LOGINSie stiegen ab. Seile wurden befestigt. Einer nach dem anderen kletterten sie hinab. Liesel spürte die Kälte bis in die Knochen. Doch der Bund wärmte sie. Viktors Wärme. Seine Stärke.Unten angekommen, standen sie vor einer Wand aus blauem Eis. Freya legte die Hand darauf. Murmelte Worte in einer alten Sprache.Das Eis knackte. Spaltete sich.Ein Gang öffnete sich. Dunkel. Feucht. Nach Moder riechend.Sie gingen hinein.Fackeln wurden entzündet. Das Licht tanzte auf Wänden voller Runen. Alte Runen. Blutrunen.Je tiefer sie kamen, desto stärker wurde das Flüstern in Liesels Kopf.„Komm... komm zu uns... Schwester...“Sie presste die Hände auf die Ohren. Doch es half nichts. Die Stimme war in ihr.Viktor bemerkte es. Hielt sie fest. „Bleib bei mir.“„Ich versuche es.“Am Ende des Ganges lag eine Kammer. Rund. In der Mitte ein Teich aus schwarzem Wasser. Darüber hing ein Spiegel. Groß. Rahmen aus Mondstein. Die Oberfläche schimmerte wie Quecksilber.„Das ist er“, flüsterte Freya.Eldric
Die große Halle der Sturmherzfestung lag in gespenstischer Stille da. Die Kerzen flackerten noch immer, doch ihr Licht schien schwächer geworden zu sein, als hätte der Wind aus der Nacht sie mit Kälte gefüllt. Überall lagen Körper. Einige regten sich langsam, stöhnten, setzten sich auf. Andere blieben still, die Augen offen und leer, die Haut bereits grau. Die Schatten hatten zugeschlagen und wieder verlassen, doch sie hatten Spuren hinterlassen. Tote Spuren.Liesel kniete neben Viktor. Ihre Hände zitterten, als sie über seine Brust strich. Die Wunde von dem schwarzen Blitz war tief, schwarz umrandet, als hätte Gift darin gelegen. Doch der Bund pulsierte noch. Schwach. Aber da. Sie presste die Handfläche auf die Verletzung. Silbernes Licht sickerte aus ihrer Haut, floss in ihn hinein. Langsam schloss sich die Wunde. Nicht vollständig. Doch genug, dass er wieder atmen konnte.Viktor öffnete die Augen. Silbern. Doch getrübt.„Liesel“, krächzte er.„Ich bin hier.“ Ihre Stimme brach fast.
„Ist fast nichts mehr“, sagte er. „Der Mondwolf... er heilt schneller.“Sie sah ihn an. „Was war das heute Morgen? Dieses Leuchten? Diese Gestalt?“Viktor schwieg lange. Dann seufzte er. „Ich weiß es nicht genau. Es war, als hätte etwas in mir gewartet. Etwas Altes. Etwas, das der Mond nur weckt, wenn der Bund wahr ist.“ Er legte eine Hand auf ihre Brust, genau über ihrem Herzen. „Es war dein Blut, das es rief. Dein silbernes Blut. Ohne dich wäre ich nur ein weiterer Alpha gewesen. Stark, aber nicht... das.“Liesel legte ihre Stirn an seine. „Ich habe Angst, Viktor. Was, wenn sie mich im Sturmherzrudel nicht akzeptieren? Was, wenn sie mich immer noch als Bastard sehen?“„Dann werden sie lernen“, sagte er ruhig. „Und wenn nicht, dann zeige ich es ihnen. Mit Zähnen, wenn es sein muss.“Sie lächelte schwach. „Du bist unmöglich.“„Und du bist mein.“ Er küsste sie langsam, tief. Der Kuss schmeckte nach Blut und Rauch und Zukunft.Ihre Hände wanderten über seinen Körper, suchten die Narben,
Die Sonne stand bereits hoch, als der letzte Jubel im Tal der Schattenfelsberge langsam verebbte. Das Blut auf dem Schnee war bereits zu einem dunklen, gefrorenen Fleck geworden, der wie eine Mahnung dalag. Die Menge löste sich auf, nicht hastig, sondern mit einer Ehrfurcht, die schwer in der Luft hing. Krieger neigten die Köpfe, Frauen berührten mit den Fingerspitzen ihre Stirn, Kinder starrten mit großen Augen auf das Paar, das langsam den Hang hinaufging.Liesel hielt Viktors Hand so fest, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. Er humpelte leicht, die tiefe Bisswunde an der Schulter hatte sich zwar bereits geschlossen, doch der Schmerz pochte noch immer in Wellen durch seinen Körper. Der Bund übertrug einen Teil davon auf sie, ein dumpfes Ziehen, das sie bei jedem Schritt spürte. Dennoch fühlte es sich richtig an. Als wäre der Schmerz der Preis für das, was sie gewonnen hatten.Hinter ihnen folgte eine kleine Gruppe. Isolde ging schweigend neben einer älteren Heilerin namens Mara, di
Der Himmel über den Schattenfelsbergen war noch nachtschwarz, als die ersten Trommelschläge durch das Tal hallten. Tiefe, langsame Schläge, wie das Schlagen eines riesigen Herzens. Das Rudel erwachte nicht sanft. Es erwachte mit Knurren, mit Zähnefletschen, mit dem metallischen Geruch von Blut, das bereits in der Luft lag, bevor der erste Tropfen fiel.Liesel stand am Rand des großen Kreises, den die Krieger in der Nacht mit Fackeln und Steinen markiert hatten. Der Boden war hart gefroren, mit einer dünnen Schneedecke überzogen, die im Fackellicht bläulich schimmerte. Ihre Füße waren nackt. Jemand hatte ihr ein weißes Kleid gegeben, dünn wie Spinnenseide, das im Wind flatterte. Es war das Kleid einer LunaKandidatin. Das Kleid einer Frau, die entweder siegen oder sterben würde.Sie hatte nicht geschlafen. Nachdem Viktor gegangen war, hatte sie stundenlang auf dem Bett gelegen, seinen Geruch auf ihrer Haut, seinen Samen noch in sich, und auf den Morgen gewartet. Jede Minute war eine Qua
Der Mond stand hoch und voll über den Bergen, als ob er selbst Zeuge werden wollte. Im Rudelhaus herrschte Totenstille. Nach Viktors Erklärung und dem Kuss, der wie ein Donnerschlag durch die Halle gefahren war, hatte niemand mehr gesprochen. Die Tische standen noch mit den Resten des Festmahls, Kerzen flackerten einsam, und der Wind draußen heulte wie ein verletztes Tier.Liesel war in ihre Kammer geflohen. Sie hatte die Tür verriegelt, obwohl sie wusste, dass ein einfaches Schloss Viktor Sturmherz nicht aufhalten würde. Sie saß auf dem schmalen Bett, die Knie angezogen, die Arme um sich geschlungen. Ihr Körper zitterte. Nicht nur vor Kälte. Vor Erwartung. Vor Angst. Vor dem, was sie längst nicht mehr leugnen konnte.Der Bund pulsierte in ihr wie ein zweites Herz. Jeder Schlag sandte Wellen durch ihren Leib, konzentrierte sich zwischen ihren Schenkeln, ließ ihre Brüste schwer und empfindlich werden. Sie hatte versucht, dagegen anzukämpfen, kaltes Wasser über ihr Gesicht geschüttet, s







