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Einige Wochen waren inzwischen vergangen.
Nicht so viele, dass die Erinnerungen an Jamies runden Geburtstag bereits verblasst wären. Ganz im Gegenteil: Dieser besondere Tag schien sich tief in den Alltag aller Beteiligten eingebrannt zu haben und war inzwischen zu einer dieser festen Geschichten geworden, die immer wieder irgendwo auftauchten. Beim gemeinsamen Essen. In den kurzen Pausen im Studio. In den unzähligen Gruppenchats, die Tag und Nacht summten. Oder schlichtweg dann, wenn mal wieder jemand mit absoluter Selbstverständlichkeit behauptete, die eigene Version der damaligen Ereignisse sei natürlich die einzig wahre gewesen. „Ich sage euch immer noch ganz offen, dass Ben uns an dem Abend einfach komplett die Show gestohlen hat“, verkündet Nicholas, während er sich auf seinem Stuhl zurücklehnt und mit einem amüsierten Blick in die Runde sieht. Rowan sieht von seinem Teller auf und zieht trocken eine Augenbraue hoch. „Du meinst den Moment, als du fünf Minuten lang krampfhaft versucht hast, denselben beschissenen Tanzschritt zu wiederholen?“ „Und?“ „Es sah nicht besser aus als beim ersten Mal.“ „Das ist pure Auslegungssache.“ Jamie, der gerade ruhig an seinem Glas nippt, schüttelt leise den Kopf und muss unweigerlich lachen. „Ihr seid wirklich alle miteinander absolut nicht normal.“ „Wir?“, fragt Nicholas mit perfekt gespielter, theatralischer Empörung. „Ja. Genau ihr.“ „Interessante These.“ Nicholas deutet mit einer ausladenden Geste auf Jamie. „Der Mann, der an seinem eigenen Geburtstag fast eine halbe Stunde lang sprachlos in der Gegend herumstand, weil er nicht wusste, wohin mit sich, nennt uns also unnormal.“ Jamie prustet los. „Das war ja wohl eindeutig eure Schuld!“ „Unsere? Wie kommst du denn jetzt darauf?“ „Ihr wart schließlich alle da.“ „Das ist doch kein logisches Argument.“ „Für mich schon.“ Und im nächsten Moment bricht das allgemeine Gelächter wieder los. Neve sitzt meistens nur da und beobachtet das bunte Treiben mit einem sanften, tiefen Frieden im Herzen. Jamie ist durch diesen Abend kein völlig anderer Mensch geworden. Aber irgendetwas in ihm hat sich verändert. Es ist etwas Kleines. Fast schon Unsichtbares. Und doch ist es unverkennbar da. Wenn er sie heute „Eomma“ nennt, klingt das längst nicht mehr nach etwas, das er sich erst mühsam angewöhnen musste. Es ist vollkommen selbstverständlich geworden. Wie ein Wort, das seinen festen, unumstößlichen Platz im Vokabular gefunden hat. Manchmal erwischt Neve sich dabei, wie sie ihn mustert und diesen kurzen, nachdenklichen Ausdruck in seinen Augen sieht. Als würde er selbst noch immer nicht ganz begreifen, wie viel ihm diese Verbindung eigentlich bedeutet. Aber sie weiß es. Und tief in seinem Inneren weiß er es inzwischen auch. Sie ist für ihn zu etwas geworden, das er lange Zeit schmerzlich vermisst hat, ohne es je richtig benennen zu können. Ein echtes Zuhause. Nicht aus vier Wänden und einem festen Ort. Sondern aus einem Menschen. Doch nach ein paar Tagen holt das Leben alle wieder ein, und der Alltag fordert seinen Tribut. Mila und der kleine Ben treten die Heimreise an. Die Jungs verschwinden Schlag auf Schlag wieder in ihrem unbarmherzigen Strudel aus Terminen, Aufnahmen und Verpflichtungen. Und auch Noel und Neve müssen sich nach der intensiven gemeinsamen Zeit erst einmal wieder in ihrem ganz eigenen Rhythmus einfinden. In den ersten Tagen fühlt sich die physische Entfernung kaum wie eine echte Distanz an. Noel schreibt. Fast ununterbrochen. Jeden einzelnen Tag. Manchmal ploppt die erste Nachricht direkt morgens auf dem Bildschirm auf, noch bevor Neve richtig wach ist. Manchmal kommt ein Lebenszeichen mitten in der Nacht, wenn sein eigener Tag in einer anderen Zeitzone gerade erst zu Ende geht. Und oft greift er einfach zum Telefon und ruft sie an. „Was machst du gerade?