LOGINKapitel 6
Sie bleibt dort stehen, mitten im leeren Flur, unfähig, einen Schritt zu machen. Agathas Worte kreisen in ihrem Kopf, bohren sich wie vergiftete Splitter in ihr Fleisch. Du bist hier nichts. Du hast kein Rudel. Ein Omega ohne Geruch. Sie versteht nicht alles. Sie begreift die Untertöne nicht, die dunklen Anspielungen auf Dinge, die ihr entgehen. Aber die allgemeine Botschaft ist klar. Sie ist nicht willkommen. Sie hätte sich nie auf diesen Platz setzen sollen. Sie hätte heute Morgen auf ihren Instinkt hören sollen, als er ihr zuschrie, sich einen anderen Stuhl zu suchen. Ein Geräusch von Schritten reißt sie aus ihrer Trance. Schwere, gemessene Schritte, die vom Ende des Flurs kommen. Sie hebt den Blick und spürt, wie ihr Blut gefriert. Damien. Er geht allein, die Hände in den Taschen seiner Lederjacke vergraben, die Schultern gebeugt, als trüge er eine unsichtbare Last auf dem Rücken. Seine grauen Augen sind starr geradeaus gerichtet, gleichgültig gegenüber der Welt um ihn herum. Oder zumindest will er das zeigen. Er sieht sie nicht sofort. Er kommt näher, eine dunkle, massige Gestalt, ein einsames Raubtier in einem verlassenen Flur. Doch je näher er kommt, desto langsamer werden seine Schritte, kaum merklich. Sein Kopf dreht sich um einen winzigen Winkel, gerade genug, damit sein Seitenblick sie erfasst. Er bleibt stehen. Er bleibt drei Meter vor ihr stehen, und die Zeit dehnt sich erneut. Nicole hält den Atem an. Sie wünscht, sie wäre irgendwo anders, könnte verschwinden, sich in die Steinwand auflösen. Aber sie bleibt erstarrt, unfähig, sich zu bewegen, wie eine Beute, die vom Blick des Jägers hypnotisiert wird. „Was machst du hier?“ Seine Stimme ist hart. Härter als heute Morgen. In seinem Ton ist keine Spur von Zögern mehr, nur noch rohe Feindseligkeit, die Nicole mit voller Wucht trifft. Kalte Finger legen sich um ihr Herz. „Ich … ich komme aus dem Geschichtsunterricht. Ich gehe zur nächsten Stunde.“ Das ist dumm. Eine dumme, banale, nutzlose Antwort. Aber es ist alles, was ihr einfällt. Damien starrt sie mit einer Intensität an, die sie erschauern lässt. Seine Nasenflügel weiten sich wieder, wie heute Morgen, als suche er einen Geruch. „Du hast mit Agatha gesprochen.“ Wieder keine Frage. Nicole nickt, unfähig zu sprechen. „Was hat sie dir gesagt?“ Sie zögert. Agatha zu verraten wäre Schwäche. Zu schweigen wäre Provokation. Sie wählt einen Mittelweg, eine vorsichtige Halbwahrheit. „Sie hat mir gesagt, dass ich nichts neben euch zu suchen hätte.“ Damien reagiert nicht sofort. Er bleibt vollkommen reglos, die Augen mit undurchdringlichem Ausdruck auf sie gerichtet. Dann tut er etwas Unerwartetes. Er lacht. Ein kurzes, freudloses Lachen, das eher wie ein Knurren klingt. „Ausnahmsweise hat Agatha recht.“ Er tritt einen Schritt auf sie zu, dann noch einen. Er ist jetzt so nah, dass sie die Silbernuancen im Grau seiner Iris erkennt, die winzigen Narben über seiner Braue, die Ader, die unter der straffen Haut seines Halses pulsiert. „Du solltest dich nicht neben uns setzen. Du solltest nicht mit uns sprechen. Du solltest uns nicht einmal ansehen.“ Seine Stimme ist leiser, fast ein Flüstern. Doch sie ist von solcher Intensität erfüllt, dass jedes Wort Nicole wie ein Schlag trifft. „Warum?“ Die Frage entfährt ihr, bevor sie sie zurückhalten kann. Damien blinzelt, überrascht. Dann verschließt sich sein Gesicht, verhärtet sich, wird wieder zu jener steinernen Maske, die er bei seiner Ankunft getragen hat. „Weil.