LOGINFreitagmorgen begann wieder mit Regen, sanft und stetig gegen die Fenster. Lena wachte früher als sonst auf und saß eine Minute lang auf der Bettkante, dem Geräusch lauschend. Dann stand sie auf, zog die alten Laken ab und begann, das Zimmer zum ersten Mal seit ihrer Ankunft richtig zu putzen. Sie fegte den Boden, wischte das Fensterbrett ab und schüttelte den Vorhang aus, der tagelang schlaff herabgehangen hatte. Staub stieg auf und legte sich wieder. Als das Zimmer weniger verlassen aussah, ließ sie ein Bad ein.
Das Wasser war nur lauwarm, aber sie blieb darin, bis ihre Schultern sich lösten. Sie wusch ihr Haar mit dem billigen Shampoo, das sie mitgebracht hatte, spülte es aus und wickelte sich in das dünne Handtuch, das schwach nach dem Schrank roch. Danach zog sie frische Kleidung an, machte Toast und Tee und aß Frühstück am kleinen Tisch, während draußen der Regen weiterging. Die einfache Handlung, sich zum Essen hinzusetzen, fühlte sich fast normal an.
Als die Teller gespült waren, zog sie ihren Mantel an und ging zu dem kleinen Lebensmittelladen zwei Straßen weiter. Der Laden war ruhig. Sie kaufte Brot, Eier, Milch, ein paar Dosen und eine Tafel Schokolade, die sie eigentlich nicht brauchte. An der Kasse nickte ihr die Frau hinter dem Tresen zu.
„Sie sind diejenige, die die Buchhandlung wieder aufgemacht hat, oder?“
„Ja“, sagte Lena.
„Gut so. Der Laden stand traurig leer.“
Lena bezahlte, trug die Tüten nach Hause und räumte alles in der Küche weg. Bevor sie nach unten ging, nahm sie einen Roman, den sie am Tag zuvor beiseitegelegt hatte, eine ruhige Geschichte über eine Frau, die in eine Küstenstadt zurückkehrt, und legte ihn für später auf den Tisch.
Die E-Mail wartete, als sie ihr Handy prüfte. *Vertragsangebot – Annahme des vollständigen Manuskripts.* Sie öffnete sie mit vorsichtigen Fingern. Ein kleiner unabhängiger Verlag hatte das Memoir angenommen. Die Unterschriftszahlung reichte aus, um die Regale neu zu bestücken, einen Dachdecker zu bezahlen und die schlimmsten Probleme mit der Elektrik zu beheben. Lena las die Nachricht dreimal, setzte sich dann schwer aufs Bett und stieß einen langen Atemzug aus.
„Ich hab's geschafft“, flüsterte sie dem leeren Zimmer zu. „Ich hab's wirklich geschafft.“
Sie antwortete auf die E-Mail, nahm das Angebot an und ging mit der Neuigkeit noch warm in der Brust nach unten. Sie schloss den Laden auf, drehte das Schild um und begann, eine ordentliche Bestandsliste in das alte Notizbuch ihrer Mutter zu schreiben.
Kurz nach elf klingelte die Glocke. Tom trat allein ein, schloss einen dunklen Regenschirm und schüttelte ihn kurz aus, bevor er ihn neben die Tür stellte. Regen hing noch an seiner Jacke und den Enden seines Haars. Diesmal sah Lena ihn wirklich an, richtig, zum ersten Mal. Er war auf eine ruhige, solide Weise attraktiv, die sie überraschte. Groß und kräftig gebaut, mit breiten Schultern, die den Türrahmen ausfüllten, und einer kräftigen Brust, die von natürlicher Stärke sprach statt von etwas Erzwungenem. Sein dunkles Haar war feucht und leicht gelockt vom Wetter und fiel ihm ein wenig über die Stirn. Sein Gesicht war klar geschnitten und ruhig, mit einem festen Kiefer, warmen Augen und einem offenen Ausdruck, der ihn zugänglich wirken ließ. Sie nahm die lockere Art wahr, wie er dastand, die kontrollierte Kraft in seiner Statur, die Stärke in seinen Händen, als er das Wasser von seinen Ärmeln wischte, und den ruhigen Zug um seinen Mund, wenn er lächelte. Etwas in ihrer Brust verschob sich und setzte sich anders. Sie hatte ihn zuvor schon zweimal gesehen, doch erst jetzt nahm sie jeden Teil von ihm wahr.
