Se connecterEmilia hatte kaum geschlafen, doch es war nicht die Angst gewesen, die sie wach gehalten hatte, sondern das Gefühl, dass sich etwas in ihrem Leben verschoben hatte, ohne dass sie zugestimmt hatte. Das Bild, das Dante ihr geschickt hatte, war keine Drohung gewesen, sondern eine Erklärung, und genau das machte es schwerer zu verarbeiten. Er hatte nicht geprahlt. Er hatte nicht versucht, sie zu schockieren. Er hatte ihr gezeigt, wie seine Welt funktionierte. Entscheidungen wurden getroffen, sobald eine Grenze überschritten wurde, und niemand diskutierte im Nachhinein über Moral. Als sie am Morgen in ihrer Küche stand und versuchte, Kaffee zu trinken, schmeckte alles bitterer als sonst. Sie ging gedanklich jede Möglichkeit durch. Polizei. Abstand. Blockieren. Doch jedes Szenario endete mit derselben Erkenntnis. Er war nicht jemand, den man aus einem Leben entfernte, indem man ihn ignorierte. Als es klopfte, ruhig und bestimmt, blieb sie einen Moment stehen und atmete tief durch, bevor sie zur Tür ging. Sie wollte nicht, dass er sah, wie sehr er sie beschäftigte. Als sie öffnete, stand Dante dort, als gehöre ihm das Treppenhaus. Sein Blick war wach, konzentriert, seine Haltung kontrolliert. Er trat ein, ohne zu fragen, und sie ließ es zu, obwohl genau das sie ärgerte. „Du hast es gesehen“, sagte er ruhig. Sie wusste, dass er das Bild meinte. „Ja“, antwortete sie. Sie zwang sich, ihm direkt in die Augen zu sehen. „War das nötig?“ Seine Miene veränderte sich nicht. „Ja.“ Kein Zögern. Kein Bedauern. „Du hast jemanden getötet“, sagte sie. „Er hat entschieden, sich einzumischen“, entgegnete er. „Ich habe entschieden, dass er das nicht wieder tut.“ Ihre Finger krallten sich ineinander. „Du sprichst darüber, als würdest du einen Vertrag kündigen.“ „Es ist ein Vertrag“, sagte er ruhig. „Nur ohne Unterschrift.“ Die Kälte in dieser Logik ließ sie schlucken. Und doch wich sie nicht zurück.
Dante beobachtete jede Nuance ihrer Reaktion. Er sah die Spannung in ihren Schultern, das kontrollierte Atmen, das Bemühen, rational zu bleiben. Sie war keine Frau, die in Hysterie verfiel, und genau das machte sie interessant. „Du bist wütend“, stellte er fest. „Natürlich bin ich das“, antwortete sie. „Du entscheidest über Leben und Tod, als wäre es selbstverständlich.“ Er trat näher, langsam, nicht drohend, aber unumstößlich. „In meiner Welt ist es das“, sagte er ruhig. „Wenn ich zögere, sterben andere.“ Ihre Augen suchten nach einem Riss in seiner Haltung. „Und wenn ich nicht Teil dieser Welt sein will?“ Seine Hand hob sich, blieb kurz in der Luft und legte sich dann an ihre Taille, als würde er testen, ob sie zurückweicht. Sie tat es nicht, auch wenn ihr Herz schneller schlug. „Du bist bereits sichtbar geworden“, sagte er leise. „Das lässt sich nicht rückgängig machen.“ Seine Nähe war überwältigend, nicht weil er laut war, sondern weil er keinen Zweifel an seiner Position ließ. „Du kannst nicht einfach beschließen, dass ich zu dir gehöre“, sagte sie. Ein Schatten von Dunkelheit glitt durch seine Augen. „Ich habe nicht beschlossen, dass du mir gehörst“, antwortete er. „Ich habe beschlossen, dass niemand dich benutzt.“ Der Unterschied war subtil, aber bedeutend. Sie spürte die Hitze seines Körpers, den Druck seiner Finger an ihrer Hüfte. Keine Zärtlichkeit. Kein Spiel. Nur Präsenz. „Und wenn ich Abstand will?“ fragte sie. „Sag es“, erwiderte er ruhig. Die Herausforderung lag offen zwischen ihnen. Sie öffnete den Mund, doch kein Wort kam. Nicht, weil sie ihm gehörte. Sondern weil sie selbst noch nicht wusste, was sie wollte. Er ließ sie los, trat einen Schritt zurück und musterte sie, als würde er eine Entscheidung neu bewerten. „Du denkst, ich genieße das“, sagte er. „Dass ich Menschen verschwinden lasse.“ Sie sah ihn scharf an. „Tust du es nicht?“ Für einen Moment blitzte etwas Rohes in seinem Blick auf. „Ich genieße Kontrolle“, sagte er ruhig. „Nicht Chaos.