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Kapitel —5

Author: Erna Arden
last update publish date: 2026-08-21 15:27:51

Kapitel 5

Das Heulen ist verstummt. Der Wind hat sich gelegt. Der verlassene Kreuzgang ist wieder in seine Grabesstille versunken, nur gestört durch das Rascheln der toten Blätter, die der Luftzug über die Steinplatten tanzen lässt.

Nicole bleibt auf dem Rand des versiegten Brunnens sitzen, die Hände um die Knie gelegt, den Blick verloren im Gestrüpp der Brombeerranken, das die alten Blumenbeete überwuchert hat. Sie weiß nicht, wie lange sie so reglos dagesessen und versucht hat, Ordnung in das Chaos ihrer Gedanken zu bringen. Die Minuten sind vergangen, ohne dass sie sie gezählt hätte, aufgehängt in einer Blase vorübergehender Einsamkeit.

Schließlich läutet die Glocke und kündigt den Beginn des Nachmittagsunterrichts an. Der Klang ist fern, gedämpft von den dicken Steinmauern. Sie steht widerwillig auf. Ihre Beine sind taub von der Reglosigkeit. Sie klopft sich gedankenlos die Jeans ab, greift nach ihrer Tasche, die am Boden geblieben ist, und verlässt den Kreuzgang durch die kleine Diensttür, durch die sie gekommen war.

Der Weg zum Klassenzimmer ist ein Labyrinth, das sie an jeder Ecke neu entdecken muss. Die Flure gleichen einander alle, mit ihren grauen Steinmauern, den schmalen Fenstern, den Gemälden verstorbener Direktoren mit strengen Blicken. Sie findet schließlich den richtigen Raum, indem sie einer Gruppe von Schülern folgt, die laut reden und über Witze lachen, die sie nicht versteht.

Sie setzt sich nach hinten, diesmal mit Absicht. Weit weg von den Blicken, weit weg von der Aufmerksamkeit, weit weg von allem.

Der Geschichtslehrer tritt ein, ein kräftiger Mann mit rotem Bart, und beginnt einen Vortrag über die mittelalterlichen Kriege, dem sie keine Sekunde zuhört.

Ihre Gedanken schweifen gegen ihren Willen zur Kantine ab. Zu diesen grauen Augen, die sie wie eine Klinge durchdrungen haben. Zu diesem schwarzen Blick, der sie ohne Zögern inmitten einer lärmenden Menge erkannt hat. Zu diesem Gefühl sanften Brennens, das ihre Brust nicht verlassen will.

Sie hätte sich nicht auf diesen Platz setzen sollen. Sie hätte darauf bestehen sollen, irgendwo einen zusätzlichen Stuhl aufstellen zu lassen, irgendwo, nur nicht dort. Das weiß sie jetzt. Sie ahnte es bereits, als sie die Hand auf die Lehne dieses leeren Stuhls gelegt hatte, der von schwarzen Ledertaschen umringt war.

In der Art, wie die anderen Schüler diese Zone mieden, lag eine Warnung. Eine stumme Mahnung, die sie aus Schüchternheit ignoriert hatte, aus Angst, zu stören, aus dem Wunsch, unsichtbar zu bleiben.

Ergebnis: Sie ist dem Wolf direkt in den Rachen gesprungen. Buchstäblich, falls die Gerüchte, die sie erst langsam wahrnimmt, einen wahren Kern haben.

Das Ende der Stunde erlöst sie von ihrem fruchtlosen Grübeln. Sie packt ihre Sachen mit mechanischen Bewegungen, steht auf und geht zum Ausgang. Der Flur ist überfüllt, laut und stickig. Sie lässt sich vom Strom der Schüler mittragen, gleichgültig gegenüber der Richtung.

Dort sieht sie sie.

Das blonde Mädchen aus der ersten Stunde. Die, die ihr einen bösen Blick zugeworfen hatte, als sie durch den Mittelgang ging. Sie lehnt an der Wand bei den Spinden, umgeben von drei anderen Mädchen, die wie exakte Kopien desselben Modells aussehen: perfekt geglättete Haare, makelloses Make-up, Uniformen mit einstudierter Lässigkeit getragen.

Die Blonde sieht sie nicht an. Sie spricht mit ihren Freundinnen und lacht über etwas, das eine von ihnen gerade gesagt hat. Doch Nicole spürt, wie ihre Aufmerksamkeit sich auf sie richtet wie ein kalter Lichtstrahl.

