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Kapitel —2

Autor: Erna Arden
last update Fecha de publicación: 2026-08-21 15:19:53

Kapitel 2

Nicole nickt dankbar mit dem Kopf und lässt ihren Blick durch den Raum schweifen, auf der Suche nach einem freien Platz.

Die Klasse ist voll. Jeder Stuhl scheint besetzt, jeder Tisch übersät mit Heften, Federmäppchen, Taschen. Ihre Angst wächst, während sie die Reihen erfolglos absucht.

Da sieht sie ihn.

Ganz hinten, nahe dem Fenster, das auf den Wald hinausgeht, der das Schulgelände säumt, ist ein Stuhl frei. Frei, aber umzingelt. Drei schwarze Ledertaschen liegen auf dem angrenzenden Tisch und ragen in den freien Raum hinein, als wollten sie den Zugang verwehren.

Der Stuhl scheint in einem Niemandsland zurückgelassen, einem umkämpften Gebiet zwischen zwei dunklen Mächten.

Nicole zögert. Ihr Instinkt flüstert ihr zu, woanders zu suchen, den Lehrer zu bitten, irgendwo einen zusätzlichen Stuhl aufzustellen, irgendwo, nur nicht dort. Aber der Lehrer hat seinen Unterricht bereits wieder aufgenommen, und die meisten Schüler haben sich von ihr abgewandt und sie schon vergessen. Sie will nicht noch mehr Aufmerksamkeit erregen.

Sie geht den Mittelgang entlang.

Das Geräusch ihrer Schritte kommt ihr ohrenbetäubend vor. Köpfe heben sich, als sie vorbeigeht, neugierige oder gleichgültige, manchmal feindselige Gesichter.

Ein blondes Mädchen in der dritten Reihe wirft ihr einen bösen Blick zu, als sie vorbeigeht. Nicole ignoriert es und behält ihr Ziel fest im Blick: den freien Stuhl hinten in der Klasse.

Jetzt erkennt sie die Schüler, die an den Tischen sitzen, die ihren Zielort flankieren.

Zwei Jungen.

Zwei Jungen, die sich nicht ganz ähnlich sehen, aber etwas Undefinierbares teilen. Eine Aura. Eine Präsenz. Wie zwei Seiten derselben Medaille, geprägt aus einem dunklen, alten Metall.

Der erste sitzt am Fenster. Sein rabenschwarzes Haar fällt in unordentlichen Strähnen auf die Stirn. Seine Augen sind von stürmischem Grau, fast silbern, und sie fixieren die Landschaft draußen mit abwesender Intensität. Sein Kiefer ist kantig, angespannt, als würde er ständig die Zähne zusammenbeißen. Er trägt eine Lederjacke trotz der relativen Wärme im Raum, und seine Hände liegen flach auf dem Tisch, reglos. Alles an ihm atmet unterdrückte Spannung, gezähmte Gewalt, ein Gewitter, das jeden Moment ausbrechen kann.

Der zweite lehnt leicht auf seinem Stuhl zurück, die Arme verschränkt. Sein Haar ist von demselben tiefen Schwarz, aber kürzer geschnitten, fast militärisch. Seine Augen sind von einem so dunklen Braun, dass sie schwarz wirken, und sie starren nicht aus dem Fenster. Sie starren Nicole an.

Er beobachtet, wie sie näher kommt, mit einem unergründlichen Ausdruck, weder feindselig noch einladend. Einfach... aufmerksam. Wie ein Raubtier, das eine potenzielle Beute beobachtet, ohne noch entschieden zu haben, ob es sich lohnt, sie zu jagen.

Die Lycan-Brüder.

Nicole hat diesen Namen schon gehört, geflüstert in den Fluren, als sie die Woche zuvor mit ihrer Mutter die Schule besichtigt hatte. Bruchstücke von Gesprächen, die sie hier und da aufgeschnappt hatte, halb ausgesprochene Warnungen, vielsagende Blicke zwischen Schülern. Sie hatte damals nicht darauf geachtet. Schulgerüchte hatten sie nie interessiert.

Aber jetzt, wo sie vor ihnen steht, versteht sie.

Sie versteht, dass diese Jungen nicht gewöhnlich sind. Dass sie nicht einfach die beliebten Schüler oder die bewunderten Sportler oder die gefürchteten Rebellen sind. Sie sind etwas anderes. Etwas Altes und Wildes, das nicht in ein Klassenzimmer gehört, zwischen Steinmauern und unter fahlen Neonröhren.

„Entschuldigung...“

Ihre Stimme kommt ihr fremd vor, zu schwach, zu zögerlich. Der Junge am Fenster dreht den Kopf nicht. Seine Augen bleiben auf die dunkle Linie des Waldes gerichtet, jenseits der beschlagenen Scheiben. Aber seine Finger verkrampfen sich unmerklich auf dem Holz des Tisches.

Der andere, der mit den schwarzen Augen, neigt leicht den Kopf. Eine fast unmerkliche Bewegung, die aber eine beunruhigende Intensität enthält. Seine Lippen öffnen sich leicht, aber er spricht nicht. Er sieht sie an, als wäre sie ein Rätsel, das er zu lösen versucht, ein Puzzleteil, das in kein bekanntes Feld passt.

„Der Stuhl. Ist er... frei?“

Die Frage schwebt in der Luft, absurd und doch mit einer Bedeutung aufgeladen, die über Nicole hinausgeht. Sie ist sich dessen bewusst, ohne es erklären zu können. Als wäre die Bitte, sich genau auf diesen Platz setzen zu dürfen, eine Handlung mit schwerwiegenden Folgen, ein Übertreten, das ein unsichtbares Gleichgewicht kippen lassen könnte.

Der Junge mit den grauen Augen wendet endlich den Kopf.

Die Bewegung ist langsam, fast fließend, wie die eines Tieres, das endlich geruht, seine Aufmerksamkeit zu schenken. Seine Augen treffen die von Nicole, und die Welt bleibt stehen.

Das ist keine Metapher. Die Welt bleibt wirklich stehen.

Die Geräusche der Klasse verklingen. Die Stimme des Lehrers wird zu einem fernen, unverständlichen Summen. Die anderen Schüler verschwinden, verblassen, lösen sich in einem peripheren Nebel auf. Es gibt nur noch diese grauen, stürmischen, unergründlichen Augen, die in ihre tauchen wie Klingen.

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