LOGINSaraphina 🖤
Dunkelheit....
Nicht die Dunkelheit geschlossener Augen oder eines abgedunkelten Raumes. Absolute Finsternis. Schwerelos. Ich konnte meinen Körper nicht spüren. Ich hörte weder die Menschenmenge, die meinen Tod mitangesehen hatte, noch konnte ich die Hinrichtungsplattform unter mir fühlen. Kein kalter Richtblock an meiner Wange, kein Atem in meinen Lungen. Nur Leere.
Dann kehrten die Erinnerungen zurück – scharf und vollständig.
Cassians Gesicht, reglos wie aus Stein gemeißelt, während er vom Balkon aus zusah, als wäre mein Tod längst beschlossene Sache. Isolde an seiner Seite, die Krone von Vaelor auf ihrem Kopf – meine Krone –, deren Feuersteine das Morgenlicht einfingen. Das Gewicht der sich hebenden Axt. Der eine, erbarmungslose Augenblick voller weißem Schmerz. Und das Wissen, dass der Mann, den ich geliebt und an dessen Seite ich regiert hatte, meinen Tod ohne das geringste Zögern angeordnet hatte.
Ich erinnerte mich an alles.
Ich war tot.
Ein goldenes Licht erblühte in der Leere.
Es kam nicht sanft. Es war einfach da, hell und uralt, und drängte die Dunkelheit zurück. Symbole begannen um mich herum zu leuchten – geschwungene Zeichen, die ich nur ein einziges Mal in meinem Leben gesehen hatte: eingemeißelt in die ältesten Steine unter dem Palast der Zersplitterten Sterne. Es waren dieselben Zeichen, die während des Rituals der Ersten Flamme aufgeleuchtet hatten. Langsam kreisten sie um mich herum, lautlos und älter als jede Krone.
Eine Stimme erklang. Sie war weder männlich noch weiblich. Sie war gewaltig.
„Dein erstes Leben ist beendet. Doch dein Schicksal noch nicht.“
Mehr sagte sie nicht.
Das Licht schwoll an. Es verschlang die Symbole, die Dunkelheit und schließlich auch mich. Ich spürte, wie ich fortgerissen wurde – weder fallend noch fliegend, sondern einfach davongetragen, durch etwas, das keinen Namen hatte. Hitze ohne Feuer. Geschwindigkeit ohne Bewegung. Das Gefühl, als würden Jahrhunderte sich wie Stoffbahnen ineinanderfalten.
Dann drangen Geräusche zu mir.
Stimmen, scharf und schnell, die in einer Sprache sprachen, die ich beinahe verstand und doch nie zuvor gehört hatte. Ein tiefes mechanisches Summen. Entfernte, ohrenbetäubende Hupen, die in Mustern auf- und abschwollen, wie es kein Kriegshorn je vermocht hätte. Das unaufhörliche Klappern von etwas Metallischem.
Dann—
Ich schnappte nach Luft.
Sie strömte in meine Lungen, als wäre ich gerade beinahe ertrunken. Meine Augen rissen auf.
Ich lag in einem Bett, das weich genug war, um einen ganzen Körper darin versinken zu lassen. Helle Laken. Eine hohe, glatte Decke, die nur von einem breiten Fenster unterbrochen wurde. Das Nachmittagslicht fiel auf polierte Holzböden und Möbel mit klaren, fremdartigen Formen. Keine Wandteppiche. Keine Kohlebecken. Kein Duft nach Bienenwachs oder Stahl.
Ich richtete mich zu hastig auf. Der Raum begann sich zu drehen, bevor er sich wieder beruhigte.
Meine Hände – meine Hände waren heil. Ohne Narben. Jünger. Ich trug weichen, schwarzen Stoff, der sich auf eine Weise an meinen Körper schmiegte, wie es kein Kleid aus Vaelor je getan hätte. Das Schlafgemach war groß und luxuriös, gefüllt mit Gegenständen, die ich nicht kannte: ein hoher, dunkler Glasbildschirm an der Wand, Regale voller seltsamer kleiner Geräte und ein niedriger Tisch, auf dem mehrere glänzende Zeitschriften verstreut lagen.
