LOGINKapitel 3
Nicole hört auf zu atmen. In ihrem Inneren geschieht etwas. Etwas, das sie noch nie zuvor gespürt hat. Eine unerklärliche Wärme entsteht in der Mitte ihrer Brust und breitet sich wie ein Lavastrom in ihren Adern aus. Ihre Finger beginnen am Trageriemen ihrer Tasche zu zittern. Ihre Beine werden weich wie Watte. Das ist keine Anziehung. Es ist mehr als das. Es ist ein Wiedererkennen. Ein Rufen. Als würde jede Zelle ihres Körpers einen Namen schreien, den sie noch nicht kennt. Der Junge mit den grauen Augen Damien, seinen Namen wird sie bald erfahren starrt sie mit vernichtender Intensität an. Seine Nasenflügel weiten sich leicht, als nähme er einen Geruch wahr. Seine Pupillen vergrößern sich und verschlingen das Silber seiner Iris. Seine rechte Hand hebt sich langsam vom Tisch, als wollte er die Finger nach ihr ausstrecken, doch im letzten Moment besinnt er sich und legt sie flach auf das Holz zurück. „Setz dich.“ Seine Stimme ist tief, rau und schwingt mit einer natürlichen Autorität, die nichts mit jugendlicher Arroganz zu tun hat. Es ist die Stimme von jemandem, der seit jeher Befehle erteilt und erwartet, dass ihm gehorcht wird. Aber da ist noch etwas anderes darin. Ein winziger Riss. Eine Spannung, die dreißig Sekunden zuvor noch nicht da gewesen ist. Der andere Junge – Dante – sagt nichts. Seine schwarzen Augen wandern mit einem Ausdruck intensiver Neugier von Nicole zu seinem Bruder. Dann schiebt er die Taschen, die den freien Stuhl blockieren, ein wenig beiseite und gibt den Platz frei mit einer Geste, die zugleich Einladung und Warnung ist. Nicole setzt sich. Das Holz des Stuhls ist kalt unter ihren Oberschenkeln. Der Tisch ist übersät mit alten Kritzeleien, Initialen, die von Generationen von Schülern in den Lack geritzt wurden. Sie stellt ihre Tasche zu ihren Füßen ab, holt ein Heft und einen Stift heraus. Ihre Bewegungen sind mechanisch, automatisch, während ihr Geist ganz woanders ist, gefangen in dem, was gerade geschehen ist. Sie wagt es nicht mehr, die beiden Jungen anzusehen. Sie starrt auf die Tafel, ohne sie wirklich zu sehen, auf den Lehrer, ohne ihm zuzuhören. Die Wärme in ihrer Brust will nicht erlöschen. Sie brennt leise und beständig wie eine Glut, die unter der Asche verborgen liegt. Die Minuten vergehen mit unerträglicher Langsamkeit. Sie spürt ihre Anwesenheit auf beiden Seiten, ohne den Kopf drehen zu müssen. Der am Fenster eine elektrische Spannung, ein Magnetfeld, das die Luft um ihn herum vibrieren lässt. Der auf der anderen Seite eine brennende Aufmerksamkeit, ein Blick, der auf ihrem Nacken lastet wie eine Liebkosung und eine Bedrohung zugleich. Einmal wagt sie einen verstohlenen Blick nach rechts. Dante beobachtet sie noch immer, die Arme noch immer verschränkt, die Augen noch immer schwarz und undurchdringlich. Er lächelt nicht. Er wendet den Blick nicht ab. Er starrt sie mit einer verblüffenden Offenheit an, als hätte er die gesellschaftlichen Regeln, die es verbieten, Fremde anzustarren, nie gelernt. Sie dreht den Kopf nach links. Damien blickt wieder aus dem Fenster, aber etwas in seiner Haltung hat sich verändert. Seine Schultern sind angespannter. Sein Kiefer ist verkrampfter. Die Ader an seiner Schläfe pulsiert sichtbar. So vergeht die Stunde, aufgehängt in einer unwirklichen Atmosphäre. Als endlich die Schulglocke schrillt und die Stille wie eine Alarmsirene zerreißt, zuckt Nicole heftig zusammen. Um sie herum erheben sich die Schüler in einem Stimmengewirr aus rutschenden Stühlen, wieder aufgenommenen Gesprächen