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Mēnawato
Mēnawato
Author: ElleAqua

Kapitel 1

Author: ElleAqua
last update publish date: 2026-10-29 11:22:44

_Mēnawato_

Jeder Tag begann auf eine bestimmte Art – oder auch nicht.

Meiner fing damit an, dass ich mich aufrichtete und in den Spiegel schaute, der gegenüber meinem Bett stand, nur um festzustellen, dass meine Haare weiß geworden waren … schon wieder.

Es war sowohl normal als auch unnormal, weil es jeden Tag passierte und ich dennoch keine Erklärung dafür hatte.

Nicht, dass das die einzige Frage gewesen wäre, die ich mir stellen wollte. Aber mit dem Älterwerden kommt auch der Drang, bestimmte Dinge loszulassen.

Und wie üblich stand ich auf und tat so, als wäre keine Neugier mehr in mir übrig.

Ich duschte schnell und erledigte meine normalen Morgenvorbereitungen für die Schule, inklusive Körperübungen.

Nach meiner Routine färbten sich meine Haare allmählich wieder schwarz, und ich verließ das Zimmer, die Tasche über der Schulter.

Meine Mutter saß am Esstisch und las die Zeitung, als ob das irgendeine Bedeutung hätte.

„Guten Morgen, Mama.“ Ich legte meine Tasche auf eines der Sofas.

Sie hob den Kopf und räusperte sich. „Wie war deine Nacht, Liebes?“ Sie lächelte. „Das Frühstück ist fertig. Deines steht in der Küche.“

Ich nickte und ging Richtung Küche, blieb aber im Türrahmen stehen. „Hör bitte auf, so zu tun, als wärst du Vater. Du tust dir selbst weh.“

Ihr Gesichtsausdruck fiel, und mit ihm die Zeitung, aber ich ignorierte es und ging in die Küche, um mein Frühstück zu holen.

Alles, was ich über meinen Vater wusste, war, dass er wenige Tage nach meiner Geburt gestorben war. Ich hatte keine Bilder gesehen, keine Geschichten gehört, nichts, was bewiesen hätte, dass er existiert hatte. Manchmal wünschte ich mir trotzdem, er hätte es getan.

Ich wusste, dass meine Mutter seit dem Tod meines Vaters kurz nach meiner Geburt eine Menge durchgemacht hatte. Es hatte auch eine Phase gegeben, in der der Spott darüber, ein Kind aus einer unehelichen Beziehung zu sein, unerträglich gewesen war. Doch wie bei allem anderen hatte ich das hinter mir gelassen.

Ich aß mein Frühstück und verließ danach das Haus, um zur Schule zu gehen.

Die frische Frühlingsbrise streifte mich sanft und wehte ein paar Haarsträhnen ins Gesicht. Ich strich sie hinters Ohr. Mrs. Flower stand draußen und goss ihre Gemüsepflanzen. Ich grüßte nicht – nicht, dass sie sowieso geantwortet hätte.

Als ich an der Schule ankam, wartete Denise bereits am Tor und tippte auf ihrem Handy.

„Hey, guten Morgen.“ Ich tippte auf ihren Bildschirm, ohne Rücksicht darauf, was sie gerade tat.

„Hey, hör auf.“ Sie zog das Handy weg und schmollte. „Ich chatte gerade mit Stan.“

Ich rollte mit den Augen, und wir betraten das Schulgelände.

„Ich habe kein gutes Gefühl bei ihm.“ Ich richtete meine Jacke.

„Du hast mir immer noch nicht gesagt, was er dir angetan hat.“

„Na ja, du weißt, dass meine Instinkte aus irgendeinem Grund immer stimmen. Und jetzt sagen sie mir, dass Stan nichts Gutes für dich ist.“ Ich warf ihr einen Blick zu. Es war erstaunlich, wie sie die Augen ununterbrochen auf ihr Handy gerichtet halten und trotzdem laufen konnte, ohne mit jemandem zusammenzustoßen.

„Diesmal will ich ihnen nicht trauen.“ Sie sah auf. „Kannst du glauben, dass er mir gestern Abend gesagt hat, ich sehe wunderschön aus?“ Sie strahlte und blinzelte verträumt.

Ich hätte mir fast ins Gesicht geschlagen. Denise war genauso schön, wie ihr Name klang. Smaragdgrüne Augen, langes lockiges blondes Haar und eine große, athletische Figur, dazu ihr Modegespür – achtzig Prozent der Jungs in der Schule bewunderten ihr Aussehen.

„Du bist von Natur aus eine Schönheit, die jeder haben will. Dass ein Typ dir das sagt, sollte dich nicht so umhauen.“ Ich rollte mit den Augen.

„Wenn du erst mal einen Freund hast, wirst du verstehen, wie sich das anfühlt.“ Sie schaute wieder auf ihr Handy. Ich schnaubte.

Jeder Junge in der Schule hatte den einen oder anderen Fehler, den ich beim ersten Blick bemerkte.

Wir betraten das Gebäude und ernteten Blicke und Starren von Leuten, die wir kannten und die wir nicht kannten.

Jane aus dem Sozialkundeunterricht schaute mich finster an, während ihre Freundinnen versuchten, Denises Aufmerksamkeit zu bekommen. Ja, sie hasste mich, weil Denise mir so nahstand und nicht ihr.

Nun ja, tut mir leid …

Ich schaute woanders hin, wollte mehr Blicke bemerken, doch mein Blick traf auf Darren. Mein Herz setzte einen Schlag aus. Er unterhielt sich gerade mit einem seiner Freunde, und das Lächeln, das eben noch auf seinen Lippen gelegen hatte, verwandelte sich im selben Moment in ein wolfsartiges Grinsen. Er löste sich vom Spind und richtete seine Kleidung.

