LOGINCARMILLAS POV
Eine Hausangestellte nahm mir meinen kleinen Koffer ab, kaum dass ich das Privatanwesen von Rafael betreten hatte.
Es fühlte sich demütigend an, nach fünf Jahren Ehe nichts als einen einzigen kleinen Koffer mitzubringen. Ich konnte meine eigene Naivität kaum begreifen.
„Ich zeige dir die Hauptsuite“, sagte Rafael. Er wartete nicht auf eine Antwort. Er ging einfach die prächtige Treppe hinauf.
Ich folgte ihm, meine Absätze klickten gegen die Stufen. Als er die Doppeltüren zum Schlafzimmer aufstieß, blieb ich wie angewurzelt stehen.
Der Raum war riesig. Ein Bett in Kingsize-Größe stand in der Mitte, bedeckt mit Seidenlaken.
Es gab einen Kamin, einen begehbaren Kleiderschrank in der Größe einer normalen Wohnung und einen Balkon mit Blick auf einen privaten Garten.
„Wir teilen uns das hier?“, fragte ich, meine Stimme klang kleiner, als ich beabsichtigt hatte.
„Für das Personal und die Öffentlichkeit, ja“, sagte Rafael und warf seine Jacke auf einen Stuhl.
„Meine Familie hat überall Augen. Wenn du in einem Gästezimmer schläfst, beginnen die Gerüchte schon bis zum Morgen. Ich führe eine politische Kampagne, Carmilla. Wir müssen wie ein Paar aussehen, das es nicht ohne den anderen aushält.“
„Ich habe dir meine Bedingung genannt, Rafael. Keine Intimität.“
„Ich habe es nicht vergessen.“ Er ging zu einem Schrank und holte einen Stapel zusätzlicher Kissen heraus. Er warf sie mitten aufs Bett und schuf damit eine buchstäbliche Mauer zwischen den beiden Seiten. „Reicht das, oder muss ich einen Bauunternehmer rufen, um einen Zaun zu bauen?“
Ich spürte, wie mir die Röte in den Nacken stieg. „Das reicht.“
Er sah auf seine Uhr. „Zieh dich um. Das Auto wartet. Wir besuchen Elias.“
Die Fahrt zum Saint Bridget Hospital verlief schweigend.
Den größten Teil davon verbrachte ich damit, aus dem Fenster zu schauen und mich zu fragen, ob Elias mich überhaupt erkennen würde.
Seit dem Unfall fühlte ich mich wie eine andere Person. Ich war nicht mehr die sanfte, erschöpfte Mutter, die er oder ich selbst gekannt hatten.
Als wir die Kinderstation betraten, veränderte sich die Atmosphäre.
Die Schwestern, die mich früher wie eine Last behandelt hatten, als ich noch „Mrs. Cooper“ war, senkten nun ihre Köpfe.
„Der Spezialist ist schon drinnen“, sagte Rafael, als wir Elias’ Zimmertür erreichten.
Ich ging hinein und fühlte, wie sich mein Herz zusammenzog. Elias saß aufrecht und betrachtete ein Bilderbuch.
Er sah so klein aus in diesem großen Krankenhausbett. Als er mich sah, leuchteten seine Augen auf, und er streckte mir die Arme entgegen.
„Hey, Baby“, flüsterte ich, setzte mich auf die Bettkante und zog ihn in eine Umarmung.
Er roch nach Babyseife und Krankenhaus-Desinfektionsmittel. Er drückte mich zurück, machte aber kein Geräusch.
„Elias“, sagte Rafael.
Ich blickte überrascht auf, von dem Ton seiner Stimme. Sie war nicht kalt. Sie war ruhig und fast sanft. Er ging zum Bett und zog ein kleines, hochmodernes Tablet aus seiner Tasche.
„Das ist für dich“, sagte Rafael und reichte es Elias.
„Es hat Spiele, aber es hat auch ein Programm. Wenn du auf die Bilder drückst, spricht es für dich. Bis deine eigene Stimme zurückkommt, kannst du diese hier benutzen.“
Elias nahm das Tablet, seine Finger schwebten über dem Bildschirm. Er drückte auf einen Knopf, der ein Bild von einem bandagierten Herzen zeigte.
