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Kapitel 4

Author: Lina
last update Last Updated: 2026-03-04 21:58:00

Das Kleid fühlte sich an wie eine zweite Haut aus flüssigem Feuer, die mich gleichermaßen schützte und entblößte. Es war von einem tiefen, fast schwarzen Dunkelrot, bodenlang und so meisterhaft geschnitten, dass es jede meiner Bewegungen mit einer sündhaften Eleganz betonte, ohne dabei zu viel Haut preiszugeben. Doch das war eine Täuschung. Der Rücken war so tief ausgeschnitten, dass der kühle Stoff erst knapp über dem Ansatz meiner Taille endete und meine Wirbelsäule wie eine Einladung präsentierte. Das schwarze Lederband an meinem Hals bildete einen harten, fast vulgären Kontrast zu der aristokratischen Eleganz des schweren Seidenstoffs. Ich starrte in den prunkvollen Spiegel des Penthouses und erkannte die Frau nicht wieder, die mir dort mit fiebrigen Augen entgegenblickte. Ich fragte mich mit einer Anwandlung von Panik, ob die echte Maya – das Mädchen mit den erdigen Fingernägeln und dem einfachen Lächeln – noch irgendwo unter dieser kühlen, teuren Maske existierte, oder ob Silas sie bereits mit einem einzigen, arroganten Federstrich aus der Realität ausgelöscht hatte.

„Hör auf, nach Fehlern zu suchen, Maya. Es gibt keine. Ich dulde keine Unvollkommenheit in meiner Nähe.“

Silas’ Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Er stand plötzlich hinter mir, ein Schatten aus Macht und Stoff. Er trug einen schwarzen Smoking, der so perfekt auf seinen Körper geschneidert war, dass er seine ohnehin schon breiten Schultern noch massiver, fast bedrohlich wirken ließ. Seine dunklen Haare waren streng zurückgekämmt, was die scharfen, unerbittlichen Linien seines Gesichts und die Härte seiner Kieferpartie betonte. Er legte seine Hände schwer auf meine nackten Schultern. Seine Finger waren erschreckend warm, und ich spürte den leichten, besitzergreifenden Druck seiner Daumen auf meinen Schlüsselbeinen, genau dort, wo das Lederband meine Haut einschnürte.

„Ich fühle mich wie ein Tier, das für eine Show zurechtgemacht wurde“, sagte ich gepresst und suchte seinen Blick im Spiegel. Ich wollte, dass er die Verachtung in meinen Augen sah, doch mein eigener Puls, der gegen das Lederband hämmerte, verriet mich.

„Vielleicht bist du das auch“, erwiderte er leise, und seine Stimme klang wie Samt auf Stein. Er neigte den Kopf, und seine Lippen streiften fast meine nackte Schulter, ein Hauch von Atem, der eine Gänsehaut über meinen Rücken jagte. „Aber du bist das einzige Tier im Raum, das die Sprache dieser Leute spricht. Diese Aristokraten, diese Erben von altem Geld – sie hassen mich, Maya. Für sie bin ich der Emporkömmling, der Mann, der ihre maroden Firmen mit schmutzigen Händen übernimmt und sie nach meinen Regeln neu zusammensetzt. Aber dich? Dich werden sie lieben. Du bist die Unschuld, die ich mir mit all meinem Gold nicht kaufen kann. Du bist mein Dietrich für Türen, die mir aufgrund meines Namens sonst für immer verschlossen bleiben würden.“

Die Erkenntnis traf mich mit der Wucht einer körperlichen Erschütterung. Er brauchte keine Geliebte, kein hübsches Anhängsel für sein Ego. Er brauchte eine Diplomatin mit dem Gesicht eines Engels, um die Bestie in seinem Inneren zu tarnen. Ich war seine Tarnkappe, seine Eintrittskarte in die Welt des „alten Geldes“.

Der Wagen brachte uns zu einem prachtvollen Stadtpalais, dessen barocke Fassade im Licht der Scheinwerfer erstrahlte. Fotografen belagerten den Eingang wie hungrige Wölfe, und das plötzliche Blitzlichtgewitter blendete mich für einen Moment, ließ mich taumeln. Silas reagierte sofort. Er legte seinen Arm fest um meine Taille und zog mich hart an sich, sodass mein Körper gegen seine Flanke gepresst wurde. Es war kein liebevoller Griff, kein Schutz suchendes Halten. Es war eine Markierung. Ein Zeichen an die Welt: *Das gehört mir.* Ich spürte die harten, angespannten Muskeln seines Arms durch den dünnen Stoff meines Kleides, eine ständige Erinnerung an meine Gefangenschaft.

Drinnen war die Luft schwer von teurem Parfüm, dem Duft von Lilien und dem hellen, fast hysterischen Klirren von Champagnergläsern. Die High Society der Stadt war versammelt, ein Meer aus Diamanten und geheuchelter Freundlichkeit. Das Tuscheln begann in exakt dem Moment, als wir den Saal betraten. Silas Vane, der Mann, der erst vor Kurzem die alteingesessene Holding der Familie Sterling zerschlagen hatte, tauchte zum ersten Mal mit einer Begleitung auf. Ich spürte die feindseligen Blicke der Frauen, die mich taxierten wie eine Rivalin, und das abschätzige, lüsterne Lächeln der Männer, die mich bereits in Gedanken entkleideten.