Er lächelte, als er sie sah. „Morgen. Claire steckt bei der Arbeit fest, also dachte ich, ich schau mal vorbei. Hoffe, das ist in Ordnung.“
„Ist es“, sagte Lena, ihre Stimme ruhig, während ihre Aufmerksamkeit eine Sekunde länger bei ihm verweilte, als sie sollte. „Komm rein, aus dem Regen.“
Er wischte sich die Füße ab und warf einen Blick auf das offene Notizbuch. „Sieht aus, als würdest du eine große Bestellung planen.“
„Ich habe heute Morgen Neuigkeiten bekommen.“ Sie zögerte nur eine Sekunde. „Ein Verlag hat mir einen Vertrag für ein Buch angeboten, das ich geschrieben habe. Das Geld bei Vertragsunterzeichnung reicht aus, um hier ein paar Dinge zu reparieren und neuen Bestand hereinzubringen.“
Toms Gesicht hellte sich auf. „Das ist großartig. Wirklich. Herzlichen Glückwunsch.“ Er lehnte sich an den Tresen. „Du musst überglücklich sein.“
„Ich kann es immer noch kaum glauben“, gab sie zu. „Es hat lange gedauert, bis es so weit war.“
„Nun, man sieht es dir an. Du siehst heute anders aus. Leichter.“ Er hielt inne. „Neulich sah es aus, als würde das Gewicht dieses Ortes schwer auf dir lasten.“
Lena sah ihm in die Augen. „Das tat es. Tut es in gewisser Weise immer noch. Aber das hier hilft.“
Tom ging zu den Regalen und begann, richtig zu stöbern. Er zog ein Taschenbuch heraus, las die Rückseite, schob es dann zurück und probierte ein anderes.
„Was für ein Buch ist es, wenn ich fragen darf?“, sagte er über seine Schulter.
„Ein Memoir. So ungefähr. Darüber, hierher zurückzukommen. Über den Laden. Über Dinge, von denen ich dachte, ich hätte sie hinter mir gelassen.“
„Klingt ehrlich“, sagte er und drehte ein weiteres Buch in seinen Händen. „Das sind die Bücher, die bei den Menschen bleiben.“
„Das hoffe ich.“
Er bewegte sich weiter entlang der Belletristik-Abteilung, immer noch redend. „Claire hat übrigens schon entschieden, dass du ihre neue Freundin wirst. Ich warne dich vor. Sie akzeptiert kein Nein, wenn sie sich einmal entschieden hat.“
Lena lächelte fast. „Ich werde es mir merken.“
„Sie hat mich letzten Monat zu drei verschiedenen Cafés geschleppt, auf der Suche nach jemandem, an den sie sich nur halb aus der Schulzeit erinnerte. Damit hast du es zu tun.“ Er zog einen schmalen Roman heraus und hielt ihn hoch. „Hast du den schon gelesen?“
„Noch nicht.“
„Dann nehme ich den. Gibt mir etwas, worüber ich beim nächsten Mal reden kann.“ Er stöberte weiter, jetzt langsamer. „Bekommst du oft Leute, die nach Empfehlungen fragen?“
„Noch nicht. Es ist noch früh.“
„Wirst du. Sobald der neue Bestand da ist.“ Er blickte zu ihr zurück. „Du solltest einen kleinen Tisch ans Fenster stellen, mit deinen Lieblingsbüchern. Die Leute mögen das. Es lässt den Ort weniger wie einen Laden und mehr wie ein Zuhause wirken.“
„Ich werde darüber nachdenken.“
Tom wählte ein zweites Buch und brachte beide zum Tresen. Er legte sie vorsichtig ab. „Ich komme bald wieder. Wenn das in Ordnung ist.“
„Ist es.“
Er bezahlte, verweilte einen Moment länger als nötig, nahm dann seinen Regenschirm und ging mit einem Lächeln, das blieb, nachdem die Tür sich geschlossen hatte. Lena stand hinter dem Tresen und stellte fest, dass sie sich immer noch genau die Linie seiner Schultern vorstellen konnte, die Art, wie sein Haar sich vom Regen gelockt hatte, und die Wärme in seinen Augen, als er ihr gratuliert hatte. Sie hatte endlich alles wahrgenommen, und dieses Wissen lag still in ihrer Brust.
Der Nachmittag brachte einen örtlichen Elektriker, der zusagte, sich in der folgenden Woche die Elektrik anzusehen, und einen Bauunternehmer, der einen groben Kostenvoranschlag für das Dach versprach. Beide Männer schienen überrascht, dass die alte Buchhandlung wirklich wieder öffnete. Lena bezahlte die Anzahlungen aus dem Vorschuss, der bereits eingegangen war, und spürte, wie sich eine stetige Ruhe in ihrer Brust einstellte.
Um drei Uhr klingelte ihr Handy. Unbekannte Nummer. Sie wusste es, bevor sie abnahm.
