FAZER LOGINDas Handy liegt immer noch regungslos auf dem Kissen neben ihr.
Neve versucht angestrengt, dem hell flimmernden Weihnachtsfilm auf dem Bildschirm zu folgen. Wirklich. Sie gibt sich alle Mühe. Die Hauptdarstellerin sagt gerade etwas, das in der Handlung vermutlich von kolossaler Wichtigkeit sein soll, aber Neve hat absolut keine Ahnung, worum es in dieser Szene überhaupt geht. Ihr Blick wandert wie magisch angezogen schon wieder zum dunklen Display des Smartphones. Sie stößt einen leisen, resignierten Seufzer aus. „Das ist doch einfach nur lächerlich.“ Giotto hebt sofort den Kopf von den Pfoten. Neve wirft ihm einen entschuldigenden Blick zu. „Was denn?“ Er blinzelt sie nur aus treuen Augen an. „Ich starre jetzt seit gefühlten zehn Minuten auf ein Telefon, das nicht einmal klingelt.“ Giotto legt den Kopf prompt wieder schwer auf seine Vorderpfoten. Offensichtlich hat er dazu keinerlei nennenswerte Meinung – oder er hält sie für absolut hoffnungslos. „Danke für dieses tiefe Mitgefühl.“ Neve greift nach ihrem Glas und nimmt einen tiefen Schluck von dem Wein. Genau in diesem bruchteilgleichen Moment vibriert das Handy. Einmal. Ganz kurz. Fast unauffällig. Ihr Herz setzt für eine Sekunde komplett aus. Für einen Moment rührt sie sich überhaupt nicht vom Fleck, starrt nur auf das aufleuchtende Display, als müsste sie erst einmal begreifen, dass das gerade wirklich passiert ist. Dann greift ihre Hand danach. Fast mechanisch. Und da steht nur ein einziger Name. Sein Name. Noel. Ihr Atem stockt mitten in der Lunge. Mit zitternden Fingern öffnet Neve die Nachricht. Noel: Hey Queen… Mehr steht da nicht. Nur diese zwei schlichten Worte. Und trotzdem fühlt es sich in diesem Bruchteil einer Sekunde so an, als hätte jemand mit roher Gewalt eine schwere Tür aufgerissen, die sie seit Wochen mühsam und vorsichtig verschlossen gehalten hat. Sie starrt auf den Bildschirm. Liest die Nachricht noch einmal. Und dann noch ein drittes Mal, um sicherzugehen, dass sie sich nicht täuscht. Hey Queen… Ihre Finger fangen an zu zittern. Sie weiß in diesem Moment beim besten Willen nicht, ob sie laut auflachen oder weinen soll. Am ehesten wohl beides gleichzeitig. „Nein…“, kommt es kaum hörbar über ihre Lippen. Giotto hebt abermals den Kopf. Neve sieht ihn an, während ihr die Stimme versagt. „Er…“ Mehr bringt sie nicht heraus. Ihr Herz hämmert inzwischen so wild und schnell gegen ihre Rippen, dass sie jeden einzelnen Schlag bis hinauf in ihren Hals spürt. Dann vibriert das Handy erneut in ihrer Handfläche. Noel: Es tut mir leid. Neve schluckt schwer gegen den Kloß in ihrem Hals. Schon folgt die nächste Nachricht. Noel: Ich weiß, dass ich mich viel zu lange nicht gemeldet habe. Und ich weiß verdammt gut, dass ich dir damit wehgetan habe. Ihre Augen brennen plötzlich verdächtig. Sie zieht sich die dicke Decke noch ein Stück fester um die Schultern, als könnte sie sich mit diesem weichen Stoff irgendwie selbst zusammenhalten. Dann ploppt die nächste Zeile auf. Noel: Ich wollte so oft schreiben. Eine kurze Pause auf dem Display. Noel: Ich habe jedes Mal angefangen zu tippen. Noch eine Nachricht. Noel: Und jedes Mal wieder feige aufgehört. Neve schließt für einen kurzen Augenblick die Augen. Natürlich. Natürlich hat er sie nicht einfach vergessen. Ein tiefes, unerschütterliches Teil in ihr wusste das die ganze Zeit. Aber es ist eben ein gewaltiger Unterschied, ob man etwas nur im Kopf weiß, oder ob man es plötzlich schwarz auf weiß vor sich liest. Ihr Daumen schwebt unsicher über der virtuellen Tastatur. Sie hat keine Ahnung, was sie tippen soll. Warum hast du dich so verdammt lang nicht gemeldet? – Viel zu hart. Ich habe dich so sehr vermisst. – Viel zu offen. Du fehlst mir. – Viel zu ungeschützt. Schließlich tippt sie zögernd: Neve: Hey Babe… Sie hält inne, löscht den Rest der Zeile und setzt neu an. Neve: Du glaubst gar nicht, was deine Nachricht gerade in mir auslöst. Die drei kleinen, tanzenden Punkte erscheinen fast sofort auf dem Bildschirm. Verschwinden