“, fragt seine vertraute Stimme dann durch die Muschel. Neve liegt eingekuschelt irgendwo auf der Couch. „Milka-Kakao trinken.“ „Das erklärt natürlich einiges.“ Sie hebt am anderen Ende skeptisch eine Augenbraue. „Was genau soll das denn jetzt bitteschön heißen?“ „Warum du so unverschämt zufrieden klingst.“ „Ich bin immer zufrieden.“ „Bestimmt nicht.“ „Doch.“ „Queen…“ „Was ist?“ „Du bist erst nach deiner obligatorischen Tasse Kakao überhaupt ansprechbar.“ Neve muss laut auflachen. „Das ist eine absolute Verleumdung!“ „Eine sehr gut belegte, wenn ich bitten darf.“ „Du bist heute unverschämt frech.“ „Du liebst mich trotzdem.“ „Leider Gottes ja.“ Sein tiefes Lachen am anderen Ende der Leitung macht jedes Mal etwas mit ihr. Diese winzigen, scheinbar bedeutungslosen Gespräche sind nichts Weltbewegendes. Und vielleicht sind sie gerade deshalb so unendlich wertvoll. Ein paar Minuten pure Nähe. Manchmal länger, manchmal nur ein kurzer, liebevoller Gruß zwischen Tür und Angel. Aber er ist da. Dann jedoch beginnt die anstrengende Tournee, und von einem Tag auf den anderen verändert sich die Dynamik. Es passiert nicht dramatisch. Es gibt keinen lauten Streit, keine Aussprache, keinen exakten Punkt, an dem jemand sagt: Jetzt ist alles anders. Es wird einfach nur schrittweise weniger. Aus täglichen, ausgiebigen Telefonaten werden schnelle Textnachrichten zwischen zwei harten Proben. Aus langen, tiefgründigen Gesprächen werden knappe Sprachnachrichten, in denen er atemlos von der Bühne erzählt. Aus einem festen „Ruf mich später an, wenn du Zeit hast“ wird plötzlich ein erschöpftes: Wenn ich zurück im Hotel bin, ja? Neve versteht es. Natürlich versteht sie es mit jeder Faser ihres Verstandes. Die Jungs haben einen vollen Tourplan. Konzerte, die Energie kosten. Ständige Ortswechsel. Ungemütliche Hotelbetten. Viel zu frühe Flüge und endlos lange Tage. Noel ist müde. Und trotz seiner Erschöpfung versucht er immer noch, irgendwie die Brücke zu schlagen. Manchmal landet eine Nachricht von Theo auf ihrem Handy: Noel lässt dir ganz liebe Grüße ausrichten. Oder Julian erwähnt es im Nebensatz am Telefon: Noel hat eben gefragt, wie es dir geht. Ein anderes Mal ist es Leo, der kurz schreibt: Meine Queen soll sich nicht so viele Gedanken machen. Neve muss dann meistens unwillkürlich lächeln. Sie freut sich über jeden einzelnen dieser kleinen Grüße, wirklich. Aber in dem exakten Moment, in dem das Display wieder dunkel wird, zieht sich etwas Schmerzhaftes in ihrer Brust zusammen. Denn sie will keine ausgerenderten Grüße über Umwege. Sie will ihn. Seine vertraute Stimme. Sein echtes Lachen. Seine kleinen, fürsorglichen Fragen, wie sie ihren Tag verbracht hat. Sein Hast du heute genug gegessen, Queen? Sein Schlaf gut, mein Schatz. Sein Ich vermisse dich so sehr. Genau da liegt der verletzende Unterschied. Die Wochen ziehen unbarmherzig ins Land. Neve redet sich immer wieder gut zu, erinnert sich selbst daran, dass das alles nur ein vorübergehender Zustand ist. Sie weiß, dass Noel ihre Beziehung nicht absichtlich vernachlässigt und dass sein Kopf und sein Kalender gerade einfach überquellen. Und intellektuell