LOGINKapitel 2
23 Uhr.
Rebecca öffnete langsam die Kühlschranktür und nahm eine Flasche Mineralwasser heraus. Seit einer Weile hatte sie großen Durst.
Gerade als sie den Verschluss öffnete und einen Schluck trinken wollte, packte plötzlich jemand grob ihr Handgelenk und zog daran.
„Ah...!“
Rebecca erschrak und hätte beinahe die Wasserflasche fallen lassen.
„Nora... du bist also hier.“
Samuels Stimme war schwer und deutlich vom Alkohol gezeichnet.
Er war offensichtlich betrunken.
Rebecca erstarrte.
Samuel stand direkt vor ihr. Ein starker Alkoholgeruch mischte sich mit seinem Atem, mehrere Knöpfe seines Hemdes standen offen und sein Haar war zerzaust. Seine Augen waren trüb, doch die Schärfe darin war noch immer unverändert.
„Herr Samuel... Sie sind betrunken.“
Rebecca sprach mit zitternder Stimme und versuchte, ihre Hand zurückzuziehen.
Doch Samuel ließ sie nicht los.
Im Gegenteil, er umklammerte ihr Handgelenk noch fester.
„Warum bist du gegangen...“
Samuel sah sie eindringlich an und flüsterte mit tiefer Stimme.
„Warum hast du mich verlassen, Nora...“
Rebeccas Brust zog sich schmerzhaft zusammen.
„...Ich bin nicht Nora.“
Doch sie konnte den Satz nicht zu Ende bringen.
Samuel zog sie direkt in seine Arme.
Als seine heißen Lippen ihren Nacken streiften, versteifte sich Rebeccas ganzer Körper.
Sie wollte ihn wegstoßen.
Doch ihr Körper gehorchte ihr nicht.
Ihr Herz raste wie verrückt, ihre Gedanken waren vollkommen durcheinander, doch ihr Körper war bereits kraftlos erstarrt.
Samuel hielt sie für Nora.
Das wusste sie besser als jeder andere.
Doch seit langer Zeit hatte nur Samuel einen Platz in ihrem Herzen.
„Herr Samuel... bitte...“
Doch erneut berührten seine Lippen die ihren.
Diesmal sanfter und zärtlicher.
Rebecca schloss schließlich die Augen.
Sie zerbrach unter den Gefühlen, die sie so lange unterdrückt hatte.
Zögernd hob sie beide Arme und schlang sie um seinen Rücken.
Sie wusste, dass es falsch war.
Trotzdem konnte sie sich in dieser Nacht nicht von Samuels Wärme lösen.
Samuel hob Rebecca mühelos hoch.
Noch immer rief er dabei Noras Namen.
Rebecca konnte kein Wort sagen und ließ sich von ihm in sein Zimmer führen.
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6 Uhr morgens.
Das Sonnenlicht drang sanft durch die Fensterscheiben.
Rebecca öffnete langsam die Augen.
Am Rand des Bettes saß Samuel mit dem Rücken zu ihr.
Seine beiden Fäuste waren fest geballt.
„...Deshalb hast du mich letzte Nacht absichtlich verführt.“
Rebecca fuhr erschrocken hoch.
„Nein! Herr Samuel, ich—“
„Tu nicht so, als wüsstest du von nichts!“
Samuel stieß die Worte kalt hervor und packte grob ihre Schultern.
„Du hast das alles von Anfang an geplant. Du hast den Moment ausgenutzt, in dem ich betrunken war, um mich für deine Zwecke zu benutzen.“
Rebecca schüttelte hastig den Kopf.
„Nein! Ich habe Ihnen von Anfang an gesagt, dass ich nicht Nora bin. Aber—“
Noch bevor sie den Satz beenden konnte, küsste Samuel ihren Nacken.
Der Kuss war heiß, doch zugleich von widersprüchlichen Gefühlen erfüllt.
Rebecca stieß ihn schwach von sich.
„Herr Samuel... tun Sie das nicht.“
Doch Samuel drückte sie stattdessen wieder aufs Bett.
„War es nicht genau das, was du wolltest?“
Rebecca schloss die Augen.
Tränen liefen lautlos über ihre Wangen.
Zwei Stunden vergingen.
Rebecca saß in eine Decke gehüllt am Rand des Bettes.
