Share

KAPITEL 6

Author: Anonymous Lee
last update publish date: 2026-09-08 07:36:44

KAPITEL 6

ROWAN

Der Kerker soll Menschen brechen.

Dunkler, feuchter, eiskalter Stein, keine Fenster, kein Zeitgefühl. Nur Stille und das Geräusch des eigenen Atems, das wie eine höhnische Antwort von den Wänden widerhallt.

Aber was mich schließlich bricht, ist nicht die Kälte. Oder der Hunger. Oder die Tatsache, dass meine Hände so heftig zittern, dass ich nicht einmal stillsitzen kann.

Es ist mein Körper.

Mein verräterischer, verräterischer Körper.

Nach sechs Stunden schwitze ich, obwohl die Luft im Kerker eisig ist.

Nach zwölf Stunden ist mein Puls zu laut. Ich kann ihn in meinen Zähnen hören.

Nach vierundzwanzig Stunden fühlt sich meine Brust eng an, meine Haut ist zu heiß, mein Atem flach und keuchend.

„Nicht jetzt“, flüstere ich mir zu, während ich mich an die Wand kauere. „Nicht das. Nicht hier.“

Ich zittere und brenne gleichzeitig – Hitze, die sich unter meiner Haut zusammenzieht, schmerzt, pulsiert, falsch ist. Seit fast zwei Tagen nehme ich nun schon keine Suppressiva mehr. Meine Sicht verschwimmt in Wellen. Meine Kehle ist trocken. Ich kann nicht klar denken.

„Hör auf“, befehle ich meinem Körper, als könnte ich ihn einfach dazu zwingen. „Hör einfach auf.“

Die Symptome werden schlimmer.

Ich gehe in der Zelle auf und ab, die Handflächen gegen meine Schläfen gepresst. Der Steinboden scheint sich zu neigen. Mir ist schwindelig, ich bin schwach, hungrig – nein, nicht hungrig, etwas anderes. Etwas, das ich nicht benennen kann, etwas, das ich nicht benennen will.

Meine Knie geben nach.

Ich klammere mich an die Gitterstäbe und ringe nach Atem. „Reiß dich … zusammen. Du bist nicht … du bist nicht –“

Nein.

Ich bin nicht das.

Ich kann es nicht sein.

Meine gefälschten Beta-Papiere brennen in meinem Kopf wie ein schlechter Witz.

„Hör auf“, flüstere ich erneut.

Aber es hört nicht auf.

Nach dreißig Stunden liege ich auf dem Boden, durchnässt von kaltem Schweiß und unkontrolliert zitternd. Mein Körper fühlt sich zu eng, zu klein, zu heiß an, als könnte meine Haut den Druck, der sich in mir aufbaut, nicht länger halten.

Nach vierzig Stunden kann ich nicht mehr stehen.

Nach achtundvierzig Stunden –

wird alles schwarz.

Ich wache keuchend auf.

Nicht im Kerker.

Nicht auf kaltem Stein.

Weiche Decken. Warme Luft. Stoff an meiner Wange, der nicht nach Schimmel riecht. Ein Bett. Mein Kopf fühlt sich wattig an, benebelt. Meine Muskeln schmerzen an Stellen, von denen ich nicht einmal wusste, dass sie schmerzen können.

Ich schieße hoch – viel zu schnell – und die Welt dreht sich.

Und dann bemerke ich ihn.

Dante Varyn.

Er steht am Fenster. Die Arme verschränkt.

„Du –“, beginne ich laut und zeige auf ihn.

Er unterbricht mich sofort.

„Du solltest besser auf deinen Mund achten.“

Die Warnung trifft mich wie eine Ohrfeige.

Ich verstumme.

Nicht, weil ich Angst habe – nein, das habe ich nicht –, sondern weil mein Körper immer noch schwach ist und ich es mir nicht leisten kann, mitten beim Schreien zusammenzubrechen.

Ich schlucke. „Schon gut. Fein. Wie auch immer.“

Er sieht mich an, als wäre ich ein Rätsel, um das er nie gebeten hat.

Bevor ich mir etwas Schlaueres – oder Dümmeres – einfallen lassen kann, öffnet sich die Tür.

Lucien schlendert als Erster herein, ein strahlendes und nervtötend charmantes Grinsen im Gesicht. „Seht mal, wer wieder auferstanden ist.“

Ich stöhne. „Oh Gott.“

„Unhöflich“, sagt er fröhlich. „Wie fühlst du dich, Rowan? Lebendig? Halb lebendig? Leicht knusprig?“

„Lucien“, warnt Dante leise.

