Mag-log inDer Oktober brachte eine unerwartete Ankunft in der Bergwacht. Eine Delegation aus dem äußersten Westen — jenem Land jenseits der Hügel, von dem die Bergwacht bislang nur Gerüchte kannte — ritt eines Morgens durch den Pass. Angeführt wurde sie von einer jungen Alpha, kaum älter als Aurora selbst. Ihr Name war Isolde, und sie trug das Zeichen eines Rudels, das den meisten Wölfen der Berge fremd war: einen silbernen Falken, der vor einer untergehenden Sonne aufstieg.Darian empfing sie am Dorfeingang, flankiert von Aurora, Kael und Maya. Die Delegation war klein, aber diszipliniert — zehn Krieger, alle in schwere Wollmäntel gehüllt, und Isolde selbst, eine schlanke Frau mit ernstem Gesicht und wachen, graublauen Augen.„Ich grüße euch im Namen der Bergwacht", sagte Darian formell. „Was führt euch in unser Tal?"Isolde musterte ihn kühl. „Wir haben von eurer Schule gehört. Von der Vereinigung der Gaben. Und von den Kreaturen, die ihr in eure Reihen aufgenommen habt." Ihr Blick wanderte z
Der Aufstieg zur Bergwacht dauerte zwei Tage. Der Sommer hatte die Pässe geöffnet, und die Wege waren frei von Schnee, aber die dünne Luft machte den Ritt noch immer beschwerlich. Als sie das vertraute Tal erreichten, das zwischen den Gipfeln eingebettet lag, atmeten alle vier erleichtert auf.Kaelen erwartete sie am Dorfeingang. Sein halbwölfisches Gesicht, das Aurora vor Monaten noch so fremd erschienen war, wirkte jetzt beinahe vertraut. „Ihr seid zurück", sagte er. „Und Theron?"„Lebt. Wir haben ihn gefunden", sagte Darian und stieg vom Pferd. „Das Moorwesen hat ihn freigegeben. Es war kein Kampf nötig."Kaelens gelbe Augen weiteten sich. „Kein Kampf? Ich habe die Geschichten über das Moorlicht gehört. Es lässt seine Opfer nie gehen."„Dieses Mal schon", sagte Aurora. „Weil wir nicht als Feinde gekommen sind. Sondern als Zuhörer."Kaelen schwieg einen Moment. Dann nickte er langsam. „Ihr verändert die Welt mit euren Worten. So wie es die Luna Primes einst taten."„Wir versuchen es
Drei Tage blieben sie im Dorf der Sumpfwölfe. Drei Tage, in denen Theron sich erholte, Maris die Verteidigungsanlagen verstärkte und die vier jungen Wölfe halfen, wo sie konnten. Sie unterrichteten in der kleinen Sumpfschule, die Theron aufgebaut hatte, spielten mit den Kindern am Ufer und hörten den Ältesten zu, die von den Legenden des Moores erzählten.Am Vorabend ihrer Abreise saß Aurora am Rand des Dorfes, die Füße baumelten über dem dunklen Wasser, und beobachtete die Glühwürmchen, die über den Teichen tanzten. Darian gesellte sich zu ihr, zwei Becher dampfenden Kräutertee in den Händen.„Du bist nachdenklich", sagte er und reichte ihr einen Becher.„Ich denke an das Wesen im Moor", sagte Aurora. „Und daran, was Theron gesagt hat. Dass es nicht böse war, nur einsam. Wie viele solcher Wesen mag es noch geben? Verloren in der Welt, wartend darauf, dass jemand sie sieht?"„Vielleicht mehr, als wir wissen. Aber nicht alle wollen gefunden werden. Manche sind zu tief in ihrer Dunkelhe
Das Grollen wurde lauter, und der Nebel verdichtete sich, bis Aurora kaum noch die Hand vor Augen sehen konnte. Sie griff nach Darians Hand, spürte seine warmen Finger, die sich fest um ihre schlossen. Neben ihr entzündete Kael eine goldene Flamme, die den Nebel zurückdrängte, aber nur für einen Moment — dann schloss er sich wieder wie eine Wand aus grauem Wasser.„Bleibt zusammen!", rief Maya. Ihre Stimme war angespannt, aber nicht panisch. „Es versucht, uns zu trennen!"Theron stand auf, so schwach er war, und stellte sich neben Aurora. „Es ist im Wasser", sagte er. „Es bewegt sich unter der Oberfläche. Aber es kann auch in den Nebel greifen, in die Schatten, in die Gedanken."„Was ist es?", fragte Kael.„Ich weiß es nicht. Aber es hat mir Dinge gezeigt. Erinnerungen, die nicht meine waren. Menschen, die ich nie gekannt habe. Es wollte, dass ich bleibe. Dass ich vergesse, wer ich bin."„Wie der Vergessene", murmelte Aurora.„Nein. Nicht wie der Vergessene." Theron schüttelte den Kop
