LOGINDer Schrei, der Ingrid weckte, kam nicht von einer Möwe.
Sie fuhr hoch, das Herz schlug ihr bis zum Hals, bevor ihr Verstand überhaupt begriffen hatte, warum. Draußen, noch im Halbdunkel des frühen Morgens, war eine Stimme zu hören, schrill und außer Atem — eines der Mädchen, das Wasser holen gegangen war und dabei wohl an der leeren Bank in Bryns Ecke vorbeigekommen sein musste, oder an der offenen Tür des Vorratsschuppens. Ingrid wusste es nicht genau. Sie wusste nur, dass ihr Magen sich zusammenzog wie eine Faust, noch bevor Gunnhild die Decke von sich warf und aufstand, das Gesicht im schwachen Licht bereits hart wie Stein.
„Bryn." Es war keine Frage. Gunnhild stand bereits an der leeren Bank, eine Hand auf dem kalten Stroh, als könnte die Wärme, die dort nicht mehr war, ihr etwas verraten. Dann drehte sie sich um, und ihr Blick traf Ingrid mit einer Schärfe, die sich anfühlte wie ein Schlag. „Du hast in derselben Kammer geschlafen. Du hast nichts gehört?"
Ingrid öffnete den Mund. Für einen Herzschlag lag die Wahrheit dort, bereit, ausgesprochen zu werden — ich habe die Tür gehört, ich habe die Schritte gehört, ich habe die Augen absichtlich geschlossen gehalten — und dann, ohne dass sie es wirklich entschied, kam etwas anderes heraus.
„Ich schlafe fest", sagte sie. „Das weißt du."
Es war keine ganze Lüge. Sie schlief tatsächlich meist fest. Aber es war auch nicht die Wahrheit, und Ingrid spürte, wie sich das Wort in ihrem Mund falsch anfühlte, wie ein Bissen, den man nicht richtig gekaut hatte. Gunnhild sah sie einen Moment zu lange an — nicht misstrauisch, eher müde, als hätte sie in diesem Moment zu viel gleichzeitig zu tragen, um auch noch das Gesicht ihrer jüngeren Tochter zu lesen.
„Weck die Männer", sagte sie schließlich, wandte sich ab. „Alle, die laufen können. Sie kann noch nicht weit sein."
Das Dorf, das noch vor einer Stunde in der ruhigen Trägheit des frühen Morgens gelegen hatte, verwandelte sich binnen weniger Atemzüge in ein Bild aus Lärm und Bewegung. Männer zogen sich Stiefel über nackte Füße, während sie noch aus den Türen ihrer Häuser traten, Frauen standen mit verschränkten Armen in der Kälte und tauschten Blicke, die mehr sagten als jedes Wort. Toke, bemerkte Ingrid, war einer der ersten, die zum Waldrand aufbrachen — sein Gesicht auffallend blass unter dem Ruß, der noch von der Nachtschicht an der Esse an ihm klebte, seine Bewegungen zu hastig für jemanden, der wirklich überrascht war.
Sie sagte nichts dazu. Manche Dinge waren nicht dazu bestimmt, ausgesprochen zu werden.
Gunnhild stand in der Mitte des Dorfplatzes, den Umhang fest um sich gezogen, und gab Anweisungen mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete — zwei Männer den Küstenweg entlang, drei weitere den Pfad ins Bergland, ein Boot, das den Fjord absuchen sollte, falls sie versucht hatte, sich ein Ruderboot zu nehmen. Ingrid stand daneben, half, wo man ihr sagte zu helfen — Proviant für die Suchenden einpacken, eine zusätzliche Fackel binden —, und spürte die ganze Zeit über das Gewicht ihres eigenen Schweigens wie einen Stein in der Brust.