„Lena.“ Adrians Stimme hatte dieselbe kontrollierte Ruhe. „Ich habe nachgedacht.“
Sie trat ins Hinterzimmer und schloss die Tür. „Hast du das?“
„Die Frist. Freitag war zu früh angesetzt. Das sehe ich jetzt ein.“ Eine kurze Pause. „Ich verlängere sie. Zwei Monate ab heute. Das sollte dir genug Zeit geben, es richtig zu überlegen.“
Lena lehnte sich an die Wand. „Warum?“
„Spielt das eine Rolle? Du hast zwei Monate. Nutze sie gut. Das Angebot steht weiterhin, und es wird fair bleiben. Danach kehren die anderen Optionen zurück.“
Sie schloss die Augen. „Ich habe es dir schon gesagt. Ich verkaufe nicht.“
„Dann nutze die Zeit, um deine Meinung zu ändern“, sagte er. „Oder auch nicht. So oder so, ich werde am Ende davon hier sein.“
Der Anruf endete. Lena blieb im Hinterzimmer, bis ihr Atem sich beruhigt hatte. Zwei Monate. Es war ein Aufschub, kein Sieg. Trotzdem war es Zeit, die sie an diesem Morgen noch nicht besessen hatte.
Sie kehrte zum Tresen zurück und öffnete das Notizbuch ihrer Mutter. Auf einer neuen Seite schrieb sie das neue Datum, zwei Monate in der Zukunft, und unterstrich es einmal. Dann wandte sie sich wieder der Bestandsliste zu und arbeitete weiter.
Kurz vor Ladenschluss schloss sie die Tür ab und ging nach oben. Sie bereitete eine einfache Mahlzeit aus den Lebensmitteln zu, die sie zuvor gekauft hatte, setzte sich an den Tisch und schlug den Roman auf. Sie aß langsam, blätterte zwischen den Bissen um und ließ die ruhige Geschichte sich über die gemischten Gefühle des Tages legen. Der Vertrag. Das Geld. Toms lockeres Gespräch und die Art, wie sie ihn endlich richtig wahrgenommen hatte. Adrians unerwartete Verlängerung und die Warnung darunter.
Als sie mit dem Essen fertig war, öffnete sie den Laptop und fügte alles dem Memoir hinzu. Die Worte kamen stetig. Sie schrieb, bis der Regen aufhörte und die Straßenlaternen draußen zu flackern begannen.
Später stand sie eine Weile am Fenster, schaltete dann die Lichter aus und legte sich hin. Der Schlaf kam leichter als in den Tagen zuvor. Der letzte klare Gedanke, bevor sie einschlief, war einfach. Zwei Monate waren nicht für immer, aber es war genug, um anzufangen.
Samstagmorgen kam mit Kopfschmerzen, die Lena bei weitem nicht so verdient hatte, wie sie sich anfühlten. Sie lag lange still da, starrte an die Decke und ließ die Ereignisse der letzten Nacht nach und nach wieder auftauchen: den Champagner, die zweite Flasche, Claire, die am Arm eines Fremden in der Nacht verschwand, und Toms Hand an ihrer Wange, und die Art, wie sie sich zurückgezogen hatte.Sie griff nach ihrem Handy, bevor sie wirklich bereit dazu war. Keine neue Nachricht von Tom, nur ihre eigene SMS von letzter Nacht, die dort einsam stand. Sicher zu Hause. Sie starrte einen Moment zu lange darauf, legte das Handy dann mit dem Display nach unten aufs Kissen und presste den Handballen gegen die Augen.Es summte eine Minute später erneut. Claire.Am Leben. Etwas reumütig. Sein Name war anscheinend Marcus, und Gott sei Dank war er kein Psycho, weil ich ihm vorher null Informationen zum Arbeiten gegeben habe. 10/10, würde ich als Strategie nicht empfehlen. Wie geht's meinem Bruder?
