LOGINDamon
Ihr Kleid ist von ihren Schultern geglitten, nur noch von ihren vor der Brust verschränkten Armen gehalten. Die Haltung ist zugleich defensiv und hingegeben, als bereite sie sich auf ein Opfer vor, dessen Ritual sie noch nicht kennt.
– Ich habe das noch nie gemacht, sagt sie. Nicht so.
– Nicht wie?
– Nicht wirklich wollend. Nicht wirklich wählend. Nicht mit jemandem, den ich kenne – den ich wirklich kenne. Sie w
Ich zögere. Matthias? Nein. Er sagte allein.»Gut. Gib mir deine Adresse.«Er schickt sie mir per Nachricht. Montmartre. Natürlich. Das Viertel der Künstler. Das Viertel von Raphaël.---Seine Wohnung liegt im obersten Stockwerk eines alten Hauses, mit engen Treppen und einem kleinen Innenhof. Die Tür öffnet sich, bevor ich klopfen kann. Er steht da, in zerrissenen Jeans, nackt unter einem offenen Hemd, die Haare zerzaust, violette Ringe unter den Augen.»Komm rein.«Ich trete ein. Sein Loft ist wunderschön. Hell. Überall Leinwände, an den Wänden, auf dem Boden, auf Staffeleien. Bunte Farben, abstrakte Formen, Gesichter. Viele Gesichter. Und plötzlich erkenne ich meines. Eine Leinwand, dort in einer Ecke. Mein Gesicht. Meine Augen. Meine Lippen. Mit liebevoller Genauigkeit gemalt.»Du …«»Ich weiß. Ich mal
Raphaël schüttelt den Kopf. Er sieht schockiert aus, aber nicht so sehr, wie er sollte. Nicht so sehr, wie ich erwartet hätte.»Das ist verrückt. Das ist völlig verrückt.«»Ich weiß.«»Und wenn sie Nein sagt?«»Respektieren wir es. Leiden wir. Versuchen wir, ohne sie weiterzuleben.«»Glaubst du, das ist möglich? Ohne sie zu leben?«Ich sehe ihn an. Wirklich. Zum ersten Mal sehe ich meinen Bruder. Nicht den Feind. Nicht den Rivalen. Den Mann, der dieselbe Frau liebt wie ich.»Nein. Das glaube ich nicht.«Er nickt. Eine langsame Bewegung. Ergeben.»Dann versuchen wir es.«»Was?«»Wir versuchen es. Wir machen ihr einen Vorschlag. Gemeinsam. Beide. Wenn sie will. Wenn sie sich traut. Wenn sie bereit ist.«Ich sehe ihn ungläubig an.
Matthias---Die Tür fällt hinter ihr ins Schloss. Ich bleibe stehen, regungslos, und starre auf die Stelle, an der sie vor einer Sekunde noch stand. Ihr Parfüm liegt noch in der Luft. Vanille und etwas Tieferes. Intimeres. Ihr Geruch. Den ich auswendig kenne, weil ich ihn fünf Jahre lang heimlich eingeatmet habe.»Sie ist gegangen.«Raphaëls Stimme. Hinter mir. Ich hatte ihn vergessen.»Ich weiß.«»Du hast es ihr gesagt.«»Ja.«»Alles?«»Fast alles.«Er kommt näher. Stellt sich vor mich hin. Seine hellen Augen, so anders als meine, sehen mich mit einer Intensität an, die ich nicht von ihm kenne.»Warum jetzt? Warum heute Abend?«Ich gehe zur Glasfront. Ich sehe Paris an. Die Lichter. Die Leere.»Weil ich nicht mehr kann. Weil fünf Jahre zu viel
Matthias’ Stimme. Ruhig. Eisig. Raphaël sieht ihn an, wütend. Dann setzt er sich wieder. Weil es Matthias ist. Weil man Matthias immer gehorcht.»Maître Delcourt«, sagt Matthias, »wir brauchen Zeit, um das zu verdauen. Können wir Kopien des Testaments bekommen und darüber nachdenken?«»Selbstverständlich, Matthias. Nehmen Sie sich die Zeit, die Sie brauchen. Aber denken Sie daran: Sie haben ein Jahr. Nicht einen Tag länger.«Er gibt uns Umschläge. Ich nehme meinen, ohne ihn anzusehen. Meine Hände zittern.Wir verlassen die Kanzlei. Auf dem Flur bleibe ich stehen. Ich lehne mich an die Wand. Ich bekomme keine Luft.»Alles in Ordnung?«, fragt Raphaël, die Hand auf meiner Schulter.»Nein. Nein, es ist nicht in Ordnung. Dein Vater war verrückt.«»Vielleicht. Oder vielleicht wusste er etwas, das wir
