LOGINKapitel 2
Nicole nickt dankbar mit dem Kopf und lässt ihren Blick durch den Raum schweifen, auf der Suche nach einem freien Platz. Die Klasse ist voll. Jeder Stuhl scheint besetzt, jeder Tisch übersät mit Heften, Federmäppchen, Taschen. Ihre Angst wächst, während sie die Reihen erfolglos absucht. Da sieht sie ihn. Ganz hinten, nahe dem Fenster, das auf den Wald hinausgeht, der das Schulgelände säumt, ist ein Stuhl frei. Frei, aber umzingelt. Drei schwarze Ledertaschen liegen auf dem angrenzenden Tisch und ragen in den freien Raum hinein, als wollten sie den Zugang verwehren. Der Stuhl scheint in einem Niemandsland zurückgelassen, einem umkämpften Gebiet zwischen zwei dunklen Mächten. Nicole zögert. Ihr Instinkt flüstert ihr zu, woanders zu suchen, den Lehrer zu bitten, irgendwo einen zusätzlichen Stuhl aufzustellen, irgendwo, nur nicht dort. Aber der Lehrer hat seinen Unterricht bereits wieder aufgenommen, und die meisten Schüler haben sich von ihr abgewandt und sie schon vergessen. Sie will nicht noch mehr Aufmerksamkeit erregen. Sie geht den Mittelgang entlang. Das Geräusch ihrer Schritte kommt ihr ohrenbetäubend vor. Köpfe heben sich, als sie vorbeigeht, neugierige oder gleichgültige, manchmal feindselige Gesichter. Ein blondes Mädchen in der dritten Reihe wirft ihr einen bösen Blick zu, als sie vorbeigeht. Nicole ignoriert es und behält ihr Ziel fest im Blick: den freien Stuhl hinten in der Klasse. Jetzt erkennt sie die Schüler, die an den Tischen sitzen, die ihren Zielort flankieren. Zwei Jungen. Zwei Jungen, die sich nicht ganz ähnlich sehen, aber etwas Undefinierbares teilen. Eine Aura. Eine Präsenz. Wie zwei Seiten derselben Medaille, geprägt aus einem dunklen, alten Metall. Der erste sitzt am Fenster. Sein rabenschwarzes Haar fällt in unordentlichen Strähnen auf die Stirn. Seine Augen sind von stürmischem Grau, fast silbern, und sie fixieren die Landschaft draußen mit abwesender Intensität. Sein Kiefer ist kantig, angespannt, als würde er ständig die Zähne zusammenbeißen. Er trägt eine Lederjacke trotz der relativen Wärme im Raum, und seine Hände liegen flach auf dem Tisch, reglos. Alles an ihm atmet unterdrückte Spannung, gezähmte Gewalt, ein Gewitter, das jeden Moment ausbrechen kann. Der zweite lehnt leicht auf seinem Stuhl zurück, die Arme verschränkt. Sein Haar ist von demselben tiefen Schwarz, aber kürzer geschnitten, fast militärisch. Seine Augen sind von einem so dunklen Braun, dass sie schwarz wirken, und sie starren nicht aus dem Fenster. Sie starren Nicole an. Er beobachtet, wie sie näher kommt, mit einem unergründlichen Ausdruck, weder feindselig noch einladend. Einfach... aufmerksam. Wie ein Raubtier, das eine potenzielle Beute beobachtet, ohne noch entschieden zu haben, ob es sich lohnt, sie zu jagen. Die Lycan-Brüder. Nicole hat diesen Namen schon gehört, geflüstert in den Fluren, als sie die Woche zuvor mit ihrer Mutter die Schule besichtigt hatte. Bruchstücke von Gesprächen, die sie hier und da aufgeschnappt hatte, halb ausgesprochene Warnungen, vielsagende Blicke zwischen Schülern. Sie hatte damals nicht darauf geachtet. Schulgerüchte hatten sie nie interessiert. Aber jetzt, wo sie vor ihnen steht, versteht sie. Sie versteht, dass diese Jungen nicht gewöhnlich sind. Dass sie nicht einfach die beliebten Schüler oder die bewunderten Sportler oder die gefürchteten Rebellen sind. Sie sind etwas anderes. Etwas Altes und Wildes, das nicht in ein Klassenzimmer gehört, zwischen Steinmauern und unter fahlen Neonröhren. „Entschuldigung...