“ Er dreht sich um und geht ohne ein weiteres Wort davon, seine Schritte hallen schwer auf den Steinplatten. Nicole sieht ihm nach, bis er am Ende des Flurs verschwindet, das Herz rast, die Beine zittern. Weil. Weil was? Weil sie ein Omega ohne Geruch ist? Weil sie kein Rudel hat? Weil sie nichts ist, wie Agatha behauptet? Sie weigert sich, das zu akzeptieren. Sie weigert sich, sich von diesen Etiketten bestimmen zu lassen, die sie nicht einmal versteht. Sie ist Nicole Blanchard. Sie existiert. Sie zählt. Auch wenn diese Schule offenbar mit aller Macht versucht, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Sie geht weiter, entschlossener als je zuvor. Die nächste Stunde ist Biologie. Sie braucht etwas Konkretes, Wissenschaftliches, Rationales. Etwas, das sie in die Realität zurückholt, weg von Agathas drohenden Dunkelheiten und Damiens rätselhaften Warnungen. Aber bevor sie ihren Raum aufsucht, macht sie einen Umweg. Einen großen Umweg, der sie auf die andere Seite des Hofes führt, zum Bibliotheksgebäude. Sie braucht es, ihre Mutter zu sehen. Nur einen Augenblick. Nur um sich daran zu erinnern, dass es an dieser Albtraumschule noch einen sicheren Ort gibt. Die Bibliothek ist ein massiver Bau, ein ehemaliges Klostergebäude, das nach Leder, Wachs und altem Papier riecht. Die Regale ragen bis zur gewölbten Decke, voller ledergebundener Bücher, die seit Jahrzehnten nicht geöffnet wurden. Das Licht fällt durch die Buntglasfenster und wirft farbige Flecken auf die Lesetische. Claire Blanchard ist über ein großes Register hinter dem Empfangstresen gebeugt. Ihre Brille sitzt auf der Nasenspitze, ihr Haar löst sich in widerspenstigen Strähnen aus dem Dutt, und sie kaut geistesabwesend am Ende ihres Stifts, während sie eine Liste von Werken durchgeht. Sie ist in ihrem Element. Sie ist glücklich. Nicole bleibt einen Moment auf der Schwelle stehen und betrachtet diese friedliche Szene. Sie hat keine Lust, das Glück ihrer Mutter mit ihren unbedeutenden Schulproblemen zu trüben. Sie will gerade unbemerkt wieder gehen, doch Claire hebt im selben Moment den Blick und sieht sie. „Nicole!“ Das Gesicht ihrer Mutter erhellt sich mit einem so aufrichtigen Lächeln, dass Nicole das Herz eng wird. Sie durchquert die Bibliothek, um zum Tresen zu gelangen, ihre Schritte vom dicken Teppich gedämpft. „Ich habe dich erst heute Abend erwartet. Ist alles in Ordnung?“ „Ja. Alles in Ordnung.“ Claire mustert sie über den Brillenrand hinweg mit jener sanft prüfenden Miene, die sie perfekt beherrscht. „Wirklich?“ „Wirklich, Mama. Ich wollte nur … vorbeikommen und dir Hallo sagen. Sehen, wie du dich einlebst.“ Claire geht um den Tresen herum und legt ihre Hände auf die Schultern ihrer Tochter. Ihre braunen Augen, den Augen Nicoles so ähnlich, mustern ihr Gesicht aufmerksam. „Du bist blass. Hast du zu Mittag gut gegessen?“ „Ja.“ „Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist?“ Nicole zögert. Für den Bruchteil einer Sekunde ist sie versucht, alles zu erzählen. Die seltsamen Blicke, Agathas Feindseligkeit, Damiens Warnungen, dieses Gefühl von Hitze, das seit heute Morgen in ihrer Brust brennt. Aber die Worte kommen nicht. Sie bleiben ihr in der Kehle stecken, gefangen in einer Scheu, die sie sich nicht erklären kann. „Es ist nur der erste Tag. Er ist immer ein bisschen schwierig.