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Kapitel 2 — Ingrid

last update Veröffentlichungsdatum: 08.07.2026 03:49:39

Die Wolle war noch fettig von der Schafschur, und Ingrid mochte diesen Geruch — ranzig und warm zugleich, nach Tier und nach etwas, das noch werden wollte. Sie zog den Faden zwischen den Fingern, drehte die Spindel mit einer Bewegung, die ihr die Großmutter beigebracht hatte, lange bevor sie sterben würde, und beobachtete, wie sich der graue Rohfaden zu etwas Gleichmäßigem, Brauchbarem verdichtete. Ihre Finger waren rissig wie die jeder Frau in Rangvik, aber auf eine andere Art als Bryns — nicht von Waffen gehärtet, sondern von Nadel, Spindel und der ständigen Nähe zum Feuer.

Draußen, durch die schmale Ritze neben der Tür, hörte sie das ferne Klacken von Holz auf Holz — Bryn, die wieder einmal den armen Übungspfahl malträtierte, seit dem Morgengrauen schon, obwohl der Frost ihr die Finger blau färben musste. Ingrid verstand das nicht ganz, hatte es nie ganz verstanden, aber sie liebte ihre Schwester trotzdem, so wie man jemanden liebt, dessen Wut man nicht teilt, aber dessen Schmerz man spürt wie den eigenen.

„Ingrid." Gunnhild stand in der Tür des Vorratsraums, eine Schürze über dem Kleid, Mehl an den Fingern. „Der Kohl muss auf. Und sieh nach, ob genug Torf für den Abend geschnitten ist."

„Ja, Mutter." Sie legte die Spindel beiseite, wickelte den halbfertigen Faden sorgfältig auf, damit er sich nicht verhedderte — Sorgfalt war etwas, das man ihr nie hatte beibringen müssen, es lag einfach in ihren Händen, wie es in Bryns Händen lag, eine Klinge zu führen.

Als sie zur Feuerstelle ging, dachte sie an Ravnar. Nicht zum ersten Mal heute — eigentlich dachte sie seit drei Tagen kaum an etwas anderes, seit sie die Männer aus Eiklund am Ufer hatte reden hören, halb zufällig, halb absichtlich belauscht, während sie Wasser holte. Ein guter Mann, hatte einer gesagt. Ruhig. Kein Trinker, kein Schläger. Für Ingrid klang das wie ein Versprechen, nicht wie eine Warnung. Sie stellte sich vor, wie es wäre — ein eigenes Haus, vielleicht am anderen Ende des Fjords, ein Mann, der nach Hause kam und sie ansah, so wie ihr Vater früher ihre Mutter angesehen hatte, mit diesem bestimmten Blick, den Ingrid als Kind für selbstverständlich gehalten und erst jetzt, wo sie alt genug war, um ihn zu vermissen, als etwas Kostbares erkannte.

Sie hängte den Kessel über die Glut, roch den ersten Hauch von verbranntem Fett, wo gestriges Fett noch am Rand klebte, und griff nach dem Kohlkopf, der neben der Feuerstelle lag, begann ihn mit dem kleinen Messer zu zerteilen — gleichmäßige Schnitte, ohne hinzusehen, während ihre Gedanken weiterwanderten.

Vielleicht liebt er mich, dachte sie, und schämte sich sofort ein wenig für den Gedanken, weil er so unbescheiden klang. Vielleicht nicht gleich. Aber irgendwann. Sie hatte die Geschichten gehört, von Paaren, die einander zuerst fremd gewesen waren und dann, nach Jahren gemeinsamer Arbeit und gemeinsamer Kinder, zueinandergefunden hatten wie zwei Hände, die sich falten. Warum sollte es ihr nicht genauso ergehen?

Die Tür schlug auf. Bryn kam herein, Kälte und der Geruch von nassem Wollumhang mit ihr, die Wangen gerötet vom Wind, ein paar dunkelblonde Strähnen aus dem Kampfzopf gelöst. Sie sah wach aus, wach und angespannt, so wie sie oft aussah, wenn sie vom Üben kam und noch nicht ganz zurückgefunden hatte aus dem Ort in ihrem Kopf, an dem es nur sie und die Klinge gab.

„Du hast nach mir geschickt", sagte Bryn, an Gunnhild gewandt, die gerade eingetreten war, Mehl noch an den Fingern.

Ingrid rührte weiter im Kessel, spürte aber, wie sich ihr Magen zusammenzog. Sie kannte diesen Tonfall ihrer Schwester. Etwas würde gleich zerbrechen.