„Aua“, sagte die mechanische Stimme.
„Nein, Mommy hat kein Aua. Mir geht’s gut, solange es dir gut geht“, umarmte ich ihn.
Tränen verschwammen meinen Blick. Ich sah Rafael an, der Elias mit neutralem Gesichtsausdruck beobachtete.
„Danke“, formte ich lautlos mit den Lippen.
„Es ist nur ein Hilfsmittel, Carmilla. Nicht mehr“, erwiderte er, doch er zog sich nicht zurück, als Elias nach ihm griff, um ihn zu berühren.
Wir blieben eine Stunde, bevor der Arzt uns sagte, dass Elias sich ausruhen müsse. Als wir zurück zum Auto gingen, vibrierte mein Handy. Es war eine Nachrichtenbenachrichtigung.
„STURZ AUS DER GNADE: Silas Coopers Geliebte, Lila Vance, der Zutritt zur Elite Plaza verweigert. Quellen berichten, ihre Konten seien eingefroren worden.“
Ich verspürte eine Welle der Genugtuung. „Die Arbeit deines Vaters?“, fragte Rafael und blickte auf meinen Bildschirm.
„Nein“, sagte ich, ein kleines Lächeln umspielte meine Lippen.
„Meine. Ich weiß, welche Banken Silas für seine ‚privaten‘ Ausgaben nutzt. Ich habe sie nur daran erinnert, wer ihnen eigentlich das Geld gegeben hat, das sie so leichtsinnig ausgeben.“
„Skrupellos“, bemerkte Rafael. „Das gefällt mir.“
Unser nächster Halt war die Textilfabrik Blue Horizon.
Sie lag am Stadtrand, ein graues Gebäude, das aussah, als wäre es seit einem Jahrzehnt nicht mehr gestrichen worden. Als wir ankamen, stand eine Gruppe von Arbeitern draußen, mit besorgten Gesichtern.
Sie wussten, dass die Fabrik übertragen worden war. Sie rechneten damit, entlassen zu werden.
Ich stieg aus dem Auto, und das Murmeln verstummte. Sie sahen das Willows-Wappen auf dem Auto und den Hawthorn-CEO, der neben mir stand.
„Wer hat hier das Sagen?“, fragte ich.
Ein Mann mittleren Alters in fettverschmiertem Overall trat vor. „Ich bin Miller, der Vorarbeiter. Sind Sie hier, um die Türen zu schließen, Ma’am?“
„Nein, Miller“, sagte ich und ging auf den Eingang zu.
„Ich bin hier, um sie zu öffnen. Mit sofortiger Wirkung wird das Gehalt aller um zwanzig Prozent erhöht. Wir machen ein Rebranding. Wir produzieren kein billiges Polyester mehr für Cooper Fabrics. Wir werden die hochwertige wasserdichte Seide herstellen, die die Hawthorn Group für ihre internationale Exportlinie braucht.“
Die Arbeiter sahen sich gegenseitig an, fassungslos.
„Aber … Silas sagte, dieser Ort sei ein sinkendes Schiff“, stammelte Miller.
„Silas ist jemand mit wenig Weitblick. Er erkennt den Wert dessen, was er besitzt, erst, wenn es verloren ist“, sagte ich. „Zeigen Sie mir jetzt die Webstühle. Wir haben Arbeit zu tun.“
Als wir zurück zum Anwesen kamen, war ich erschöpft, aber zufrieden mit allem, was ich heute getan hatte.
Ich ging hinauf in die Hauptsuite, nahm eine lange Dusche und zog mir ein einfaches Seidennachthemd an.
Rafael war bereits im Zimmer, saß auf seiner Seite des Bettes mit einem Laptop.
Er war oberkörperfrei, und ich konnte nicht anders, als die durchtrainierten Muskeln seines Rückens und die Narbe zu bemerken, die sich über sein Schulterblatt zog. Ich sah schnell weg, kletterte auf meine Seite des Bettes und versteckte mich hinter der Kissenmauer.
„Carmilla“, sagte er, ohne von seinem Bildschirm aufzublicken.