“ Seine Ehrlichkeit war beunruhigend. Sie war kein Versuch, sich zu rechtfertigen. Sie war eine Feststellung. „Und ich bin jetzt ein Teil deiner Kontrolle?“ fragte sie. „Nein“, antwortete er sofort. „Du bist ein Risiko, das ich nicht ignoriere.“ Das traf sie unerwartet. Nicht als Schwäche. Sondern als Gewicht. Sie ging einen Schritt zur Seite, schuf Abstand, um klarer denken zu können. „Du redest von mir wie von einem Problem.“ „Du bist kein Problem“, sagte er ruhig. „Du bist eine Variable.“ Sie lachte leise, ungläubig. „Das klingt nicht besser.“ „Es ist ehrlicher.“ Sein Telefon vibrierte, doch er ignorierte es. Sein Fokus lag noch immer auf ihr. „Du solltest verstehen, dass Männer wie ich nicht reagieren, wenn jemand sie provoziert“, sagte er. „Wir reagieren, wenn jemand glaubt, er habe einen Hebel gefunden.“ Ihre Kehle war trocken. „Und ich war dieser Hebel.“ „Du warst der Versuch.“ Seine Stimme wurde kälter. „Jetzt weiß jeder, dass es keiner ist.“ Als er schließlich ging, blieb die Stille in ihrer Wohnung zurück wie ein Abdruck seiner Präsenz. Emilia stand am Fenster und sah hinunter auf die Straße. Alles wirkte normal. Und doch wusste sie, dass sich unter dieser Normalität etwas verschoben hatte. Sie war nicht verliebt. Sie war nicht geblendet. Sie war sich schmerzhaft bewusst, dass Dante gefährlich war, dass seine Welt aus Entscheidungen bestand, die sie niemals gutheißen würde. Und trotzdem hatte sie nicht verlangt, dass er geht. Das beunruhigte sie mehr als alles andere. Nicht, weil sie ihn brauchte. Sondern weil sie ihn nicht fürchtete, wie sie es sollte. Währenddessen stand Dante in seinem Büro, die Stadt unter ihm ausgebreitet wie ein Besitz, den er verteidigte. Matteo sprach von Reaktionen, von leisen Bewegungen in Strukturen, die verstanden hatten, dass eine Linie gezogen worden war. Dante hörte zu, doch sein Denken war klar. Emilia war kein Besitz. Noch nicht. Aber sie war in seinen Bereich getreten, und in seinem Bereich entschied er, was Bestand hatte. Er hatte keine Zweifel an seinen Handlungen. Keine Reue. Was ihn beschäftigte, war etwas anderes. Sie hatte ihm widersprochen. Sie hatte ihm direkt in die Augen gesehen, nachdem sie wusste, was er tat. Und sie war geblieben. Das war kein Zufall. Das war eine Entscheidung. Und Dante respektierte nur Entscheidungen, die freiwillig getroffen wurden. Sein Blick wurde dunkler, als eine neue Information eintraf. Bewegung in der Nähe ihrer Universität. Kein direkter Zugriff. Noch nicht. Er legte das Telefon langsam auf den Tisch. „Wenn sie glauben, sie könnten Geduld spielen“, sagte er ruhig, „dann spielen wir mit.“ Seine Stimme war kontrolliert, doch darunter lag etwas Unnachgiebiges. Emilia war kein Schwachpunkt. Sie war jetzt ein Bereich. Und in seinem Bereich gab es keine zweiten Warnungen.Der Morgen im Anwesen begann nicht mit Hektik, sondern mit Struktur, und genau diese kontrollierte Ruhe war es, die Emilia mehr beunruhigte als jede offene Bedrohung. Niemand rannte durch die Flure, niemand sprach laut, und doch spürte sie, dass unter der Oberfläche Entscheidungen getroffen wurden, die weit über ihren kleinen Radius hinausreichten. Als sie die Treppe hinunterging, sah sie Dante bereits im unteren Salon stehen, umgeben von drei Männern, deren Haltung Respekt und Spannung zugleich ausstrahlte. Er trug einen dunklen Anzug, perfekt geschnitten, als wäre selbst der Stoff Teil seiner Autorität, und während er sprach, musste er die Stimme nicht heben, damit alle im Raum wussten, dass seine Worte keine Vorschläge waren. Emilia blieb am Rand stehen, nicht versteckt, aber auch nicht angekündigt, und beobachtete, wie er mit ruhiger Präzision erklärte, dass der Hafen im Westen ab sofort nicht mehr neutral sei, sondern unter seine Kontrolle falle, weil Neutralität in seiner Welt n