ChloéDie Kanzlei des Notars befindet sich im 16. Arrondissement. Ein Haussmann’sches Gebäude, Stuck an der Decke, Mahagonimöbel, eine drückende Stille. Ich bin als Erste gekommen. Mit Absicht. Um nicht mit ihnen zusammen hereinkommen zu müssen. Um mich vorzubereiten.Maître Delcourt ist ein Mann um die Siebzig, klein, rundlich, mit Halbmondbrille und einer Stimme wie ein Pastor. Er hat vierzig Jahre lang für die Familie Delacroix gearbeitet. Er hat Matthias und Raphaël aufwachsen sehen und mich kommen sehen. Er kennt alle Geheimnisse. Er wird sie niemals preisgeben.»Mademoiselle Chloé«, sagt er und nimmt meine Hände. »Ich bin aufrichtig betroffen von Ihrem Verlust. Auguste liebte Sie sehr.«»Ich weiß. Danke, Maître.«Er lässt mich auf einem Stuhl mit rotem Samtbezug Platz nehmen. Ich richte mein Kleid. Wieder schwarz. Heute kürzer. Enger. Warum? Ich weiß es nicht. Für wen?Die Tür öffnet sich. Matthias tritt ein.Er trägt einen dunkelgrauen Anzug, weißes Hemd, keine Krawatte. Ich se
Seine Stimme ist tief. Tiefer als in meiner Erinnerung. Intimer.»Matthias.«»Es tut mir leid. Ich weiß, was er für dich war.«Ein bitteres Lachen steigt in mir auf. Ich unterdrücke es. Natürlich weiß er es. Er weiß alles. Er kontrolliert alles. Er weiß, dass dieser Mann viel mehr mein Vater war als seiner, vermutlich. Er weiß, dass ich am Boden zerstört bin. Er weiß es. Und trotzdem steht er da, unbewegt, perfekt, unerreichbar.»Danke.«Ein Schweigen. Zu lang. Die Menschen umgehen uns, treten in die Kirche. Wir sind allein inmitten dieser Menge.»Du bist schön.«Mir stockt der Atem. Er hat das gerade gesagt. Hier. Jetzt. Vor dem Sarg seines Vaters.»Was?«»In Schwarz. Du bist schön. Der Schleier steht dir.«Er streckt die Hand aus. Seine Finger streifen den Rand meines Hutes. Nur eine Berührung. Kaum. Dann wandert seine Hand nach unten, streift meine Wange, wischt eine Träne weg, von der ich nicht einmal merkte, dass sie floss.Seine Haut auf meiner. Brennend. Elektrisierend. Ich zuc
Gabriel Unsere Atemzüge vermischen sich wie zwei Flammen, die umeinander tanzen, heiß, unvorhersehbar. Ich spüre ihren Atem auf meinem Mund, sanft und leicht alkoholisch, ein Überrest des Rotweins, den wir früher geteilt hatten, als wir zu nah auf diesem abgenutzten Ledersofa saßen. Ihre Lippen st
ReineDie Treppe an diesem Morgen hinunterzugehen, hat die Schwere eines Abstiegs in die Unterwelt. Jede Stufe knarrt unter meinem Gewicht, ein anklagendes Echo im Schweigen des Hauses. Die Küche, getaucht in das grelle Morgenlicht, sollte ein Refugium der Normalität sein: der Duft von Kaffee, die w
REINEDie Nachricht trifft mich wie ein Peitschenhieb, vibriert auf dem Bildschirm meines Telefons auf dem Schminktisch.Du hast fünf Minuten. Danach komme ich hoch. Und du weißt genau, was passiert, wenn ich dich holen muss.Gabriels Worte stehen schwarz auf weiß da, ohne Emoji, ohne Abschwächung
REINEIch verschränke meine Handgelenke in der Kuhle meiner Nieren. Die Haltung wölbt meine Brust, macht mich noch gefälliger, noch abhängiger von seiner Kontrolle. Er legt eine Hand auf meinen Kopf, führt den Rhythmus. Ich bin seinem Willen ausgeliefert. Die Demütigung ist total, berauschend. Gedä