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Kapitel —3

Autor: Erna Arden
last update Fecha de publicación: 2026-08-21 15:23:38

Kapitel 3

Nicole hört auf zu atmen. In ihrem Inneren geschieht etwas. Etwas, das sie noch nie zuvor gespürt hat.

Eine unerklärliche Wärme entsteht in der Mitte ihrer Brust und breitet sich wie ein Lavastrom in ihren Adern aus.

Ihre Finger beginnen am Trageriemen ihrer Tasche zu zittern. Ihre Beine werden weich wie Watte.

Das ist keine Anziehung.

Es ist mehr als das. Es ist ein Wiedererkennen. Ein Rufen. Als würde jede Zelle ihres Körpers einen Namen schreien, den sie noch nicht kennt.

Der Junge mit den grauen Augen Damien, seinen Namen wird sie bald erfahren starrt sie mit vernichtender Intensität an. Seine Nasenflügel weiten sich leicht, als nähme er einen Geruch wahr. Seine Pupillen vergrößern sich und verschlingen das Silber seiner Iris. Seine rechte Hand hebt sich langsam vom Tisch, als wollte er die Finger nach ihr ausstrecken, doch im letzten Moment besinnt er sich und legt sie flach auf das Holz zurück.

„Setz dich.“

Seine Stimme ist tief, rau und schwingt mit einer natürlichen Autorität, die nichts mit jugendlicher Arroganz zu tun hat. Es ist die Stimme von jemandem, der seit jeher Befehle erteilt und erwartet, dass ihm gehorcht wird. Aber da ist noch etwas anderes darin. Ein winziger Riss. Eine Spannung, die dreißig Sekunden zuvor noch nicht da gewesen ist.

Der andere Junge – Dante – sagt nichts. Seine schwarzen Augen wandern mit einem Ausdruck intensiver Neugier von Nicole zu seinem Bruder. Dann schiebt er die Taschen, die den freien Stuhl blockieren, ein wenig beiseite und gibt den Platz frei mit einer Geste, die zugleich Einladung und Warnung ist.

Nicole setzt sich.

Das Holz des Stuhls ist kalt unter ihren Oberschenkeln. Der Tisch ist übersät mit alten Kritzeleien, Initialen, die von Generationen von Schülern in den Lack geritzt wurden. Sie stellt ihre Tasche zu ihren Füßen ab, holt ein Heft und einen Stift heraus. Ihre Bewegungen sind mechanisch, automatisch, während ihr Geist ganz woanders ist, gefangen in dem, was gerade geschehen ist.

Sie wagt es nicht mehr, die beiden Jungen anzusehen. Sie starrt auf die Tafel, ohne sie wirklich zu sehen, auf den Lehrer, ohne ihm zuzuhören. Die Wärme in ihrer Brust will nicht erlöschen. Sie brennt leise und beständig wie eine Glut, die unter der Asche verborgen liegt.

Die Minuten vergehen mit unerträglicher Langsamkeit.

Sie spürt ihre Anwesenheit auf beiden Seiten, ohne den Kopf drehen zu müssen.

Der am Fenster eine elektrische Spannung, ein Magnetfeld, das die Luft um ihn herum vibrieren lässt. Der auf der anderen Seite eine brennende Aufmerksamkeit, ein Blick, der auf ihrem Nacken lastet wie eine Liebkosung und eine Bedrohung zugleich.

Einmal wagt sie einen verstohlenen Blick nach rechts.

Dante beobachtet sie noch immer, die Arme noch immer verschränkt, die Augen noch immer schwarz und undurchdringlich.

Er lächelt nicht. Er wendet den Blick nicht ab. Er starrt sie mit einer verblüffenden Offenheit an, als hätte er die gesellschaftlichen Regeln, die es verbieten, Fremde anzustarren, nie gelernt.

Sie dreht den Kopf nach links. Damien blickt wieder aus dem Fenster, aber etwas in seiner Haltung hat sich verändert. Seine Schultern sind angespannter. Sein Kiefer ist verkrampfter. Die Ader an seiner Schläfe pulsiert sichtbar.

So vergeht die Stunde, aufgehängt in einer unwirklichen Atmosphäre.

Als endlich die Schulglocke schrillt und die Stille wie eine Alarmsirene zerreißt, zuckt Nicole heftig zusammen. Um sie herum erheben sich die Schüler in einem Stimmengewirr aus rutschenden Stühlen, wieder aufgenommenen Gesprächen und aufblitzendem Gelächter. Sie packt ihre Sachen mit hastigen Bewegungen, eilig zu fliehen, wieder an die frische Luft zu kommen, diesem bedrückenden Gefühl zu entkommen, das sie nicht mehr losgelassen hat, seit sie sich gesetzt hat.

Sie steht zu schnell auf, stolpert beinahe über den Riemen ihrer Tasche, und eine Hand schließt sich um ihren Arm, um sie zu stabilisieren.

Damiens Hand.

