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Four

Author: Les Neo
last update publish date: 2026-08-29 10:27:45

Claire war schon zu Hause, als Tom zur Tür hereinkam. Der Flur roch schwach nach dem Zitronenreiniger, den sie am Morgen benutzt hatte, und nach der restlichen Wärme des Heizkörpers. Er schüttelte seinen dunklen Regenschirm aus, Wassertropfen verteilten sich auf der Matte, und hängte seine Jacke an den Haken. Der Stoff war unter seinen Händen noch feucht und schwer. Sie blickte vom Sofa auf, ein halb aufgegessenes Sandwich in der einen Hand, ihr Handy in der anderen. Sanftes Lampenlicht sammelte sich um sie herum und erfasste den Rand ihres Haars.

„Du bist spät dran“, sagte sie. „Ich dachte, du wolltest nur kurz in der Buchhandlung vorbeischauen.“

„Wollte ich auch.“ Tom streifte seine Schuhe ab. Die Dielen fühlten sich kühl an unter seinen Socken. Er ließ sich ans andere Ende des Sofas fallen, das Kissen sackte mit einem leisen Seufzen unter seinem Gewicht ein. „Bin dann doch länger geblieben als geplant.“

Claire legte ihr Handy auf die Armlehne. Der Bildschirm wurde dunkel. Sie musterte sein Gesicht im warmen Licht. „Du bist wieder hingegangen.“

„Ja.“

„Und?“

Tom lehnte den Kopf gegen das Kissen. Es roch schwach nach dem Weichspüler, den sie beide benutzten. Er stieß einen kurzen Atemzug aus. „Sie ist heute anders. Leichter. Sie hat einen Buchvertrag bekommen. Irgendein Verlag will ihr Memoir. Das Geld reicht, um den Laden ein bisschen herzurichten und neuen Bestand reinzuholen.“

Claires Augen weiteten sich. Sie setzte sich vor, das Sofa knarrte leise. „Ernsthaft? Das ist ja fantastisch.“ Das Sandwich lag vergessen auf ihrem Teller. „Wirkte sie glücklich?“

„Ja. Still glücklich. Als könnte sie es selbst noch nicht so ganz glauben.“ Er hielt inne und lauschte dem Regen, der noch immer unregelmäßig gegen das Fenster klopfte. „Ich habe ihr gratuliert. Wir haben eine Weile geredet.“

Claire beobachtete ihn noch einen Moment länger. Dann veränderte sich ihr Gesichtsausdruck. Das Lampenlicht fing die schnelle Veränderung in ihren Augen ein.

„Oh Scheiße“, sagte sie langsam. „Du stehst voll auf sie.“

Tom lachte kurz auf und schüttelte den Kopf. Der Klang saß tief in seiner Brust. „Fang nicht damit an.“

„Ich fange nicht an. Ich stelle nur fest.“ Sie stieß ihm mit dem Fuß gegen das Bein. Ihre Socke war warm gegen seine Jeans. „Du hast diesen Blick.“

„Was für einen Blick?“

„Den, den du bekommst, wenn du jemanden wirklich magst und versuchst, so zu tun, als wäre es nichts.“ Claire grinste, die Mundwinkel hoben sich. „Komm schon. Gib's zu.“

„Ich habe keinen Blick.“

„Doch. Und du machst ihn gerade jetzt.“

Tom verdrehte die Augen, lächelte aber trotzdem. Das Lächeln zog an den müden Muskeln in seinem Gesicht. „Du bist unmöglich.“

„Und du bist verdammt durchschaubar.“ Sie lachte, hell und schnell. Der Klang füllte das kleine Wohnzimmer und hallte von den Wänden wider. „Gut. Bleib bei deiner Verleugnung. Ich sitze hier einfach mit dem Wissen um die Wahrheit.“

Er schüttelte wieder den Kopf, immer noch lächelnd. Draußen fuhr langsam ein Auto vorbei, die Reifen zischten auf der nassen Straße. „Sie ist interessant. Da ist etwas an ihr. Sie hat viel durchgemacht, das sieht man, aber sie ist nicht daran zerbrochen. Nur vorsichtig.“