Die Suchenden kehrten am Nachmittag zurück, erschöpft, mit roten Gesichtern von Kälte und Anstrengung, aber ohne Bryn. Ein Mann berichtete von Spuren am ersten Höhenzug, die sich im Steingeröll verloren hatten, dort, wo der Boden zu hart war, um Fußabdrücke zu halten. Ein anderer hatte nichts gefunden außer dem kalten Rest eines Feuers, das Tage alt sein konnte, von wem auch immer.
Gunnhild hörte sich alles an, das Gesicht bewegungslos, und sagte lange nichts. Dann, als die Männer sich zurückzogen, um sich aufzuwärmen, drehte sie sich zu Ingrid um.
„Sie wird zurückkommen, wenn der Hunger stärker ist als ihr Trotz", sagte Gunnhild, aber es klang nicht wie Zuversicht. Es klang wie etwas, das man sich selbst sagt, um die Nacht zu überstehen.
Ingrid nickte nur. Sie wusste nicht, ob sie das glaubte. Sie wusste nur, dass sie es sich wünschte, mit einer Intensität, die fast wehtat.
Der Schrei, der Ingrid weckte, kam nicht von einer Möwe.Sie fuhr hoch, das Herz schlug ihr bis zum Hals, bevor ihr Verstand überhaupt begriffen hatte, warum. Draußen, noch im Halbdunkel des frühen Morgens, war eine Stimme zu hören, schrill und außer Atem — eines der Mädchen, das Wasser holen gegangen war und dabei wohl an der leeren Bank in Bryns Ecke vorbeigekommen sein musste, oder an der offenen Tür des Vorratsschuppens. Ingrid wusste es nicht genau. Sie wusste nur, dass ihr Magen sich zusammenzog wie eine Faust, noch bevor Gunnhild die Decke von sich warf und aufstand, das Gesicht im schwachen Licht bereits hart wie Stein.
Die Kälte traf sie wie ein Schlag, sobald die Tür hinter ihr ins Schloss fiel.Bryn blieb einen Moment stehen, ließ ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnen, spürte den gefrorenen Boden durch die dünnen Sohlen ihrer Stiefel. Über ihr spannte sich ein Himmel voller Sterne, kälter und schärfer als in der Nacht zuvor, und ihr Atem stieg in dichten weißen Wolken auf, die der Wind sofort zerriss.Sie warf einen letzten Blick zurück.Rangvik lag da, wie es immer dalag — die grasbewachsenen Dächer, dunkel und rund wie schlafende Tiere, der schwache Schimmer letzter Glut, der durch ein, zwei Rauchlöcher drang, das Meer dahinter, schwarz und ruhig unter dem Sternenlicht. Sie sah das Langhaus, in dem Ingrid und Gunnhild schliefen, ahnungslos oder auch nicht — sie würde es nie erfahren, ob ihre Schwester etwas gehört hatte in dieser Nacht. Sie sah den Übungsplatz, den Pfahl, den sie tausendmal getroffen hatte, jetzt nur ein dunkler Schatten im Sternenlicht.Zum ersten Mal in ihrem Leben gehört
Etwas war anders an Bryn, und Ingrid brauchte den halben Morgen, um herauszufinden, was.Es war nichts, das man mit Worten hätte fassen können — ihre Schwester saß am Frühstückstisch wie immer, aß ihren Brei wie immer, schwieg wie immer, wenn Gunnhild etwas sagte, das keine Antwort verlangte. Und doch war da eine Ruhe in ihr, die nicht zu der Bryn passte, die noch gestern die Tür hinter sich hatte zufallen lassen, dass die Wand gezittert hatte. Es war die Ruhe eines Menschen, der einen Entschluss gefasst hatte, dachte Ingrid, während sie den Teig für das Brot knetete, ihre Hände tief im klebrigen Mehl vergraben. Nicht die Ruhe von jemandem, der aufgegeben hatte.Sie bemerkte es zuerst am Vorratsschuppen — eine Lücke im Fischbündel, wo gestern noch mehr gehangen hatte, ein Stück Käse, das fehlte, obwohl niemand es gegessen zu haben schien. Kleine Dinge. Dinge, die nur jemand bemerken würde, der jeden Winkel dieses Hauses so genau kannte wie Ingrid, seit sie alt genug gewesen war, um be