„Was?“, fragt Lucien und zuckt mit den Schultern. „Ich bin freundlich.“

„Du bist nervig“, murmele ich.

Kade kommt als Letzter herein, still wie ein Schatten. Er schließt die Tür hinter sich und stellt sich neben Dante, während er mich mit diesen dunklen, unergründlichen Augen beobachtet, die meinen Magen verkrampfen lassen.

Ich sehe sie alle an.

Und Götter.

Sie sind heiß.

Gefährlich heiß.

Einschüchternd heiß.

Nervtötend heiß.

So heiß, dass man sie am liebsten ohrfeigen und vielleicht gleichzeitig weinen möchte.

Lucien lässt sich auf einen Stuhl fallen. „Übrigens sind wir dankbar für den Rat.“

Ich blinzele. „Welchen Rat?“

„Die Sicherheitsmaßnahmen, die du vorgeschlagen hast“, sagt er. „Erinnerst du dich? Die Verbesserungen der Zugangscodierung. Die Änderungen an den Bannkreisen. Das Kampftraining für die Lehrer.“

Dante nickt, seine Stimme knapp. „Umgesetzt. Effektiv.“

Mir fällt die Kinnlade herunter. „Ihr … habt zugehört?“

Lucien grinst. „Oh, wir haben mehr getan als nur zugehört.“

Kade spricht zum ersten Mal, seine Stimme tief. „Es hat funktioniert.“

Ich starre sie an.

Ich weiß nicht, welchen Gesichtsausdruck ich mache, aber Lucien lacht erneut.

„Also“, sage ich langsam, „ihr drei – Könige – habt den Rat eines Schülers angenommen, den ihr in einen Kerker geworfen habt.“

Dante blinzelt nicht einmal. „Ja.“

Ich werfe die Hände in die Luft. „Großartig. Fantastisch. Ich liebe es. Eine wirklich rationale Monarchie.“

Lucien schnaubt.

Kades Lippen zucken. Fast ein Lächeln. Vielleicht.

Ich reibe mir übers Gesicht. „Kann ich – wenigstens – ein Handy bekommen?“

„Nein“, sagt Dante sofort.

„Warum?“

Er sieht mich an, als wäre die Antwort offensichtlich. „Sicherheit.“

Ich verdrehe die Augen. „Als hätte ich überhaupt jemanden, den ich anrufen könnte. Ich habe keine Familie. Keine Freunde. Oder – irgendetwas.“

Luciens Lächeln verblasst ganz leicht.

Kades Augen verengen sich.

Dantes Gesichtsausdruck verändert sich nicht – aber etwas in der Luft verschiebt sich.

Bevor die Stille zu schwer werden kann, ertönt ein Klopfen an der offenen Tür.

Ein Mann tritt herein. Älter. Gepflegt. Er trägt tiefblaue Roben mit silbernen Stickereien.

„Der Besprechungsraum ist bereit“, verkündet er glatt.

Dante nickt. „Sehr gut. Lord Seraph.“

Seraph.

Der Name löst etwas in meinem Kopf aus – wie eine halbe Erinnerung, nach der ich greifen kann, die mir aber nicht vollständig zugänglich ist.

Dante dreht sich ein letztes Mal zu mir um. „Benimm dich.“

Lucien steht auf und grinst. „Sei brav, Rowan. Oder auch nicht. Beides gefällt mir.“

Ich funkle ihn an. „Verschwindet.“

Er beugt sich vor und tippt mir sanft mit zwei Fingern gegen die Wange, als wäre ich ein ungezogenes Hündchen.

Ich schlage seine Hand sofort weg. „Versuch das noch einmal und ich breche dir die Finger.“

Lucien lacht bis zur Tür.

Kade sagt nichts, wirft mir aber einen langen Blick zu – einen beunruhigenden –, bevor er ihnen hinaus folgt.

Dante bleibt als Letzter zurück, sein Blick kalt und endgültig.

„Bleib hier.“

„Nicht so, als würdest du mir eine Wahl lassen“, murmele ich.

Er geht.

Und dann –

dreht Lord Seraph sich um, um ihnen zu folgen.

Ich erhasche einen Blick auf sein Gesicht – markante Wangenknochen, unergründliche Augen, ein Ausdruck, der viel zu ruhig, viel zu höflich ist.