„Ugh.“ Ich stöhnte und zog die Kapuze hoch. „Darren hat mich gesehen.“ Ich stupste Denise an.

„Was?“ Sie schaltete endlich das Handy aus und rollte mit den Augen. „Im Ernst? Kann der Typ nicht mal eine Pause machen?“

„Ich werde ihn einfach meiden, hoffe ich.“ Ich ging noch schneller, und sie ebenfalls.

Darren war kein Tyrann. Im Gegenteil: Er hatte sich in mein Leben gedrängt, indem er diejenigen vertrieb, die mir das Leben schwer gemacht hatten. Und als ich dachte, ich müsste ihm dankbar sein, stellte sich heraus, dass er mich als sein nächstes „Mädchen“ wollte.

Allein der Gedanke ließ mich „bäh“ machen.

„Meena, warte!“ rief er hinter mir, seine Stimme lauter als erwartet.

Blicke wandten sich mir zu, einige kicherten spöttisch, und ihre Flüsterworte drangen an meine Ohren.

„Hehe, er hat ihren Namen verkürzt und verdreht.“

„Pfft … Daran sind ihre Eltern schuld.“

„Warum will Darren sie überhaupt?“

Ich stöhnte. „Ich höre sie schon wieder“, murmelte ich.

Denise wollte gerade antworten, doch Darren packte meinen Arm, drehte mich nicht nur um, sondern riss mich auch von Denise weg.

Einen Moment lang schien der Flur still, doch dann brachen die Flüsterstimmen erneut los und drangen an meine Ohren.

„Warum rennst du weg?“ Darrens Stimme schnitt durch die anderen Stimmen, und ich erinnerte mich, dass er immer noch meinen Arm festhielt.

Ich schlug seine Hand weg und trat zurück.

„Was ist so schwer zu verstehen? Ich will nichts mit dir zu tun haben.“

Die Menge stimmte ein kollektives „Ouuu“ an.

Darren lachte leise und machte einen Schritt auf mich zu. „Meena …“

„Idiot, es heißt Mēna“, murmelte Denise hinter mir und wollte zu uns, doch Darrens Freunde blockierten ihren Weg.

„Komm schon, sei nicht schüchtern. Es gibt genug andere, die meine Freundin sein wollen, aber ich habe dich gewählt. Und ich lasse nicht so leicht los, was ich mir ausgesucht habe.“ Er legte die Hand an meine Wange – und in diesem Moment kippte etwas.

Hitze kroch meine Brust hinauf, und ein Schub seltsamer Kraft durchflutete meine Adern.

Ich griff nach seiner Hand und verdrehte sie so heftig, dass er sich umdrehte. Er stöhnte laut auf, und Leute schrien.

„Sie bringt ihn um!“

„Oh Gott, jetzt habe ich Angst vor ihr.“

„Wie kommt’s, dass sie diese Kraft noch nie gezeigt hat?“

„Die Stillen sind die Stärksten.“

Ich schnaubte und stieß ihn gegen einen Spind, seine Hand immer noch auf den Rücken verdreht. Sein Gesicht war bereits rot angelaufen, und vom Ausdruck her sah er aus, als würde er jeden Moment heulen.

„Ich will nicht deine Freundin sein und werde es auch nie sein. Wenn du mir jemals wieder zu nahe kommst, zerbreche ich dir die Knochen.“ Ich verstärkte den Griff um seine Hand, und es knackte. Ich wusste nicht, was es war. Vielleicht ein Drang oder etwas anderes. Aber ich spürte diesen unerschütterlichen Wunsch, ihn in Stücke zu reißen.

Ich hörte nicht, wie Denise meinen Namen rief. Ich hörte nicht, wie die Glocke läutete und alle in die Klassen gehen mussten.

Ich spürte nur das Lächeln in meinem Gesicht, während meine Hand weiter an Darrens Handgelenk hochkroch, als wollte ich es mit den Fingern durchbohren.

Eine Berührung an meiner Schulter riss mich in die Realität zurück.

Ich drehte mich um. Meine Augen trafen auf ein Paar trüber brauner Augen, dann auf blasse Haut, eine spitze Nase, ein kantiges Kinn und dünne rosige Lippen.

Ryder.

Ich schüttelte die Hand von meiner Schulter wie Staub, und die Realität traf mich so hart, dass ich taumelte.

Oder vielleicht war es gar nicht die Realität.

Darren rappelte sich auf und rannte davon. Ich drehte mich zu der Gestalt vor mir, dem Typen, den ich seit der Grundschule kannte. Ich hatte immer noch keine Ahnung, warum ich ihn hasste, aber ich wusste, dass ich es tat – und er mich auch.

„Also das bist du inzwischen geworden, eine Kämpferin, was?“ Er steckte die Hände in die Taschen, die Brauen zusammengezogen.

„Und inwiefern geht dich das etwas an?“ schoss ich zurück.

„Es geht mich nichts an.“ Er beugte sich näher, der Kiefer angespannt. „Aber du weißt, es wäre schlimmer gewesen, wenn ein Lehrer dazwischengegangen wäre.“ Er richtete sich auf. Ich konnte nichts erwidern, denn er hatte recht.

Irgendwie fühlte es sich an, als wolle er, dass ich mich bei ihm erkenntlich zeige oder so.

„Wie dem auch sei – deine Haare sind weiß. Das sollte dich eher kümmern.“ Er drehte sich um und ging weg, ließ mich allein im Flur zurück.

Ich zog rasch mein Handy heraus, entsperrte es und öffnete die Kamera, um mich genauer anzusehen.

Er hatte nicht gelogen.

Meine einst schwarzen Haare waren komplett weiß geworden.

„Oh nein.“

***

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