stimmt das ja auch alles. Trotzdem gibt es diese Abende, an denen sie einsam auf der Couch sitzt und das Smartphone stumm neben ihr liegt. Der Bildschirm bleibt dunkel. Und trotzdem wandert ihr Blick immer wieder dorthin. Einmal. Noch einmal. Und dann noch ein drittes Mal. „Du bist wirklich völlig lächerlich“, murmelte sie irgendwann leise zu sich selbst in die Stille des Raumes hinein. Giotto, der auf dem Teppich liegt, hebt augenblicklich den Kopf und blinzelt sie an. Neve wirft ihm einen entschuldigenden Blick zu. „Du nicht, Kleiner.“ Der Hund legt den Kopf schief, als überlege er sich die Lage. „Ich vermisse nur jemanden ganz schrecklich“, fährt sie leise fort. Giotto mustert sie noch einen Moment lang aus treuen Augen, ehe er sich seufzend wieder ablegt. Neve muss schwach lächeln. „Danke für dein tiefes Mitgefühl.“ Mit jedem Tag merkt Neve mehr, wie sie unbewusst beginnt, die Tage im Kalender abzuzählen. Nicht dogmatisch. Nicht jeden Morgen mit einem starren Blick. Aber manchmal wandert ihr Auge auf das Datum, und der Gedanke schiebt sich in den Vordergrund: Nur noch ein paar Wochen. Dann: Bald ist December. Bald ist Weihnachten. Und in manchen Momenten fast flüsternd: Vielleicht sehen wir uns dann endlich wieder richtig. Es ist kein lauter, dramatischer Schmerz, der ihr den Atem raubt. Es ist eher dieses leise, stete Ziehen, das sich unbemerkt in jede kleinste Ritze des Alltags schleicht. Beim Einkaufen im Supermarkt. Beim Kochen für eine Person. Beim abendlichen Einschlafen im kalten Bett. Beim Aufwachen in den frühen Morgenstunden. Immer wieder ertappt sie sich dabei, wie sie etwas Spannendes erzählen will und automatisch nach dem Handy greift. Bis ihr jedes verdammte Mal aufs Neue einfällt, dass Noel gerade ganz woanders ist. In einer anderen Stadt. In einem fremden Hotelzimmer. In einem anderen, völlig übervollen Tag. Dann lässt sie das Telefon langsam wieder sinken. Und macht einfach weiter. Denn das kann sie schließlich. Sie kann funktionieren. Sie kann den Alltag stemmen. Auch wenn ein verdammt großer Teil von ihr jedes Mal einfach dort stehen bleibt, wo er ist. Bei ihm. So verrinnen die Wochen. Nicht spektakulär. Nicht filmreif dramatisch. Einfach nur trister Alltag. Und vielleicht ist genau das das Tückische daran. Denn tiefe Sehnsucht entsteht eben nicht immer nur in den großen, schicksalhaften Momenten. Manchmal wächst sie ganz still heran. In einem ungesunden, viel zu leeren Platz auf der Couch. In einer Textnachricht, die einfach ausbleibt. In einem alten Lied im Radio, das plötzlich schmerzhaft nach ihm klingt. Oder in diesem einen Satz, den man so verdammt gerne laut aussprechen würde – wenn denn nur jemand da wäre, der zuhört. Während der Dezember nun unaufhaltsam näher rückt, wächst dieses Gefühl in ihrer Brust jeden Tag ein Stückchen mehr. Neve weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht, was die kommenden Wochen für sie bereithalten werden. Sie weiß nur eine einzige Sache ganz gewiss: Sie vermisst ihn. Viel mehr, als sie sich selbst jemals eingestehen wollte.Neve hielt einen Moment inne. Das Handy lag noch immer in ihrer Hand, während sie über Noels letzte Nachricht nachdachte. Ihr Daumen strich sanft über das kühle, glatte Glas des Displays, als könnte sie dadurch die Distanz zwischen ihnen für einen Bruchteil einer Sekunde überbrücken. Alles, was ich in den letzten Monaten verpasst habe. Sie musste unwillkürlich lächeln. Es war so typisch für ihn. Nicht einfach nur fragen, was passiert war oder die Wochen in ein paar schnellen, oberflächlichen Sätzen abhandeln. Er wollte alles hören. Von ihr. Mit all den kleinen Details, die für andere Menschen vielleicht völlig unwichtig oder bedeutungslos waren, für sie aber längst zu kostbaren Erinnerungen geworden waren.Neve legte das Handy kurz auf ihre Brust, schloss die Augen und atmete tief durch. Die Wärme, die seine Worte in ihr hinterlassen hatten, breitete sich langsam in ihrem ganzen Körper aus. Dann begann sie zu tippen. Neve: Okay… dann hör mir zu.Ein paar Sekunden v
