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Kapitel 3

Author: ElleAqua
last update publish date: 2026-10-29 11:24:04

_Mēnawato_

Mondwasser …

Mein Name bedeutete Mondwasser.

Mēna … Wato …

Ich stellte mein Tablett auf die Theke und bemühte mich, den Blick der Kantinenfrau zu ignorieren.

Ich starrte zurück, und nach zwei Sekunden wich sie aus. Ich zischte, nahm mein Tablett mit dem Essen und drehte mich um.

Denise schaltete hastig ihr Handy aus, und wir gingen zu den Tischen, um einen freien Platz zu finden.

„Du wirst in letzter Zeit wirklich sarkastischer und aggressiver“, kicherte Denise.

„Wie meinst du das?“ fragte ich, eher gelangweilt als neugierig.

„Der Blick, den du der Kantinenfrau gegeben hast.“ Denise lachte, und ich schnaubte.

„Ich wünschte, ihr fielen die Augäpfel raus.“ Denise lachte noch lauter. „Aber im Ernst, ich fühle mich unter dieser Kapuze total unwohl. Was soll ich denn machen, wenn die Leute mich ständig Oma nennen?!“

Denise schmollte, und wir stellten unsere Tabletts auf einen Tisch und setzten uns. „Und jetzt machen sich die meisten aus unserer Klasse über die Bedeutung deines Namens lustig.“

Ich nahm meinen Saftkarton und öffnete ihn.

„Pech für sie. Mein Name bedeutet nicht Mondwasser.“ Ich nippte daran. Ich meinte kein Wort davon. In Wahrheit glaubte ich alles. Das Buch, das Jane gehabt hatte, hatte nicht gefälscht ausgesehen.

„Das glaube ich nicht, Mēna.“ Denise schüttelte den Kopf und schob sich ein Apfelstück in den Mund. „Denk mal nach. Mēna klingt ziemlich nah an Moon und Wato sehr nach Water – also Mondwasser.“ Sie nahm ein weiteres Stück. „Ich verstehe nicht, warum die Leute sich darüber lustig machen. Für mich klingt das ziemlich cool.“

Cool?

Es klang kindisch. Als wollte jemand betonen, was ich bin, und es hinter einem Namen verstecken, der keinen Ursprung zu haben scheint.

Aber genau diese Idee ergab irgendwie Sinn. Meine Mutter hatte nie etwas gesagt. Vielleicht hatte sie mir auf diese Weise sagen wollen, dass ich anders bin, ohne es mir direkt zu sagen.

„Was auch immer es ist – ich werde Mama danach fragen.“ platzte es aus mir heraus, und Denise verschluckte sich an ihrem Milchshake.

Sie hustete unkontrolliert und zog die Aufmerksamkeit auf uns. Ich reichte ihr eine Wasserflasche und zog die Kapuze noch tiefer ins Gesicht.

„Was?!“ keuchte sie, nachdem sie große Schlucke getrunken hatte, die die Flasche fast leer machten. „Du hast wohl vergessen, was das letzte Mal passiert ist.“ Sie wischte sich mit einer Serviette den Mund ab.

„Habe ich nicht, aber diesmal ist es anders.“ Ich starrte auf mein kaum angetastetes Essen. „Wenn ich ihr sage, dass ich endlich weiß, was mein Name bedeutet, sagt sie mir vielleicht etwas.“

„Und wenn nicht?“ Sie beugte sich vor.

Ich schaute weg, die Augen ziellos schweifend. „Dann gebe ich auf.“ Mein Blick traf Ryders. Sein Löffel blieb auf halbem Weg zu den geöffneten Lippen stehen, und seine Augen verengten sich. „Komplett.“

***

Ich öffnete die Tür und betrat das Haus. Meine Mutter war noch nicht da … schon wieder. Ich schauderte bei dem Gedanken, dass sie wieder nackt hereinkommen könnte wie am Vortag. Ich hoffte, dass es nicht passieren würde. Ich wollte keine weitere peinliche Situation, besonders weil ich mit ihr über das reden wollte, was ich herausgefunden hatte.

Die Bedeutung meines Namens.

Und persönlich hatte ich immer noch nicht herausgefunden, warum Jane mir den Zettel in die Hand gedrückt hatte.

Ich ließ mich schwer aufs Sofa fallen, öffnete lässig meine Tasche und suchte nach dem Zettel.

Er lag zerknüllt zwischen meinem Chemie- und Biologieheft. Ich schnaubte, holte ihn heraus und las ihn zum soundso-vielten Mal.

Die Worte DIE KERKERWÄCHTER zogen immer wieder meinen Blick an. Allein der Name hatte etwas Unheimliches und Gefährliches. Was wusste Jane, und warum kam das erst jetzt ans Licht?

War das vielleicht nur ein Scherz?

Ich schnaubte, steckte den Zettel zurück und lehnte mich ganz zurück. Das einzige Geräusch war das Ticken der Uhr, und meine Geduld war schon dünn, während ich wartete.