Mein Atem stockt.

Warte.

Nein.

Habe ich nicht –

Habe ich ihn nicht bei der Auktion gesehen?

Wie er aus den Schatten heraus beobachtete?

Sah seine Silhouette – seine Haltung – damals nicht vertraut aus?

Oder dreht meine Fantasie nach zweimaliger Sedierung und einem Aufenthalt im Kerker jetzt endgültig durch?

Er begegnet meinem Blick für einen flüchtigen Moment.

Ein kurzer Ausdruck huscht durch seine Augen.

Dann wendet er sich ab und verschwindet den Korridor hinunter.

Ich sitze wie erstarrt auf dem Bett, mein Herz hämmert, meine Gedanken rasen.

Und ein einziger beängstigender Gedanke legt sich wie Rauch um meine Brust:

Hier stimmt etwas ganz und gar nicht.

Continue to read this book for free
Scan code to download App

Latest chapter

  • Seine Drei Alphas    KAPITEL 20

    KAPITEL 20ROWANDrei Tage später kamen die Wachen genau zu der Uhrzeit an meine Tür, die auf der Einladung angegeben war. Ihre Mienen waren unter den kunstvollen silbernen Masken, die das Thema des Balls kennzeichneten, so ausdruckslos wie immer, und ich folgte ihnen ohne einen einzigen Protest durch die gewundenen Korridore, weil Widerstand ohnehin sinnlos gewesen wäre. Mein Herz schlug etwas schneller, als ich zugeben wollte, als wir uns den Türen des großen Ballsaals näherten. Mit jedem Schritt wurden die Musik und das Lachen lauter. Der Anzug, den Dante geschickt hatte, passte perfekt. Die schwarze Seide schmiegte sich auf eine Weise an meinen Körper, durch die ich mich zugleich elegant und entblößt fühlte, als würde ich allen zur Beurteilung vorgeführt. Ich richtete die Samtmaske ein letztes Mal, bedeckte damit die obere Hälfte meines Gesichts und hoffte, dass sie die Nervosität verbarg, die in meinen Augen flackerte.Als die gewaltigen Türen aufschwangen, traf mich der Anblick

  • Seine Drei Alphas    KAPITEL 19

    KAPITEL 19DANTEIch saß am Kopf des Obsidiantisches im Kriegsraum, meine Brüder und mein Cousin Alastair um mich herum, während Nyra am anderen Ende mit ihrer perfekten Haltung und ihren berechnenden Augen stand. Der Raum war schwer von Spannung erfüllt, denn die Bedrohungen waren schlimmer geworden, und wir alle wussten, dass der Maskenball in drei Tagen der perfekte Zeitpunkt für einen Angriff sein könnte. Fackelschein flackerte über die eingravierte Karte von Varynia vor uns, und ich hielt meinen Gesichtsausdruck vollkommen kalt und beherrscht, als die Besprechung begann.„Dann schlagen wir zuerst zu“, sagte Lucien, seine Stimme schnitt wie eine Klinge durch die schwere Stille.Kades tiefes Grollen folgte unmittelbar nach Luciens Worten. „Sie testen uns. Jede Nacht. Wir können nicht warten.“Alastair beugte sich auf seinem Sitz nach vorn und sah mich direkt an. „Dante, die Zahlen sind bestätigt. Dreifache Truppenstärke. Söldner von den Inseln. Attentäter der Schatten-Gilde. Sie um

  • Seine Drei Alphas    KAPITEL 18

    KAPITEL 18ROWANIch muss irgendwann eingeschlafen sein, nachdem Lucien gegangen war. Die Bücher lagen überall um mich herum auf dem Bett verstreut wie kleine, verräterische Geheimnisse, und dieses schmutzige Buch, Eternal Bonds, lag noch immer offen auf meiner Brust. Die Seiten waren zerknittert davon, wie fest ich sie beim Lesen umklammert hatte. Mitten in einem weiteren heißen Kapitel waren meine Augen immer schwerer geworden. Die schmutzigen Worte waren ineinander verschwommen, bis nur noch pure Hitze und Fantasie übrig geblieben waren und der Schlaf mich schließlich vollständig übermannte.Der Traum begann beinahe unschuldig. Oder zumindest so unschuldig, wie alles sein konnte, was mit den Varyn-Königen zu tun hatte.Ich lag in einem dunklen, luxuriösen Raum. Seidenlaken fühlten sich kühl und glatt auf meiner vollkommen nackten Haut an. Ich war nackt. Vollkommen entblößt. Mein Körper bäumte sich von selbst auf, als starke Hände mich überall gleichzeitig berührten – raue, selbstsi

