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Kapitel 5

Author: Sascha Dahl
Nachdem Selina aus der Kita Sonnenblume zurückgekehrt war, rief sie umgehend wieder Anwälte an. Um Kai aus dem Weg zu gehen, mied sie gezielt alle Scheidungsanwälte von Strahl & Hartmann. Doch nach einem ganzen Tag voller Telefonate musste sie erkennen: Keine der renommierten Kanzleien in Burgbach war bereit, ihren Scheidungsfall zu übernehmen.

Kein Wunder. Lucas Burgstallers Vater war Oberbürgermeister der Stadt – ein Mann mit Macht und Einfluss. Kein Anwalt würde es wagen, sich für das Honorar eines einzigen Scheidungsfalls mit der Familie Burgstaller anzulegen.

Erst am späten Abend erreichte Selina nach stundenlangen Telefonaten endlich eine Anwältin: Sonja Lenz von der Kanzlei Morgengrauen erklärte sich bereit, ihren Fall zu übernehmen.

Die beiden verabredeten sich für den späten Nachmittag im Café Weststadt. Frau Lenz hatte den Ort vorgeschlagen – ruhig, diskret, abseits der Kanzlei.

Nachdem sie Lina zu Sophie gebracht hatte, nahm Selina ein Taxi zum Treffpunkt.

Sonja wartete bereits auf sie.

„Frau von der Weiden, erst mal durchatmen. Trinken Sie einen Schluck Kaffee, der tut gut.“ Sonja lächelte sanft und wirkte auf Anhieb sympathisch.

Sie nahm die schwere, glänzende Espressokanne vom Tisch und goss Selina eine Tasse ein – dunkel, heiß, mit feiner Crema.

„Danke.“

Selina hielt die Tasse in den Händen, trank aber nicht sofort. Erst als sie sah, dass Sonja ihre eigene Tasse leerte, hob sie sie zögernd an die Lippen.

Nach einigen Höflichkeiten kamen sie zur Sache.

Nachdem sich Sonja einen Überblick über Selinas Ehesituation verschafft hatte, fragte sie: „Sie sagen, Ihr Mann sei gewalttätig geworden. Haben Sie direkte Beweise? Überwachungsvideos oder Zeugen?“

Selina schüttelte den Kopf. „Nein.“

Es war das erste Mal gewesen, dass Lucas handgreiflich geworden war. Dass er sie schlagen würde, hatte sie nicht erwartet – und natürlich nichts aufgezeichnet.

„Ich habe die Polizei gerufen. Es gibt ein Einsatzprotokoll.“

Sonja warf einen Blick auf das Protokoll. „Und Ihr Mann war bereits weg, als die Polizei eintraf?“

„Ja. Er wusste, dass ich die Polizei rufen würde, und ist vorher verschwunden.“

„Das heißt, die Anzeige wegen häuslicher Gewalt stützt sich allein auf Ihre Aussage – ohne Beweise.“ Sonja zog eine Augenbraue hoch. „Wie wollen Sie nachweisen, dass Ihr Mann Sie tatsächlich misshandelt hat? Könnte es nicht sein, dass er zu dem Zeitpunkt gar nicht anwesend war und Sie alles nur inszeniert haben, um ihn falsch zu beschuldigen?“

Selina erstarrte. Ein eiskalter Schauer lief ihr den Rücken hinab. „Was soll das heißen?“

„Ich meine, dass Herr Burgstaller Ihnen gegenüber gar nicht gewalttätig war. Dass Sie ihn nur beschuldigen, um bei der Scheidung mehr herauszuschlagen.“

„Das stimmt nicht!“

„Ob es stimmt, wissen Sie am besten selbst.“

„Wenn Sie eine Anwältin sind, die grundlos über ihre Mandantin spekuliert, dann haben wir uns wohl nichts mehr zu sagen, Frau Lenz.“

Selina griff nach ihrer Tasche und wollte gehen. Doch kaum stand sie auf, begann sich alles vor ihren Augen zu drehen. Ihre Sicht verschwamm, und das lächelnde Gesicht von Sonja schien zu tanzen und sich zu verdoppeln.

„Mir … mir ist schwindelig. Haben Sie mir was in den Kaffee getan …?“

„Das habe ich nicht. Frau von der Weiden, bitte verleumden Sie mich nicht auch noch.“ Sonja kam um den Tisch herum und stützte Selinas Arm. „Sie haben wahrscheinlich nur niedrigen Blutzucker. Ruhen Sie sich einen Moment aus, dann geht es Ihnen besser.“

Alles drehte sich.

Selina sackte in sich zusammen. Ihr Hinterkopf schlug gegen die harte Armlehne des Stuhls, doch der Schmerz war kaum spürbar – eine lähmende Taubheit breitete sich rasch in ihrem Körper aus. Bevor sie das Bewusstsein verlor, sah sie Sonja über sich stehen. Das sanfte Lächeln der Anwältin wich einer kühlen, gleichgültigen Miene – dem Gesicht einer Person, die ihre Aufgabe erledigt hat.

„Es ist bestätigt. Sie hat keine Beweise für die Misshandlung.“ Sonjas Stimme klang unterwürfig, beinahe schmeichelnd. „Wie Sie befohlen haben – sie ist außer Gefecht.“

In diesem Moment begriff Selina: Diese Frau war von Lucas geschickt worden.
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