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Kapitel Eins
„Samuel... Nora... Nora ist verschwunden. Sie ist nicht im Brautzimmer.“
Samuel drehte sich langsam um. Sein Blick fiel auf eine Frau mittleren Alters, die in der Tür des Ankleidezimmers stand. Ihr Gesicht war totenblass, und ihr Atem ging heftig und zittrig. Es war Mrs. Alice, seine zukünftige Schwiegermutter.
„Was meinen Sie damit, Tante?“
Samuels Stimme klang heiser und brüchig.
„Sie machen doch keinen Scherz, oder? Nora würde doch nicht ausgerechnet an ihrem Hochzeitstag davonlaufen.“
Mrs. Alice schloss für einen Moment die Augen. Mit beiden Händen umklammerte sie den Saum ihres Kleides.
„Ich mache keinen Scherz, Samuel. Nora ist nicht im Brautzimmer. Wir haben das gesamte Hotel durchsucht, aber sie ist nirgends zu finden. Sie hat sogar ihr Handy zurückgelassen und ist gegangen.“
Samuel brachte kein Wort hervor.
Es fühlte sich an, als wäre seine Kehle zugeschnürt, und ihm blieb der Atem weg.
Das war eine grausame Realität, die kaum zu ertragen war.
Draußen warteten bereits zahlreiche Reporter. Berühmte Geschäftsleute und Vorstandsmitglieder sowie die Verwandten beider Familien waren ebenfalls gekommen, um die Hochzeit von Samuel und Nora zu feiern.
„Warum... warum ist Nora gegangen?“
Endlich fand Samuel seine Stimme wieder.
Sein Kiefer war fest angespannt.
„Wie konnte sie mich nur so sehr bloßstellen... Ich kann es nicht glauben.“
Mrs. Alice sah ihn mit ernstem Blick an.
„Ich kann es selbst nicht glauben. Aber jetzt ist nicht die Zeit, Nora zur Rede zu stellen. Wir müssen die Ehre beider Familien bewahren.“
Samuel antwortete nicht.
Der Zorn hatte seinen ganzen Körper erfasst.
Er ballte die Hände so fest zu Fäusten, dass seine Knöchel weiß hervortraten, während sein Atem rau und hastig ging.
In diesem Moment wurde die Tür vorsichtig geöffnet.
Rebecca betrat den Raum.
„Entschuldigung... Tante. Was ist passiert? Man hat mir gesagt, dass Sie nach mir gerufen haben.“
Mrs. Alice sah Rebecca an und sagte dann entschlossen, als hätte sie ihre Entscheidung bereits getroffen.
„Würdest du Nora ersetzen?“
„Was... was?“
Rebeccas Augen weiteten sich vor Schock.
„Ich... Nora ersetzen? Was meinen Sie damit?“
„Nora ist davongelaufen.“
Mrs. Alices Stimme war entschieden.
„Uns bleibt keine andere Wahl. Die Hochzeit ist bereits vollständig vorbereitet, und alle Mitglieder der Familie Wilson sind schon hier. Sobald die Presse davon erfährt, wird sowohl der Ruf der Familie Wilson als auch Noras Ruf zerstört sein, Rebecca.“
„Aber... ich kann das nicht, Tante.“
Rebecca sprach mit zitternder Stimme.
„Wie soll ich anstelle von Nora die Braut werden?“
„Rebecca.“
Mrs. Alice trat einen Schritt auf sie zu.
Ihr Blick war von verzweifelter Hoffnung erfüllt.
„Bitte.“
Rebecca sah schweigend zu Samuel.
Samuel stand wie erstarrt an seinem Platz.
In seinen kalten, scharfen Augen lag noch immer die Verwirrung eines Mannes, der die soeben gehörte Wahrheit nicht begreifen konnte.
„Ich kann diese Entscheidung nicht allein treffen.“
Rebecca brachte die Worte nur mühsam hervor.
„Herr Samuel... würden Sie akzeptieren, dass ich die Braut werde?“
Samuel stieß einen langen Seufzer aus und ging langsam auf sie zu.
Ein ausdrucksloses Gesicht.
Ein Blick kalt wie Eis.
„Wenn dies der einzige Weg ist, die Ehre der Familie Wilson zu bewahren.“
sagte er kalt.
„Dann bleibt dir nichts anderes übrig, als die Braut zu werden.“
Rebecca senkte den Kopf.
Ihr Herz raste wie verrückt.
„...In Ordnung.“
Sie antwortete leise.
Samuel drehte sich um und gab der Mitarbeiterin, die für das Brautkleid zuständig war, einen Befehl.
„Zieht ihr das Brautkleid an.“
Seine Stimme enthielt nicht die geringste Wärme.
„Und bedeckt ihr Gesicht vollständig mit dem Schleier. Niemand darf erfahren, dass die Braut nicht Nora, sondern Rebecca ist.“
„Jawohl, junger Herr.“
Samuel sah Rebecca noch einmal an.
Sein Blick war eine Mischung aus Zorn, Enttäuschung und eisiger Kälte.
„Du bist nicht die Braut, die ich wollte.“
Seine Stimme war ruhig, aber grausam.
