LOGINAm Samstagmorgen summt die Schule wie ein zertretener Bienenstock. Nicole spürt es schon am Tor. Die Blicke wenden sich zu schnell ab, die Geflüster verstummen auf ihrem Weg. Sie spürt unsichtbare Stiche in ihrem Rücken, eine dichtere Feindseligkeit als sonst.Im Englischunterricht schließt sich die Falle. Eine Schülerin in der dritten Reihe dreht sich um und hält ihr ostentativ ihr Handy hin.„Hier, die Alphas-Schlampe. Das bist du auf dem Foto, oder?“Nicole senkt den Blick.Das Bild erscheint im Vollbild: sie und Dante im Wald, ihre Stirnen, die sich berühren, die Intimität eingefangen wie eine Trophäe.Die Bildunterschrift lässt keinen Zweifel an der Absicht dessen, der oder die es gepostet hat.Nicoles Blut gefriert. Ihre Finger beginnen zu zittern.Der Lehrer greift ein, konfisziert das Handy, aber der Schaden ist angerichtet. Den ganzen Vormittag über erduldet Nicole einen Regen giftiger Murmeleien.„Schlampe“, „leichtes Mädchen“, „sie schläft mit beiden, glaubst du?“ Die Worte
Agatha ist nicht dumm. Sie spürt die Veränderung der Atmosphäre um Nicole wie der Wolf das Blut einer Beute kilometerweit riecht. Seit die Zwillinge ihr in der Schule eine Art Distanz auferlegt haben, ist sie doppelt wachsam. Etwas stimmt nicht. Warum beschützen Damien und Dante, die begehrtesten Alphas des Territoriums, weiterhin diese geruchlose Menschenfrau, sogar im Geheimen? Sie beschließt, zur Tat zu schreiten. Eines Dienstagmorgens zitiert sie Lucas herbei, einen unauffälligen Schüler der elften Klasse, bekannt dafür, sich beim Fotoclub herumzutreiben und die Gabe zu haben, unbemerkt zu bleiben. Er ist nicht beliebt, aber er ist begabt mit einem Objektiv. Agatha schnappt ihn sich neben dem Druckerraum. „Ich habe einen Job für dich“, flüstert sie und lässt einen Geldschein zwischen ihren Fingern glänzen. „Du folgst dem Omega. Überallhin, wo sie nach dem Unterricht hingeht. Wald, Umkleiden, was du willst. Du machst Fotos. Und wenn du einen meiner Adoptivbrüder mit ihr siehst, s
Die folgenden Tage glichen einer seltsamen Partitur, die in zwei verschiedenen Rhythmen gespielt wurde. In der Schule mieden Damien und Dante Nicole mit fast perfekter Konsequenz. In den Fluren gingen ihre Blicke durch sie hindurch, als wäre sie transparent. In der Mensa aßen sie umgeben von ihrem üblichen Hofstaat, Agatha an erster Stelle, und kein einziges Mal ließen sie ihre Augen auf den kleinen Tisch fallen, an dem Nicole allein saß. Die Schüler erzählten, die Lykan-Alphas hätten endlich wieder Vernunft angenommen, das „geruchlose Omega“ interessiere sie nicht mehr. Nicole tat so, als glaubte sie es. Sie senkte den Kopf über ihre Hefte und schluckte die Fragen hinunter, die ihr auf der Zunge brannten. Doch nachts änderte sich alles. Am ersten Abend entdeckte sie einen gefalteten Zettel, der unter der Tür ihres Zimmers bei ihrer Mutter durchgeschoben worden war. Die Schrift war kantig, geneigt, an einer Stelle fleckig, als hätte die Hand gezögert. Es war ein Gedicht. Die
Die Jungenumkleide riecht nach Schweiß, billigem Reinigungsmittel und einem wilderen Geruch, den die Reinigung nie ganz auslöscht. Nicole hat hier nichts zu suchen.Sie weiß es. Trotzdem hat sie es nach dem nächtlichen Training am Vorabend nicht lassen können, Damien zu folgen, als dieser durch die Tür der Turnhalle verschwunden ist.Dante wird vom Trainer aufgehalten, um die Zeiten des letzten Intervalltrainings zu analysieren.Sie ist zum ersten Mal seit dem gestohlenen Kuss seines Bruders allein mit dem Älteren, diese Episode aus Kapitel achtzehn, die noch immer ihre Nächte heimsucht.Damien steht mit dem Rücken zu ihr vor einem offenen Spind. Er hat sein Sport-T-Shirt ausgezogen.Die Muskeln seines Rückens spannen sich an, während er in seiner Tasche wühlt.Er muss wissen, dass sie da ist.Mit seinen Wolfsinstinkten wäre es unmöglich, dass er ihren Schritt oder ihren Geruch nicht erkannt hat. Trotzdem dreht er sich nicht um.„Du solltest nicht hier sein“, sagt er mit dumpfer Stimm
Die Nacht ist vor einer Stunde über das Land hereingebrochen, als Nicole den Rand des Silberwaldes erreicht. Dantes Nachricht hatte nur eine Adresse und drei Worte enthalten: „Mitternacht. Sei pünktlich.“ Schweigend hat sie ihre Laufkleidung angezogen. Ihr Herz schlägt dabei wie eine drohende Warnung. Seit die Zwillinge ihr dieses tägliche Training auferlegt haben, lebt sie ständig am Rande des Abgrunds. Offiziell bereitet sie sich auf die regionale Crosslaufmeisterschaft vor. Inoffiziell ist es eine Art Kontrolle, die sie nicht ganz versteht. Sie haben ein Gebiet um sie herum abgesteckt, als wäre es ein Käfig, dessen Gitterstäbe aus Schatten und Blicken bestehen. Der Wald empfängt sie mit seinem feuchten Atem. Die Stämme der Eichen glänzen im Licht des fast vollen Mondes, und die Farnwedel bewegen sich, obwohl kein Wind weht. Nicole bleibt am ersten Waldweg stehen. Sie nimmt einen moschusartigen, beinahe elektrisierenden Geruch wahr, der nichts mit dem gewöhnlichen Duft von E
Die Woche nach Madame Delcourts Entscheidung ist die seltsamste, die Nicole je erlebt hat.Am Montagmorgen erscheint sie mit ihren Krücken am Gymnasium. Vor dem Eingang entdeckt sie Damien und Dante, die nebeneinanderstehen und die Arme vor der Brust verschränkt haben.Beide tragen Sportkleidung: schwarze Trainingsanzüge und Turnschuhe.Es sieht ganz so aus, als hätten sie auf sie gewartet.Nicole bleibt einige Meter entfernt stehen und betrachtet sie misstrauisch. Seit der Szene auf dem Flur hat sie Damien nicht mehr gesehen.Dante hingegen hat ihr eine knappe Nachricht geschickt: „Treffen am Montagmorgen.“ Darauf hat sie nicht geantwortet.Sie weiß nicht, was sie erwartet.Nach dem gestohlenen Kuss, nach Damiens Flucht und nach der Demütigung im Büro der Direktorin ist sie sich über nichts mehr sicher.Sie weiß nicht einmal mehr, was sie für die beiden empfindet.Wut, Verlangen, Angst und Dankbarkeit vermischen sich zu einem unentwirrbaren Knoten.Damien macht einen Schritt nach vor