und aufblitzendem Gelächter. Sie packt ihre Sachen mit hastigen Bewegungen, eilig zu fliehen, wieder an die frische Luft zu kommen, diesem bedrückenden Gefühl zu entkommen, das sie nicht mehr losgelassen hat, seit sie sich gesetzt hat. Sie steht zu schnell auf, stolpert beinahe über den Riemen ihrer Tasche, und eine Hand schließt sich um ihren Arm, um sie zu stabilisieren. Damiens Hand. Die Berührung ist elektrisch. Ein stiller Schock, der ihren Arm hinauf und durch ihren ganzen Körper schießt. Sie hebt den Blick zu ihm, das Herz rast. Er steht, größer, als sie gedacht hätte. Er überragt sie um einen ganzen Kopf. Seine grauen Augen sind noch immer unergründlich, aber nun liegt ein Schimmer darin. Etwas Wildes und Hungriges, das sie frösteln lässt. „Pass auf.“ Zwei Worte. Mit dumpfer, fast drohender Stimme gesprochen. Dann lässt er ihren Arm los, als würde die Berührung seine Finger verbrennen, packt seine Tasche mit einer brüsken Bewegung und verlässt den Raum, ohne sich umzudrehen. Dante geht nun ebenfalls an ihr vorbei. Er ist genauso groß wie sein Bruder, aber seine Bewegungen sind fließender, weniger abrupt, wie die eines Tänzers oder einer Raubkatze. Für den Bruchteil einer Sekunde bleibt er auf ihrer Höhe stehen. „Bis morgen, Nicole Blanchard.“ Er kennt ihren Namen. Er hat ihn sich gemerkt. Er spricht ihn mit einer verblüffenden Vertrautheit aus, als würden sie sich seit jeher kennen, als hätte dieser Name schon immer seinen Platz auf seinen Lippen gehabt. Dann verschwindet auch er, verschluckt von der Schülerschar, die sich in den Flur ergießt. Nicole bleibt mitten im leeren Klassenzimmer stehen, zitternd und orientierungslos. Ihre Hand legt sich auf ihren Unterarm, dort, wo Damien sie berührt hat. Die Haut ist noch warm. Als hätten sich die Abdrücke seiner Finger dort eingeprägt. Was ist gerade passiert? Sie schüttelt sich, sammelt ihre Sachen ein und verlässt ebenfalls den Raum. Der Flur ist überfüllt, laut und stickig. Sie bahnt sich einen Weg durch die dichte Menge und sucht verzweifelt nach einem Ausgang, einem Atemzug frischer Luft, einem Ort, an dem sie ihre wirren Gedanken ablegen kann. Sie versteht nicht, was mit ihr geschieht. Sie versteht diese instinktive, animalische Reaktion nicht, die in dem Moment, als sich ihre Blicke kreuzten, in ihr ausgelöst wurde. So etwas hat sie noch nie gespürt. Sie wusste nicht einmal, dass man so etwas spüren kann. Das ist Wahnsinn. Das ist Erschöpfung. Das ist der Stress des ersten Tages. Sie wiederholt diese Sätze wie Mantras, während sie die Treppe hinuntergeht, die Eingangshalle durchquert und schließlich die Tür aufstößt, die auf den Hof führt. Die frische Luft strömt wie ein Segen in ihre Lungen. Der Nebel hat sich gelichtet und einer blassen Sonne Platz gemacht, die kaum vermag, die Atmosphäre zu erwärmen. Auf der Freitreppe bleibt sie stehen. Schließt die Augen. Atmet tief ein. Als sie die Augen wieder öffnet, entdeckt sie auf der anderen Seite des Hofes, nahe dem Gebäude, in dem die Bibliothek untergebracht ist, eine vertraute Gestalt. Ihre Mutter. Claire Blanchard steht auf der Schwelle der großen Glastür, einen Aktenordner im Arm. Sie trägt ihre ewige Blümchenbluse, die sie an wichtigen Tagen anzieht. Ihr kastanienbraunes Haar ist zu einem lockeren Dutt hochgesteckt, aus dem sich ein paar widerspenstige Strähnen lösen. Sie hat ihre Tochter nicht gesehen. Sie spricht mit einer Kollegin, lächelt und nickt mit jener sanften, geduldigen Miene, die sie auszeichnet. Nicoles Kehle schnürt sich plötzlich zu. Ihre