„Also träum niemals davon, meine wirkliche Ehefrau zu werden.“
Seine Worte trafen ihre Brust wie eine scharfe Klinge.
Doch Rebecca sagte nichts.
Denn sie hatte von Anfang an gewusst, dass sie nur ein Ersatz war.
„...Ja, Herr Samuel.“
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Nach der Hochzeitszeremonie.
Samuel brachte Rebecca in sein luxuriöses Penthouse.
Als sie den Eingangsbereich erreichten, verbeugte sich ein Diener vor ihnen.
„Willkommen zurück, junger Herr. Und gnädige Frau—“
„Bereiten Sie das Gästezimmer vor.“
Samuel unterbrach ihn kalt.
Der Diener fragte verwirrt.
„Das Gästezimmer? Für wen—“
„Für die Person, die neben mir steht.“
Samuel schnitt ihm mit eisiger Stimme das Wort ab.
„Beeilen Sie sich und bereiten Sie es vor.“
„Jawohl, junger Herr.“
Rebecca folgte ihm schweigend ins Innere.
Nach einigen Augenblicken drehte Samuel sich zu ihr um.
„Wage es niemals, dich als Mrs. Wilson vorzustellen.“
Sein kalter Blick richtete sich auf sie.
„In der Firma bleibst du weiterhin meine Sekretärin. Diese Ehe darf niemand erfahren.“
Rebecca nickte schweigend.
„In Ordnung, Herr Samuel.“
„Und noch etwas.“
Samuel trat näher an sie heran.
„Erwarte nichts.“
Seine Stimme war vollkommen kalt und ohne jedes Gefühl.
„Ich werde Nora auf jeden Fall finden. An dem Tag, an dem Nora zurückkommt, werde ich mich sofort von dir scheiden lassen.“
Rebecca sah ihm direkt in die Augen.
„Ich habe von Anfang an nichts erwartet.“
sagte sie ruhig.
„Ich habe lediglich die Bitte von Tante Alice erfüllt.“
Samuel sah sie einen Moment lang an, dann drehte er sich wortlos um.
Rebecca blickte ihm lange nach, während er sich entfernte.
Rechtlich und vor Gott war er nun ihr Ehemann.
Doch in seinem Herzen war sie nicht ein einziges Mal seine Ehefrau gewesen.
Rebecca murmelte leise in ihrem Inneren.
‚Ich bin nur ein Ersatz. Und diese Tatsache kenne ich besser als jeder andere.‘
Sie biss sich auf die Lippe und umklammerte den Saum ihres Brautkleides fest.
‚Und trotzdem... darf ich nicht wenigstens ein kleines bisschen hoffen?‘
Eine Träne rann lautlos über ihre Wange.
‚Wenn er nur wüsste... dass ich diejenige war, die ihn an jenem Tag gerettet hat...‘
Kapitel 110In Rebeccas Wohnung zeigte die Uhr bereits acht Uhr abends.Rebecca ging im Wohnzimmer auf und ab und starrte unentwegt auf ihren Handybildschirm. Sie hatte Samuel schon fünfmal angerufen – keine Antwort. Ihr Atem ging schwer. Rebecca war wirklich außer sich vor Sorge.„Warum ist er immer noch nicht zu Hause? Vielleicht hat Samuel Reno einfach mitgenommen …“, murmelte Rebecca voller Panik.Wenig später klingelte Rebeccas Telefon. Samuels Name erschien auf dem Display.„Samuel!“, rief Rebecca und nahm sofort ab. „Wo bist du?! Es ist schon nach acht Uhr abends!“„Rebecca, es tut mir leid, dass ich Reno noch nicht nach Hause gebracht habe. Reno wollte vorhin noch ein Eis, und ich … ich wollte einfach mehr Zeit mit Reno verbringen. Ich weiß, dass ich kein Recht dazu habe, aber …“Rebecca fiel ihm scharf ins Wort. „Du kennst die Frist, die ich dir gegeben habe! Versuch es erst gar nicht, Samuel!“„Ich verstehe. Aber Rebecca, hör mir bitte erst zu. Reno war heute so glücklich. E
Kapitel 109Am Ort ihrer Gefangenschaft scheuerten die Plastikseile seit Stunden an Noras Handgelenken. Die Haut der Frau war wund und schmerzte, doch Nora rieb das Seil unentwegt gegen die Kante des alten Eisenbettes. Immer wieder, geduldig, und schließlich …Klick.Das Seil lockerte sich.Noras Herz raste. Ihr Atem ging unregelmäßig, und ihre Hände zitterten, als sie die Knoten, die ihre Handgelenke und Fußknöchel fesselten, einen nach dem anderen löste. Anthony hatte sie wieder allein gelassen.Nora kroch auf das Fenster des Lagerhauses zu, dessen Holzbretter teilweise morsch waren. Nägel ragten nach außen, und der untere Teil des Fensters war von Spinnweben überzogen. Doch die Nachtluft drang durch die Ritzen.Mit großer Anstrengung brach Nora die Bretter mit einem abgebrochenen Eisenstück von einem Lampenhaken auf, das sie am Tag zuvor hinter einem Karton versteckt hatte. Das Ächzen des Holzes reichte aus, um die Frau den Atem anhalten zu lassen. Als die Öffnung breit genug war,