  • Seine Drei Alphas    KAPITEL 17

    KAPITEL 17DANTEDie Erinnerung an Rowan Hales Gesicht hatte sich wie ein Splitter unter meine Haut gebohrt, den ich nicht herausbekam.Dieser Blick im Korridor – das Kinn aus meinem Griff gerissen, die Augen voller reinem, ungefiltertem Hass, während Blut durch sein Hemd sickerte. Die Lippen zu einer schmalen, trotzigen Linie zusammengepresst. Der Körper zitternd vor Schmerz, Erschöpfung und den fünfundzwanzig Hieben, die ich selbst angeordnet hatte … und trotzdem hatte er nicht gebettelt. Kein einziges Mal.Nicht eine einzige Bitte.Und genau das war das Problem.Ich hasste ihn dafür.Ich hasste es, wie es mein Blut heißer werden ließ, wie mein Schwanz sich bei dem Gedanken augenblicklich verhärtete und schmerzhaft gegen die Vorderseite meiner Hose drückte, während ich in der Stille meines Arbeitszimmers saß. Berichte über Sicherheitsverletzungen lagen offen vor mir, doch die Worte verschwammen. Ich konnte nur ihn sehen – schlank, blass, wütend. Schön auf eine Art, die in mir den Wu

  • Seine Drei Alphas    KAPITEL 16

    KAPITEL 16ROWANLangsam regte ich mich, mein Körper zog mich aus dem tiefsten Schlaf, den ich seit Monaten gehabt hatte. Meine Augen flatterten auf, als sanftes Nachmittagslicht durch die schweren Vorhänge drang. Der Raum fühlte sich … anders an. Wärmer. Schwerer. Dieser Duft lag noch immer überall in der Luft – Kiefer, Rauch und etwas so dunkel Männliches, dass sich mein Magen zusammenzog.Kade.Er war weg. Das Bett neben mir war inzwischen kalt, doch seine Gegenwart lag noch überall. Sein Arm hatte eine Delle im Kissen hinterlassen, und die Laken rochen genau nach ihm. Ich konnte nicht anders. Ich vergrub mein Gesicht darin und atmete tief ein, während mein Herz raste.Gott, warum riecht er nur so verdammt gut? Wie pure Gefahr, eingehüllt in Geborgenheit. Ich könnte so leicht süchtig danach werden. Nein. Hör auf, Rowan. Er ist einer von ihnen. Schweigsam. Furchteinflößend. Viel zu intensiv.Ich biss mir fest auf die Unterlippe, während Hitze meinen Hals hinaufkroch und die Erinneru

  • Seine Drei Alphas    KAPITEL 15

    KAPITEL 15ROWANNyra rappelte sich als Erste vom Boden auf und strich mit zitternden Händen ihr zerrissenes Kleid glatt. Ihre Wange leuchtete rot von meiner Ohrfeige, ihr Haar war zerzaust und ihr Make-up verschmiert. Sie richtete sich schnell auf, hob das Kinn und begann zu sprechen, noch bevor ich überhaupt wieder richtig zu Atem gekommen war.„Eure Majestät“, sagte sie hastig, ihre Stimme trotz ihres Zustands ruhig. „Diese unverschämte Beta hat mich ohne jeden Grund angegriffen. Ich ging lediglich durch die Flure, als er sich wie ein wildes Tier auf mich stürzte. Als Leiterin des Strategischen Nachrichtendienstes habe ich mich verteidigt, aber er hat unfair gekämpft. Er hat in diesen heiligen Korridoren nichts verloren.“Ich stemmte mich vom Marmorboden hoch, mein Rücken schmerzte von dem Sturz, während die Kratzer an meinen Armen und meinem Hals brannten. Warmes Blut rann aus einem Schnitt an meiner Lippe. Ich starrte sie an, schwer atmend.„Lügnerin“, fauchte ich. „Du hast angef

More Chapters
Explore and read good novels for free
Free access to a vast number of good novels on GoodNovel app. Download the books you like and read anywhere & anytime.
Read books for free on the app
SCAN CODE TO READ ON APP
DMCA.com Protection Status