Der Anruf kam am späten Nachmittag, als Emilia gerade versuchte, sich auf ihre Vorlesungsunterlagen zu konzentrieren und so zu tun, als wäre ihr Leben noch immer normal. Ihre Wohnung war still, doch diese Stille fühlte sich nicht mehr selbstverständlich an, sondern beobachtet. Nicht durch Kameras oder Schatten, sondern durch Wissen. Sie wusste, dass irgendwo Entscheidungen getroffen wurden, die sie betrafen, ohne dass sie Einfluss darauf hatte. Als ihr Telefon vibrierte, sah sie den Namen nicht. Es war eine Nummer, die sie inzwischen kannte, obwohl sie nie gespeichert worden war. Sie ließ es zweimal klingeln, bevor sie ranging. „Ja?" Ihre Stimme klang ruhiger, als sie sich fühlte. „Du bist noch in der Wohnung", sagte Dante. Es war keine Frage. Sie schloss kurz die Augen. „Du weißt das bereits." „Ich weiß genug", antwortete er. Im Hintergrund hörte sie nichts. Kein Verkehr, keine Stimmen. Nur seine Präsenz durch die Leitung. „Was ist passiert?" fragte sie. Eine kurze Pause folgte, nich
Emilia hatte kaum geschlafen, doch es war nicht die Angst gewesen, die sie wach gehalten hatte, sondern das Gefühl, dass sich etwas in ihrem Leben verschoben hatte, ohne dass sie zugestimmt hatte. Das Bild, das Dante ihr geschickt hatte, war keine Drohung gewesen, sondern eine Erklärung, und genau das machte es schwerer zu verarbeiten. Er hatte nicht geprahlt. Er hatte nicht versucht, sie zu schockieren. Er hatte ihr gezeigt, wie seine Welt funktionierte. Entscheidungen wurden getroffen, sobald eine Grenze überschritten wurde, und niemand diskutierte im Nachhinein über Moral. Als sie am Morgen in ihrer Küche stand und versuchte, Kaffee zu trinken, schmeckte alles bitterer als sonst. Sie ging gedanklich jede Möglichkeit durch. Polizei. Abstand. Blockieren. Doch jedes Szenario endete mit derselben Erkenntnis. Er war nicht jemand, den man aus einem Leben entfernte, indem man ihn ignorierte. Als es klopfte, ruhig und bestimmt, blieb sie einen Moment stehen und atmete tief durch, bevor sie
Emilia hatte geglaubt, dass die Stille ihrer Wohnung sie beruhigen würde, doch als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, fühlte sich der Raum nicht sicher an, sondern enger als sonst. Der Flur wirkte vertraut, das Licht warm, der Geruch nach Waschmittel und Holz wie immer, und trotzdem hatte sie das Gefühl, als sei sie mit etwas Unsichtbarem hereingekommen, das nicht zu diesem Ort gehörte. Sie stellte ihre Tasche ab und blieb einen Moment reglos stehen. Ihr Körper war ruhig, aber in ihrem Kopf liefen Bilder weiter, als hätten sie sich eingebrannt. Das Lagerhaus. Die Männer. Die Spannung in der Luft. Und Dante. Vor allem Dante. Nicht, weil er geschrien hatte oder die Kontrolle verloren hatte, sondern weil er genau das nicht getan hatte. Er hatte entschieden. Er hatte Befehle gegeben, ohne die Stimme zu heben. Er hatte zugesehen, wie ein Mann um sein Leben bettelte, ohne dass sich in seinem Blick etwas veränderte. Diese Art von Ruhe war nicht normal. Sie war Macht. Emilia ging ins Wohnzi
Die Tiefgarage unter dem Universitätsgebäude war um diese Uhrzeit beinahe verlassen. Das Neonlicht summte monoton und warf ein kaltes, flaches Leuchten auf die Betonflächen, das jede Bewegung härter wirken ließ, als sie war. Der Geruch von Öl, Staub und feuchtem Zement hing in der Luft, und jeder Schritt hallte übertrieben laut zwischen den massiven Säulen wider. Emilia hätte längst zu Hause sein sollen. Die Bibliothek hatte länger geöffnet als erwartet, und sie hatte sich in eine Hausarbeit verloren, bis sie bemerkte, dass draußen bereits Dunkelheit lag. Sie dachte an nichts Gefährliches, nur daran, dass sie am nächsten Morgen ein Seminar hatte und dringend schlafen musste. Als sie die Rampe hinunterging, hörte sie Stimmen. Nicht laut. Nicht panisch. Es war eine gedämpfte Auseinandersetzung, die sich zu kontrolliert anhörte, um zufällig zu sein. Sie verlangsamte ihren Schritt, unsicher, ob sie einfach weitergehen oder nachsehen sollte. Neugier war selten klug, aber sie trat dennoch n