Ich erhob mich und ging zu einem großen Spiegel mit goldenem Rahmen.
Das Gesicht, das mich anstarrte, war meines.
Nicht das Gesicht, das auf den Richtblock gepresst worden war. Es war jünger. Lebendig. Unversehrt von der Axt. Dieselben hohen Wangenknochen, dieselben dunklen Augen, derselbe Mund, der einst die letzten Worte einer Königin gesprochen hatte. Doch die Frau im Spiegel trug weder Angst noch Blut noch eine Krone. Nur eine dezente, professionelle Eleganz, die ich in Vaelor nie besessen hatte.
Seraphina.
Der Name gehörte noch immer mir.
Ein sanftes, aber hartnäckiges Vibrieren drang vom Bett herüber. Ich wandte mich um. Ein flaches, leuchtendes Rechteck aus Glas und Metall summte auf den Laken. Seine Oberfläche erhellte sich und zeigte in rascher Folge Texte und Bilder. Vorsichtig hob ich es auf. Das Gerät fühlte sich warm an, beinahe lebendig. Wörter blitzten darauf auf – Nachrichten, Namen und Zahlen, die ich nicht verstand.
Anruf von: Agent – Marcus
12 verpasste Anrufe
Neue Nachricht: Die Premiere wurde auf Freitag verschoben. Die Looks für den roten Teppich sind bestätigt. Ghoste mich nicht schon wieder.
Im Trend: #SeraphinaReturns – 2,4 Mio. Beiträge
Benachrichtigung: Dein neues Vogue-Cover ist gerade erschienen. Glückwunsch, Queen.
Queen.
Das Wort traf mich wie ein Schlag.
Zunächst unbeholfen, dann mit wachsender Sicherheit, bewegte ich meinen Finger über den Bildschirm. Fotografien meines Gesichts – dieses Gesichts – lächelten mir von Zeitschriftencovern, Preisverleihungen und überfüllten Straßen entgegen, die von Lichtern erhellt wurden, heller als jedes Fest in Vaelor. Schlagzeilen bezeichneten mich als Schauspielerin. Als Star. Millionen Menschen, die ich nie zuvor gesehen hatte, sprachen meinen Namen mit derselben Begeisterung aus, die einst dem Königshaus vorbehalten gewesen war.
Ich fand das Datum.
Zuerst ergaben die Zahlen keinen Sinn. Dann verstand ich.
Jahrhunderte.
Vaelor existierte nicht mehr. Der Palast der Zersplitterten Sterne, der Obsidiansitz, sogar die Erste Flamme selbst – all das lag Jahrhunderte zurück, begraben unter Staub und Vergessenheit. Ich war auf jener Plattform gestorben und in einer Welt erwacht, die mein Königreich nie gekannt hatte. In einem Leben, das bereits mir gehörte.
Mein Puls raste. Ich zwang mich, ruhig zu bleiben. Eine Königin zerbrach nicht vor einem leeren Zimmer.
Das Gerät in meiner Hand vibrierte erneut. Ein neues Bild erschien auf dem Bildschirm – ein Artikel mit einer Aufnahme von einer glanzvollen Veranstaltung. Ich starrte darauf.
Der Mann auf dem Foto stand einen halben Schritt hinter einer Gruppe lächelnder Menschen und hatte sich leicht zur Kamera gedreht, als hätte er nicht bemerkt, dass man ihn fotografierte. Dunkles Haar. Kalte, prüfende Augen. Genau dieser Mund, den ich zuletzt auf einem königlichen Balkon gesehen hatte, während eine Axt auf mich niedersauste.
Cassian.
Keine bloße Ähnlichkeit. Kein Spiel des Lichts.
Er war es.
