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KAPITEL 2

Author: Red_Ink
last update publish date: 2026-09-23 19:56:23

~CHLOE~

Meine Augen weiteten sich, als ich das Gebäude anstarrte. Im Gegensatz zu dem, was ich mir vorgestellt hatte, war diese Schule riesig – in einem edlen Schatten von Lila und Schwarz, der eine unheimliche und zugleich verlockende Aura ausstrahlte.

Mein Fahrer holte mein Gepäck heraus, stieg wieder ins Auto und fuhr davon, sodass ich allein vor dem massiven Bauwerk stand. Mein Blick schweifte über die anderen Schüler. Jeder einzelne von ihnen besaß eine atemberaubende Schönheit, die ethereal wirkte.

Nicht menschlich.

Die Erkenntnis traf mich hart – hier gab es nur Wölfe.

Ich schluckte schwer.

Es gab ein entscheidendes Detail, das ich nicht vergessen hatte zu erwähnen: Menschen waren an der Silvermoon Akademie nicht erlaubt. Die Strafe war der Tod – die schlimmste Art von Tod. Ich hatte Geschichten gehört von kalten, leblosen Körpern, die zurück ins Menschenreich geschickt wurden, mit Warnzetteln daran geheftet.

Mein Selbstvertrauen wankte, aber ich blieb fest auf der Stelle stehen.

Das ist für Mutter, erinnerte ich mich. „Für Mutter.“

Ich wiederholte es wie ein Mantra, dann trat ich vor und zog meinen kleinen Koffer über den dunklen Fliesenweg.

In dem Moment, als ich mich bewegte, verstummten die Gespräche. Jeder Blick wandte sich mir zu, und ich spürte sofort die kalte Verachtung, die mir ins Gesicht starrte.

Ich hielt den Kopf gesenkt und zog mein Gepäck zum Haupteingang, um Luft zu holen. Bevor ich es schaffte, schwärmte eine Gruppe von Mädchen vor mir auf. Ich sah auf und traf den Blick eines Mädchens mit dunkelblauen Augen, schwarzem Haar und roten Lippen, die sich zu einem höhnischen Grinsen verzogen. Einen Moment lang stand das Trio da, ihre spöttischen Augen musterten meine abgetragenen Kleider.

„Du musst die wolflose Omega sein?“, höhnte sie.  

Ich nickte schnell.

Das war genau die Lüge, die ich in meinem Bewerbungsformular angegeben hatte: eine schwache Wölfin, die ihren inneren Wolf bei einem tragischen Unfall für immer verloren hatte. Ich hatte eine Geschichte erfunden, die emotional genug war, um ihre Herzen zu rühren, aber nicht verdächtig genug, um mich wie eine unstabile Außenseiterin wirken zu lassen.

„Scheint, als wärst du in die falsche Schule gelaufen“, spottete sie. „Du magst von Blut her ein Wolf sein, aber es gibt keinen Unterschied zwischen dir und einem Menschen. Erbärmlich, schwach und ein Schandfleck für unsere Art.“

Ihre Handlangerinnen lachten mit. Ich wollte an ihnen vorbei, aber sie reagierte sofort. Ihre Hand schoss zurück und stieß mich hart. Ich fiel rückwärts und krachte auf den Beton; der Schmerz schabte scharf durch meine Knie.

Ich sah auf und beobachtete, wie sie höhnisch auf mich herabblickte.

„Ich wünschte, wir könnten das jetzt beenden, aber ich habe ein Hockeyspiel zu sehen. Auf Wiedersehen. Bis bald, Freak.“ Sie spuckte auf den Boden und ging davon, während ihre Freundinnen lachten und durch die großen Doppeltüren verschwanden.

Trotz des scharfen Schmerzes, der durch meinen Unterkörper schoss, raffte ich mich auf und ging hinein.

In dem Moment, als ich die schweren Türen aufzog, schlug mir eine eisige Luft entgegen. Ich zitterte, meine zitternden Hände umklammerten fest den Griff meines Gepäcks.

Ich kann nicht umkehren. Ich kann nicht gehen. Ich schaffe das … Mutter braucht das.

Meine Sneaker quietschten leise über den cremefarbenen Fliesenboden. Mein Blick schweifte durch die enorme Halle. An beiden Seiten reihten sich Schließfächer, in der Mitte stand ein filigraner Brunnen in Form eines Phönix, und eine massive Marmortreppe führte zu den oberen Etagen.