„Vorsichtig ist in Ordnung“, sagte Claire. Sie griff wieder nach ihrem Sandwich, das Brot war weich unter ihren Fingern. „Ich mag sie. Sie wirkt echt. Die meisten Leute hier in der Gegend geben sich entweder zu viel Mühe oder gar keine. Lena ist einfach, wie sie ist.“

Tom nickte. Die Bewegung fühlte sich langsam an. „Sie hat mich heute anders angesehen. Richtig. Als würde sie mich zum ersten Mal wirklich sehen.“

Claire hob eine Augenbraue. „Und wie hat sich das angefühlt?“

„Ehrlich gesagt? Gut. Ein bisschen überraschend. Ich war zweimal drin, und sie war höflich, aber distanziert. Heute war da etwas anderes.“ Er rieb sich den Nacken. Seine Haut war noch kühl vom Regen. „Ich habe sie auch bemerkt. Richtig. Sie hat diese stille Stärke. Und sie ist schön auf eine Art, die keine Aufmerksamkeit verlangt.“

Claire lachte wieder, der Klang diesmal wärmer. „Hör dir das an. ‚Schön auf eine Art, die keine Aufmerksamkeit verlangt.‘ Herrgott, du schreibst schon Gedichte über sie.“

„Tu ich nicht.“

„Doch. Es ist süß. Verdammt peinlich, aber süß.“

Tom streckte ihr den Mittelfinger entgegen, spielerisch und ohne echte Schärfe. Claire brach in Gelächter aus, der Klang scharf und hell im stillen Zimmer, und fing das Kissen auf, das er eine Sekunde später nach ihr warf. Sie drückte es an ihre Brust. Der Stoff war weich und leicht abgenutzt.

„Ich werde sie das nächste Mal, wenn ich reingehe, nach Kaffee fragen“, sagte Claire, als sie mit Lachen aufgehört hatte. Ihre Stimme trug noch die Nachwirkung der Belustigung. „Richtig. Nicht nur ein vages Angebot. Ich habe gemeint, was ich gesagt habe, mit der Freundin. Es ist ewig her, dass ich jemanden kennengelernt habe, den ich wirklich besser kennenlernen wollte.“

Tom sah sie an. Das Lampenlicht ließ ihre Augen dunkler wirken. „Glaubst du, sie sagt ja?“

„Ich glaube, sie könnte. Sie hat die Idee nicht abgeblockt. Das ist schon etwas.“ Claires Gesichtsausdruck wurde nachdenklicher. Sie legte das Kissen beiseite. „Der Laden braucht aber Arbeit, oder?“

„Ja. Eine ganze Menge.“

Claire trommelte mit den Fingern auf ihr Knie. Der Klang war leise und rhythmisch. „Wir könnten helfen. Still. Neue Regale. Eine richtige Heizung. Das Dach ordentlich machen lassen, statt es nur zu flicken. Wir haben das Geld, das nichts Nützliches tut. Für uns wäre das nicht mal eine große Sache.“

Tom sah sie an. Der Tee, den sie zuvor gemacht hatte, stand noch unberührt auf dem Beistelltisch, ein dünner Film kühlte auf der Oberfläche. „Du willst die Buchhandlung finanzieren?“

„Ich will jemandem helfen, der versucht, auf eigenen Füßen zu stehen. Das ist ein Unterschied.“ Sie zuckte mit den Schultern. Die Bewegung ließ das Licht über ihre Schulter gleiten. „Mama und Papa haben uns mehr hinterlassen, als wir brauchen. Ich würde lieber etwas davon in einen Ort stecken, der wichtig ist, als es auf einem weiteren Konto liegen zu sehen. Und du magst sie. Bemüh dich nicht, es wieder abzustreiten.“

„Wollte ich gar nicht“, sagte Tom, obwohl seine Stimme einen Hauch der vorherigen Verleugnung trug. Dann lachte er leise auf. Der Klang war tief und rau. „Du bist unerbittlich.“