Kapitel 108Bani keuchte noch immer im Flur des Wohngebäudes, als Samuel mehrmals hintereinander auf den Fahrstuhlknopf drückte.„Herr Samuel, werden wir—“Samuel antwortete nicht. Sobald sich die Tür öffnete, rannte er in Richtung Parkplatz und griff sofort nach dem Lenkrad seiner schwarzen Limousine. Die Reifen quietschten; der Wagen raste davon und ließ Bani allein zurück.Bani atmete nur schwer aus und schüttelte den Kopf.Auf dem Rücksitz des Taxis hielt Reno seinen Roboter umschlungen und blickte seine Mutter besorgt an.„Mama, fahren wir zum Flughafen?“Rebecca schüttelte den Kopf – das Gesicht der Frau wirkte blass. „Wir besuchen zuerst Oma, mein Schatz.“Das Taxi bog in Richtung des Privatkrankenhauses der Familie Zayden ab, in dem Betty behandelt wurde. Rebecca drückte Renos Finger.Das GPS auf dem Armaturenbrett zeigte Dutzende von Taxi-Standorten an; Samuel konzentrierte sich auf die Straßenkamera. Plötzlich erblickte er weit voraus eine weiße Limousine mit blauen Streifen
Kapitel 107Die Sirene eines Streifenwagens heulte in der Ferne – niemand wusste, wohin er unterwegs war –, während Samuels schwarze Limousine rücksichtslos auf Rebeccas Wohnung zusteuert. Bani zappelte unruhig auf dem Fahrersitz, doch was seine Hände wirklich zum Zittern brachte, war eine neue Benachrichtigung auf seinem Handybildschirm.„Herr Samuel, die Ergebnisse aus dem Labor sind da“, sagte er und fuhr kurz an den Straßenrand. Er zeigte ihm ein Foto des DNA-Berichts.Samuel überflog ihn rasch: Vaterschaftswahrscheinlichkeit 99,9999 % – Testperson A: Samuel Wilson, Testperson B: Reno Barra Castillo. Die Welt um ihn herum schien stillzustehen. Samuel stockte der Atem.„Reno … ist also mein Sohn“, flüsterte Samuel heiser. Seine Handfläche ballte sich um die Hälfte des Anhängers.„Herr Samuel, wir können Fräulein Rebecca noch einholen!“, rief Bani aus.Samuel schreckte aus seiner Erstarrung hoch und nickte heftig. „Gib Gas, Bani! Auf zu Rebeccas Wohnung!“Der Fahrstuhl des Wohngebäu
Kapitel 106Morgentau hing noch an den Blättern im Stadtpark, als Rebecca Reno an die Hand nahm und das kleine Amphitheater betrat. Der Junge war schläfrig – seinen Mini-Roboter hielt er fest umschlungen –, während Rebecca eine dünne, cremefarbene Mappe an sich drückte.Sie blieben an der am weitesten entfernten Marmorbank stehen. Rebecca holte tief Luft und tätschelte sanft Renos Schulter. „Gleich, wenn Mama mit Onkel Samuel spricht, kannst du ein bisschen spielen, ja?“Reno nickte. „Okay, Mama.“ Er lief zum Sandkasten und gesellte sich zu zwei anderen Kindern, die eine Festung bauten.Wenige Minuten später schallten gleichmäßige Schritte auf dem Kiesweg. Samuel erschien in einem langen, dunkelblauen Mantel; seine Augen hefteten sich sofort auf Rebeccas Gestalt. Er hielt für einen Moment inne – eingedenk all der Entschuldigungen, die er sich die ganze Nacht über zurechtgelegt hatte.„Rebecca …“, grüßte Samuel leise und trat näher.Rebecca stand auf und gab Samuel keine Gelegenheit, d
Kapitel 105In dem Lagerhaus am Rande der Stadt wurde es wieder still, sobald die Eisentür von außen geschlossen wurde.Drinnen quietschten die Ketten an den Stühlen, als Nora sich aufbäumte.„ANTHONY! SINDY! LASST MICH FREI!“, schrie Nora, ihre Stimme heiser. Ihre Worte hallten von den Blechwänden wider, doch es kam keine Antwort. Nora biss sich auf die Lippe, bis sie blutete, und heulte vor Frustration auf. „Ihr werdet das bereuen – Samuel wird kommen und nach mir suchen!“ Nora war sich so sicher.Im Hinterhof des Lagerhauses lehnte Sindy mit dem Rücken an Anthonys Lieferwagen.„Du bist wirklich herzlos, deine Frau so allein zu lassen“, murmelte Sindy.Anthony schob die Mappe mit dem Scheidungsvertrag in seinen Rucksack. „Wenn man ihr keine Lektion erteilt, wird Nora niemals aufgeben; sie macht vor nichts halt. Sie glaubt, sie könne jeden manipulieren.“Sindy warf einen Blick auf die Tür des Lagerhauses. Noras Schreie wurden leiser und wandelten sich schließlich in ein Schluchzen. „