Ich nahm mein Handy und suchte noch einmal. Immer noch keine vernünftige Erklärung, was MĒNAWATO bedeutete.

„Urgh.“ Ich warf das Handy aufs Sofa und verschränkte die Arme. „Sollten Handys nicht … besser sein als Bücher?“ Ich schnaubte.

Während ich seufzte, öffnete sich die Haustür, und aus Reflex setzte ich mich gerade hin. Ich wusste, wer hereinkommen würde.

Die Schlüssel meiner Mutter klirrten in ihrer Hand, während sie vor sich hin murmelte. Ihr pechschwarzes Haar war zu einem Pferdeschwanz gebunden und erinnerte mich an mein einst pechschwarzes Haar. Ihre Jacke war etwas schmutzig – ein klarer Beweis, wie nachlässig Mama manchmal sein konnte –, und sie hatte wieder vergessen, die Stiefel draußen auszuziehen.

Klassische Mama.

Sie schloss die Tür und hob den Kopf, sichtlich nicht überrascht, mich zu sehen.

Kaum etwas überraschte meine Mutter.

„Mēna.“ Sie blieb an der Tür stehen und spielte abwesend mit den Schlüsseln. „Lass mich raten.“ Sie trat einen Schritt näher. „Du willst wieder reden.“

„Diesmal ist es anders“, sagte ich schnell und hoffte, dass sie neugierig würde. Doch ihr Gesichtsausdruck verzog sich, und sie hängte die Schlüssel an den Nagel neben der Wand.

„Mēna, wir haben darüber gesprochen. Du sollst nichts mehr über deinen Namen oder deine Haare oder … fragen.“

„Mein Name bedeutet Mondwasser.“ Ich sah sie an. „Warum? Wer hat mich so genannt?“

Der Kiefer meiner Mutter war inzwischen heruntergeklappt, und ihre Augen blinzelten schwer bei dem, was ich gerade gesagt hatte.

„Was?“ Endlich fand sie ihre Stimme und griff nach der Couch, um sich abzustützen. „Wer hat dir das gesagt? Woher weißt du das?“

Meine Lippen öffneten sich, um zu antworten, doch ich bemerkte dasselbe gelbe Leuchten in ihren Augen. Es war schwach – noch im Entstehen –, und allein das ließ mein Herz vor Angst zusammenkrampfen.

Was passierte hier? Oder was stand bevor?

„Mēna …“ Sie schloss die Augen und drehte sich weg. „Bitte, bitte, bitte …“ Sie atmete aus und drehte sich schnell um. „Hör einfach auf, Dinge herauszufinden. Es ist nichts. Glaube das.“ Dann ging sie zu ihrem Zimmer.

Ich saß still da und lauschte dem Entfernen ihrer Stiefel. Sie hielten inne, dann wurden die Schritte lauter – sie kam zurück.

Ich rührte mich nicht, und dann hörte ich ihre Stimme erneut.

„Ich werde nicht mehr antworten, wenn du das noch einmal ansprichst.“ Und dann ging sie endgültig.

Wirklich.

Ich stand nicht sofort auf. Ich starrte leer auf den Fernseher und ließ das, was passiert war, noch einmal ablaufen.

Genau so ruhig war ich gewesen, bevor ich den Sturm entfesselt hatte.

Ich stand auf, griff wütend nach meiner Tasche und schleuderte sie gegen die Wand, die ich leicht treffen konnte.

Die Wand neben der Tür.

Ein paar Bücher fielen heraus, und der zerknüllte Zettel glitt heraus, immer noch zwischen zwei Heften steckend.

„So viel dazu, mit Mama zu reden.“ Ich stand da, genervt und reumütig, weil ich die Tasche neu ordnen und meinen Kuli holen musste, der irgendwie unter eines der Sofas gerollt war.

Und der Zettel?

Ich zerriss ihn in kleine Stücke und sah zu, wie sie wie Schneeflocken in den Mülleimer fielen, bevor ich zu meinem Zimmer ging.

Weinen konnte ich nicht. Check.

Wütend war ich geworden. Check.

Glück war momentan völlig ausgeschlossen.

Was ich fühlte, war Taubheit. Die Art von Taubheit, bei der selbst das Zählen der Deckenflecken interessant und zeitraubend genug erschien, um wach zu bleiben.

Irgendwann schlief ich trotzdem ein – und ich wünschte, ich hätte es nicht getan …

***

Ein Windstoß wehte mir alle Haare ins Gesicht, und es fühlte sich an, als würde mir die Luft aus den Lungen gepresst. Ich keuchte, als ich die Augen öffnete.

Ich blinzelte, fing langsam wieder Luft und sah mich um.

‚Wo bin ich?‘ dachte ich, denn ich konnte die Lippen nicht bewegen, um zu sprechen.

Die Umgebung war dunkel, aber ich erkannte die Bäume um mich herum. Sie bewegten sich im Pfeifen des Windes.

„Hallo?!“ Endlich sprach ich und machte einen Schritt nach vorn. Der Wind wurde stärker, und es fühlte sich an, als würde der Mond sich mitbewegen, emporsteigen in all seinem Heiligenschein und seiner Pracht.