Noch immer konnte sie nicht richtig begreifen, was gerade geschehen war.
Mit zitternden Händen wischte sie sich immer wieder die Tränen aus dem Gesicht.
In diesem Moment wurde die Tür hastig geöffnet.
Samuel kam mit angespanntem Gesicht herein, das Handy ans Ohr gehalten.
„Hast du die Medizin bekommen?“
Kurz darauf kam sein Sekretär Barney hastig herein und hielt eine kleine Medizinflasche in der Hand.
„Hier ist sie, Herr Samuel. Ich habe die Medizin gebracht.“
Samuel nahm die kleine Flasche entgegen und hielt sie Rebecca sofort hin.
„Trink.“
Es war ein kalter und bestimmter Befehl.
Rebecca sah die kleine Flasche an, und ihr Gesicht wurde blass.
„...Was ist das?“
„Die Pille danach.“
Samuel antwortete ohne zu zögern.
„Es darf unter keinen Umständen zu einer Schwangerschaft kommen.“
Rebecca sah ihn schockiert an.
„Aber... Herr Samuel...“
„Trink.“
Samuel unterbrach sie kalt.
„Du redest zu viel.“
Rebecca betrachtete sein Gesicht lange.
Dieser kalte Blick ließ keinen Widerspruch zu.
Schließlich nahm sie die Medizin mit zitternden Händen entgegen und schluckte sie langsam hinunter.
Ihr Herz fühlte sich an, als würde es zerbrechen.
Nicht wegen der Medizin.
Es war Samuels Haltung ihr gegenüber, die ihr noch mehr Schmerzen bereitete.
Nachdem Rebecca das gesamte Wasser ausgetrunken hatte, wandte sich Samuel an Barney.
„Und Nora?“
„Noch nichts, Herr Samuel.“
Barney senkte den Kopf.
„Wir suchen weiterhin nach dem Aufenthaltsort von Miss Nora.“
„Unfähig.“
Samuels Kiefer spannte sich an.
„Soll ich dich durch jemanden ersetzen, der kompetenter ist?“
Barney wagte kaum zu atmen und schwieg.
Kurz darauf schickte Samuel ihn hinaus.
Als sich die Tür schloss, sah er wieder Rebecca an.
„Hör gut zu.“
Seine schwere Stimme hallte durch den Raum.
„So etwas wie letzte Nacht wird nie wieder passieren.“
Nach einer kurzen Pause fügte er kalt hinzu.
„Verführe mich nie wieder.“
Rebecca senkte den Kopf und nickte langsam.
„...Ja, Herr Samuel.“
Samuel sagte nichts mehr und verließ den Raum.
Die Tür fiel mit einem lauten Knall ins Schloss.
Rebecca schloss die Augen.
Ihr Atem zitterte.
Ihr Herz war schwer, doch sie konnte nichts anderes tun, als all ihre Gefühle hinunterzuschlucken.
‚Ich habe Sie nie verführt, Samuel.‘
Sie umklammerte den Rand der Decke fest.
‚Sie waren es doch, der mich gegen meinen Willen in die Arme gezogen hat...‘
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Im Handumdrehen verging ein Jahr.
Die Suche nach Nora war bereits vor einigen Monaten endgültig eingestellt worden.
Auch Samuel gab schließlich auf.
Nora war verschwunden, als wäre sie spurlos von der Welt verschluckt worden, und er glaubte, dass sie niemals zurückkehren würde.
Rebecca wachte zuerst auf.
Als sie langsam den Kopf drehte, sah sie, dass Samuel noch immer tief neben ihr schlief.
Sein gut aussehendes Gesicht war nach wie vor kalt, doch es war nicht mehr so scharf und abweisend wie früher.
Er war kein warmer Mann, aber zumindest stieß er sie nicht länger von sich.
Seit einigen Monaten war es sogar Samuel gewesen, der sie zuerst gebeten hatte, im selben Bett zu schlafen.
Rebecca lächelte schwach.
Selbst wenn ihre Beziehung noch immer ungewiss war, liebte sie ihn nach wie vor.
Als Samuel sich im Schlaf bewegte, wandte Rebecca hastig den Blick ab und stand aus dem Bett auf.
