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Kapitel —4

Author: Erna Arden
last update publish date: 2026-08-21 15:25:57

Kapitel 4

Claire sieht sie aufmerksam an. Sie kennt ihre Tochter. Sie kann zwischen den Zeilen ihrer Stille und ihres Zögerns lesen. Ihr Lächeln verblasst leicht und weicht einem Ausdruck sanfter Besorgnis.

„Stimmt etwas nicht?“, fragt Claire.

Nicole schüttelt den Kopf zu schnell, zu heftig.

„Nein, nein. Alles ist gut. Es ist nur … neu. Die Schule ist groß. Die Schüler sind … anders.“

Claire legt eine Hand auf ihre Schulter. Die Wärme dieser einfachen Geste ist Balsam für Nicoles überreizte Nerven.

„Es ist normal, am ersten Tag etwas verloren zu sein. Du wirst dich daran gewöhnen. Und außerdem bin ich jetzt hier. Wenn du irgendetwas brauchst, ich bin zwei Minuten entfernt.“

Wenn du irgendetwas brauchst. Wenn es nur so einfach wäre. Wenn nur eine mütterliche Umarmung dieses Brennen in ihrer Brust auslöschen könnte, dieses hartnäckige Gefühl, das nicht vergehen will, seit sie ihren Blicken begegnet ist.

„Ich weiß, Mama. Danke.“

Die Glocke läutet erneut und kündigt den Beginn der zweiten Stunde an. Claire drückt ihre Schulter ein letztes Mal und geht dann zurück zur Bibliothek, während Nicole wieder Kurs auf das Hauptgebäude nimmt.

Der Rest des Vormittags verläuft wie in einem wattigen Nebel. Sie folgt dem Unterricht, ohne ihm zu folgen, notiert mechanisch Dinge in ihrem Heft, ohne sie zu verstehen, antwortet den Lehrern mit höflichen Einsilbigkeiten. Die Lycan-Brüder sieht sie nicht wieder, aber sie sucht sie. Gegen ihren Willen. Ihre Augen streifen durch jeden Raum, jeden Flur, jede Schülergruppe auf der Suche nach schwarzem Haar, grauen Augen, schwarzem Blick.

Sie sind nirgends. Als hätten sie sich in Luft aufgelöst. Als wäre die Begegnung in der ersten Stunde nur ein seltsamer Traum gewesen, ein Albtraum im Wachzustand, eine Halluzination, verursacht durch Stress.

Aber das Mal an ihrem Arm ist noch da. Die Wärme, die sanft unter ihrer Haut pulsiert, genau an der Stelle, wo Damien sie berührt hat.

Die Mittagsglocke erlöst sie schließlich. Sie hat keinen Hunger, aber sie geht aus Gewohnheit zur Kantine. Der Saal ist riesig, laut, voller Schüler, die sich wie ein summender Bienenstock um die Tische drängen. Sie nimmt ein Tablett, stellt es vor sich ab, stochert im Essen, ohne es wirklich zu sehen.

Dort entdeckt sie sie.

Sie sitzen an einem Tisch in einer abgelegenen Ecke der Kantine, fern vom allgemeinen Lärm. Damien und Dante. Allein. Kein anderer Schüler scheint es zu wagen, sich ihnen zu nähern. Um ihren Tisch herum liegt eine unsichtbare Quarantänezone, ein leerer Raum, den trotz des Gedränges niemand überschreitet.

Damien isst langsam, methodisch, den Blick auf seinen Teller gerichtet. Dante dagegen spricht. Seine Lippen bewegen sich, an seinen Bruder gewandt, der nicht antwortet. Er scheint der Einzige zu sein, der mit ihm sprechen kann, der Einzige, der es wagt, die gewittrige Stille um ihn herum zu durchbrechen.

Nicole kann den Blick nicht abwenden. Sie beobachtet sie, wie man ein faszinierendes und gefährliches Naturphänomen beobachtet, einen Sturm, der sich am Horizont zusammenbraut. Sie ist nicht die Einzige. Um sie herum werfen andere Schüler verstohlene Blicke zu dem Tisch hinten. Blicke voller Furcht, Bewunderung, krankhafter Neugier. Niemand geht hin. Niemand spricht sie an. Ihre Isolation ist absolut, und sie scheinen sie wie eine Rüstung zu tragen.