Der Ritt in den Süden dauerte fünf Tage. Fünf Tage, in denen die Landschaft sich allmählich veränderte — von den kahlen Gipfeln der Berge über dichte Wälder bis hin zu den feuchten, nebligen Ebenen, die das Territorium der Sumpfwölfe markierten. Die Luft wurde schwerer, wärmer, und der Geruch von Moder und nasser Erde lag über allem.Lyra führte sie auf Pfaden, die nur die Sumpfwölfe kannten — schmale Dämme aus festgetretener Erde, die sich durch das Moor schlängelten, vorbei an schwarzen Tümpeln, in denen sich der graue Himmel spiegelte. Überall wuchsen knorrige Bäume, deren Wurzeln wie Krallen aus dem Wasser ragten, und in der Ferne hörte man die Rufe von Vögeln, die Aurora noch nie gehört hatte.„Das ist also der Süden", sagte Maya und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Ich verstehe jetzt, warum Theron immer von der Kälte der Berge geschwärmt hat."„Die Sümpfe sind nicht für jeden", gab Lyra zu. „Aber für uns sind sie Heimat. Wir kennen jeden Tümpel, jeden Baum, jeden verborg
den Bergen ungewöhnlich war. Der Schnee auf den Gipfeln schmolz schneller als sonst, und die Flüsse führten mehr Wasser als in den Jahren zuvor. Es war, als ob die Natur selbst aufatmete nach dem langen, dunklen Winter des Vergessenen.Eines Abends, als die vier jungen Wölfe auf dem Dach des Schulhauses saßen und den Sonnenuntergang beobachteten, sahen sie eine Reiterin, die von Süden her den Pass heraufkam. Sie trug die Farben der Sumpfwölfe — dunkles Grün und Braun — und ritt ein müdes, aber zähes Pferd.„Das ist eine Botin von Maris", sagte Maya, die die Farben erkannte. „Etwas muss passiert sein."Die Botin, eine junge Wölfin mit kurzgeschnittenem Haar und einem Gesicht, das von der Reise gezeichnet war, übergab Darian eine versiegelte Schriftrolle. „Von Alpha Maris. Es ist dringend."Darian brach das Siegel und las die Nachricht. Sein Gesicht wurde ernst, und als er geendet hatte, sah er die anderen an.„Was ist los?", fragte Aurora.„Theron", sagte Darian. „Der Lehrer in der Sum
Jake hielt Lily noch eine Weile in seinen Armen. Sie spürte seinen starken Herzschlag an ihrer Wange. Für einen Moment vergaß sie alles – die Angst, die Werwölfe, die Gefahr. Es fühlte sich einfach nur richtig an.Dann löste sie sich vorsichtig von ihm. Ihre Wangen waren rot.„Danke“, murmelte sie.
Lily wachte auf, weil Sonnenlicht durch das Fenster fiel. Für einen Moment wusste sie nicht, wo sie war. Dann kamen die Erinnerungen zurück. Der Wald. Jake. Die Werwölfe. Das Dorf.Sie setzte sich im Bett auf und schaute sich um. Das Zimmer war schön. Holzwände, weiche Decken und ein großer Kleider
Lily saß noch lange im Wohnzimmer und starrte ins Feuer. Die Flammen tanzten ruhig, aber in ihrem Kopf drehte sich alles. Werwölfe. Gefährtenbund. Mond. Jake. Das alles klang wie eine verrückte Geschichte aus einem Buch. Aber sie war hier. In einem fremden Haus. In einem Dorf, das auf keiner Karte
Lily versuchte erneut, ihren Arm aus Jakes Griff zu befreien. Seine Finger waren warm und stark, aber sie taten ihr nicht weh. Trotzdem hatte sie große Angst. „Lass mich los!“, sagte sie laut. „Ich will nach Hause!“ Jake schaute sie nur an. Seine goldenen Augen leuchteten im Mondlicht. Er antwor