„Ich gehe schon mal in die Küche.“
Sie sprach sanft, während sie ihr Haar ordnete.
„Ich werde das Frühstück vorbereiten.“
Samuel konnte seine Augen noch nicht richtig öffnen und murmelte nur leise etwas vor sich hin.
Rebecca verließ still das Zimmer und begann, Samuels Lieblingsfrühstück zuzubereiten.
Da.
Ding-dong.
Die Türklingel ertönte.
Rebeccas Hand, die gerade Butter auf das Brot strich, hielt inne.
Kurz darauf waren die Schritte Samuels zu hören, wie er die Treppe herunterkam.
„Ich mache auf.“
Da er gerade erst aufgewacht war, klang seine Stimme noch immer verschlafen und rau.
Rebecca nickte und wandte sich wieder der Küche zu.
Samuel öffnete die Haustür.
Und in diesem Moment.
Sein Körper erstarrte vollständig.
Die Person, die vor der Tür stand.
In dem Augenblick, in dem er dieses Gesicht sah.
Stockte Samuel der Atem.
„...Du?“
Kapitel 110In Rebeccas Wohnung zeigte die Uhr bereits acht Uhr abends.Rebecca ging im Wohnzimmer auf und ab und starrte unentwegt auf ihren Handybildschirm. Sie hatte Samuel schon fünfmal angerufen – keine Antwort. Ihr Atem ging schwer. Rebecca war wirklich außer sich vor Sorge.„Warum ist er immer noch nicht zu Hause? Vielleicht hat Samuel Reno einfach mitgenommen …“, murmelte Rebecca voller Panik.Wenig später klingelte Rebeccas Telefon. Samuels Name erschien auf dem Display.„Samuel!“, rief Rebecca und nahm sofort ab. „Wo bist du?! Es ist schon nach acht Uhr abends!“„Rebecca, es tut mir leid, dass ich Reno noch nicht nach Hause gebracht habe. Reno wollte vorhin noch ein Eis, und ich … ich wollte einfach mehr Zeit mit Reno verbringen. Ich weiß, dass ich kein Recht dazu habe, aber …“Rebecca fiel ihm scharf ins Wort. „Du kennst die Frist, die ich dir gegeben habe! Versuch es erst gar nicht, Samuel!“„Ich verstehe. Aber Rebecca, hör mir bitte erst zu. Reno war heute so glücklich. E
Kapitel 109Am Ort ihrer Gefangenschaft scheuerten die Plastikseile seit Stunden an Noras Handgelenken. Die Haut der Frau war wund und schmerzte, doch Nora rieb das Seil unentwegt gegen die Kante des alten Eisenbettes. Immer wieder, geduldig, und schließlich …Klick.Das Seil lockerte sich.Noras Herz raste. Ihr Atem ging unregelmäßig, und ihre Hände zitterten, als sie die Knoten, die ihre Handgelenke und Fußknöchel fesselten, einen nach dem anderen löste. Anthony hatte sie wieder allein gelassen.Nora kroch auf das Fenster des Lagerhauses zu, dessen Holzbretter teilweise morsch waren. Nägel ragten nach außen, und der untere Teil des Fensters war von Spinnweben überzogen. Doch die Nachtluft drang durch die Ritzen.Mit großer Anstrengung brach Nora die Bretter mit einem abgebrochenen Eisenstück von einem Lampenhaken auf, das sie am Tag zuvor hinter einem Karton versteckt hatte. Das Ächzen des Holzes reichte aus, um die Frau den Atem anhalten zu lassen. Als die Öffnung breit genug war,
Kapitel 108Bani keuchte noch immer im Flur des Wohngebäudes, als Samuel mehrmals hintereinander auf den Fahrstuhlknopf drückte.„Herr Samuel, werden wir—“Samuel antwortete nicht. Sobald sich die Tür öffnete, rannte er in Richtung Parkplatz und griff sofort nach dem Lenkrad seiner schwarzen Limousine. Die Reifen quietschten; der Wagen raste davon und ließ Bani allein zurück.Bani atmete nur schwer aus und schüttelte den Kopf.Auf dem Rücksitz des Taxis hielt Reno seinen Roboter umschlungen und blickte seine Mutter besorgt an.„Mama, fahren wir zum Flughafen?“Rebecca schüttelte den Kopf – das Gesicht der Frau wirkte blass. „Wir besuchen zuerst Oma, mein Schatz.“Das Taxi bog in Richtung des Privatkrankenhauses der Familie Zayden ab, in dem Betty behandelt wurde. Rebecca drückte Renos Finger.Das GPS auf dem Armaturenbrett zeigte Dutzende von Taxi-Standorten an; Samuel konzentrierte sich auf die Straßenkamera. Plötzlich erblickte er weit voraus eine weiße Limousine mit blauen Streifen
