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KAPITEL 3 DIE LIEBE, DIE VERRATEN WURDE

Author: M. J. Elara
last update publish date: 2026-06-25 04:42:15

Der Raum blieb noch lange erstarrt, nachdem die Worte des Fremden in die Stille gefallen waren.

„Du bist vor unserer Hochzeit verschwunden."

Oriana konnte kaum atmen. Hochzeit? Ihre zitternden Finger umklammerten das alte Foto fester, während Verwirrung gewaltsam durch ihren Kopf raste.

„Was?" flüsterte sie schwach.

Der Blick des gefährlichen Mannes blieb auf ihr Gesicht gerichtet. Nicht grausam. Nicht begehrlich. Sondern mit etwas Dunklerem.

Jahre der Suche. Jahre des Zorns. Jahre unbeantworteter Fragen.

Livia fasste sich als Erste. „Was für ein Unsinn ist das?" lachte sie nervös. „Mr. Devereux, hier muss ein Missverständnis vorliegen."

„Es gibt kein Missverständnis."

Seine kalte Stimme durchschnitt sofort den Raum.

Die Männer der Unterwelt hinter ihm richteten sich schweigend auf. Niemand wagte es, ihn erneut zu unterbrechen.

Sie durchsuchte verzweifelt ihr Gedächtnis. Doch nichts ergab einen Sinn.

Sie hatte diesen Mann noch nie zuvor getroffen. Niemals. Und doch war das Foto in ihren Händen echt.

Und schlimmer noch, tief in ihrer Brust fühlte sich etwas an ihm schmerzhaft vertraut an. Wie ein vergessener Albtraum, der versuchte, wieder an die Oberfläche zu kriechen.

Mateo trat erneut schützend vor sie. „Sie ist erschöpft", sagte er vorsichtig. „Was auch immer das ist, es kann bis morgen warten."

Der Blick des Mannes wanderte langsam zu Mateo.

Für einen Moment wurde die Atmosphäre erstickend. Gefährlich.

Als könnte jeden Augenblick Gewalt ausbrechen.

Doch dann flogen die Türen der Villa erneut auf. Alle drehten sich abrupt um.

Ein Diener stürmte atemlos herein.

„Herr Adrian kommt." Orianas Herz setzte sofort aus.

Adrian.

Das Foto rutschte fast aus ihren Fingern. Die ganze Zeit über hatte sie auf ihn gewartet. Von ganzem Herzen.

Sie hatte sich nach ihm gesehnt, während sie all die Demütigung ertrug.

Die Einsamkeit, die sie die ganze Zeit über gespürt hatte, war grausam gewesen. Jede einzelne Nacht hatte sie sich dasselbe gesagt.

Wenn Adrian kommt, wird alles gut. Denn er war ihr Ehemann.

Er hatte versprochen, sie zu beschützen.

Sicher würde er niemals zulassen, dass ihr das geschah.

Hoffnung stieg in ihrer Brust auf. Livias Lippen krümmten sich langsam. Adrians Mutter entspannte sich sofort. Sogar Mateo wirkte erleichtert.

Nur der gefährliche Fremde blieb undurchschaubar. Schwere Schritte hallten vom Eingangsflur her.

Dann erschien Adrian. Groß. Elegant.

Immer noch schmerzhaft gutaussehend, auf die Art, wie sie sich vor Jahren zum ersten Mal in ihn verliebt hatte. Doch er wirkte kälter.

Schärfer. Distanzierter.

Sein dunkelgrauer Mantel lag über breiten Schultern, leicht benetzt vom Regen draußen, und beschattete sein Gesicht von der Pause, die er außerhalb der Villa genommen hatte.

Doch in dem Moment, als sein Blick auf Oriana fiel, blieb er stehen.

Stille verschlang erneut den Raum.

Orianas Augen füllten sich sofort mit Tränen. „Adrian." Ihre Stimme brach völlig.

Für eine Sekunde glaubte sie, Schock über sein Gesicht huschen zu sehen. Schock über ihren Zustand.

Über die schwach sichtbaren blauen Flecken an ihren Handgelenken. Über die Tränen, die ihre Wangen benetzten, und die Angst, die in ihrem zitternden Körper geschrieben stand.

Mateo trat sofort vor.

„Adrian", sagte er scharf, „sie haben heute Nacht versucht, Oriana zu verkaufen."

Die Worte hallten schwer durch die Villa. Oriana sah Adrian verzweifelt an.

Wartend. Wartend auf Zorn. Auf Schutz. Darauf, dass er sie endlich verteidigte.

Livia reagierte als Erste. „Es ist nicht so, wie es klingt."

Mrs. Vivienne seufzte theatralisch. „Dieses Mädchen macht schon wieder Probleme."

Mateo sah wütend aus. „Probleme? Ihr habt sie monatelang hungern lassen!"

„Genug", fauchte Livia.

„Nein", knurrte Mateo zurück. „Sag ihm die Wahrheit." Er zeigte auf Oriana.

„Du wurdest in diesem Haus wie eine Gefangene behandelt, während sie es sich gut gehen ließen."

Adrian schwieg. Völlig schweigend. Oriana starrte ihn hilflos an.

„Adrian…", flüsterte sie erneut. „Bitte —"

Endlich sah er sie richtig an. Wirklich an. Ihre zitternden Hände. Ihr tränenüberströmtes Gesicht.

Die Hoffnungslosigkeit in ihren Augen. Für einen schrecklichen Moment glaubte sie, Schuld darin zu sehen. Dann atmete Adrian langsam aus.

