Evelyns Perspektive
Das Letzte, was ich spürte, war das Brennen des Gifts.
Ich lag auf dem eiskalten Marmor dieses Penthouses, das ich für unser Liebesnest gehalten hatte, spuckte Blut, und meine Fingernägel rissen am Boden ab. Es war kein friedlicher Tod. Die Substanz zerfetzte mir die Eingeweide und schnürte mir die Kehle in einem erstickenden Krampf zu.
Über mir schwenkte Marcus gemächlich sein Glas Rotwein. Seine Augen, die einst so zärtlich gewesen waren, wenn er mir Versprechen ins Ohr geflüstert hatte, zeigten nur noch eisigen Ekel. Von dem Märchenprinzen, für den ich meinen Mann verraten, die Geheimnisse meines Zuhauses verkauft und meinen Sohn im Stich gelassen hatte, war nichts mehr übrig.
„Du bist wirklich erbärmlich naiv, Evelyn“, sagte er und setzte seinen Fuß auf meine zitternde Hand. Ohne mit der Wimper zu zucken, zerquetschte er meine Finger. „Du hast Caleb für mich zerstört. Wenn du den Mann verraten konntest, der dir alles gegeben hat – was garantierte mir dann, dass du mir nicht dasselbe antun würdest?“
Neben ihm kniete Sarah nieder, meine beste Freundin, die Tag für Tag meinen Groll gegen meinen Mann geschürt hatte, und beugte sich über mein blutverschmiertes Gesicht. Sie hob meine Designertasche auf und lächelte grausam.
„Mach dir keine Sorgen um das, was danach kommt, Eve. Ich kümmere mich bestens um Calebs Vermögen, sobald er ruiniert ist. Und dein Balg? Leo? Ein schäbiges Internat irgendwo im hintersten Sibirien reicht völlig. Oder vielleicht ein tragischer Autounfall …“
Ich wollte schreien. Ich wollte ihnen die Augen auskratzen. Doch aus meiner Kehle drang nur ein blutiges Röcheln. Das letzte Bild meines ersten Lebens war das Klirren ihrer Kristallgläser, die über meinem Todeskampf aneinanderstießen.
Dann Leere. Und in dieser körperlosen Leere zwischen Leben und Tod drängte sich mir eine grauenvolle Vision auf.
Ich sah, wie es weiterging.
Caleb. Mein kalter, distanzierter, unnahbarer Mann. Als die Polizei meinen Tod als „versehentliche Überdosis“ zu den Akten legte, stellte dieser Mann, den ich jahrelang beschuldigt hatte, ein herzloser Roboter zu sein, die ganze Stadt auf den Kopf. Ich sah ihn mit blutunterlaufenen Augen durch die Polizeiwachen geistern, mit den Fäusten auf Schreibtische schlagen und Dutzende Detektive anheuern. Er opferte alles, um zu beweisen, dass ich ermordet worden war.
Aber Marcus und Sarah warteten bereits auf ihn. Methodisch hackten sie sein Unternehmen, mithilfe der Zugänge, die ich ihnen ausgehändigt hatte. Sie leerten seine Konten und zerstörten seinen Ruf. Und an einem Winterabend, ruiniert und gejagt, wurde Caleb auf einer dunklen Landstraße frontal von einem Lastwagen gerammt. Mein kleiner Leo, voller Angst, saß neben ihm auf dem Beifahrersitz. Sie überlebten nicht.
Mein Mann und mein Sohn waren gestorben, weil ich unser Leben einem Monster in die Hände gelegt hatte.
„Nein! Caleb! LEO!“
Ich fuhr ruckartig hoch, mit einem krampfhaften Atemzug, die Hand an meine Kehle gepresst. Kein Blut. Kein Gift. Kein eisiger Boden.
Meine zitternden Finger umklammerten einen rosafarbenen Seidenmorgenmantel. Die Luft um mich duftete nach Rosen und Vanille. Ich saß an meinem Frisiertisch vor einem beleuchteten Spiegel. Das Gesicht, das mir daraus entgegenblickte, war jung und glatt, frei von den Falten der Bitterkeit und den Schatten des Hasses, die sich im Lauf der Jahre darin eingegraben hatten.
Ich senkte den Blick auf den digitalen Wecker: 14. Mai, 8:15 Uhr.
Mein Herz setzte einen Schlag aus. Der 14. Mai. Der Tag des Frühlingsgalas.
In meinem früheren Leben hatte ich genau an diesem Morgen Calebs Dusche genutzt, um den USB-Stick mit den Prototypen des Projekts Aegis aus seinem Safe zu stehlen. An diesem Abend hatte ich ihn Marcus gegeben, überzeugt, ihm zum Sieg über einen „tyrannischen Ehemann“ zu verhelfen. Es war der erste Dominostein unseres Untergangs gewesen.