“ Claire nickt verständnisvoll. Ihre Daumen massieren sanft die Schultern ihrer Tochter durch den Stoff ihrer Jacke. „Ich weiß, mein Schatz. Das ist eine große Veränderung. Für dich genauso wie für mich. Aber du wirst sehen, es wird gut. Du wirst Freunde finden, dich an die Umgebung gewöhnen, dich zurechtfinden. Und falls es einmal nicht gut läuft: Ich bin da. Ich bin immer da.“ Nicole nickt, die Kehle zu eng zum Sprechen. Ihre Mutter nimmt sie in den Arm, eine kurze, aber herzliche Umarmung, bevor sie hinter ihren Tresen zurückkehrt. „Geh schnell, du kommst sonst zu spät. Und heute Abend mache ich dir dein Lieblingsessen.“ Nicole lächelt, diesmal ein echtes Lächeln, und verlässt die Bibliothek mit etwas leichterem Herzen. Ihre Mutter hat recht. Es ist nur der erste Tag. Die Dinge werden sich einrenken. Sie renken sich immer ein. Doch sie hat noch keine drei Schritte aus der Bibliothek gemacht, da legt sich eine Hand auf ihre Schulter und drückt sie gegen die Wand des Flurs. Dante.Kapitel 24Die Nacht bricht vollständig herein.Die Krankenschwester ist zurückgekommen, hat Nicoles Vitalwerte überprüft, ihr eine Schmerztablette und ein Glas Wasser gegeben und ist dann in das kleine angrenzende Büro zurückgekehrt.Nicole hört das Klappern ihrer Tastatur durch die Trennwand.Sie schläft nicht.Sie kann nicht schlafen. Jedes Mal, wenn sie die Augen schließt, spürt sie die Erde, die sich unter ihren Füßen entzieht, die Leere, den Sturz.Und dann ist da dieser Satz, der sich in ihrem Geist im Kreis dreht:Du bist nicht irgendjemand.Was wollen sie damit sagen? Warum interessieren sich die Zwillinge so sehr für sie? Warum will ihre Mutter, die Alpha-Frau, sie besuchen?Nicole hat keine Antworten.Nur Fragen und eine dumpfe Angst, die in ihrer Brust wächst.Gegen dreiundzwanzig Uhr öffnet sich die Tür der Krankenstation geräuschlos. Nicole, die vor sich hin gedöst hat, öffnet sofort die Augen. Eine vertraute Silhouette schlüpft in den Raum.Claire Blanchard, ihre Mutter
Die Krankenstation des Silberholz-Gymnasiums riecht nach Desinfektionsmittel und Lindenblüten.Es ist ein Geruch, den Nicole gut kennt, hat sie doch zu Beginn des Jahres ein paar Stunden hier verbracht, nach einem versehentlichen Zusammenstoß auf der Treppe.Der Raum ist klein, sauber, eingerichtet mit einem Pflegebett, einem verglasten Medikamentenschrank und einem Schreibtisch, auf dem ein verstaubter Computer thront.Das Fenster geht zum Innenhof.An diesem späten Nachmittag zeichnet das schwindende Licht goldene Rechtecke auf den grauen Linoleumboden.Nicole erwacht in aufeinanderfolgenden Stufen aus dem Schlaf.Zuerst nimmt sie den Schmerz wahr, ein dumpfes Pulsieren in ihrem rechten Knöchel. Dann die Kälte des Lakens auf ihren Beinen.Dann das Geräusch. Ein regelmäßiges Piepen, irgendwo zu ihrer Linken. Ein Herzmonitor.Als sie die Augen öffnet, tanzt die weiße Decke der Krankenstation vor ihr. Sie blinzelt mehrmals, um ihre Sicht anzupassen.Ihr Mund ist trocken, pelzig.Sie dr
Damien stürzt sich buchstäblich auf sie, seine Hände fahren über ihr Gesicht, ihren Hals, ihre Schultern. Seine schwarzen Augen sind geweitet, fast vollständig von den Pupillen verschlungen. Sein Atem ist ein raues Keuchen. Blut läuft über seine Stirn – er muss sich bei seinem wahnsinnigen Lauf verletzt haben, aber er scheint es nicht einmal zu spüren. „Nicole! Verdammt, Nicole! Antworte mir!“ Seine Stimme ist ein ersticktes Brüllen. Er hebt sanft den Kopf des Mädchens an, tastet ihren Nacken nach einer Wunde ab. Nicole versucht zu sprechen, doch nur ein Stöhnen verlässt ihre Lippen. „Sei still, beweg dich nicht“, befiehlt er mit bleicher Stimme. „Du bist von hoch oben gefallen. Dein Knöchel …“ Er verstummt. Sein Blick gleitet an Nicoles Körper hinab, bleibt an ihrem rechten Bein hängen, das in einem unnatürlichen Winkel verdreht ist. Er erblasst. Nicole folgt seinem Blick und versteht. Der Schmerz, den sie bis jetzt nur diffus gespürt hatte, explodiert plötzlich in seiner