Mutter ist da. Ihre Mutter ist seit heute Morgen hier, räumt Bücher ein, katalogisiert Werke, bereitet ihre neue Stelle vor. Sie hat keine Ahnung, was ihre Tochter gerade erlebt hat. Sie kann es nicht wissen. Niemand kann es wissen. Und doch treibt etwas Nicole dazu, den Hof zu überqueren. Ein unwiderstehliches Bedürfnis, sich dieser beruhigenden Gegenwart zu nähern, diesem vertrauten Gesicht in einer feindseligen Umgebung. Sie hat die Hälfte der Strecke zurückgelegt, als ihre Mutter aufblickt und sie sieht. Claires Lächeln wird sofort breiter. Sie sagt ihrer Kollegin ein paar Worte, legt den Ordner auf einen Tisch im Inneren ab und kommt heraus, um ihrer Tochter entgegenzugehen. „Nicole! Na, wie war die erste Stunde?“ Ihre Stimme ist warm und munter, voller Optimismus, der in diesem kalten Steinhof fast fehl am Platz wirkt. Nicole öffnet den Mund, um zu antworten, aber kein Ton kommt heraus. Die Worte bleiben ihr im Hals stecken, blockiert von einem Damm aus widersprüchlichen Gefühlen. Sie kann nicht erzählen. Nicht jetzt. Noch nicht. Vielleicht nie. „Es... es geht. Es ist anders“, log sie.Kapitel 24Die Nacht bricht vollständig herein.Die Krankenschwester ist zurückgekommen, hat Nicoles Vitalwerte überprüft, ihr eine Schmerztablette und ein Glas Wasser gegeben und ist dann in das kleine angrenzende Büro zurückgekehrt.Nicole hört das Klappern ihrer Tastatur durch die Trennwand.Sie schläft nicht.Sie kann nicht schlafen. Jedes Mal, wenn sie die Augen schließt, spürt sie die Erde, die sich unter ihren Füßen entzieht, die Leere, den Sturz.Und dann ist da dieser Satz, der sich in ihrem Geist im Kreis dreht:Du bist nicht irgendjemand.Was wollen sie damit sagen? Warum interessieren sich die Zwillinge so sehr für sie? Warum will ihre Mutter, die Alpha-Frau, sie besuchen?Nicole hat keine Antworten.Nur Fragen und eine dumpfe Angst, die in ihrer Brust wächst.Gegen dreiundzwanzig Uhr öffnet sich die Tür der Krankenstation geräuschlos. Nicole, die vor sich hin gedöst hat, öffnet sofort die Augen. Eine vertraute Silhouette schlüpft in den Raum.Claire Blanchard, ihre Mutter
Die Krankenstation des Silberholz-Gymnasiums riecht nach Desinfektionsmittel und Lindenblüten.Es ist ein Geruch, den Nicole gut kennt, hat sie doch zu Beginn des Jahres ein paar Stunden hier verbracht, nach einem versehentlichen Zusammenstoß auf der Treppe.Der Raum ist klein, sauber, eingerichtet mit einem Pflegebett, einem verglasten Medikamentenschrank und einem Schreibtisch, auf dem ein verstaubter Computer thront.Das Fenster geht zum Innenhof.An diesem späten Nachmittag zeichnet das schwindende Licht goldene Rechtecke auf den grauen Linoleumboden.Nicole erwacht in aufeinanderfolgenden Stufen aus dem Schlaf.Zuerst nimmt sie den Schmerz wahr, ein dumpfes Pulsieren in ihrem rechten Knöchel. Dann die Kälte des Lakens auf ihren Beinen.Dann das Geräusch. Ein regelmäßiges Piepen, irgendwo zu ihrer Linken. Ein Herzmonitor.Als sie die Augen öffnet, tanzt die weiße Decke der Krankenstation vor ihr. Sie blinzelt mehrmals, um ihre Sicht anzupassen.Ihr Mund ist trocken, pelzig.Sie dr
