LOGINCHAPTER 2
Die Zeugin
Der Donnerstag kam, wie schlechte Dinge in Lenas Erfahrung immer kamen: mit vollkommen gewöhnlichem Wetter und ohne jede Warnung.
Es regnete bereits, als sie und Adriana das Restaurant verließen, ein warmer Frühlingsregen, der die Gehwege in Spiegel verwandelte und alle auf dem Block nach Regenschirmen suchen ließ, an die sie nicht gedacht hatten. Lena hatte einen. Adriana, die das Restaurant vorgeschlagen hatte, das von beiden Wohnungen aus sechs Blocks entfernt lag, hatte keinen.
„Du hättest den Wetterbericht checken können“, sagte Lena und hielt den Schirm über sie beide, was Adriana zwang, sich leicht zu ducken, da sie drei Zentimeter größer war als Lena.
„Ich bin spontan“, sagte Adriana. „Das ist ein Merkmal.“
„Du frierst.“
„Ich bin chic und ungerührt.“
Lena lachte. Sie gingen, dicht aneinander gedrängt unter dem zu kleinen Schirm, und stritten sich freundschaftlich über nichts Besonderes. Adriana erzählte von einer Kollegin aus ihrer Kanzlei, die sich in einem Meeting mit Lenas Schriftsatz gebrüstet hatte, und Lena machte die passenden empörten Geräusche, während sie im Kopf schon eine Version der Donnerstagsstunde entwarf, die Jaylen vielleicht wirklich erreichen würde, der seine letzte Aufgabe fast vollständig leer abgegeben hatte.
Sie trennten sich an der Ecke Ninth und Alderman; Adriana ging nach Norden zur U-Bahn, mit Lenas Schirm und dem Versprechen, ihn morgen zurückzugeben, von dem beide wussten, dass es eher Wunschdenken war, und Lena ging nach Süden zu ihrer Wohnung, die bei trockenem Wetter acht Minuten zu Fuß entfernt lag und im Regen vielleicht elf.
Sie hatte die Kapuze hochgezogen und den Kopf gesenkt, deshalb hörte sie es, bevor sie es sah.
Ein Geräusch aus der Gasse neben Cortons für die Nacht geschlossenem Reinigungsbetrieb: etwas Schweres, das sich verschob, das Schaben von Schuhen auf nassem Beton, eine Stimme zu leise, um Worte zu erkennen, aber unverkennbar gespannt mit jener besonderen Qualität einer Lage, die schiefgelaufen ist. Lena hatte sechs Jahre lang an einer unterfinanzierten öffentlichen Schule mit zeitweise funktionierender Sicherheit unterrichtet. Sie wusste, wie sich eine Auseinandersetzung anhörte.
Sie hätte weitergehen sollen. Jeder vernünftige Instinkt in ihr hätte weitergehen sollen.
Sie blieb stehen. Sie drehte den Kopf.
Die Gasse war von der Straße aus nur teilweise zu sehen, abgeschnitten durch den Winkel des Gebäudes und das unzureichende orange Licht einer einzigen Lampe darüber, aber das, was sie erkennen konnte, reichte aus. Zwei Männer in dunkler Kleidung standen auf beiden Seiten eines dritten Mannes, der eindeutig nicht freiwillig dort war. Einer der anderen hatte etwas in der Hand, das das orange Licht fing und sich zu einer Form auflöste, die ihr Gehirn sofort erkannte und ebenso sofort weigerte, ruhig zu verarbeiten.
Eine Waffe.
Sie machte ein Geräusch. Sie wollte es nicht. Es war unwillkürlich, ein kleiner, scharfer Atemzug, und doch drehte einer der näheren Männer im exakt falschen Moment den Kopf und sah sie.
Ihre Blicke trafen sich.
Sie rannte.
Nicht, weil sie sich entschieden hatte zu rennen, sondern weil ihr Körper die Entscheidung ohne Rücksprache getroffen hatte, die Füße schon in Bewegung, bevor der Gedanke sich gebildet hatte. Sie erreichte das Ende des Blocks, bog hastig um die Ecke und rannte direkt in etwas hinein, das sie so vollständig zum Stehen brachte wie eine Wand.
Nur fassen Wände einen nicht an den Armen, um einen am Fallen zu hindern.
Der Aufprall trieb ihr die Luft aus den Lungen. Sie griff nach Halt und fand festen Stoff, eine Jacke, teuer, unter ihren Fingern. Sie blickte auf.