Und wandte den Blick ab. Einfach so.

Als würde ihr Schmerz ihn ermüden.

Als würde er nichts bedeuten.

Orianas Brust zog sich schmerzhaft zusammen.

„Adrian?" sagte Mateo ungläubig.

Livia trat sofort neben Adrian und berührte sanft seinen Arm.

„Du weißt, wie dramatisch sie sein kann", sagte sie sanft. „Deine Mutter und ich haben nur versucht, sie zu disziplinieren."

Disziplinieren. Oriana starrte sie entsetzt an.

Adrians Mutter nickte traurig. „Sie weigert sich, sich ordentlich zu benehmen, wann immer du weg bist." Mateo sah aus, als würde er gleich explodieren.

„Sie wurde verkauft!" Adrian sprach endlich. Seine Stimme war ruhig. Kalt.

„Genug."

Der Raum verstummte sofort. Oriana wartete verzweifelt auf mehr. Darauf, dass er sie verteidigte. Dass er fragte, ob sie verletzt sei. Dass er sie hielt, wie er es früher getan hatte.

Stattdessen wandte sich Adrian seiner Mutter zu. „Geht es dir gut?" Die Worte zerschmetterten etwas in Oriana vollständig.

Seine Mutter lächelte schwach. „Mir geht es gut, mein Sohn."

Oriana fühlte, als hätte alle Luft ihre Lungen verlassen. Nein. Nein, das konnte nicht geschehen.

Mateo starrte Adrian angewidert an. „Ignorierst du das etwa ernsthaft?"

Adrians Kiefer spannte sich leicht an. „Ich sagte, genug."

Der gefährliche Fremde beobachtete alles schweigend von der Seite des Raumes aus, seine dunklen Augen undurchschaubar.

Oriana machte einen zitternden Schritt auf Adrian zu. „Du — du glaubst ihnen?" Ihre Stimme brach schmerzhaft.

Adrian sah sie endlich wieder an.

Doch es lag keine Wärme mehr in seinen Augen. Nur Erschöpfung und Distanz. „Du sorgst immer für Chaos, wenn ich weg bin", sagte er leise.

Sie erstarrte.

Die Worte trafen härter als jede Ohrfeige.

„Was?"

Livia senkte den Blick und spielte Traurigkeit vor. „Wir haben unser Bestes mit ihr versucht, während du weg warst."

Adrian rieb sich langsam die Schläfe. „Ich bin nach Hause gekommen, um Ruhe zu finden, nicht für die üblichen Vorfälle."

Übliche Vorfälle? Orianas Lippen öffneten sich lautlos.

Monate.

Monatelang hatte sie gelitten und auf ihn gewartet. Und das — das war alles, was sie ihm bedeutete?

Mateo trat wütend näher. „Sie wäre heute Nacht fast Menschenhändlern zum Opfer gefallen!" Doch Adrians Ausdruck veränderte sich kaum.

„Wenn nichts passiert ist, dann hör auf, es zu übertreiben." Der Satz traf wie ein Messer durch Orianas Herz.

Sie starrte ihn an, während Tränen still über ihre Wangen rollten.

Nichts passiert? Nichts?

Der Hunger? Die Demütigung? Der Terror?

Zählte all das nicht, nur weil sie es nicht geschafft hatten, die Tat zu vollenden?

Mrs. Vivienne verschränkte triumphierend die Arme. „Siehst du? Sogar Adrian versteht es." Mateo sah angewidert aus. „Ich kann es nicht fassen."

Adrian ignorierte ihn völlig.

Stattdessen wanderte sein Blick langsam zu dem gefährlichen Fremden, der in der Nähe stand.

Die Atmosphäre veränderte sich augenblicklich.

„Du bist immer noch hier", sagte Adrian ruhig.

Der Mann in Schwarz lächelte schwach.

Ihre Blicke trafen sich. Zwei gefährliche Männer maßen sich schweigend.

Dann warf Adrian noch ein letztes Mal einen Blick zurück zu Oriana.

Und was er als Nächstes sagte, zerstörte den letzten Rest Hoffnung in ihr. „Bringt sie nach oben", befahl er kalt.

Ihr Gesicht wurde bleich. „Adrian —" Doch er wandte sich bereits ab. Als würde sie nicht mehr existieren. Die Zofen packten erneut ihre Arme.

Diesmal wehrte sie sich nicht. Sie konnte nicht. Ihr Körper fühlte sich leer an. Zerbrochen.

Während sie sie erneut zur Treppe schleiften, blickte sie durch verschwommene Sicht zurück.

Adrian stand neben seiner Mutter und Livia.

Genau dort, wo er sich entschieden hatte zu stehen. Nicht neben seiner Ehefrau. Nicht neben der Frau, die still um Hilfe flehte.

Neben ihnen.

Und dann bemerkte Oriana etwas Erschreckendes. Der gefährliche Fremde beobachtete sie immer noch.

Nicht Adrian. Nicht Livia. Sie.

Sein dunkler Ausdruck hatte sich nun völlig verändert. Nicht mehr neugierig. Nicht mehr ruhig.

Er wirkte mörderisch.

Dann, ganz langsam, griff er erneut in seinen Mantel und zog ein zweites Foto hervor.

Dieses war älter. Beschädigt. Leicht angesengt an den Rändern.

Und als Adrian es sah, veränderte sich sein Gesichtsausdruck augenblicklich.

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