Kapitel 107Die Sirene eines Streifenwagens heulte in der Ferne – niemand wusste, wohin er unterwegs war –, während Samuels schwarze Limousine rücksichtslos auf Rebeccas Wohnung zusteuert. Bani zappelte unruhig auf dem Fahrersitz, doch was seine Hände wirklich zum Zittern brachte, war eine neue Benachrichtigung auf seinem Handybildschirm.„Herr Samuel, die Ergebnisse aus dem Labor sind da“, sagte er und fuhr kurz an den Straßenrand. Er zeigte ihm ein Foto des DNA-Berichts.Samuel überflog ihn rasch: Vaterschaftswahrscheinlichkeit 99,9999 % – Testperson A: Samuel Wilson, Testperson B: Reno Barra Castillo. Die Welt um ihn herum schien stillzustehen. Samuel stockte der Atem.„Reno … ist also mein Sohn“, flüsterte Samuel heiser. Seine Handfläche ballte sich um die Hälfte des Anhängers.„Herr Samuel, wir können Fräulein Rebecca noch einholen!“, rief Bani aus.Samuel schreckte aus seiner Erstarrung hoch und nickte heftig. „Gib Gas, Bani! Auf zu Rebeccas Wohnung!“Der Fahrstuhl des Wohngebäu
Kapitel 106Morgentau hing noch an den Blättern im Stadtpark, als Rebecca Reno an die Hand nahm und das kleine Amphitheater betrat. Der Junge war schläfrig – seinen Mini-Roboter hielt er fest umschlungen –, während Rebecca eine dünne, cremefarbene Mappe an sich drückte.Sie blieben an der am weitesten entfernten Marmorbank stehen. Rebecca holte tief Luft und tätschelte sanft Renos Schulter. „Gleich, wenn Mama mit Onkel Samuel spricht, kannst du ein bisschen spielen, ja?“Reno nickte. „Okay, Mama.“ Er lief zum Sandkasten und gesellte sich zu zwei anderen Kindern, die eine Festung bauten.Wenige Minuten später schallten gleichmäßige Schritte auf dem Kiesweg. Samuel erschien in einem langen, dunkelblauen Mantel; seine Augen hefteten sich sofort auf Rebeccas Gestalt. Er hielt für einen Moment inne – eingedenk all der Entschuldigungen, die er sich die ganze Nacht über zurechtgelegt hatte.„Rebecca …“, grüßte Samuel leise und trat näher.Rebecca stand auf und gab Samuel keine Gelegenheit, d
Kapitel 105In dem Lagerhaus am Rande der Stadt wurde es wieder still, sobald die Eisentür von außen geschlossen wurde.Drinnen quietschten die Ketten an den Stühlen, als Nora sich aufbäumte.„ANTHONY! SINDY! LASST MICH FREI!“, schrie Nora, ihre Stimme heiser. Ihre Worte hallten von den Blechwänden wider, doch es kam keine Antwort. Nora biss sich auf die Lippe, bis sie blutete, und heulte vor Frustration auf. „Ihr werdet das bereuen – Samuel wird kommen und nach mir suchen!“ Nora war sich so sicher.Im Hinterhof des Lagerhauses lehnte Sindy mit dem Rücken an Anthonys Lieferwagen.„Du bist wirklich herzlos, deine Frau so allein zu lassen“, murmelte Sindy.Anthony schob die Mappe mit dem Scheidungsvertrag in seinen Rucksack. „Wenn man ihr keine Lektion erteilt, wird Nora niemals aufgeben; sie macht vor nichts halt. Sie glaubt, sie könne jeden manipulieren.“Sindy warf einen Blick auf die Tür des Lagerhauses. Noras Schreie wurden leiser und wandelten sich schließlich in ein Schluchzen. „