“ Ihre Stimme kommt ihr fremd vor, zu schwach, zu zögerlich. Der Junge am Fenster dreht den Kopf nicht. Seine Augen bleiben auf die dunkle Linie des Waldes gerichtet, jenseits der beschlagenen Scheiben. Aber seine Finger verkrampfen sich unmerklich auf dem Holz des Tisches. Der andere, der mit den schwarzen Augen, neigt leicht den Kopf. Eine fast unmerkliche Bewegung, die aber eine beunruhigende Intensität enthält. Seine Lippen öffnen sich leicht, aber er spricht nicht. Er sieht sie an, als wäre sie ein Rätsel, das er zu lösen versucht, ein Puzzleteil, das in kein bekanntes Feld passt. „Der Stuhl. Ist er... frei?“ Die Frage schwebt in der Luft, absurd und doch mit einer Bedeutung aufgeladen, die über Nicole hinausgeht. Sie ist sich dessen bewusst, ohne es erklären zu können. Als wäre die Bitte, sich genau auf diesen Platz setzen zu dürfen, eine Handlung mit schwerwiegenden Folgen, ein Übertreten, das ein unsichtbares Gleichgewicht kippen lassen könnte. Der Junge mit den grauen Augen wendet endlich den Kopf. Die Bewegung ist langsam, fast fließend, wie die eines Tieres, das endlich geruht, seine Aufmerksamkeit zu schenken. Seine Augen treffen die von Nicole, und die Welt bleibt stehen. Das ist keine Metapher. Die Welt bleibt wirklich stehen. Die Geräusche der Klasse verklingen. Die Stimme des Lehrers wird zu einem fernen, unverständlichen Summen. Die anderen Schüler verschwinden, verblassen, lösen sich in einem peripheren Nebel auf. Es gibt nur noch diese grauen, stürmischen, unergründlichen Augen, die in ihre tauchen wie Klingen.Kapitel 24Die Nacht bricht vollständig herein.Die Krankenschwester ist zurückgekommen, hat Nicoles Vitalwerte überprüft, ihr eine Schmerztablette und ein Glas Wasser gegeben und ist dann in das kleine angrenzende Büro zurückgekehrt.Nicole hört das Klappern ihrer Tastatur durch die Trennwand.Sie schläft nicht.Sie kann nicht schlafen. Jedes Mal, wenn sie die Augen schließt, spürt sie die Erde, die sich unter ihren Füßen entzieht, die Leere, den Sturz.Und dann ist da dieser Satz, der sich in ihrem Geist im Kreis dreht:Du bist nicht irgendjemand.Was wollen sie damit sagen? Warum interessieren sich die Zwillinge so sehr für sie? Warum will ihre Mutter, die Alpha-Frau, sie besuchen?Nicole hat keine Antworten.Nur Fragen und eine dumpfe Angst, die in ihrer Brust wächst.Gegen dreiundzwanzig Uhr öffnet sich die Tür der Krankenstation geräuschlos. Nicole, die vor sich hin gedöst hat, öffnet sofort die Augen. Eine vertraute Silhouette schlüpft in den Raum.Claire Blanchard, ihre Mutter
Die Krankenstation des Silberholz-Gymnasiums riecht nach Desinfektionsmittel und Lindenblüten.Es ist ein Geruch, den Nicole gut kennt, hat sie doch zu Beginn des Jahres ein paar Stunden hier verbracht, nach einem versehentlichen Zusammenstoß auf der Treppe.Der Raum ist klein, sauber, eingerichtet mit einem Pflegebett, einem verglasten Medikamentenschrank und einem Schreibtisch, auf dem ein verstaubter Computer thront.Das Fenster geht zum Innenhof.An diesem späten Nachmittag zeichnet das schwindende Licht goldene Rechtecke auf den grauen Linoleumboden.Nicole erwacht in aufeinanderfolgenden Stufen aus dem Schlaf.Zuerst nimmt sie den Schmerz wahr, ein dumpfes Pulsieren in ihrem rechten Knöchel. Dann die Kälte des Lakens auf ihren Beinen.Dann das Geräusch. Ein regelmäßiges Piepen, irgendwo zu ihrer Linken. Ein Herzmonitor.Als sie die Augen öffnet, tanzt die weiße Decke der Krankenstation vor ihr. Sie blinzelt mehrmals, um ihre Sicht anzupassen.Ihr Mund ist trocken, pelzig.Sie dr