Der Extrem-Cross des Silberholz-Gymnasiums ist alles andere als ein gewöhnliches Rennen.Die Strecke, die Trainer Reynard selbst angelegt hat, schlängelt sich durch den dichten Wald, der den Campus säumt, führt über steile Pfade, durchquert eisige Bäche und verläuft entlang gefährlicher Bergkämme.An diesem Novembermorgen hängt der Himmel tief über den kahlen Bäumen.Ein träger Nebel klammert sich an die Farne. Die Kälte beißt in die Wangen der Schüler, die sich am Startpunkt versammelt haben.Nicole steht abseits der Gruppe, die Arme vor der Brust verschränkt, um etwas Wärme zu bewahren.Sie trägt ihre alte schwarze Radlerhose und ein marineblaues Thermooberteil. Ihre Trail-Schuhe, abgenutzt, aber sauber, knirschen auf dem Kies, als sie nervös auf der Stelle tritt.Sie weiß, dass sie sich niemals für diesen Wettkampf hätte anmelden dürfen. Der Extrem-Cross ist freiwillig, den besten Läufern des Gymnasiums vorbehalten. Doch als Agatha sie vor der ganzen Klasse herausforderte, mitten i
Niemand wusste, was zu erwarten war.« Sie hat keine Wölfin. Nicht die geringste Spur lycanthropischer Essenz. Sie ist zu hundert Prozent menschlich, zumindest dem Anschein nach. Und trotzdem … eure Reaktion trügt nicht. Eure Wölfe haben sie erkannt. »Damien ballt die Fäuste.« Vater, wenn Sie wüssten, wie schwer das ist …— Ich weiß. »Alarics Stimme wird sanfter, fast väterlich – eine Seltenheit, die nur einen Augenblick dauert.« Ich weiß, was es heißt, seine Gefährtin zu erkennen. Ich habe es mit eurer Mutter erlebt. Als Morgane in mein Leben trat, war ich ein arroganter junger Alpha, überzeugt, alles unter Kontrolle zu haben. Und in einer einzigen Sekunde, einer einzigen Sekunde, wurde ich zum Sklaven ihres Geruchs, ihres Blicks, ihrer Stimme. Ich wäre ihr bis ans Ende der Welt gefolgt. »Er stößt einen langen Seufzer aus.« Aber Morgane ist eine Wölfin. Eine geborene Wölfin, eine vollendete Wölfin, fähig, sich zu verteidigen und das Rudel an meiner Seite zu führen. Diese Mensch
Zwölf Tage zuvor.Die Nacht liegt schwer über dem Territorium des Silberwalds.In dem großen Anwesen der Lycans, einem Bau aus grauem Stein, flankiert von alten Türmen und umgeben von dichtem Wald, stehen zwei Silhouetten auf einer Terrasse, die über das Tal blickt.Der Mond, fast voll, versilbert die Baumkronen und lässt das Fell zweier großer Wölfe glänzen, die auf den Steinplatten ausgestreckt liegen.Damien und Dante sind vor einer Stunde vom Training zurückgekehrt. Sie haben nicht zu Abend gegessen. Sie haben nicht gesprochen. Sie sind direkt hierher hinaufgestiegen, auf diese Terrasse, auf die sie seit ihrer Kindheit kommen, um dem drückenden Blick ihres Vaters zu entkommen.Damien hat sich auf die steinerne Brüstung gesetzt, die Beine ins Leere baumelnd, und starrt in den Horizont, ohne ihn zu sehen. Dante ist stehen geblieben, an eine Säule gelehnt, die Arme vor der Brust verschränkt.Es sind drei Tage her, seit Nicole Blanchard in ihr Leben getreten ist.Drei Tage seit de