Ein leises Poltern an der Tür ließ mich zusammenzucken. Sie öffnete sich einen Spaltbreit.
Ein kleines, verschlafenes Gesicht, gekrönt von zerzausten Haaren, erschien im Türrahmen. Er trug seinen Schlafanzug mit den kleinen Tyrannosauriern.
„Mama?“, flüsterte Leo.
Bei meinem Aufschrecken hatte ich ein Parfümfläschchen umgestoßen, das auf dem Parkett zerborsten war. Als der Vierjährige die Glassplitter sah, fiel sein Gesicht in sich zusammen. Er machte einen Schritt zurück, die Schultern angespannt, und hob ganz von selbst die kleinen Hände, um sich zu schützen.
„Tut mir leid … Ich hab was gehört. Sei nicht böse, Mama. Ich geh wieder in mein Zimmer.“
Eine unsichtbare Klinge fuhr mir durchs Herz. In meinem alten Leben hatte ich ihn ständig weggestoßen. Ich hatte ihn angeschrien, sobald er meine Sachen anfasste, und in ihm eine Last gesehen, die mich an Caleb band. Er hatte Angst vor mir.
„Leo … nein, bleib“, sagte ich, die Stimme brüchig vor Schluchzen.
Der Kleine erstarrte, den Blick besorgt. „Haust du mir wieder auf die Finger wie letztes Mal?“
Mir wurde übel. Mein Gott, was hatte ich ihm nur angetan?
Ich rutschte von meinem Hocker auf die Knie, ohne auf die Splitter neben mir zu achten, und breitete die Arme aus. „Nie. Nie wieder, mein Schatz. Komm her … bitte.“
Er zögerte und musterte meine Tränen mit rührender Verwirrung, dann tat er ein paar vorsichtige Schritte. Als ich ihn an mich zog, war er steif wie ein Brett. Ich vergrub das Gesicht in seinem Nacken und atmete den süßlichen Duft des Kindershampoos ein. Ich weinte hemmungslos und durchnässte seinen Schlafanzug.
Nach ein paar Sekunden spürte ich seine winzige Hand, die mir unbeholfen auf die Schulter klopfte.
„Wein nicht, Mama … Hat dich das Glas gepikst? Ich kann ein Pflaster holen, wenn du willst.“
„Nein, mein Baby, alles gut … Ich hab dich nur so unendlich lieb“, stieß ich schluchzend hervor und drückte ihn so fest an mich, dass er kaum atmen konnte.
„Was ist hier los?“
Die tiefe, scharfe, schneidende Stimme zerriss die Stille des Zimmers.
Ich blickte auf. Caleb stand in der Tür. Makellos gebügeltes weißes Hemd, die schwarze Krawatte ungebunden um den Hals, der Kiefer angespannt. In seinen dunklen Augen lag keine Wärme, nur kalte, müde Skepsis.
Als er mich auf dem Boden sah, zerzaust und in Tränen, Leo eng an mich gedrückt, neben den Scherben, verhärtete sich seine Miene. Mit drei großen Schritten war er bei uns, schob mich unsanft beiseite und zog Leo sofort hinter seinen Rücken, als müsse er ihn vor einer Gefahr schützen.
„Wenn du wieder einen Anfall hast, lass ihn an mir aus, Evelyn“, sagte er eisig. „Zieh meinen Sohn da nicht mit hinein.“
„Caleb, nein … so ist es nicht“, stammelte ich und wischte mir die Wangen ab.
Er warf dem zerbrochenen Fläschchen einen verächtlichen Blick zu.
„Was ist es diesmal? Ein neuer Wutanfall, weil ich die Überweisung für deine Villa in Cannes nicht unterschreibe? Oder hat dich dein lieber Marcus heute Morgen schon wieder gegen mich aufgehetzt?“
Marcus’ Namen aus seinem Mund zu hören, fuhr mir wie ein Stromschlag durch den Körper. Mein Hass auf dieses Monster drohte mich zu ersticken, doch vor Caleb schluckte ich alles hinunter.
„Ich will keine Villa“, sagte ich mit fester Stimme, obwohl ich zitterte. „Und ich will nie wieder etwas von Marcus hören.“
Caleb stieß ein kurzes, freudloses Lachen aus.