Damien stürzt sich buchstäblich auf sie, seine Hände fahren über ihr Gesicht, ihren Hals, ihre Schultern. Seine schwarzen Augen sind geweitet, fast vollständig von den Pupillen verschlungen. Sein Atem ist ein raues Keuchen. Blut läuft über seine Stirn – er muss sich bei seinem wahnsinnigen Lauf verletzt haben, aber er scheint es nicht einmal zu spüren. „Nicole! Verdammt, Nicole! Antworte mir!“ Seine Stimme ist ein ersticktes Brüllen. Er hebt sanft den Kopf des Mädchens an, tastet ihren Nacken nach einer Wunde ab. Nicole versucht zu sprechen, doch nur ein Stöhnen verlässt ihre Lippen. „Sei still, beweg dich nicht“, befiehlt er mit bleicher Stimme. „Du bist von hoch oben gefallen. Dein Knöchel …“ Er verstummt. Sein Blick gleitet an Nicoles Körper hinab, bleibt an ihrem rechten Bein hängen, das in einem unnatürlichen Winkel verdreht ist. Er erblasst. Nicole folgt seinem Blick und versteht. Der Schmerz, den sie bis jetzt nur diffus gespürt hatte, explodiert plötzlich in seiner
Der Extrem-Cross des Silberholz-Gymnasiums ist alles andere als ein gewöhnliches Rennen.Die Strecke, die Trainer Reynard selbst angelegt hat, schlängelt sich durch den dichten Wald, der den Campus säumt, führt über steile Pfade, durchquert eisige Bäche und verläuft entlang gefährlicher Bergkämme.An diesem Novembermorgen hängt der Himmel tief über den kahlen Bäumen.Ein träger Nebel klammert sich an die Farne. Die Kälte beißt in die Wangen der Schüler, die sich am Startpunkt versammelt haben.Nicole steht abseits der Gruppe, die Arme vor der Brust verschränkt, um etwas Wärme zu bewahren.Sie trägt ihre alte schwarze Radlerhose und ein marineblaues Thermooberteil. Ihre Trail-Schuhe, abgenutzt, aber sauber, knirschen auf dem Kies, als sie nervös auf der Stelle tritt.Sie weiß, dass sie sich niemals für diesen Wettkampf hätte anmelden dürfen. Der Extrem-Cross ist freiwillig, den besten Läufern des Gymnasiums vorbehalten. Doch als Agatha sie vor der ganzen Klasse herausforderte, mitten i
Niemand wusste, was zu erwarten war.« Sie hat keine Wölfin. Nicht die geringste Spur lycanthropischer Essenz. Sie ist zu hundert Prozent menschlich, zumindest dem Anschein nach. Und trotzdem … eure Reaktion trügt nicht. Eure Wölfe haben sie erkannt. »Damien ballt die Fäuste.« Vater, wenn Sie wüssten, wie schwer das ist …— Ich weiß. »Alarics Stimme wird sanfter, fast väterlich – eine Seltenheit, die nur einen Augenblick dauert.« Ich weiß, was es heißt, seine Gefährtin zu erkennen. Ich habe es mit eurer Mutter erlebt. Als Morgane in mein Leben trat, war ich ein arroganter junger Alpha, überzeugt, alles unter Kontrolle zu haben. Und in einer einzigen Sekunde, einer einzigen Sekunde, wurde ich zum Sklaven ihres Geruchs, ihres Blicks, ihrer Stimme. Ich wäre ihr bis ans Ende der Welt gefolgt. »Er stößt einen langen Seufzer aus.« Aber Morgane ist eine Wölfin. Eine geborene Wölfin, eine vollendete Wölfin, fähig, sich zu verteidigen und das Rudel an meiner Seite zu führen. Diese Mensch
Zwölf Tage zuvor.Die Nacht liegt schwer über dem Territorium des Silberwalds.In dem großen Anwesen der Lycans, einem Bau aus grauem Stein, flankiert von alten Türmen und umgeben von dichtem Wald, stehen zwei Silhouetten auf einer Terrasse, die über das Tal blickt.Der Mond, fast voll, versilbert die Baumkronen und lässt das Fell zweier großer Wölfe glänzen, die auf den Steinplatten ausgestreckt liegen.Damien und Dante sind vor einer Stunde vom Training zurückgekehrt. Sie haben nicht zu Abend gegessen. Sie haben nicht gesprochen. Sie sind direkt hierher hinaufgestiegen, auf diese Terrasse, auf die sie seit ihrer Kindheit kommen, um dem drückenden Blick ihres Vaters zu entkommen.Damien hat sich auf die steinerne Brüstung gesetzt, die Beine ins Leere baumelnd, und starrt in den Horizont, ohne ihn zu sehen. Dante ist stehen geblieben, an eine Säule gelehnt, die Arme vor der Brust verschränkt.Es sind drei Tage her, seit Nicole Blanchard in ihr Leben getreten ist.Drei Tage seit de







