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Kapitel 4: Die Schwester, die ich einst hasste

Autor: STEVIELLE
last update Data de publicação: 2026-10-31 23:02:04

Seraphina 🖤

Die Schlafzimmertür öffnete sich, ohne dass jemand anklopfte.

„Seraphina? Bist du immer noch hier drin? Wir kommen zu spät, wenn du weiterhin—“

Ich drehte mich um.

Das Handy glitt mir aus den Fingern und schlug mit einem scharfen Knacken auf dem Boden auf.

Die Frau, die in der Tür stand, hatte Isoldes Gesicht.

Keine bloße Ähnlichkeit. Kein grausamer Streich des Lichts. Dieselben hohen Wangenknochen, dieselben scharfen, prüfenden Augen, derselbe Mund, der einst gelächelt hatte, als meine Krone auf ihren Kopf gesetzt wurde. Sie trug moderne Kleidung – eine cremefarbene Stoffhose und eine Seidenbluse in einem Farbton wie altes Gold –, doch die Knochen unter ihrer Haut waren dieselben.

„Isolde?“

Der Name entwich meinen Lippen, bevor ich ihn zurückhalten konnte.

Sie blieb mitten in ihrer Bewegung stehen und starrte mich an, als wäre mir plötzlich ein zweiter Kopf gewachsen.

„Mädchen, verlierst du jetzt dein Gedächtnis oder was? Warum starrst du mich so an? Ich bin deine Schwester!“

Schwester.

Das Wort traf mich härter als die Axt damals.

Sie durchquerte den Raum mit drei schnellen Schritten. Ihre Verärgerung war bereits echter Besorgnis gewichen. „Seraphina. Hey. Sieh mich an.“ Sie schnippte leicht mit den Fingern vor meinem Gesicht. „Hast du dir den Kopf gestoßen? Du benimmst dich schon seit Tagen seltsam, aber das hier ist neu. Du bist kreidebleich.“

Ich zwang meine Gesichtszüge zur Ruhe. Die königliche Ausbildung lebte noch immer in meinen Gesichtsmuskeln, selbst wenn das Königreich, das sie mir beigebracht hatte, längst nicht mehr existierte.

„Mir geht es gut.“

„Dir geht es ganz offensichtlich nicht gut. Du hast mich gerade Isolde genannt. Wer ist überhaupt Isolde? Eine Figur, für die du vorsprechen willst?“ Sie beugte sich hinunter, hob mein Handy auf und runzelte die Stirn, als sie das gesprungene Display bemerkte. „Und du hast dein Handy fallen lassen. Marcus wird dich umbringen, wenn das Ding vor der Premiere den Geist aufgibt.“

Sie reichte es mir zurück. Unsere Finger berührten sich. Warm. Lebendig. Keine Krone. Kein Blut. Nur eine Schwester, die in dieser Welt offenbar ihr ganzes Leben mit mir geteilt hatte und sich an nichts aus dem Leben davor erinnerte.

Ich musterte sie, während sie mich ebenfalls aufmerksam betrachtete. Dieselbe trotzige Neigung des Kinns. Dieselbe rastlose Energie. Doch die Grausamkeit, an die ich mich erinnerte – die stille Genugtuung, als sich die Axt hob –, fehlte. An ihre Stelle waren gewöhnlicher Geschwisterärger und aufrichtige Besorgnis getreten.

„Du hast die ganze Woche alle fünf Sekunden auf dein Handy geschaut“, sagte sie nun etwas sanfter. „Und jedes Mal, wenn jemand einen ganz bestimmten Jemand erwähnt, wirst du plötzlich still. Sag bloß nicht, dass du deinen absoluten Lieblingsmann vergessen hast.“

Mein Puls geriet ins Stolpern.

Sie grinste. Dieser Ausdruck war so vertraut, dass sich mein Magen zusammenzog.

„Adrian Voss. Sagt dir das etwas? Groß, lächerlich reich und sieht aus, als könnte er ein Leben zerstören und wäre trotzdem noch zur Afterparty eingeladen. Du starrst seine Fotos an wie ein Teenager mit einem heimlichen Schwarm. Ich habe dich gestern Abend zweimal dabei erwischt.“

Adrian Voss.

Der Name bedeutete mir nichts. Doch das Gesicht auf dem Foto bedeutete mir alles.

Ich hielt meine Stimme ruhig. „Ich habe ihn nicht vergessen.“

„Das könnte man glatt glauben.“ Sie ließ sich auf die Bettkante fallen und begann, in einer kleinen Clutch zu kramen, die sie mitgebracht hatte. „Wie passend, dass ich dich daran erinnere. Er wird heute Abend bei der Hartwell-Gala sein. Genau bei der Veranstaltung, zu der wir in weniger als drei Stunden aufbrechen müssen. Marcus hat deinen Platz bereits bestätigt. Du sitzt nur zwei Tische von ihm entfernt. Versuch bloß, nicht in Ohnmacht zu fallen, wenn du ihn persönlich siehst.“

Zwei Tische entfernt.

Der Mann, der meinen Tod angeordnet hatte, würde so nahe sitzen, dass ich beobachten konnte, wie sich das Licht in seinen Augen spiegelte – genau wie einst auf der anderen Seite des Thronsaals.

Elena – denn so hieß Isolde in dieser Welt – redete ununterbrochen weiter. Sie war bereits bei Kleidern, dem Zeitplan und der Frage angekommen, ob das rote Seidenkleid mich für die Kameras nicht „zu königlich“ aussehen ließ.

Sie hatte keine Ahnung, wie dieses Wort in meinem Mund schmeckte. Sie wusste nicht, dass der Mann, über den sie mich aufzog, einst zugesehen hatte, wie ich auf schwarzem Stein verblutete, während sie meine Krone trug.

Ich ließ ihre Worte an mir vorbeiziehen und erwiderte kaum etwas. Jede vorsichtige, ausweichende Antwort war eine weitere Mauer, die ich um mich errichtete. Sie durfte es nicht erfahren. Noch nicht. Vielleicht niemals.

Als sie schließlich aufstand und verkündete, dass uns genau einhundertvierzig Minuten blieben, bis das Auto eintraf, hielt sie an der Tür inne und sah zu mir zurück.

„Mal im Ernst. Geht es dir gut?“

Ich erwiderte ihren Blick – Isoldes Augen, Elenas Augen – und schenkte ihr das kleinste Lächeln.

„Das werde ich schon.“

Sie ging hinaus und rief mir über die Schulter bereits etwas wegen meiner Haare, meines Make-ups und der Tatsache zu, dass ich sie nicht schon wieder zu spät kommen lassen sollte.

Ich blieb mitten in dem luxuriösen Zimmer stehen, das einer Version von mir gehörte, die offenbar Nächte damit verbracht hatte, das Gesicht des Mannes anzustarren, der sie einst getötet hatte.

Adrian Voss würde bei der Gala sein.

Und ich ebenfalls.

Diesmal erinnerte ich mich an jede einzelne Sekunde auf der Hinrichtungsplattform, an die Axt, den kalten Balkon und die Frau, die einst meine Stiefschwester gewesen war und gelächelt hatte, als die Klinge niederfuhr.

Das Schicksal hatte unsere Wege erneut zusammengeführt.

Doch diesmal hatte ich nicht vor, ihm ein zweites Mal blind zu folgen.

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