„Dort vorne steht Adrian Sterling“, raunte Silas mir ins Ohr, während wir mit kalkulierter Eleganz durch die Menge glitten. Sein Atem kitzelte meine Haut. „Er hält sich für den unangefochtenen König dieser Stadt, nur weil sein Urgroßvater Steine aufeinandergestapelt hat. Ich will sein neues Bauprojekt im Hafen. Wenn er dich sieht, wird er glauben, ich hätte eine Schwäche gefunden. Er wird versuchen, dich als Informantin zu gewinnen, dich gegen mich auszuspielen. Spiel das Spiel mit, Maya. Sei charmant, sei verletzlich. Gib ihm das süße Gefühl, er könne dich vor mir retten.“

Ich schluckte schwer, meine Kehle war trocken wie Pergament. Ich war nicht nur sein Schmuckstück, ich war sein Köder in einem Haifischbecken. In den nächsten Stunden wurde ich zum Mittelpunkt eines grausamen strategischen Manövers. Silas benutzte mich mit der Präzision eines Chirurgen, um die Fassade der Sterlings zum Bröckeln zu bringen. Immer wenn er mich für einen Moment scheinbar allein ließ, um „Geschäfte“ zu besprechen, spürte ich, wie die Geier begannen, ihre Kreise enger zu ziehen.

Adrian Sterling, ein Mann mit perfekt grauen Schläfen und einem Lächeln, das so falsch und hohl war wie sein Erbe, trat schließlich an mich heran. „Miss Lindberg, nicht wahr? Ein seltsamer, fast schon tragischer Ort für eine junge Frau, die eigentlich in einen unschuldigen Blumenladen gehört. Sagen Sie mir, wie tief stecken Sie wirklich in den dunklen Geschäften eines Mannes wie Vane? Er ist kein angemessener Umgang für jemanden wie Sie. Er zerstört alles, was er berührt.“

Ich sah in seine wässrigen Augen und erkannte darin die exakt gleiche Gier wie bei Silas, nur war sie bei Sterling besser versteckt hinter Tradition, Seide und guten Manieren. Ein plötzlicher, wilder Trotz stieg in mir auf. Wenn ich schon eine Waffe in diesem Krieg sein musste, dann wollte ich wenigstens wissen, wie man sie abfeuert. Ich wollte nicht mehr nur das Opfer sein.

„Manchmal braucht man die Dunkelheit, Herr Sterling, um die wahren Farben der Welt überhaupt erst richtig sehen zu können“, entgegnete ich kühl und nippte mit gespielter Gelassenheit an meinem Champagner. Ich sah mit einer dunklen Genugtuung, wie seine herablassende Überlegenheit für einen Moment ins Wanken geriet. Er hatte ein zitterndes Opfer erwartet, keine messerscharfe Antwort.

Silas tauchte wie aus dem Nichts hinter mir auf, seine Hand legte sich besitzergreifend und schwer auf meinen unteren Rücken, genau dort, wo die nackte Haut auf den Stoff traf. Der Druck seiner Finger war eine Warnung und ein Lob zugleich. Er hatte das Gespräch aus der Ferne beobachtet wie ein Falke.

„Wir gehen“, sagte Silas kurz angebunden zu Sterling, ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen, als wäre der Mann bereits Geschichte.

Im Wagen auf dem Rückweg herrschte eine aggressive, fast greifbare Spannung. Silas starrte schweigend aus dem Fenster in die vorbeiziehenden Lichter der Stadt, seine Kiefermuskeln arbeiteten unaufhörlich. „Du hast gut gespielt, Maya. Zu gut vielleicht. Sterling hat angebissen, aber er wird nun alles daran setzen, herauszufinden, womit ich dich unter Druck setze. Er wird in deinem Schmutz wühlen.“

„Vielleicht sollte er das“, sagte ich leise und sah auf meine Hände, die im Schoß lagen und noch immer von dem Adrenalin der Begegnung brannten. „Dann würde wenigstens jemand die Wahrheit über diesen verdammten Vertrag erfahren.“

Silas lachte rauchig, ein Geräusch ohne jede Fröhlichkeit, und drängte mich plötzlich mit einer schnellen Bewegung gegen die weichen Polster des Wagens. Er überragte mich, nahm mir den Raum zum Atmen. „Die bittere Wahrheit ist, dass du dieses Spiel genießt, meine kleine Blume. Ich habe gesehen, wie du Sterling angesehen hast. Du liebst die Macht, die du plötzlich über diese mächtigen Männer besitzt. Du hasst mich nicht nur, weil ich dich hierher gezwungen habe. Du hasst mich vor allem deshalb, weil ich dir gezeigt habe, wer du wirklich bist, wenn man die Schichten aus Anstand abträgt.“

Er packte das Lederband an meinem Hals mit seinen Fingern und zwang mich, ihn direkt anzusehen. Seine Augen brannten vor einem dunklen, bösartigen Triumph. „Du bist kein unschuldiges Mädchen aus der Unterstadt mehr, Maya. Du bist meine Komplizin. Und heute Nacht... heute Nacht werden wir die Bedingungen unserer Zusammenarbeit ganz neu definieren.“

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