Damien stürzt sich buchstäblich auf sie, seine Hände fahren über ihr Gesicht, ihren Hals, ihre Schultern. Seine schwarzen Augen sind geweitet, fast vollständig von den Pupillen verschlungen. Sein Atem ist ein raues Keuchen. Blut läuft über seine Stirn – er muss sich bei seinem wahnsinnigen Lauf verletzt haben, aber er scheint es nicht einmal zu spüren. „Nicole! Verdammt, Nicole! Antworte mir!“ Seine Stimme ist ein ersticktes Brüllen. Er hebt sanft den Kopf des Mädchens an, tastet ihren Nacken nach einer Wunde ab. Nicole versucht zu sprechen, doch nur ein Stöhnen verlässt ihre Lippen. „Sei still, beweg dich nicht“, befiehlt er mit bleicher Stimme. „Du bist von hoch oben gefallen. Dein Knöchel …“ Er verstummt. Sein Blick gleitet an Nicoles Körper hinab, bleibt an ihrem rechten Bein hängen, das in einem unnatürlichen Winkel verdreht ist. Er erblasst. Nicole folgt seinem Blick und versteht. Der Schmerz, den sie bis jetzt nur diffus gespürt hatte, explodiert plötzlich in seiner
Der Extrem-Cross des Silberholz-Gymnasiums ist alles andere als ein gewöhnliches Rennen.Die Strecke, die Trainer Reynard selbst angelegt hat, schlängelt sich durch den dichten Wald, der den Campus säumt, führt über steile Pfade, durchquert eisige Bäche und verläuft entlang gefährlicher Bergkämme.An diesem Novembermorgen hängt der Himmel tief über den kahlen Bäumen.Ein träger Nebel klammert sich an die Farne. Die Kälte beißt in die Wangen der Schüler, die sich am Startpunkt versammelt haben.Nicole steht abseits der Gruppe, die Arme vor der Brust verschränkt, um etwas Wärme zu bewahren.Sie trägt ihre alte schwarze Radlerhose und ein marineblaues Thermooberteil. Ihre Trail-Schuhe, abgenutzt, aber sauber, knirschen auf dem Kies, als sie nervös auf der Stelle tritt.Sie weiß, dass sie sich niemals für diesen Wettkampf hätte anmelden dürfen. Der Extrem-Cross ist freiwillig, den besten Läufern des Gymnasiums vorbehalten. Doch als Agatha sie vor der ganzen Klasse herausforderte, mitten i
Niemand wusste, was zu erwarten war.« Sie hat keine Wölfin. Nicht die geringste Spur lycanthropischer Essenz. Sie ist zu hundert Prozent menschlich, zumindest dem Anschein nach. Und trotzdem … eure Reaktion trügt nicht. Eure Wölfe haben sie erkannt. »Damien ballt die Fäuste.« Vater, wenn Sie wüssten, wie schwer das ist …— Ich weiß. »Alarics Stimme wird sanfter, fast väterlich – eine Seltenheit, die nur einen Augenblick dauert.« Ich weiß, was es heißt, seine Gefährtin zu erkennen. Ich habe es mit eurer Mutter erlebt. Als Morgane in mein Leben trat, war ich ein arroganter junger Alpha, überzeugt, alles unter Kontrolle zu haben. Und in einer einzigen Sekunde, einer einzigen Sekunde, wurde ich zum Sklaven ihres Geruchs, ihres Blicks, ihrer Stimme. Ich wäre ihr bis ans Ende der Welt gefolgt. »Er stößt einen langen Seufzer aus.« Aber Morgane ist eine Wölfin. Eine geborene Wölfin, eine vollendete Wölfin, fähig, sich zu verteidigen und das Rudel an meiner Seite zu führen. Diese Mensch
Zwölf Tage zuvor.Die Nacht liegt schwer über dem Territorium des Silberwalds.In dem großen Anwesen der Lycans, einem Bau aus grauem Stein, flankiert von alten Türmen und umgeben von dichtem Wald, stehen zwei Silhouetten auf einer Terrasse, die über das Tal blickt.Der Mond, fast voll, versilbert die Baumkronen und lässt das Fell zweier großer Wölfe glänzen, die auf den Steinplatten ausgestreckt liegen.Damien und Dante sind vor einer Stunde vom Training zurückgekehrt. Sie haben nicht zu Abend gegessen. Sie haben nicht gesprochen. Sie sind direkt hierher hinaufgestiegen, auf diese Terrasse, auf die sie seit ihrer Kindheit kommen, um dem drückenden Blick ihres Vaters zu entkommen.Damien hat sich auf die steinerne Brüstung gesetzt, die Beine ins Leere baumelnd, und starrt in den Horizont, ohne ihn zu sehen. Dante ist stehen geblieben, an eine Säule gelehnt, die Arme vor der Brust verschränkt.Es sind drei Tage her, seit Nicole Blanchard in ihr Leben getreten ist.Drei Tage seit de







