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Kapitel 4

Auteur: Sascha Dahl
Als Kais Wagen die Tiefgarage verließ, sah er an der Kreuzung erneut Selina und ihre Tochter.

Die Große und die Kleine, Hand in Hand, hasteten durch die Schatten der Platanen. Das Kind, vielleicht fünf oder sechs Jahre alt, trug zwei kleine Zöpfe; die Kirschanhänger an ihren Haargummis schimmerten sanft im frühen Morgenlicht.

„Kai, wollen wir später eine Tochter bekommen? Ich flechte ihr jeden Tag die Zöpfe, du bringst sie jeden Morgen in die Kita, und sie soll glücklich und unbeschwert bei uns aufwachsen.“

„Ja. Am besten eine Tochter, die dir ähnlich ist.“

„Töchter kommen nach dem Vater.“

„Nach mir wäre auch nicht schlecht.“

Die Erinnerung glich einer alten, aufgebrochenen Holzkiste. Staub stieg auf und tanzte im Licht.

Aber was kam danach?

Danach bekam sie eine Tochter – als Vater stand ein anderer Name auf der Geburtsurkunde.

Selina brachte Lina zur Kita Sonnenblume. Sie blieb am Eingang stehen und sah ihrer Tochter nach, bis sie im Gruppenraum verschwunden war. Erst dann drehte sie sich um, endlich ein wenig beruhigt.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite parkte eine Maybach S-Klasse.

Zunächst hielt Selina ihn für das Auto eines anderen Elternteils und schenkte ihm keine weitere Beachtung. Doch kaum hatte sie die Straße überquert, setzte sich die schwarze Maybach S-Klasse lautlos in Bewegung. Wie ein schweigsames Ungetüm fuhr sie durch eine Pfütze am Straßenrand und kam exakt neben ihr zum Stehen.

Das Fenster senkte sich langsam. Auf dem Fahrersitz saß niemand anderes als Kai. Sein markantes Profil wirkte im gedämpften Innenlicht kühl, beinahe gleichgültig.

„Mademoiselle von der Weiden.“ Er rief ihr nach, zog die Worte in die Länge, der Spott darin kaum verhohlen.

„Was machst du hier?“

„Ich fahre nur vorbei.“

Wenn er nur vorbeifuhr, gab es für Selina nichts weiter zu sagen.

Sie wollte gerade weitergehen, da sprach Kai erneut: „Deine Tochter ist sehr hübsch.“

Selinas Herz zog sich schlagartig zusammen. Warum sagte er das plötzlich?

Hatte er etwas bemerkt?

„Sie hat ihre Schönheit von mir. Darf sie das nicht?“

Kais Blick verdunkelte sich. Dass sie ihr ähnlich war, daran bestand kein Zweifel.

Wer im Umkreis der Universität am Main kannte damals nicht die Schönheit von Mademoiselle von der Weiden?

Jeder, der Selina je gesehen hatte, sagte, sie besaß eine Ausstrahlung, die man nicht ignorieren konnte. Kein kühles Leuchten wie das des Mondes, sondern die glühende Kraft der Mittagssonne im Hochsommer – offen, leidenschaftlich, ungebändigt. Wenn sie lächelte, funkelten ihre Augen wie helle Halbmonde, zarte Grübchen zeichneten sich in ihren Wangen ab, lebendig und von einer fast gefährlichen Anziehungskraft.

Damals war Mademoiselle von der Weiden die Göttin in den Träumen unzähliger Männer.

„Ich habe deiner Tochter nur ein Kompliment gemacht. Warum bist du so nervös?“

„Ich bin nicht nervös. Wer hat das gesehen?“

Selina fühlte sich ertappt und wollte nur noch eines: so schnell wie möglich aus Kais Blickfeld verschwinden.

Als Kai sah, dass sie wieder gehen wollte, streckte er seinen langen Arm aus dem Fenster der Maybach S-Klasse und packte sie fest am Oberarm.

„Willst du schon wieder weglaufen? Die Mademoiselle von der Weiden, die mir damals nicht von der Pelle ging – warum rennst du jetzt vor mir davon, kaum dass du mich siehst?“ Seine langen Finger schlossen sich wie eine Zange. Durch den dünnen Stoff ihrer Kleidung spürte Selina deutlich die Kraft seiner Fingerknöchel und die brennende Hitze seiner Handfläche.

Die Maybach S-Klasse war zu auffällig. Immer mehr Passanten warfen ihnen neugierige Blicke zu.

„Kai, das hier ist die Kita meiner Tochter! Was zur Hölle willst du, hier vor dem Tor so eine Szene zu machen?“

„Nichts Besonderes. Ich wollte dich nur darüber informieren, dass ich deine Entschuldigung von gestern nicht annehme.“ Während er sprach, zog Kai seine Hand plötzlich fest zu. Selina wurde überrumpelt und prallte gegen die Fahrertür. Kai nutzte den Moment, legte ihr die Hand in den Nacken, beugte sich leicht aus dem Fenster und flüsterte ihr ins Ohr: „Und noch etwas, Mademoiselle – du hast nicht das Recht zu sagen, wir wären quitt.“

Kaum waren die Worte ausgesprochen, ließ er sie ebenso abrupt wieder los.

Ohne den Halt durch Kais Griff verlor Selina das Gleichgewicht und fiel zu Boden.

Was für eine Demütigung.

Der Motor der Maybach S-Klasse brüllte kurz auf, dann schoss der Wagen davon und ließ sie allein im aufgewirbelten Staub zurück.

Selina: „Kai, verdammtes Arschloch!“

Der Typ hat doch einen an der Waffel! Mir so früh am Morgen den Tag zu versauen!
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