„Ich weiß. Das ist eine meiner besten Eigenschaften.“ Claire lächelte. „Wir müssen keine große Sache draus machen. Nur praktische Hilfe anbieten, wenn es Sinn ergibt. Neue Regale für den Bestand. Ein anständiges Kassensystem. Was auch immer sie wirklich braucht, statt dem, was gut aussieht.“

Tom schwieg einen Moment. Der Regen flüsterte noch gegen die Scheibe. „Sie nimmt es vielleicht nicht an. Sie ist stolz.“

„Dann bieten wir es vorsichtig an. Oder wir kaufen eine lächerliche Anzahl an Büchern und lassen große Trinkgelder in der Ehrlichkeitsbox, falls sie mal eine aufstellt.“ Claires Augen leuchteten auf. „Oder ich werde ihre treueste Kundin und bezahle jedes Mal versehentlich zu viel.“

Tom lachte diesmal richtig. Der Klang füllte den Raum zwischen ihnen. „Du bist lächerlich.“

„Und du bist verknallt. Wir sind ein gutes Team.“

Sie saßen eine Minute in angenehmer Stille. Der Heizkörper tickte leise, während er abkühlte. Claire aß ihr Sandwich auf und wischte sich die Finger an einer Serviette ab. Das Papier machte ein trockenes, leises Geräusch.

„Glaubst du, sie bleibt?“, fragte sie leise. „Oder ist das nur vorübergehend, bis das Geld ausgeht oder etwas anderes passiert?“

Tom dachte an die Art, wie Lena über den Vertrag gesprochen hatte, die vorsichtige Hoffnung in ihrer Stimme. Er konnte den sanften Regen auf dem Dach der Buchhandlung noch immer in seiner Erinnerung hören. „Ich glaube, sie will bleiben. Der Laden bedeutet ihr etwas. Es ist nicht nur ein Gebäude.“

„Gut.“ Claire stand auf und streckte sich. Ihre Gelenke gaben ein leises Knacken von sich. „Ich mache Tee. Willst du auch?“

„Gerne.“

Während sie in der Küche war, begann der Wasserkocher zu summen und stieg dann zu leisem Kochen an. Tom holte die beiden Bücher heraus, die er gekauft hatte, und legte sie auf den Couchtisch. Die Einbände fühlten sich glatt unter seinen Fingern an. Eines war der schmale Roman, den er im Laden hochgehalten hatte. Er drehte ihn in seinen Händen und erinnerte sich an den genauen Moment, in dem Lena gesagt hatte, sie hätte ihn noch nicht gelesen. Wie ihre Augen seinen Blick getroffen hatten. Die kleine Veränderung in ihrem Gesichtsausdruck, als sie ihn schließlich richtig ansah.

Claire kam mit zwei Tassen zurück. Dampf stieg in dünnen Schwaden von ihnen auf und trug den vertrauten Duft von starkem Tee mit sich. Sie reichte ihm eine. Die Keramik war heiß gegen seine Handflächen. Sie setzte sich wieder hin und zog die Beine unter sich. Das Sofakissen verschob sich.

„Du denkst schon wieder an sie“, sagte sie.

„Ein bisschen.“

„Mehr als ein bisschen.“ Sie nahm einen Schluck Tee. Die Oberfläche kräuselte sich. „Ist doch in Ordnung, weißt du. Du darfst jemanden mögen.“

„Ich weiß.“ Er umschloss die warme Tasse fester mit beiden Händen. Wärme breitete sich in seinen Fingern aus. „Es ist nur schon eine Weile her, dass mich jemand so gefesselt hat. Und sie hat Mauern. Richtige.“

„Jeder hat welche“, sagte Claire. „Ihre sind nur etwas höher. Das heißt nicht, dass sie für immer bleiben.“

Tom nahm einen Schluck Tee. Er schmeckte leicht bitter und tröstlich. „Da ist noch etwas anderes. Ich hatte das Gefühl, sie steht unter Druck. Nicht nur wegen des Geldes. Etwas Schwereres. Sie hat nichts gesagt, aber es war da.“