Das wirkte eher wie eine weitläufige Burg als wie eine Schule. Ich schluckte meine Angst hinunter und begann, nach dem Verwaltungsbüro zu suchen.

Die Halle war unheimlich still, vollkommen menschenleer. Ich hörte das leise Summen der Luft, das hektische Pochen meines eigenen Herzens und jeden zittrigen Atemzug, den ich tat.

Während ich weiter durch die Korridore ging, ließ ein plötzlicher lauter Toben mich abrupt stehen bleiben. Ich wandte mich einer großen Doppeltür zu, die nicht ganz geschlossen war. Ich stieß eine auf, und mein Blick fiel auf eine riesige Eisbahn, umgeben von Tausenden jubelnder, schreiender Schüler.

„Silvermoon!“  

„Silvermoon!“  

„Silvermoon!“

Die Rufe wurden lauter. Ich schlich näher, meine Augen richteten sich auf die Mitte der Bahn. Die Scheinwerfer über mir schienen durch das Eis auf einen bestimmten Spieler, der mühelos über die Bahn glitt. Jede Drehung, jedes Gleiten, jedes Reißen durch das Eis war fließend. Er bewegte sich, als gäbe es keine Verteidiger um ihn herum, als gehöre ihm die gesamte Arena.

Angesichts der Art, wie die ganze Schule seinen Namen schrie, dachte ich, dass er das wahrscheinlich tat.

Genau in diesem Moment schleuderte er den Puck geradewegs durch die Bahn und ins Tor.

Ein Tor!

Die Menge brach in puren Chaos aus.

„Asher!“  

„Asher!“  

„Asher!“  

sie skandierten im Chor.

„Asher …“, flüsterte ich, das Wort glitt mir ohne meine Erlaubnis über die Lippen.

Als wäre er von einem Sirenenruf gerufen worden, hob er den Kopf. Über die massive Menge hinweg, durch die Glasscheibe hindurch, landeten seine Augen direkt auf mir.

Ich erstarrte.

Dunkelgraue Augen, die eine plötzliche, markerschütternde Kälte durch meine Adern jagten.

Er starrte mich an, sein Blick haftete ungebrochen auf meinem.

Panik setzte ein. Ich drehte mich um und sprintete hinaus in den Flur.

Meine Brust prallte hart gegen meine Rippen, während ich mich an die Wand lehnte und versuchte, meinen hektischen Atem zu beruhigen.

„Er ist nur ein Wolf. Er kennt dein Geheimnis nicht. Hör auf, zu viel nachzudenken“, wiederholte ich wie ein Mantra.

„Bist du das neue Mädchen?“

Ich zuckte bei der plötzlichen Stimme zusammen, meine Augen schnellten zu einer freundlichen älteren Frau mit einem warmen Lächeln.

„Geht es dir gut, Liebes? Ich wollte dich nicht erschrecken.“

„Ich … mir geht’s gut.“

Sie lächelte sanft. „Gut. Du hast dich wohl verlaufen. Ich bringe dich zum Schulleiter.“

Ich verneigte mich höflich und folgte ihr, während wir den stillen Ostflügel der Schule entlanggingen und vor einer großen Holztür anhielten.

Ich dankte ihr, klopfte leise und stieß die Tür auf. Mein Blick fiel auf ein helles, cremefarbenes Büro. Das Tageslicht, das durch das Fenster strömte, stach mir für einen Moment in die Augen, bevor ich mich daran gewöhnte.

Ich trat ein, meine Augen ließen sich auf dem Mann nieder, der hinter einem großen Mahagonischreibtisch saß. In einem maßgeschneiderten Anzug gekleidet, sah er auf. Ich verneigte mich respektvoll.  

„Guten Morgen, Sir. Ich bin—“

„Chloe Harper?“

„Ich … ja.“

Er schenkte mir ein warmes Lächeln, doch seine Augen trugen einen mitleidigen, sanften Ausdruck – als wäre ich ein zerbrechliches Mädchen, das gebrochen worden war. Ich vermutete, dass das an der Hintergrundgeschichte in meiner Bewerbung lag.