Lena bürstete ihr Haar und ließ es offen über die Schultern fallen. Sie trug ein rosa geblümtes Kleid und Slipper, legte ein wenig Make-up auf und ging nach draußen. Ihr Handy summte. Sie warf einen Blick darauf, runzelte die Stirn und beendete den Anruf. Einen Moment später schickte Claire ihr die Adresse per SMS, und sie lächelte, hielt ein Taxi an, stieg ein und gab dem Fahrer die Richtung an.Als der Fahrer hielt, bezahlte sie und ging ins Restaurant. In der Tür blieb sie wie erstarrt stehen und schnappte leise nach Luft. Claire winkte, und Lena lächelte und ging zum Tisch, setzte sich, immer noch grinsend.„Wo ist Tom?", fragte Lena, gerade als ein Kellner mit Champagner kam.„Ich glaube, er schämt sich noch ein bisschen wegen des Freesien-Vorfalls – und weil er dir gestern einen schlechten Witz erzählt hat", sagte Claire, und beide lachten.„Und wer hat gesagt, dass es ein schlechter Witz war?", ertönte Toms Stimme. Er beugte sich hinunter, küsste Claire auf die Wange und ließ s
Lena verließ die Wohnung kurz nach halb neun. Der Himmel war klarer als in den Tagen zuvor, obwohl die Luft immer noch diese feuchte Kälte trug. Sie trug einen dunklen Mantel über einem schlichten schwarzen Pullover und Jeans, ihr Haar zu einem niedrigen Pferdeschwanz zurückgebunden. Der Vorschuss vom Verlag war nun vollständig eingegangen. Heute musste sie die endgültigen Unterlagen unterschreiben und den ersten Zahlungsscheck persönlich abholen.Das Verlagsbüro lag auf der anderen Seite der Stadt, fast vierzig Minuten mit dem Bus. Sie ging zur Haltestelle an der Hauptstraße und wartete mit zwei anderen Leuten unter dem kleinen Wartehäuschen. Als der Bus ankam, bezahlte sie mit ihrer Karte und setzte sich in der Mitte hin. Die Fenster waren leicht beschlagen. Sie beobachtete, wie sich die Straßen veränderten, während der Bus durch die vertraute Hauptstraße fuhr, dann am Gewerbegebiet vorbei, dann hinein in die breiteren Straßen, die zum Zentrum führten.Die Fahrt gab ihr Zeit zum Nac
Am nächsten Morgen hatte der Regen aufgehört, doch die Luft trug noch immer diesen feuchten, erdigen Geruch, der nach einer langen Regenperiode entsteht. Tom stand vor dem Flurspiegel und knöpfte ein dunkelgrünes Hemd über einem schlichten schwarzen T-Shirt zu. Den obersten Knopf ließ er offen. Claire kam aus ihrem Zimmer, in einem weichen grauen Pullover und schwarzen Jeans, das Haar zu einem lockeren Pferdeschwanz zurückgebunden. Sie trug einen kleinen, in braunes Papier gewickelten Blumenstrauß.„Du bringst die mit?“, fragte Tom und nickte zu den Blumen.„Du bringst sie mit“, sagte sie und drückte sie ihm in die Hände. „Ich habe sie ausgesucht. Du kannst reden, wenn du willst, aber du trägst sie.“Sie gingen das kurze Stück zur Buchhandlung. Die Einkaufsstraße wirkte reingewaschen. Pfützen standen noch im unebenen Gehweg und spiegelten den grauen Himmel. Ein paar Leute bewegten sich ins und aus dem Café an der Ecke. Das Fenster der alten Buchhandlung fing das schwache Licht ein, un
Claire war schon zu Hause, als Tom zur Tür hereinkam. Der Flur roch schwach nach dem Zitronenreiniger, den sie am Morgen benutzt hatte, und nach der restlichen Wärme des Heizkörpers. Er schüttelte seinen dunklen Regenschirm aus, Wassertropfen verteilten sich auf der Matte, und hängte seine Jacke an den Haken. Der Stoff war unter seinen Händen noch feucht und schwer. Sie blickte vom Sofa auf, ein halb aufgegessenes Sandwich in der einen Hand, ihr Handy in der anderen. Sanftes Lampenlicht sammelte sich um sie herum und erfasste den Rand ihres Haars.„Du bist spät dran“, sagte sie. „Ich dachte, du wolltest nur kurz in der Buchhandlung vorbeischauen.“„Wollte ich auch.“ Tom streifte seine Schuhe ab. Die Dielen fühlten sich kühl an unter seinen Socken. Er ließ sich ans andere Ende des Sofas fallen, das Kissen sackte mit einem leisen Seufzen unter seinem Gewicht ein. „Bin dann doch länger geblieben als geplant.“Claire legte ihr Handy auf die Armlehne. Der Bildschirm wurde dunkel. Sie muste
Freitagmorgen begann wieder mit Regen, sanft und stetig gegen die Fenster. Lena wachte früher als sonst auf und saß eine Minute lang auf der Bettkante, dem Geräusch lauschend. Dann stand sie auf, zog die alten Laken ab und begann, das Zimmer zum ersten Mal seit ihrer Ankunft richtig zu putzen. Sie fegte den Boden, wischte das Fensterbrett ab und schüttelte den Vorhang aus, der tagelang schlaff herabgehangen hatte. Staub stieg auf und legte sich wieder. Als das Zimmer weniger verlassen aussah, ließ sie ein Bad ein.Das Wasser war nur lauwarm, aber sie blieb darin, bis ihre Schultern sich lösten. Sie wusch ihr Haar mit dem billigen Shampoo, das sie mitgebracht hatte, spülte es aus und wickelte sich in das dünne Handtuch, das schwach nach dem Schrank roch. Danach zog sie frische Kleidung an, machte Toast und Tee und aß Frühstück am kleinen Tisch, während draußen der Regen weiterging. Die einfache Handlung, sich zum Essen hinzusetzen, fühlte sich fast normal an.Als die Teller gespült war