wieder. Tauchen erneut auf. Dann: Noel: Doch. Neve blinzelt verwirrt. Eine zweite Nachricht schiebt sich direkt hinterher. Noel: Ich glaube, ich kann es mir ziemlich genau vorstellen. Neve muss trotz der aufsteigenden Tränen unwillkürlich lächeln. Kurz darauf erscheint: Noel: Und genau aus diesem Grund hatte ich solche Angst davor, dir zu schreiben. Sie zieht die Knie noch ein Stück fester an ihre Brust. Neve: Warum denn das? Diesmal dauert es wesentlich länger. Die drei Punkte tauchen auf, verharren regungslos, verschwinden. Sie warten. Dann sind sie wieder da. Noel: Weil ich schlicht nicht wusste, ob ich einfach so wieder in dein Leben spazieren und das Recht dazu haben darf. Neves Herz zieht sich schmerzhaft zusammen. Sie tippt sofort drauflos, ohne nachzudenken. Neve: Bei mir? Noel: Bei dir. Eine winzige Atempause. Noel: Bei meiner Queen. Neve presst die Lippen aufeinander, bis sie schmerzen. Jetzt brechen die Dämme endgültig, und die ersten warmen Tränen laufen ihr ungehindert über die Wangen. Sie wischt sie mit dem Ärmel hastig weg. „Verdammt noch mal“, flüstert sie in den Raum. Giotto hebt den Kopf und mustert sie besorgt. „Nicht schon wieder Tränen, ich weiß“, lächelt sie durch den Schmerz hindurch. Sie tippt weiter: Neve: Du hast mir so verdammt gefehlt. Die Antwort darauf kommt ohne eine einzige Sekunde Verzögerung. Noel: Du mir auch. Unendlich. Es sind nur vier einfache Worte. Aber sie treffen sie mitten ins Herz, heftiger und tiefer als es jede noch so lange Liebeserklärung jemals könnte. Neve lehnt den Kopf schwer gegen die Sofalehne, atmet tief und zitternd aus. Und zum ersten Mal seit Wochen fühlt sich diese schwere, drückende Stille im Raum nicht mehr leer und kalt an. Eine ganze Weile schreiben sie einfach nur hin und her. Nicht über die großen, schweren Themen. Noch nicht. Es geht um die kleinen, vertrauten Banalitäten des Lebens. Wie ihr gemeinsamer Abend bisher verlaufen ist. Wie Giotto sie mit diesem ganz speziellen Blick für absolut verrückt erklärt hat. Wie sie hier sitzt und mal wieder einen Weihnachtsfilm schaut, den sie längst auswendig mitsprechen kann. Noel erzählt ihr Bruchteile von der Tour. Von den endlos langen, kräftezehrenden Tagen. Von dem ständigen Schlafmangel. Von den fremden Gesichtern, den unzähligen Orten, dem Trubel. Von allem und gleichzeitig irgendwie von nichts. Es ist natürlich nicht genug. Noch lange nicht. Aber es ist ein verdammt guter Anfang. Dann plötzlich kommt eine Nachricht, die Neve mitten in der Bewegung innehalten lässt. Noel: Queen? Neve: Hm? Noel: Erzählst du mir alles? Neve lächelte schwach gegen das Display. Neve: Alles? Noel: Alles. Eine weitere Nachricht folgt auf dem Fuß. Noel: Deinen Geburtstag. Dann: Noel: Paris. Und direkt noch eine: Noel: Disneyland. Neve muss leise auflachen. Noel: Das Konzert von Tanner. Sie schüttelt kopfschüttelnd und amüsiert den Kopf. Natürlich. Natürlich will er jetzt, wo er wieder da ist, lückenlos alles wissen, was in seiner Abwesenheit passiert ist und was er verpasst hat. Neve: Das ist eine verdammt lange Liste, Mister. Noel: Ich habe Zeit. Neve starrt auf diese beiden kurzen Worte. Und in diesem exakten Moment löst sich das schwere Gewicht, das tagelang auf ihrer Brust lag, mit einem Mal in Luft auf. Neve: Bist du dir da absolut sicher? Die Antwort schlägt ein wie ein Versprechen, ohne auch nur eine Sekunde Zögern. Noel: Für dich immer. Neve schließt für einen Herzschlag lang die Augen. Atmet tief ein. Atmet langsam aus. Dann lächelt sie. Zum ersten Mal an diesem ganzen Abend nicht mehr erschöpft. Nicht mehr schwer von Sehnsucht. Sondern einfach nur noch tief und innig glücklich. Denn er ist wieder da. Noch nicht physisch neben ihr auf dem Sofa. Noch nicht greifbar. Aber irgendwo da draußen in dieser weiten, kalten Welt sitzt genau der Mensch, der ihr gerade geschrieben hat. Ihr Babe. Ihr sicherer Hafen. Ihr echtes Zuhause. Und mit einem Mal ist der 21. Dezember nicht mehr bloß ein schmerzhafter Abend, an dem sie ihn unendlich vermisst hat. Sondern