Lebendig. Hier. Jahrhunderte später. Er blickte von einem modernen Foto auf mich herab, als wäre die Hinrichtung nie geschehen.
Das Handy glitt mir aus den Fingern. Ich fing es auf, bevor es zu Boden fallen konnte.
Irgendwo in dieser neuen Welt atmete der Mann, der meinem Tod zugesehen hatte, dieselbe Luft wie ich.
Und er wusste noch nicht, dass auch ich wieder atmete.
Seraphina🖤Die Boutique, die Elena ausgesucht hatte, war eine dieser luxuriösen Geschäfte, in denen man sich allein durch das Betreten des Ladens unzureichend gekleidet fühlte. Kristalllüster, Samtumkleidekabinen und eine Verkäuferin, die aussah, als wäre sie eigens dafür erschaffen worden, anderen Frauen das Gefühl zu geben, nicht gut genug zu sein.„Dieses hier“, verkündete Elena und hielt ein Kleid hoch, das hauptsächlich aus Hoffnung und strategisch platzierten Ausschnitten zu bestehen schien.„Auf keinen Fall.“„Das ist Mode.“„Das ist eine Serviette mit großen Ambitionen.“Elena seufzte dramatisch und legte sich das fragwürdige Kleid über den Arm. „Du bist unmöglich einzukleiden. Ist dir das eigentlich bewusst?“„Das hast du bereits erwähnt. Zweimal. Seit wir hier sind.“„Weil du alles ablehnst, was ich aussuche!“ Sie hielt ein weiteres Kleid hoch – diesmal ein rotes, rückenfreies Modell, das für ein geschäftliches Treffen völlig ungeeignet war. „Was ist damit? Es sagt: ‚Ich bi
Saraphina 🖤Die Nachtluft vor dem Anwesen der Hartwells trug den zarten Duft spät blühender Rosen, und Elena strahlte neben mir förmlich, während unser Wagen die von Laternen gesäumte Auffahrt entlangfuhr.„Du“, verkündete sie und lehnte sich mit der Zufriedenheit einer Katze, die gerade die Sahne gefunden hatte, in den Ledersitz zurück, „bist einfach unmöglich.“„Das hat man mir schon gesagt.“„Nein, hör mir zu.“ Sie drehte sich zu mir um, ihre Augen funkelten schelmisch. „Adrian Voss hat dich auf einen Kaffee eingeladen. Adrian Voss. Und du hast ihm gesagt, dass du keinen Kaffee trinkst. Als wäre das tatsächlich das Problem.“„Das war eine vollkommen vernünftige Ausrede.“„Das war eine Kriegserklärung.“ Elena lachte. Ihr Lachen klang warm und vollkommen ungezwungen. „Ich habe sein Gesicht beobachtet, weißt du. Er sah aus, als hätte ihm jemand ein Rätsel mit der Hälfte der fehlenden Teile vorgelegt.“Ich erlaubte mir ein kleines Lächeln. „Gut.“„Gut? Seraphina, die Hälfte der Frauen
........Die Stille zwischen uns spannte sich wie ein straff gezogenes Seil, das jeden Moment zu reißen drohte.Ich bewahrte meinen vollkommen neutralen Gesichtsausdruck, die Hände vor mir auf dem Tisch gefaltet, und weigerte mich, seine ausgestreckte Hand zur Kenntnis zu nehmen. Adrian Voss stand vor mir und wartete mit der Geduld eines Mannes, dem noch nie jemand etwas abgeschlagen hatte … und vielleicht war das tatsächlich so. Männer wie er wurden nur selten zurückgewiesen.„Miss Hartwell“, sagte er erneut. Diesmal lag etwas unter dem samtweichen Klang seiner Stimme. Neugier vielleicht. Oder Belustigung. „Ich versichere Ihnen, ich beiße nicht.“Nein, dachte ich. Sie zerstören lediglich alles, was Sie berühren.Die Erinnerungen überfielen mich ungebeten … Cassians Hand, die sich bei einem Abendessen im Kerzenschein nach meiner ausgestreckt hatte. Dieselben eleganten Finger, die später mein gesamtes Vermögen überschreiben und eine andere Frau halten würden, während man mich enthaupte