„Ja?“
„Silas hat heute sechsmal in meinem Büro angerufen. Er verliert den Verstand. Er hat begriffen, dass die Blue-Horizon-Patente in der Übertragung enthalten waren.“
„Gut“, sagte ich und zog die Decke höher. „Lass ihn den Verstand verlieren.“
„Er wird hinter dir her sein. Oder hinter dem Jungen. Bleib wachsam.“
„Dafür habe ich doch dich, oder nicht? Teil des Vertrags?“
Rafael klappte seinen Laptop zu und schaltete die Lampe auf seiner Seite aus. Der Raum wurde dunkel, nur das Mondlicht fiel durch das Balkonglas.
„Ja“, flüsterte er in der Dunkelheit. „Teil des Vertrags.“
Ich lag lange Zeit da und lauschte dem gleichmäßigen Klang seines Atems. Ich fühlte mich sicherer, als ich es seit Jahren gewesen war, was mich zutiefst erschreckte.
Rafaels SichtDer schwarze Mercedes rollte über den nassen Highway zum forensischen Büro in der Innenstadt. Im Auto fühlte sich die Luft dick und schwer an.Ich hielt meine Hände fest ans Lenkrad geklammert. Meine Knöchel wurden weiß. Meine Kiefermuskeln blieben angespannt und hart.„Rafael", sagte Carmilla.Ihre Stimme war sanft. Sie durchschnitt meine Wut wie warmes Wasser auf Eis.Ich drehte schnell den Kopf. Carmilla saß neben mir auf dem Beifahrersitz. Sie trug ihren dunklen Wollmantel bis oben zugeknöpft. Ihre bernsteinfarbenen Augen sahen mir direkt in die Augen, ohne einen einzigen Tropfen Zweifel.„Du bist noch immer wütend", sagte sie.„Ich bin wütend", antwortete ich, meine Stimme sank tief in meiner Brust. „Isabella stand in einem öffentlichen Gerichtssaal mit gefälschten Briefen. Sie versuchte, dich an mir zweifeln zu lassen. Nach allem, was Silas dir angetan hat, nach jeder Mauer, die wir zwischen uns niedergerissen haben, benutzte sie meinen Namen, um dich zu verletzen.
Carmillas SichtDie Luft im Gerichtssaal roch alt. Draußen vor den hohen Bogenfenstern schlug grauer Regen gegen das Glas. Drinnen klickten Kameraverschlüsse wie zornige Käfer.Klick-klick, klick-klick.Isabella stand anderthalb Meter von unserem Verteidigungstisch entfernt. Sie trug einen leuchtend roten Wollmantel, der unter dem harschen Leuchtstofflicht die Augen schmerzte. Ihr Kinn war hoch erhoben. Sie sah aus wie eine Frau, die glaubte, sie hätte gerade einen Royal Flush an einem Pokertisch gespielt.In ihren behandschuhten Händen hielt sie drei Blätter cremefarbenes Papier.Die Briefe. Der Richter schlug einmal mit seinem schweren Holzhammer.Bumm.„Ordnung im Saal", sagte Richter Miller. Er war ein älterer Mann mit glatt gekämmtem grauem Haar und müden Augen, die aussahen, als wolle er zu Hause sein und Mittag essen. Er blickte von seinem hohen Holzpult hinunter auf Rafael. Dann blickte er hinunter auf mich.„Mr. Vance", sagte der Richter. „Ihr Anwalt hat eine fünfminütige Pau
Carmillas SichtAngelica saß mir gegenüber am Glastisch. Ihr Tablet-Bildschirm leuchtete sanft blau.„Die regionale Wäscheverteilung ist im Grünen", sagte Angelica, ihre Stimme leise und professionell.Ich blickte nicht vom Lederordner auf. „Überweisen Sie die verbleibenden Treuhandmittel auf das regionale Instandhaltungskonto. Behalten Sie zwanzig Prozent als Reserve für die Aufrüstung der Hafenbeleuchtung."„Erledigt", tippte Angelica auf das Glas. „Außerdem hat Isabellas offizielle Vertreterin einen formellen Antrag auf einen Familiengerichtstermin bezüglich der Offenlegung der pränatalen Gesundheit geschickt."Ich legte den roten Stift langsam auf das dunkle Holz.„Lehnen Sie den Mediationstermin ab", sagte ich. Meine Stimme war sehr ruhig. „Isabella hat sich für eine Boulevard-PR-Kampagne und anonyme pränatale Untersuchungen über sekundäre Delaware-Ablagen entschieden. Medizinische Geschichte vor dem Vertrag gehört der Geschichte an. Wenn sie finanzielle Unterstützung für das Kin