der wunderbare Abend, an dem er zu ihr zurückgekommen ist.Neve hielt einen Moment inne. Das Handy lag noch immer in ihrer Hand, während sie über Noels letzte Nachricht nachdachte. Ihr Daumen strich sanft über das kühle, glatte Glas des Displays, als könnte sie dadurch die Distanz zwischen ihnen für einen Bruchteil einer Sekunde überbrücken. Alles, was ich in den letzten Monaten verpasst habe. Sie musste unwillkürlich lächeln. Es war so typisch für ihn. Nicht einfach nur fragen, was passiert war oder die Wochen in ein paar schnellen, oberflächlichen Sätzen abhandeln. Er wollte alles hören. Von ihr. Mit all den kleinen Details, die für andere Menschen vielleicht völlig unwichtig oder bedeutungslos waren, für sie aber längst zu kostbaren Erinnerungen geworden waren.Neve legte das Handy kurz auf ihre Brust, schloss die Augen und atmete tief durch. Die Wärme, die seine Worte in ihr hinterlassen hatten, breitete sich langsam in ihrem ganzen Körper aus. Dann begann sie zu tippen. Neve: Okay… dann hör mir zu.Ein paar Sekunden v
Das Handy liegt immer noch regungslos auf dem Kissen neben ihr.Neve versucht angestrengt, dem hell flimmernden Weihnachtsfilm auf dem Bildschirm zu folgen. Wirklich. Sie gibt sich alle Mühe.Die Hauptdarstellerin sagt gerade etwas, das in der Handlung vermutlich von kolossaler Wichtigkeit sein soll, aber Neve hat absolut keine Ahnung, worum es in dieser Szene überhaupt geht. Ihr Blick wandert wie magisch angezogen schon wieder zum dunklen Display des Smartphones.Sie stößt einen leisen, resignierten Seufzer aus. „Das ist doch einfach nur lächerlich.“Giotto hebt sofort den Kopf von den Pfoten. Neve wirft ihm einen entschuldigenden Blick zu. „Was denn?“ Er blinzelt sie nur aus treuen Augen an. „Ich starre jetzt seit gefühlten zehn Minuten auf ein Telefon, das nicht einmal klingelt.“ Giotto legt den Kopf prompt wieder schwer auf seine Vorderpfoten. Offensichtlich hat er dazu keinerlei nennenswerte Meinung – oder er hält sie für absolut hoffnungslos. „Danke für dieses tief
Der Abend liegt schwer und gleichzeitig seltsam friedvoll über der Stadt.Nicht vollkommen still. Dafür gibt es viel zu viele kleine, vertraute Geräusche, die in der kalten Nachtluft getragen werden. Ein Auto, das in der Ferne leise über eine nasse Straße rollt. Die gedämpften Schritte von Passanten auf dem Gehweg. Irgendwo in der Nachbarschaft fällt schwer und bestimmt eine Haustür ins Schloss.Aber es ist diese ganz besondere, fast greifbare Dezemberstille, die alles um sie herum ein Stück langsamer, fast ein bisschen unwirklich wirken lässt.Die Kälte ist klar und scharf in der Lunge, fühlt sich auf der Haut jedoch gleichzeitig beinahe angenehm und erfrischend an. Giotto läuft neben ihr her, die Nase tief am Boden, vollkommen versunken in seine eigene kleine, aufregende Hundewelt.Neve zieht die Hände tiefer in die warmen Taschen ihrer Jacke und beobachtet ihn für einen Moment im matt gelben Licht der Straßenlaternen. „Du findest da unten doch garantiert schon wieder irgendeinen v
Einige Wochen waren inzwischen vergangen.Nicht so viele, dass die Erinnerungen an Jamies runden Geburtstag bereits verblasst wären. Ganz im Gegenteil: Dieser besondere Tag schien sich tief in den Alltag aller Beteiligten eingebrannt zu haben und war inzwischen zu einer dieser festen Geschichten geworden, die immer wieder irgendwo auftauchten.Beim gemeinsamen Essen. In den kurzen Pausen im Studio. In den unzähligen Gruppenchats, die Tag und Nacht summten. Oder schlichtweg dann, wenn mal wieder jemand mit absoluter Selbstverständlichkeit behauptete, die eigene Version der damaligen Ereignisse sei natürlich die einzig wahre gewesen.„Ich sage euch immer noch ganz offen, dass Ben uns an dem Abend einfach komplett die Show gestohlen hat“, verkündet Nicholas, während er sich auf seinem Stuhl zurücklehnt und mit einem amüsierten Blick in die Runde sieht.Rowan sieht von seinem Teller auf und zieht trocken eine Augenbraue hoch. „Du meinst den Moment, als du fünf Minuten lang krampfhaft vers