Sie will weitergehen. Sie will einfach weiterlaufen, den Kopf gesenkt, anonym in der Menge. Doch die Blonde löst sich mit der Geschmeidigkeit einer Schlange von der Wand und stellt sich vor sie, versperrt ihr den Weg.

„Also, du bist die Neue?“

Ihre Stimme ist honigsüß, fast sanft, voller falscher Freundlichkeit, die niemanden täuscht. Ihre Augen sind blassblau, sehr hell, fast durchsichtig, und sie mustern Nicole von Kopf bis Fuß mit absichtlich beleidigender Langsamkeit.

„Ich heiße Agatha.“

Sie spricht ihren Namen aus, als handle es sich um einen Titel. Ihre glänzenden Lippen verziehen sich zu einem Lächeln, das ihre Augen nicht erreicht.

„Man hat mir gesagt, du hättest dich heute Morgen neben die Lycan-Zwillinge gesetzt.“

Das ist keine Frage. Es ist eine Feststellung. Nicole nickt misstrauisch, ohne zu wissen, wohin dieses Gespräch führt.

„Interessant. Sehr interessant.“

Agatha tritt einen Schritt näher. Sie ist größer als Nicole, athletischer. Ihre Schultern sind breit, ihre Haltung trotz des süßen Lächelns aggressiv. Die drei Freundinnen sind ebenfalls näher gekommen und bilden einen Halbkreis, der jeden Rückzug versperrt.

„Ich gebe dir einen freundschaftlichen Rat, Neue. Auf diesen Platz setzt du dich nicht mehr. Nie wieder. Weder neben sie noch in ihre Nähe noch in dieselbe Reihe. Verstanden?“

Nicole schluckt. Ihr Instinkt schreit ihr zu, den Rückzug anzutreten, zuzustimmen und zu fliehen. Aber etwas anderes, ein dumpfer Stolz, der aus dem Nichts kommt, treibt sie zur Antwort.

„Warum? Ist er reserviert?“

Ein Blitz zuckt durch Agathas Augen. Das Lächeln verschwindet mit einem Schlag und macht einem Ausdruck purer Verachtung Platz.

„Reserviert. Ja, so kann man es nennen. Reserviert für die, die wissen, wer sie sind. Reserviert für die, die ihren Platz hier haben. Nicht für kleine, unbedeutende Neue, die daherkommen und glauben, sie dürften sich alles erlauben, weil ihre Mutter Bücher einsortiert.“

Die Erwähnung ihrer Mutter wirkt auf Nicole wie eine Ohrfeige. Ihr Kiefer spannt sich an. Ihre Fäuste ballen sich neben ihren Oberschenkeln.

„Meine Mutter ist Bibliothekarin. Sie sortiert nicht nur Bücher ein.“

Agatha bricht in Gelächter aus. Ein schrilles, künstliches Lachen, das wie ein Glassplitter von den Wänden des Flurs widerhallt. Ihre Freundinnen stimmen mit perfekter Einstimmigkeit ein.

„Oh, entschuldige! Verzeihung, Frau Bibliothekarin!“

Sie beugt sich zu Nicole vor, so nah, dass diese ihr betäubendes Parfüm riecht, eine Mischung aus Vanille und etwas Bittererem.

„Hör mir gut zu, kleines Ding. Du bist hier nichts. Nichts. Du hast keinen Namen, keine Familie, kein Rudel. Du bist ein Omega ohne Geruch, ohne Rang, ohne Bedeutung. Also wirst du lernen, an deinem Platz zu bleiben. Und dein Platz ist weit weg von ihnen. Sehr weit weg.“

Sie tritt einen Schritt zurück, hebt den Kopf, und ihr Lächeln kehrt wie von Zauberhand zurück.

„Bin ich deutlich genug?“

Nicole antwortet nicht. Sie kann nicht. Ihre Kehle ist zugeschnürt, ihre Lungen brennen, ihre Augen stechen von einer Feuchtigkeit, die sie nicht fließen lassen will. Sie bleibt erstarrt, versteinert, während Agatha ihr mit herablassender Hand auf die Wange tätschelt.

„Einen schönen Tag noch, Neue. Und denk an das, was ich dir gesagt habe.“

Die Blonde dreht sich um und geht mit ihrem Gefolge davon, Nicole allein mitten im Flur zurücklassend, der sich nach und nach leert. Die Nachzügler beeilen sich, ohne ihr einen Blick zu schenken. Sie ist unsichtbar. Durchsichtig. Genau wie Agatha es gesagt hat. Ein Omega ohne Bedeutung.

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