Claire runzelte die Stirn. Der Ausdruck zog an ihrer Stirn. „Was für ein Druck?“

„Ich weiß nicht. Nur ein Gefühl. Als würde jemand darauf warten, dass sie scheitert.“

„Nun“, sagte Claire bestimmt, „dann müssen wir eben dafür sorgen, dass sie sich nicht allein fühlt, während sie damit umgeht. Ich gehe morgen oder übermorgen rein. Mache ihr das Kaffeeangebot richtig. Du kannst mitkommen, wenn du dich benimmst.“

Tom lächelte. Die Bewegung fiel ihm jetzt leichter. „Ich benehme mich.“

„Das solltest du auch. Kein Anstarren wie ein verlorener Welpe, während ich versuche, Freundschaft zu schließen.“

„Ich starre nicht wie ein verlorener Welpe.“

Claire lachte in ihren Tee hinein. Etwas Flüssigkeit blieb am Rand der Tasse hängen. „Erzähl dir das ruhig weiter.“

Sie blieben länger als sonst auf dem Sofa sitzen. Das Zimmer roch nach Tee und regennassen Jacken. Claire erzählte ihm von einer schwierigen Kundin im Café, die zehn volle Minuten über den Preis eines Gebäckstücks gestritten hatte. Tom erzählte ihr von einem Design-Kunden, der alle zwei Tage seine Meinung änderte. Das Gespräch schweifte ab, kehrte aber immer wieder zur Buchhandlung und der Frau, die sie führte, zurück.

„Ich glaube, ich bringe ihr Blumen mit, wenn ich wegen des Kaffees frage“, sagte Claire nach einer Weile. Ihre Stimme war jetzt sanfter. „Nichts Großes. Nur etwas Nettes. Sie wirkt, als könnte sie eine kleine Freundlichkeit gebrauchen.“

„Das würde sie wahrscheinlich zu schätzen wissen“, sagte Tom. Er konnte sich noch immer den ruhigen Zug um Lenas Mund vorstellen. „Mach nur nicht zu offensichtlich, dass wir mit Geld helfen wollen. Das würde sie schnell abblocken.“

„Ich weiß. Subtil. Ich kann subtil sein.“

Tom hob eine Augenbraue. „Seit wann?“

„Seit jetzt. Sei kein Arsch.“

Er lachte und hob die Hände zur Kapitulation. Die Tasse wärmte seine Handflächen wieder.

Später, nachdem Claire zu Bett gegangen war, saß Tom allein im Wohnzimmer, den Roman aufgeschlagen auf dem Knie. Die Seiten fühlten sich glatt und leicht kühl an. Er las das erste Kapitel, ohne es wirklich aufzunehmen. Seine Gedanken kehrten immer wieder zu Lenas Gesicht zurück, als sie ihm von dem Vertrag erzählt hatte. Die vorsichtige Art, wie sie gesprochen hatte. Der Moment, in dem sie ihn angesehen und ihn wirklich wahrgenommen hatte.

Er schloss das Buch und legte es beiseite. Der Einband machte ein leises Geräusch auf dem Tisch. Draußen hatte der Regen aufgehört. Die Straße war still, bis auf das gelegentliche Tropfen aus den Dachrinnen. Irgendwo auf der anderen Seite der Stadt war die alte Buchhandlung für die Nacht verschlossen, und die Frau oben war wahrscheinlich noch wach und dachte über die zwei Monate nach, die man ihr gegeben hatte, und über das, was auch immer am Ende davon wartete.

Tom stand auf. Die Dielen knarrten unter seinen Füßen. Er schaltete die Lichter nacheinander aus. Die Dunkelheit legte sich sanft und vollständig herab. Er ging zu Bett. Der Schlaf ließ eine Weile auf sich warten. Als er kam, trug er die Erinnerung an feuchtes Haar, warme Augen und eine Stimme, die endlich ohne Distanz zu ihm gesprochen hatte.

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