen konnte. Oben im Flügel stand eine Frau, die ihn ansah, als wäre er mehr als nur das, was er nach außen darstellte. Und dieser Gedanke war gefährlicher als jede Bedrohung am Tor.Der Morgen im Anwesen begann nicht mit Hektik, sondern mit Struktur, und genau diese kontrollierte Ruhe war es, die Emilia mehr beunruhigte als jede offene Bedrohung. Niemand rannte durch die Flure, niemand sprach laut, und doch spürte sie, dass unter der Oberfläche Entscheidungen getroffen wurden, die weit über ihren kleinen Radius hinausreichten. Als sie die Treppe hinunterging, sah sie Dante bereits im unteren Salon stehen, umgeben von drei Männern, deren Haltung Respekt und Spannung zugleich ausstrahlte. Er trug einen dunklen Anzug, perfekt geschnitten, als wäre selbst der Stoff Teil seiner Autorität, und während er sprach, musste er die Stimme nicht heben, damit alle im Raum wussten, dass seine Worte keine Vorschläge waren. Emilia blieb am Rand stehen, nicht versteckt, aber auch nicht angekündigt, und beobachtete, wie er mit ruhiger Präzision erklärte, dass der Hafen im Westen ab sofort nicht mehr neutral sei, sondern unter seine Kontrolle falle, weil Neutralität in seiner Welt n
Der Anruf kam am späten Nachmittag, als Emilia gerade versuchte, sich auf ihre Vorlesungsunterlagen zu konzentrieren und so zu tun, als wäre ihr Leben noch immer normal. Ihre Wohnung war still, doch diese Stille fühlte sich nicht mehr selbstverständlich an, sondern beobachtet. Nicht durch Kameras oder Schatten, sondern durch Wissen. Sie wusste, dass irgendwo Entscheidungen getroffen wurden, die sie betrafen, ohne dass sie Einfluss darauf hatte. Als ihr Telefon vibrierte, sah sie den Namen nicht. Es war eine Nummer, die sie inzwischen kannte, obwohl sie nie gespeichert worden war. Sie ließ es zweimal klingeln, bevor sie ranging. „Ja?" Ihre Stimme klang ruhiger, als sie sich fühlte. „Du bist noch in der Wohnung", sagte Dante. Es war keine Frage. Sie schloss kurz die Augen. „Du weißt das bereits." „Ich weiß genug", antwortete er. Im Hintergrund hörte sie nichts. Kein Verkehr, keine Stimmen. Nur seine Präsenz durch die Leitung. „Was ist passiert?" fragte sie. Eine kurze Pause folgte, nich
Emilia hatte kaum geschlafen, doch es war nicht die Angst gewesen, die sie wach gehalten hatte, sondern das Gefühl, dass sich etwas in ihrem Leben verschoben hatte, ohne dass sie zugestimmt hatte. Das Bild, das Dante ihr geschickt hatte, war keine Drohung gewesen, sondern eine Erklärung, und genau das machte es schwerer zu verarbeiten. Er hatte nicht geprahlt. Er hatte nicht versucht, sie zu schockieren. Er hatte ihr gezeigt, wie seine Welt funktionierte. Entscheidungen wurden getroffen, sobald eine Grenze überschritten wurde, und niemand diskutierte im Nachhinein über Moral. Als sie am Morgen in ihrer Küche stand und versuchte, Kaffee zu trinken, schmeckte alles bitterer als sonst. Sie ging gedanklich jede Möglichkeit durch. Polizei. Abstand. Blockieren. Doch jedes Szenario endete mit derselben Erkenntnis. Er war nicht jemand, den man aus einem Leben entfernte, indem man ihn ignorierte. Als es klopfte, ruhig und bestimmt, blieb sie einen Moment stehen und atmete tief durch, bevor sie
Emilia hatte geglaubt, dass die Stille ihrer Wohnung sie beruhigen würde, doch als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, fühlte sich der Raum nicht sicher an, sondern enger als sonst. Der Flur wirkte vertraut, das Licht warm, der Geruch nach Waschmittel und Holz wie immer, und trotzdem hatte sie das Gefühl, als sei sie mit etwas Unsichtbarem hereingekommen, das nicht zu diesem Ort gehörte. Sie stellte ihre Tasche ab und blieb einen Moment reglos stehen. Ihr Körper war ruhig, aber in ihrem Kopf liefen Bilder weiter, als hätten sie sich eingebrannt. Das Lagerhaus. Die Männer. Die Spannung in der Luft. Und Dante. Vor allem Dante. Nicht, weil er geschrien hatte oder die Kontrolle verloren hatte, sondern weil er genau das nicht getan hatte. Er hatte entschieden. Er hatte Befehle gegeben, ohne die Stimme zu heben. Er hatte zugesehen, wie ein Mann um sein Leben bettelte, ohne dass sich in seinem Blick etwas veränderte. Diese Art von Ruhe war nicht normal. Sie war Macht. Emilia ging ins Wohnzi
Die Tiefgarage unter dem Universitätsgebäude war um diese Uhrzeit beinahe verlassen. Das Neonlicht summte monoton und warf ein kaltes, flaches Leuchten auf die Betonflächen, das jede Bewegung härter wirken ließ, als sie war. Der Geruch von Öl, Staub und feuchtem Zement hing in der Luft, und jeder Schritt hallte übertrieben laut zwischen den massiven Säulen wider. Emilia hätte längst zu Hause sein sollen. Die Bibliothek hatte länger geöffnet als erwartet, und sie hatte sich in eine Hausarbeit verloren, bis sie bemerkte, dass draußen bereits Dunkelheit lag. Sie dachte an nichts Gefährliches, nur daran, dass sie am nächsten Morgen ein Seminar hatte und dringend schlafen musste. Als sie die Rampe hinunterging, hörte sie Stimmen. Nicht laut. Nicht panisch. Es war eine gedämpfte Auseinandersetzung, die sich zu kontrolliert anhörte, um zufällig zu sein. Sie verlangsamte ihren Schritt, unsicher, ob sie einfach weitergehen oder nachsehen sollte. Neugier war selten klug, aber sie trat dennoch n