Dante dreht plötzlich den Kopf. Als hätte er ihren Blick gespürt. Als wüsste er genau, wo sie sich in dieser Menge von Hunderten von Schülern befindet.

Seine schwarzen Augen finden sie ohne Zögern.

Er lächelt nicht. Er gibt kein Zeichen. Er sieht sie nur an, mit dieser beunruhigenden Intensität, die sein Markenzeichen zu sein scheint. Dann stößt er seinen Bruder unauffällig mit dem Ellbogen an und deutet mit dem Kinn in ihre Richtung.

Damien hebt den Blick von seinem Teller. Langsam. Wie widerwillig.

Ihre Blicke kreuzen sich quer durch die überfüllte Kantine, und alles wiederholt sich. Die Welt verschwimmt. Die Geräusche verklingen. Die Hitze explodiert in ihrer Brust und breitet sich in ihren Gliedern aus wie ein Strom geschmolzenen Metalls.

Nicole senkt als Erste den Blick. Sie starrt auf ihr Tablett, auf ihre Hände, die über dem Besteck zittern, auf das Essen, das sie nicht angerührt hat. Ihr Herz schlägt so heftig, dass sie meint, es würde ihre Rippen zertrümmern.

Das ist nicht normal. Keine dieser Reaktionen ist normal. Sie muss sich zusammenreißen. Sie muss eine rationale, medizinische Erklärung für das finden, was mit ihr geschieht. Ein Hormonschub, ein Vitaminmangel, eine beginnende Grippe.

Egal was. Hauptsache, es ist nicht das, was ihr Instinkt ihr stumm entgegenschreit.

Sie steht abrupt auf, lässt ihr halb volles Tablett stehen und verlässt die Kantine fast im Laufschritt. Sie weiß nicht, wohin sie geht. Sie läuft ziellos durch die leeren Flure, biegt rechts ab, links, dringt in ihr unbekannte Gebäudeflügel vor. Ihre Schritte hallen auf den Steinplatten wider. Ihr Atem geht kurz und stoßweise.

Schließlich findet sie eine schmale, staubige Diensttreppe, die in die oberen Stockwerke führt. Sie steigt hinauf, ohne nachzudenken, stößt eine Tür auf, die zu einem kleinen Innenhof führt, den sie bei der Besichtigung nicht bemerkt hatte.

Es ist ein verlassener Kreuzgang. Steinarkaden umgeben einen von Unkraut überwucherten Garten. In der Mitte thront ein alter Brunnen, längst versiegt, sein Becken voller toter Blätter.

Niemand ist hier. Die Stille ist fast vollkommen, nur unterbrochen vom Rauschen des Windes in den Zweigen der Bäume, die über die umliegenden Dächer ragen.

Nicole setzt sich auf den Rand des Brunnens. Legt den Kopf in die Hände. Schließt die Augen.

Sie will nicht hier sein. Sie will nicht diese Schule, diese Stadt, dieses neue Leben, das ihre Mutter ohne Zögern angenommen hat. Sie will zurück zu ihrer alten Schule, zu ihren Gewohnheiten, ihren Freunden, ihrer beruhigenden Routine. Sie ist ihrer Mutter fast böse, dass sie diese berufliche Chance ergriffen hat, ohne zu bedenken, was das für ihre Tochter bedeutete.

Aber das ist nicht fair. Ihre Mutter hat immer hart gearbeitet. Diese Stelle als Bibliothekarin am Lycée du Bois d’Argent ist eine Beförderung, eine Anerkennung, ein besseres Gehalt. Nicole hat kein Recht, ihr irgendetwas vorzuwerfen.

Sie richtet sich auf und wischt sich mit dem Ärmel über die trockenen Augen. Sie hat nicht geweint. Sie weint nie. Schon lange nicht mehr.

Der Wind erhebt sich und wirbelt die toten Blätter im Brunnenbecken auf. Er bringt einen seltsamen Geruch mit sich, wild und moschusartig, der an Wald, feuchte Erde und regennasses Fell erinnert. Nicole erschauert, ohne zu wissen, warum.

In der Ferne, sehr fern, glaubt sie ein Heulen zu hören. Aber das muss ihre Einbildung sein.

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