„Sehr glaubwürdig. Jedes Mal, wenn du die Märtyrerin spielst, führst du etwas im Schilde oder brauchst Geld. Was hast du angestellt? Hast du wieder ein Firmenkonto geplündert?“
„Nein!“ Ich stand langsam auf und hielt ihm die offenen Hände hin, damit er sah, dass ich ihm nichts Böses wollte. „Ich habe nur ungeschickt das Fläschchen fallen lassen. Ich räume das weg.“
„Lass. Das Personal kümmert sich darum“, unterbrach er mich kalt. „Mach dich lieber für die Gala heute Abend fertig. Es ist das Ereignis des Jahres, und du willst dir sicher keine Gelegenheit entgehen lassen, fotografiert zu werden.“
„Ich … ich habe nicht wirklich Lust hinzugehen“, flüsterte ich.
Caleb trat einen Schritt näher. Er roch nach Zedernholz und Rasierseife. Sein Schatten legte sich über mich.
„Hör auf mit dem Theater, Evelyn. Diese Gala ist entscheidend für die Investoren von Aegis. Du ziehst dein schönstes Kleid an, nimmst meinen Arm, lächelst die Journalisten an und spielst zwei Stunden lang die perfekte Familie. Danach kannst du dein Leben wieder aufnehmen und weiter Leo und mich ignorieren. Das ist unser Deal, oder?“
Er wandte sich dem kleinen Jungen zu, der die Szene schweigend verfolgte.
„Leo, geh runter zu Frau Higgins. Dein Frühstück ist fertig.“
Leo warf einen verstohlenen Blick zwischen seinem Vater und mir hin und her, nickte und huschte den Flur entlang davon.
Als Caleb sich ebenfalls zum Gehen wandte, griff ich nach dem Zipfel seines Ärmels. Mein Herz hämmerte wie wild. Er erstarrte sofort und zog den Arm mit einem Ruck zurück, als hätte mich seine Berührung verbrannt.
„Was denn noch?“
„Es … es tut mir leid“, flüsterte ich und sah ihm tief in die Augen. „Alles. Den Lärm, die Vergangenheit.“
Caleb kniff die Augen zusammen. Er suchte nach Ironie, Manipulation, einer Strategie hinter meinen Worten. Als er in meinem flehenden Blick nichts davon fand, wuchs sein Ärger nur noch.
„Du bist komisch heute Morgen. Sei einfach Punkt neunzehn Uhr fertig. Ich habe im Büro schon genug Probleme zu lösen, da brauche ich nicht noch deine.“
Er machte zwei Schritte, blieb dann kurz auf der Schwelle stehen, den Rücken angespannt.
„Caleb?“, rief ich leise.
„Was?“, fragte er, ohne sich umzudrehen.
„Heute Abend … werde ich an deiner Seite sein. Wirklich. Du kannst auf mich zählen.“
Er antwortete nicht. Seine Schultern spannten sich leicht an, dann ging er hinaus und zog die Tür hinter sich zu.
Mein Mann verachtete mich, mein Sohn zweifelte an meiner Liebe, und heute Abend wartete das Monster, das unser Leben zerstören würde, auf der Gala darauf, die Schlüssel zu unserer Hölle in Empfang zu nehmen.
Ich hob eine Scherbe des zerbrochenen Fläschchens auf. Die scharfe Spitze drang leicht in meinen Daumen ein, und ein ganz echter Blutstropfen quoll hervor.
Nicht dieses Mal.
Ich ging zur Wandsprechanlage und drückte die Taste für die Küche.
„Frau Higgins?“
„Ja, Madame?“, antwortete die Haushälterin in knappem, distanziertem Ton. „Möchten Sie Ihren grünen Tee auf dem Zimmer?“
„Nein“, erwiderte ich ruhig. „Sagen Sie Leo, dass ich in zehn Minuten zum Frühstück zu ihm an den Tisch komme. Und bitte … machen Sie Schokoladenpfannkuchen.“
Am anderen Ende der Leitung trat verblüfftes Schweigen ein.
„Pfann… Pfannkuchen, Madame? Aber Sie sagen doch immer, das sei morgens zu fettig …“
„Pfannkuchen“, wiederholte ich, und ein leichtes Lächeln spaltete endlich meine wunden Lippen. „Und machen Sie doppelt so viele.“
Ich legte auf. Es war ein winziger Schritt, aber es war der erste. Ich war nicht mehr die leichtgläubige Frau, die sich bis in den Tod hatte manipulieren lassen.
Während das heiße Wasser der Dusche die gespenstischen Gifte aus meiner Erinnerung spülte, schloss ich die Augen. Ich wusste genau, wo sie waren. Und ich wusste genau, wie ich sie benutzen würde, um Marcus zu vernichten, bevor er jemals wieder meine Familie anrühren konnte.