In der Ferne sah ich einen Fluss, auf dem der Mond schien. Gerade als ich einen Schritt machen wollte, um herauszufinden, was vor sich ging, wurde mein Körper plötzlich schwer.

Ich schaute hinunter und hätte beinahe geschrien. Meine Arme waren mit Fell bedeckt, und meine Hand sah aus wie eine Pfote.

Ein Knochen knackte, und ich verlor das Gleichgewicht, fiel zu Boden. Als ich hinunterschaute, wuchs auch an meinen Beinen Fell.

Ich schrie – vor Angst, vor Schmerz, weil es ein Traum war.

Ich setzte mich sofort auf und sah mich um, um sicherzugehen, dass ich noch in meinem Zimmer war. War ich. Immer noch angezogen.

Ein erleichterter, aber erschöpfter Seufzer verließ meine Lippen. Langsam berührte ich mein Gesicht und schaute auf meine Beine.

Immer noch normal.

Ich schnaubte und rollte mit den Augen – und genau dieser Blick fing etwas.

Meine Hand.

Meine Augen weiteten sich fast aus den Höhlen, als ich bemerkte, dass meine Nägel durch scharfe Krallen ersetzt worden waren. Ich konnte nicht einmal schreien, aber mein Herz raste.

Die Zimmertür öffnete sich, und ich versteckte die Hände hastig hinter dem Rücken, möglichst unauffällig.

„Essenszeit.“ Sie sah sich um. „Dusch dich erst … okay?“

Ich nickte, und zum Glück ging sie wieder.

Ich schaute noch einmal auf meine Hände, aber … die Nägel waren weg – als hätten sie nie existiert.

Ich stand auf und versuchte, alles auf einmal zu begreifen. Ich hatte bereits eine schmerzhafte Migräne vom Alptraum, und jetzt das, was mich fast einen Herzinfarkt kosten wollte.

Nun ja – nichts brachte mich mehr dazu, weitere Fragen zu stellen.

Ich gebe auf.

***

Ich aß schweigend mit meiner Mutter zu Abend. Das einzig Gute war, dass sie die Spaghetti heute Abend besonders gut gemacht hatte.

Ich sagte es nie, aber ich glaubte immer, dass Mama Dinge besser hinbekam, wenn sie genervt war.

Nach dem Essen räumte ich das Geschirr ab, und wir gingen jeweils in unsere Zimmer, während wir uns Gute-Nacht-Wünsche sagten, die verrieten, dass die Stimmung angespannt war.

Die Nacht fühlte sich anders an, und Bilder aus dem Traum machten mir Angst vor dem Einschlafen. Und es machte mich schwach zu wissen, dass Nachfragen bei Mama nichts bringen würde.

Mir war, als müsste ich in die Dunkelheit schreien.

Trotzdem sprang ich aufs Bett, kroch unter die Decke und schaltete die Nachttischlampe aus.

Als ich die Augen schloss, hörte ich etwas, das wie Heulen in der Ferne klang.

Ich stöhnte und klammerte mich fest an den Rand der Decke.

Geräusche drangen an meine Ohren – selbst von Ameisen –, und der Lärm ließ mich die Augen öffnen.

Ich schaute auf die Decke, die ich im Dunkeln festhielt. Ich konnte deutlich den neuen Riss sehen. Langsam öffnete ich die Handflächen.

Meine Nägel waren wieder gewachsen.

„Wa …“ Ich wäre beinahe an meinem eigenen Blut erstickt. Meine Eckzähne waren gewachsen – groß und scharf.

Mein Atem wurde unregelmäßig, und mein Körper fühlte sich heiß an.

„Mama.“ Ich griff zum Nachttisch, ein Stöhnen entwich mir, während ich versuchte, aus dem Bett zu kommen.

Ich schlug auf dem Boden auf, und genau wie im Traum hörte ich das Knacken und Brechen meiner Knochen.

Etwas anderes, etwas Ursprüngliches trieb mich, zum Fenster zu schauen.

Ein silbernes Licht war eingedrungen und fühlte sich an, als rufe es mich.

„Mama.“ Ich schaffte es, aufzustehen, doch Hände und Beine fühlten sich an, als gehörten sie nicht mehr mir.

Ich öffnete die Tür mit Mühe und kroch hinaus.

„Mama …“ Meine Stimme war tiefer geworden, und mein Blickfeld verdunkelte sich an den Rändern.

„Mama!!“ Ich streckte die Hand nach ihrem Türgriff aus, doch meine Knochen knackten, und mein Schrei wurde zu einem Knurren.

Meine Sicht verschwamm, und ich spürte, wie mein Bewusstsein in einen anderen Teil von mir glitt.

„Mēna! Oh nein! Du … verwandelst dich!“

Mama?

Ich spürte ihre warmen Hände, während ich langsam die Kraft und das Bewusstsein verlor und ein seltsamer Drang über mich kam.

Dann keuchte sie.

„Aber Neon hat gesagt, du bist kein Hybrid.“

***

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