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2 – ACHTUNDVIERZIG STUNDEN

Author: Faith Pearl
last update publish date: 2026-10-11 03:26:24

„Julian?“ Elena hämmerte mit der Faust gegen die Tür des Gästezimmers. „Mach auf.“

Nichts kam zurück außer dem Surren eines Reißverschlusses.

Er hatte einen großen grauen Koffer aus dem Flurschrank gezogen und ihn den Korridor hinunter ins Gästezimmer gerollt, und er hatte die Tür hinter sich zugeschlagen, ohne ein Wort.

„Okay. Okay, du musst zuhören.“ Sie drückte die Stirn gegen das Holz. „Ich hätte einiges davon nicht sagen sollen, aber ich hatte Angst. Ich dachte, du liegst tot in einem Graben oder du warst…“ Sie stockte, schluckte und fing schärfer von vorn an. „Du hättest einen einzigen Anruf annehmen können. Du hast nicht mal auf meine Nachricht geantwortet.“

Der Reißverschluss stoppte.

„Geh schlafen, Elena.“

„Wage es ja nicht, mir zu sagen, ich soll schlafen gehen, als wäre ich eine deiner Angestellten.“ Ihre Stimme erhob sich, und auf der anderen Seite der Tür hörte sie, wie das Bett knarrte, als er sich setzte.

Sie stand da, die flache Hand auf dem Holz, und atmete durch die Zähne.

—

Um 2:07 Uhr saß Julian am Rand des Gästebettes, das Handy in der einen Hand, die andere ausgebreitet auf dem Knie. Die Hand hörte nicht auf zu zittern. Durch die Tür hörte er, wie sie im Korridor hin und her ging.

Er wählte Raymond Hale, seinen Anwalt seit neun Jahren, und ließ es sechsmal klingeln.

„Julian.“ Hales Stimme war rau. „Es ist zu spät dafür. Ist jemand gestorben?“

„Ich brauche Scheidungspapiere.“

„Du brauchst was?“

Julian schluckte. „Setz sie auf. Einvernehmlich, wenn sie zustimmt. Wenn sie kämpft, gehen wir vor Gericht. Der Ehevertrag steht.“

„Es ist zwei Uhr morgens. Schlaf drüber.“

Seine Stimme kam dick heraus. „Ich kann es jetzt nicht erklären.“

Hale antwortete nicht sofort. „Ich hab einen Entwurf bis sieben“, sagte er schließlich. „Unterschreib nichts, bevor du es nicht zweimal gelesen hast.“

„Ich unterschreibe heute.“

Er legte auf und saß im Dunkeln, den Daumen gegen die Innenseite seines Handgelenks gepresst, wo ihr Puls eine Stunde zuvor gehämmert hatte. Dann legte er das Handy mit dem Display nach unten und schaltete die Lampe aus, sodass der dünne gelbe Streifen unter der Tür das einzige Licht im Raum war und er nicht sehen musste, wessen Schatten darin stand.

—

Chloe kam um 7:40 mit zwei Kaffees, einer Papiertüte voller Croissants und einem cremefarbenen Cardigan, der sie jünger aussehen ließ, als sie war.

„Ich bin gekommen, sobald ich deine Nachricht gelesen habe“, sagte sie an der Tür.

Elena hatte das blaue Kleid nicht ausgezogen und sich nicht gewaschen. Sie hatte keine Minute auf dem Sofa geschlafen, auf dem sie gegen vier zusammengebrochen war. Sie ließ Chloe sie in eine Umarmung ziehen.

„Oh, Schatz. Sieh dich an.“

„Er verlässt mich.“ Die Worte kamen gedämpft gegen Chloes Schulter heraus. „Ich glaube, er verlässt mich wirklich. Er hat sich im Gästezimmer eingeschlossen, Chlo, er…“ Sie konnte nicht zu Ende sprechen.

„Setz dich. Setz dich, setz dich.“ Chloe steuerte sie in die Küche, drückte ihr einen Kaffee in die Hände und rieb kleine Kreise zwischen ihren Schulterblättern. „Atme, und erzähl mir alles.“

Also tat Elena das. Als sie bei seiner Hand an ihrem Handgelenk ankam, schwappte der Kaffee in ihrem Griff über den Rand.

„Er hat dich gepackt?“ Chloe drehte Elenas Arme um, prüfte ihre Handgelenke, ihre Schultern, ihr Schlüsselbein. „Ist er wahnsinnig? Hat er dich geschlagen?“

„Er hat mich nicht geschlagen.“

„Das würde er sich verdammt noch mal nicht trauen.“ Chloe nahm ihr die Tasse aus den Händen, stellte sie ab und hielt beide Handgelenke Elenas leicht zwischen den Fingern, als würde sie den Puls fühlen.