Der Schlaf kam nicht, und Bryn hatte aufgehört, ihn zu suchen.Sie lag auf ihrer Bank, den Umhang bis zum Kinn gezogen, und lauschte den Geräuschen des Langhauses in der Nacht — das Knistern der letzten Glut, das Rascheln von Stroh, wenn sich jemand im Schlaf drehte, das leise, gleichmäßige Atmen ihrer Schwester zwei Bänke weiter. Irgendwo hinter der Trennwand blökte eine Ziege, kurz und unwillig, und verstummte wieder. Draußen strich der Wind ums Dach, fuhr in Böen durch das Rauchloch, sodass die letzte Glut kurz aufflackerte und Schatten über die geschwärzten Balken warf.Sie dachte an Gunnhilds Worte, drehte sie wieder und wieder, wie man einen Stein in der Hand dreht, um zu sehen, ob er unter jedem Winkel gleich hart bleibt. Dein Vater ist tot. Es klang nicht wahrer, egal wie oft sie es sich vorsagte. Es klang nur wie das, was Gunnhild brauchte, damit es wahr würde.Irgendwann, als das Feuer fast erloschen war und selbst das Atmen der anderen ruhig und tief genug klang, schwang si
Die Wolle war noch fettig von der Schafschur, und Ingrid mochte diesen Geruch — ranzig und warm zugleich, nach Tier und nach etwas, das noch werden wollte. Sie zog den Faden zwischen den Fingern, drehte die Spindel mit einer Bewegung, die ihr die Großmutter beigebracht hatte, lange bevor sie sterben würde, und beobachtete, wie sich der graue Rohfaden zu etwas Gleichmäßigem, Brauchbarem verdichtete. Ihre Finger waren rissig wie die jeder Frau in Rangvik, aber auf eine andere Art als Bryns — nicht von Waffen gehärtet, sondern von Nadel, Spindel und der ständigen Nähe zum Feuer.Draußen, durch die schmale Ritze neben der Tür, hörte sie das ferne Klacken von Holz auf Holz — Bryn, die wieder einmal den armen Übungspfahl malträtierte, seit dem Morgengrauen schon, obwohl der Frost ihr die Finger blau färben musste. Ingrid verstand das nicht ganz, hatte es nie ganz verstanden, aber sie liebte ihre Schwester trotzdem, so wie man jemanden liebt, dessen Wut man nicht teilt, aber dessen Schmerz m
Der Holzpfahl ächzte, als die Klinge ihn traf.Bryn zog das Saex zurück, spürte das raue Leder des Griffs unter ihren Fingern, die Kerben, die ihre eigene Hand dort über zwei Jahre hineingearbeitet hatte. Sie drehte die Hüfte, schlug erneut zu — tiefer diesmal, dorthin, wo ein Mann seine Rippen trug. Splitter flogen ihr gegen die Wange. Ihr Atem ging schnell, weiße Wolken in der Morgenluft, die sich mit dem Rauch vermischten, der aus einem Dutzend Dächern über Rangvik aufstieg.Tiefer den Schwerpunkt. Halfdans Stimme, so klar, als stünde er noch neben ihr, die Hand auf ihrem Handgelenk, korrigierend. Ein Schwert kämpft nicht. Du kämpfst. Das Schwert folgt nur.Sie schlug ein drittes Mal zu, und diesmal splitterte der Pfahl so heftig, dass ein Stück Holz gegen ihr Schienbein flog. Sie zuckte nicht. Ein paar Strähnen ihres dunkelblonden Haares, straff zum Kampfzopf geflochten, hatten sich gelöst und klebten ihr schweißnass an der Stirn — dasselbe Haar, sagte man ihr manchmal, das ihre M