„Setzen Sie sich, Miss Harper“, begann er warm. „Ich bin so froh, dass Sie es hierher geschafft haben. Die Silvermoon Akademie wurde für Wölfe gegründet, die in der Welt verloren oder verstreut waren. Wir sind geehrt, dass wir ein weiteres Mitglied unserer Art retten konnten, auch wenn Ihr Wolf fort ist.“ Er seufzte leise. „Es tut mir so leid um Ihren Verlust.“

„Das müssen Sie nicht, Sir“, sagte ich und zwang einen leisen, traurigen Ton in meine Stimme. „Es … es ist schon lange her. Mutter, Vater und ich fuhren zu Vaters Lieblingssee, als der Unfall passierte. Ich … ich kann mich noch an Mutters letzte Worte erinnern. Sie sagte mir, ich sei anders, dass ich meinen Wolf verstecken solle … nur damit wir an genau diesem Tag entdeckten, dass ich meinen Wolf verloren hatte.“

Ein paar falsche Tränen rannen meine Wangen hinunter, und der Schulleiter reichte mir rasch ein Taschentuch.

„Sie brauchen nicht mehr zu weinen, Liebes. Sie sind jetzt hier, und Sie sind in Sicherheit. Die Silvermoon Akademie wird Ihnen auf jede erdenkliche Weise helfen.“

„Und was ist mit der Stipendienzulage, Sir?“ fragte ich leise.

„Sie wird zwei Wochen nach Ihrer Ankunft auf Ihr Konto überwiesen.“

Hoffnung blühte in meiner Brust auf.

Nur noch zwei Wochen.

Er zog einen Messingschlüssel aus der Schreibtischschublade. „Das ist Ihr Zimmerschlüssel. Richten Sie sich ein, und ich werde dafür sorgen, dass Sie ordnungsgemäß willkommen geheißen werden.“

Ich sagte ihm nicht, dass ich draußen bereits wie Müll auf den Beton gestoßen worden war. Ich nahm den Schlüssel, dankte ihm und eilte hinaus. Die ältere Frau wartete noch im Korridor. Ich zeigte ihr den Schlüssel, und sie führte mich freundlich zum Wohntrakt.

Zum Glück waren die Flure noch still – sie schauten immer noch das Hockeyspiel.

Ich trat in mein zugewiesenes Zimmer und keuchte auf. Es war riesig – weit größer als die enge Wohnung, die ich zu Hause teilte.

„Genießen Sie Ihren Aufenthalt, Liebes“, sagte die Frau.

„Danke, Ma’am.“ Ich verabschiedete mich und schloss die Tür hinter ihr.

Erschöpft machte ich mir nicht einmal die Mühe, mich zu waschen. Ich streifte meine Schuhe ab und sank in das große Bett. Ein feiner Duft von Zedernholz und Regen lag über den weichen Laken und beruhigte sofort meine steifen Nerven. Innerhalb von Sekunden glitt ich in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

~~~~

Meine Augen flatterten Stunden später auf. Ich drehte mich um, immer noch eng in die Laken gehüllt. Mein Körper fühlte sich schwerelos auf der weichen Matratze an.

Dieser Ort war der Himmel.

Und nichts – absolut nichts – würde mir das verderben.

Genau in diesem Moment hallte das scharfe Klicken einer sich öffnenden Tür durch das stille Zimmer.

Ich setzte mich blitzschnell auf, Terror jagte durch meine Adern. Panisch suchten meine Hände nach allem, was ich als Waffe gebrauchen konnte. Meine Finger umschlossen einen schweren Holzschemel neben dem Bett. Ich hob ihn hoch und hielt ihn bereit zum Schwingen.

Ich mag ein Mensch unter Wölfen sein, aber ich weiß, wie ich mich verteidige.

Die Badezimmertür schwang vollständig auf. Bevor mein Gehirn überhaupt registrieren konnte, was geschah, flackerte das Licht an – und mein Blick fiel auf eine halbnackte Gestalt, die ins Zimmer trat.

Ein lauter, schriller Schrei riss sich aus meiner Kehle.

Durch meinen Schrei erschrocken zuckte der Typ zusammen, sodass das locker um seine Hüfte gewickelte Handtuch völlig abrutschte und auf den Boden fiel.

Mein Blick traf seinen Unterkörper, und ein entsetzlicher Schrei entwich meinen Lippen.

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