Elena schniefte. „Ich habe ihn des Betrugs beschuldigt.“

„Weil du provoziert wurdest, Schatz.“ Chloes Daumen bewegte sich hin und her über die Innenseite ihres Handgelenks. „Und hör mir zu, denn ich kenne Männer wie Julian. Entschuldige dich nicht bei ihm. In dem Moment, in dem du das tust, entscheidet er, dass alles an dir lag. Das wollen die, dass du dich verrückt genug fühlst, um ihnen den Stift zu reichen.“

Ihr Handy vibrierte auf der Theke. Sie warf einen Blick auf den Bildschirm, dann auf Elena, und machte ein kleines entschuldigendes Gesicht.

„Ich hol dir schnell Taschentücher aus dem Gästebad. Du siehst aus, als wärst du durch einen Krieg gegangen.“

Im Gästebad schloss sie die Tür, drehte den Wasserhahn auf und tippte mit der Geschwindigkeit von jemandem, der es sich schon auf der Fahrt hierher im Kopf zurechtgelegt hatte.

‚Sie ist ein Wrack. Weint, zittert, schmeißt Sachen. Ehrlich, Jules, ich mache mir Sorgen, dass sie nicht stabil ist. Ich halte sie hier, bis du bereit bist.‘

Die Antwort kam, bevor sie das Taschentuch fertig angefeuchtet hatte.

‚Danke. Frühstück um 9. Halt sie am Tisch.‘

Chloe löschte den Chat. Sie drückte zwei Finger unter jedes Auge, bis sie glänzten, und kam mit einer Handvoll Taschentücher und neu arrangiertem Gesicht heraus.

—

Um neun war das Esszimmer von Kerzen befreit. Drei Teller standen auf dem langen Tisch mit einem silbernen Toastgestell, das niemand anrühren würde.

Chloe saß links von Elena, eine Hand auf der ihren. Elena hatte die Zähne geputzt, das Haar zu einem Knoten zusammengebunden und einen grauen Pullover angezogen, der sie aussehen ließ wie jemand, der sich von einer Krankheit erholte.

Julian kam rasiert herein, im anthrazitfarbenen Anzug und Krawatte, mit einem schmalen schwarzen Ordner unter dem Arm. Er nahm nicht den Stuhl am Kopfende. Er stand dahinter, beide Hände auf dem Holz.

„Chloe“, sagte er. „Danke, dass du gekommen bist.“

„Natürlich.“ Chloes Stimme brach genau im richtigen Moment. Sie richtete ihr Haar. „Alles für euch beide.“

„Julian.“ Elena war aus dem Stuhl, bevor sie es merkte. „Bitte. Gestern Abend war ich über der Linie, das weiß ich. Ich geh zur Therapie. Ich geh überallhin, wohin du willst. Ich hör auf anzurufen. Ich warte, ohne anzurufen. Wir können von vorn anfangen…“

Chloes Nase kräuselte sich. Ihre Lippen verzogen sich.

Julian legte den Ordner vor Elena und behielt den Blick auf dem Tisch.

Sie öffnete ihn. ‚Antrag auf Auflösung der Ehe.‘ Seine Unterschrift schnitt quer über den unteren Rand der letzten Seite, so schwer, dass der Stift bis auf das nächste Blatt durchgedrückt hatte. Das Datum war das heutige.

„Raymond hat ihn über Nacht aufgesetzt“, sagte Julian. Er richtete den Manschettenknopf. „Du hast achtundvierzig Stunden zum Unterschreiben. Danach reiche ich ein, und es geht vor Gericht.“

Chloes Mundwinkel zuckte. Keiner von beiden bemerkte es.

Ein kurzes Lachen kam aus Elena. „Du kannst nicht“, flüsterte sie. „Julian, du kannst nicht…“ Sie schüttelte langsam den Kopf.

„Achtundvierzig Stunden, Elena.“ Seine Stimme brach bei ihrem Namen. Er drehte sich zur Tür. Seine Hand blieb eine Sekunde zu lang am Rahmen, und dann schluckte der Flur seine Schritte.

Chloes Hand schloss sich fester um Elenas Handgelenk, die Nägel drückten kleine Halbmonde in die Haut. Elena konnte nicht sagen, ob es Trost war oder Festhalten.

„Große Mädchen weinen nicht, Schatz. Unterschreib einfach…“

Elenas Fäuste ballten sich in ihrem Schoß.

„Sei still!“

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