Sie hörte zu, wie Gunnhild von der Nachricht aus Eiklund sprach, von Ravnar, von der Sonnenwende — und für einen Herzschlag, nur einen einzigen, empfand Ingrid etwas, das sie hinterher nicht laut aussprechen würde: Neid. Nicht auf den Mann. Auf die Gewissheit. Bryn bekam einen Namen, ein Gesicht, eine Zukunft zugewiesen, während Ingrid noch warten musste, noch hoffen musste, dass irgendwann auch für sie jemand kommen würde.

Der Neid dauerte nur einen Atemzug. Dann sah sie Bryns Gesicht, und er verschwand, ersetzt durch etwas, das mehr wehtat.

„Bryn —", versuchte sie es, den Holzlöffel fest in der Hand, „vielleicht ist es —"

„Sag nicht, dass es eine Ehre ist."

Die Worte trafen tiefer, als Bryn es vielleicht beabsichtigt hatte. Ingrid spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg, eine Mischung aus Scham und einem kleinen, hässlichen Ärger, den sie sofort zu unterdrücken versuchte. Für mich wäre es eine Ehre, dachte sie. Warum ist es für dich eine Strafe? Aber sie sagte es nicht. Sie sagte stattdessen leise, tastend, von Ravnar, von dem, was Toves Tochter erzählt hatte, und wurde ein zweites Mal unterbrochen, schärfer diesmal, und ließ es dabei bewenden. Man stritt nicht mit Bryn, wenn sie so war. Man wartete, bis der Sturm vorbeizog.

Der Streit wuchs, wurde lauter, bis Gunnhild die Worte aussprach, die den Raum zum Schweigen brachten — dein Vater ist tot — und Ingrid den Löffel so fest umklammerte, dass ihre Knöchel weiß wurden, weil sie nicht wusste, wohin sonst mit den Händen, mit dem, was in ihr hochstieg. Sie glaubte nicht, dass ihr Vater tot war. Sie wollte es nicht glauben. Aber sie verstand auch Gunnhild in diesem Moment — verstand, dass man manchmal harte Worte brauchte, um eine Wahrheit zu tragen, die zu schwer war, um sie sanft auszusprechen.

Bryn ging. Die Tür fiel hinter ihr zu, und ein kalter Luftzug strich durch den Raum, ließ das Feuer kurz aufflackern.

Ingrid stand da, den Löffel noch immer in der Hand, und sah zu Gunnhild hinüber. Ihre Stiefmutter — nein, ihre Mutter, auch wenn sie in diesem Moment fremd wirkte, mit den zur Faust geballten Händen und dem Gesicht, das aussah, als hätte es gerade selbst einen Schlag einstecken müssen — starrte in die Glut, ohne etwas zu sagen.

„Sie wird sich beruhigen", sagte Ingrid schließlich, weil das Schweigen zu schwer wurde.

„Wird sie das?" Gunnhilds Stimme klang müde, nicht wütend. „Sie ist wie ihre Mutter. Aslaug hat sich auch nie beruhigt. Sie hat nur gelernt, leiser zu werden, wenn es nötig war."

Ingrid wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Sie kannte Aslaug nur aus Erzählungen — eine Frau mit dunklem Haar und einem Blick, der angeblich Männer hatte verstummen lassen, lange bevor Ingrids eigene Mutter überhaupt nach Rangvik gekommen war. Manchmal fragte sich Ingrid, ob Bryn sie deshalb ansah, wie sie es tat — nicht aus Bosheit, sondern weil Ingrid für sie vielleicht immer ein Beweis war, dass ihr Vater weitergelebt hatte, weitergeliebt hatte, nachdem Aslaug gestorben war.

Sie wandte sich wieder dem Kessel zu, rührte, obwohl nichts mehr zu rühren war, nur um die Hände beschäftigt zu halten. Draußen war es still geworden — kein Klacken von Holz mehr, kein Übungspfahl, der ächzte. Nur der Wind, der um die Ecken des Langhauses strich, und irgendwo, weiter unten am Fjord, das Kreischen der Möwen.

Vielleicht, dachte Ingrid, während sie den Kohl in den Kessel gab und zusah, wie er im heißen Wasser zusammensank, ist es leichter, sich auf etwas zu freuen, das einem gegeben wird, als auf etwas zu warten, das man sich selbst nehmen muss.

Sie wusste nicht, ob das ein Trost war oder eine Warnung. Aber es blieb den ganzen Abend in ihr, wie ein Stein, den man beim Gehen im Schuh spürt und nicht mehr los wird.

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