Die Berührung ist elektrisch. Ein stiller Schock, der ihren Arm hinauf und durch ihren ganzen Körper schießt. Sie hebt den Blick zu ihm, das Herz rast. Er steht, größer, als sie gedacht hätte. Er überragt sie um einen ganzen Kopf. Seine grauen Augen sind noch immer unergründlich, aber nun liegt ein Schimmer darin. Etwas Wildes und Hungriges, das sie frösteln lässt.

„Pass auf.“

Zwei Worte. Mit dumpfer, fast drohender Stimme gesprochen. Dann lässt er ihren Arm los, als würde die Berührung seine Finger verbrennen, packt seine Tasche mit einer brüsken Bewegung und verlässt den Raum, ohne sich umzudrehen.

Dante geht nun ebenfalls an ihr vorbei. Er ist genauso groß wie sein Bruder, aber seine Bewegungen sind fließender, weniger abrupt, wie die eines Tänzers oder einer Raubkatze. Für den Bruchteil einer Sekunde bleibt er auf ihrer Höhe stehen.

„Bis morgen, Nicole Blanchard.“

Er kennt ihren Namen. Er hat ihn sich gemerkt. Er spricht ihn mit einer verblüffenden Vertrautheit aus, als würden sie sich seit jeher kennen, als hätte dieser Name schon immer seinen Platz auf seinen Lippen gehabt.

Dann verschwindet auch er, verschluckt von der Schülerschar, die sich in den Flur ergießt.

Nicole bleibt mitten im leeren Klassenzimmer stehen, zitternd und orientierungslos. Ihre Hand legt sich auf ihren Unterarm, dort, wo Damien sie berührt hat.

Die Haut ist noch warm. Als hätten sich die Abdrücke seiner Finger dort eingeprägt.

Was ist gerade passiert?

Sie schüttelt sich, sammelt ihre Sachen ein und verlässt ebenfalls den Raum.

Der Flur ist überfüllt, laut und stickig. Sie bahnt sich einen Weg durch die dichte Menge und sucht verzweifelt nach einem Ausgang, einem Atemzug frischer Luft, einem Ort, an dem sie ihre wirren Gedanken ablegen kann.

Sie versteht nicht, was mit ihr geschieht. Sie versteht diese instinktive, animalische Reaktion nicht, die in dem Moment, als sich ihre Blicke kreuzten, in ihr ausgelöst wurde. So etwas hat sie noch nie gespürt. Sie wusste nicht einmal, dass man so etwas spüren kann.

Das ist Wahnsinn.

Das ist Erschöpfung. Das ist der Stress des ersten Tages.

Sie wiederholt diese Sätze wie Mantras, während sie die Treppe hinuntergeht, die Eingangshalle durchquert und schließlich die Tür aufstößt, die auf den Hof führt.

Die frische Luft strömt wie ein Segen in ihre Lungen.

Der Nebel hat sich gelichtet und einer blassen Sonne Platz gemacht, die kaum vermag, die Atmosphäre zu erwärmen.

Auf der Freitreppe bleibt sie stehen. Schließt die Augen. Atmet tief ein.

Als sie die Augen wieder öffnet, entdeckt sie auf der anderen Seite des Hofes, nahe dem Gebäude, in dem die Bibliothek untergebracht ist, eine vertraute Gestalt. Ihre Mutter.

Claire Blanchard steht auf der Schwelle der großen Glastür, einen Aktenordner im Arm. Sie trägt ihre ewige Blümchenbluse, die sie an wichtigen Tagen anzieht.

Ihr kastanienbraunes Haar ist zu einem lockeren Dutt hochgesteckt, aus dem sich ein paar widerspenstige Strähnen lösen. Sie hat ihre Tochter nicht gesehen.

Sie spricht mit einer Kollegin, lächelt und nickt mit jener sanften, geduldigen Miene, die sie auszeichnet.

Nicoles Kehle schnürt sich plötzlich zu.

Ihre Mutter ist da. Ihre Mutter ist seit heute Morgen hier, räumt Bücher ein, katalogisiert Werke, bereitet ihre neue Stelle vor. Sie hat keine Ahnung, was ihre Tochter gerade erlebt hat. Sie kann es nicht wissen. Niemand kann es wissen.

Und doch treibt etwas Nicole dazu, den Hof zu überqueren. Ein unwiderstehliches Bedürfnis, sich dieser beruhigenden Gegenwart zu nähern, diesem vertrauten Gesicht in einer feindseligen Umgebung. Sie hat die Hälfte der Strecke zurückgelegt, als ihre Mutter aufblickt und sie sieht.

Claires Lächeln wird sofort breiter. Sie sagt ihrer Kollegin ein paar Worte, legt den Ordner auf einen Tisch im Inneren ab und kommt heraus, um ihrer Tochter entgegenzugehen.

„Nicole! Na, wie war die erste Stunde?“

Ihre Stimme ist warm und munter, voller Optimismus, der in diesem kalten Steinhof fast fehl am Platz wirkt. Nicole öffnet den Mund, um zu antworten, aber kein Ton kommt heraus.

Die Worte bleiben ihr im Hals stecken, blockiert von einem Damm aus widersprüchlichen Gefühlen.

Sie kann nicht erzählen. Nicht jetzt. Noch nicht. Vielleicht nie. „Es... es geht. Es ist anders“, log sie.

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