Das Handy liegt immer noch regungslos auf dem Kissen neben ihr.Neve versucht angestrengt, dem hell flimmernden Weihnachtsfilm auf dem Bildschirm zu folgen. Wirklich. Sie gibt sich alle Mühe.Die Hauptdarstellerin sagt gerade etwas, das in der Handlung vermutlich von kolossaler Wichtigkeit sein soll, aber Neve hat absolut keine Ahnung, worum es in dieser Szene überhaupt geht. Ihr Blick wandert wie magisch angezogen schon wieder zum dunklen Display des Smartphones.Sie stößt einen leisen, resignierten Seufzer aus. „Das ist doch einfach nur lächerlich.“Giotto hebt sofort den Kopf von den Pfoten. Neve wirft ihm einen entschuldigenden Blick zu. „Was denn?“ Er blinzelt sie nur aus treuen Augen an. „Ich starre jetzt seit gefühlten zehn Minuten auf ein Telefon, das nicht einmal klingelt.“ Giotto legt den Kopf prompt wieder schwer auf seine Vorderpfoten. Offensichtlich hat er dazu keinerlei nennenswerte Meinung – oder er hält sie für absolut hoffnungslos. „Danke für dieses tief
Der Abend liegt schwer und gleichzeitig seltsam friedvoll über der Stadt.Nicht vollkommen still. Dafür gibt es viel zu viele kleine, vertraute Geräusche, die in der kalten Nachtluft getragen werden. Ein Auto, das in der Ferne leise über eine nasse Straße rollt. Die gedämpften Schritte von Passanten auf dem Gehweg. Irgendwo in der Nachbarschaft fällt schwer und bestimmt eine Haustür ins Schloss.Aber es ist diese ganz besondere, fast greifbare Dezemberstille, die alles um sie herum ein Stück langsamer, fast ein bisschen unwirklich wirken lässt.Die Kälte ist klar und scharf in der Lunge, fühlt sich auf der Haut jedoch gleichzeitig beinahe angenehm und erfrischend an. Giotto läuft neben ihr her, die Nase tief am Boden, vollkommen versunken in seine eigene kleine, aufregende Hundewelt.Neve zieht die Hände tiefer in die warmen Taschen ihrer Jacke und beobachtet ihn für einen Moment im matt gelben Licht der Straßenlaternen. „Du findest da unten doch garantiert schon wieder irgendeinen v
Einige Wochen waren inzwischen vergangen.Nicht so viele, dass die Erinnerungen an Jamies runden Geburtstag bereits verblasst wären. Ganz im Gegenteil: Dieser besondere Tag schien sich tief in den Alltag aller Beteiligten eingebrannt zu haben und war inzwischen zu einer dieser festen Geschichten geworden, die immer wieder irgendwo auftauchten.Beim gemeinsamen Essen. In den kurzen Pausen im Studio. In den unzähligen Gruppenchats, die Tag und Nacht summten. Oder schlichtweg dann, wenn mal wieder jemand mit absoluter Selbstverständlichkeit behauptete, die eigene Version der damaligen Ereignisse sei natürlich die einzig wahre gewesen.„Ich sage euch immer noch ganz offen, dass Ben uns an dem Abend einfach komplett die Show gestohlen hat“, verkündet Nicholas, während er sich auf seinem Stuhl zurücklehnt und mit einem amüsierten Blick in die Runde sieht.Rowan sieht von seinem Teller auf und zieht trocken eine Augenbraue hoch. „Du meinst den Moment, als du fünf Minuten lang krampfhaft vers