Carmillas SichtDer dunkle Mercedes rollte kurz vor Sonnenaufgang durch die eisernen Tore unseres Anwesens.Der Himmel verwandelte sich von dunklem Grau zu blassem Blau über der Baumlinie. Im Haus fühlten sich die stillen Flure schwer und sicher an, rochen schwach nach Zitronen-Bodenwachs und frischem Kaffee, der aus dem Küchenflügel aufstieg.Ich zog meinen schwarzen Mantel nicht sofort aus. Ich ging direkt über den Galerieteppich zum Kinderzimmerflügel.Rafael ging langsam hinter mir, Schlüssel klimperten leise in seiner Handfläche. Ich schob die Kinderzimmertür zehn Zentimeter auf.Sanftes Atemgeräusch füllte das warme Zimmer. Marcus, Rosalind, und Grace schliefen Seite an Seite unter leichten cremefarbenen Decken. Im Eck-Kinderbett lag Elias flach auf dem Rücken, eine kleine Hand nahe seiner Wange gekrümmt, atmete langsam und tief, ohne dass ein Traum sein Gesicht berührte.Ich stieß einen langen Atemzug aus, von dem ich nicht wusste, dass ich ihn angehalten hatte. Der feste Knote
Rafaels SichtDer dunkle Mercedes raste die Autobahn entlang wie eine Kugel. Die Straßenlaternen verschwammen zu langen gelben Feuerstreifen auf dem nassen Asphalt.Im Wageninneren blieb die Luft still und schwer.Carmilla saß neben mir auf dem Beifahrersitz. Ihre Hände lagen flach auf ihren Knien.Ihre Augen starrten geradeaus durch die Windschutzscheibe, verfolgten die Skyline-Türme, die scharf und dunkel gegen die grauen Wolken aufragten.Mein Handy summte auf der Mittelkonsole.Bzz-bzz. Ich warf einen Blick auf den Bildschirm. Eine Eilmeldung von Miller: Taktische Einheiten haben die Treppenhausausgänge in Untergeschoss vier gesichert. Drei Ziele in die Enge getrieben, nahe Frachtaufzug B. Halten die Position.Ich drückte auf die Freisprechtaste am Armaturenbrett. „Haltet die Position, bis ich die Schwelle überschritten habe. Kein Eingreifen ohne Sichtbestätigung."„Verstanden, Boss", antwortete Miller.Der Innenstadtturm von Vance-Global stand hoch und kalt. Die Lichter auf dem V
Carmillas SichtAngelica stand in der offenen Tür und hielt das leuchtende Tablet, als könnte es ihr die Hände verbrennen. Das rote Licht des Bildschirms flackerte über ihr blasses Gesicht.Maya lächelte und lehnte sich gegen die Kante des Ledersessels zurück. Ihre Hände waren leer und ruhten flach auf den Taschen ihres Mantels. Sie sah nicht mehr wie eine Gefangene aus. Sie sah aus wie ein Geist, der soeben den letzten Hebel umgelegt hatte.„Wer hat den Tresor in der Innenstadt geöffnet?“, fragte ich. Meine Stimme war sehr leise. Sehr tonlos.Angelica schluckte schwer. „Die Kabelnachrichten zeigen eine Liveübertragung aus dem vierten Untergeschoss von Vance-Global. Die Haupttür des Tresors steht weit offen. Jemand hat einen Master-Override-Token in das Hauptterminal gesteckt.“Ich sah zu Maya hinunter. „Du hast den Token nicht. Der Token befindet sich in meinem Wandsafe hinter der Mahagoniverkleidung.“Maya lachte leise. Es klang trocken und kalt, wie Winterblätter, die über Beton kr