Seraphina 🖤Elena kümmerte sich um die letzten Details meiner Frisur, während die Stadt hinter den Fenstern des Penthouses in einem Meer aus Lichtern glitzerte.Das Kleid, das sie für mich ausgesucht hatte, war tiefschwarz und schimmerte wie flüssige Seide. Es fiel in klaren, eleganten Linien von einem hochgeschlossenen Ausschnitt bis zum Boden. Kein überflüssiger Ausschnitt, kein verzweifeltes Funkeln – nur die stille Autorität eines perfekten Schnitts und eines Stoffes, der sich bei jeder meiner Bewegungen wie ein Schatten bewegte. Eine schmale Diamantkette schmückte meinen Hals.Als ich in den Spiegel blickte, sah ich eine Frau, die einst eine Krone aus schwarzem Gold und Feuersteinen getragen hatte. Die moderne Version dieser Frau brauchte lediglich eine bessere Beleuchtung.„Du siehst aus, als würdest du gleich dem gesamten Gästekreis den Krieg erklären“, bemerkte Elena und umrundete mich einmal. „Auf eine gute Art. Größtenteils. Versuch nur, die Spender nicht zu Tode zu erschre
Seraphina 🖤Die Schlafzimmertür öffnete sich, ohne dass jemand anklopfte.„Seraphina? Bist du immer noch hier drin? Wir kommen zu spät, wenn du weiterhin—“Ich drehte mich um.Das Handy glitt mir aus den Fingern und schlug mit einem scharfen Knacken auf dem Boden auf.Die Frau, die in der Tür stand, hatte Isoldes Gesicht.Keine bloße Ähnlichkeit. Kein grausamer Streich des Lichts. Dieselben hohen Wangenknochen, dieselben scharfen, prüfenden Augen, derselbe Mund, der einst gelächelt hatte, als meine Krone auf ihren Kopf gesetzt wurde. Sie trug moderne Kleidung – eine cremefarbene Stoffhose und eine Seidenbluse in einem Farbton wie altes Gold –, doch die Knochen unter ihrer Haut waren dieselben.„Isolde?“Der Name entwich meinen Lippen, bevor ich ihn zurückhalten konnte.Sie blieb mitten in ihrer Bewegung stehen und starrte mich an, als wäre mir plötzlich ein zweiter Kopf gewachsen.„Mädchen, verlierst du jetzt dein Gedächtnis oder was? Warum starrst du mich so an? Ich bin deine Schwes
Saraphina 🖤Dunkelheit....Nicht die Dunkelheit geschlossener Augen oder eines abgedunkelten Raumes. Absolute Finsternis. Schwerelos. Ich konnte meinen Körper nicht spüren. Ich hörte weder die Menschenmenge, die meinen Tod mitangesehen hatte, noch konnte ich die Hinrichtungsplattform unter mir fühlen. Kein kalter Richtblock an meiner Wange, kein Atem in meinen Lungen. Nur Leere.Dann kehrten die Erinnerungen zurück – scharf und vollständig.Cassians Gesicht, reglos wie aus Stein gemeißelt, während er vom Balkon aus zusah, als wäre mein Tod längst beschlossene Sache. Isolde an seiner Seite, die Krone von Vaelor auf ihrem Kopf – meine Krone –, deren Feuersteine das Morgenlicht einfingen. Das Gewicht der sich hebenden Axt. Der eine, erbarmungslose Augenblick voller weißem Schmerz. Und das Wissen, dass der Mann, den ich geliebt und an dessen Seite ich regiert hatte, meinen Tod ohne das geringste Zögern angeordnet hatte.Ich erinnerte mich an alles.Ich war tot.Ein goldenes Licht erblüht