Er war sehr groß. Das war das Erste, was sie registrierte: die schiere physische Größe von ihm, die Breite seiner Schultern, die Art, wie er Raum einnahm, als wäre er mit architektonischer Absicht dort platziert worden und nicht zufällig. Er sah mit einem Ausdruck auf sie herab, den sie nicht sofort benennen konnte, nicht alarmiert, nicht genervt, einfach präsent und präzise, die kühlen Augen auf sie gerichtet mit einer Fokussierung, die sich anfühlte, als würde sie bis ganz auf den Grund durchschaut.
„Sind Sie verletzt?“, sagte er.
Seine Stimme war leise. Tief. Die Art von Stimme, die erwartete, gehört zu werden, weil sie es nie hatte extra verlangen müssen.
„In der Gasse da drüben“, begann sie und wich zurück, plötzlich bewusst, dass sie diesen Mann nicht kannte und dass das Davonrennen vor einem Fremden direkt in einen anderen Fremden hinein keine nennenswerte Verbesserung war. „Da waren Männer, da war eine Waffe—“
„Ich weiß“, sagte er.
Sie hielt inne. „Sie wissen es?“
Er sah sie noch immer mit diesem besonderen, nicht lesbaren Ausdruck an. Hinter ihm bemerkte sie jetzt einen schwarzen Wagen am Bordstein, einen Mann an der Vorderseite, der zusah. Einen weiteren in der Nähe des Hauseingangs. Ihr Puls machte einen scharfen Sprung senkrecht nach oben.
„Ihr Telefon“, sagte er, und bevor sie reagieren konnte, war seine Hand an ihrer Tasche, nicht grob, nur effizient, und ihr Telefon lag in seiner Hand.
„Hey.“ Sie griff danach. „Das ist mein—“
„Ich weiß, was es ist.“ Er sah auf den Bildschirm. „Sie haben heute Abend nichts gesehen.“
„Sie können nicht einfach—“
„Gehen Sie nach Hause“, sagte er. Er hielt ihr das Telefon hin. „Gehen Sie nach Süden. Schauen Sie sich nicht um.“
Sie starrte ihn an. Ihre Hände zitterten. Sie war wütend und sie hatte Angst, und die beiden Gefühle waren so ineinander verschlungen, dass sie sie nicht trennen konnte. Er sah sie noch immer mit diesem ruhigen, unerschrockenen Blick an, und die Ruhe daran war auf seltsame Weise beängstigender als alles andere, weil sie bedeutete, dass das für ihn normal war.
Sie schnappte sich ihr Telefon. Sie machte zwei Schritte nach Süden. Dann blieb sie stehen und drehte sich um, weil sie offenbar von Natur aus außerstande war, es einfach dabei zu belassen.
„Diese Männer in der Gasse“, sagte sie. „Der, den sie festgehalten haben. Wird es ihm gut gehen?“
Etwas glitt über sein Gesicht. Etwas, das sie nicht benennen konnte, im selben Augenblick da und wieder weg.
„Gehen Sie nach Hause“, sagte er erneut.
Sie ging.
Sie lief nach Süden, ohne zurückzusehen, jeder Nerv in ihrem Körper schrie, das Telefon fest umklammert. Sie legte die acht Minuten in vier zurück, ließ sich in ihr Gebäude hinein, stieg die Treppen bis in den dritten Stock hinauf und saß am Rand ihres Betts, der nasse Mantel noch immer an, das Herz in ihrer Brust mit einem Geräusch wie eine Faust gegen eine verschlossene Tür.
Dann öffnete sie ihren Browser.
Sie tippte das Wort ein, das sie aufgeschnappt hatte, den Namen, den der Mann mit der Waffe dem festgehaltenen Mann zugerufen hatte, mit jener besonderen Giftigkeit eines ausgesprochenen Drohworts.
Romano.
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Und Lenas sicheres, gewöhnliches Leben begann still und leise zu enden.
Kai stand drei Sekunden lang im Regen, nachdem sie weggegangen war. Ihm war das bewusst. Ihm war auch bewusst, dass drei Sekunden ungefähr drei Sekunden länger waren, als er in den letzten Jahren irgendeinem Menschen beim Weggehen regungslos nachgesehen hatte.
Marco erschien an seiner Schulter. „Problem?“
„Zeugin“, sagte Kai.
„Willst du, dass ich—“
„Nein.“ Das Wort kam schärfer heraus, als er beabsichtigt hatte. Er korrigierte sich. „Sie hat nichts Verwertbares gesehen. Sie ist eine Zivilistin.“
Marco schwieg auf jene Weise, die er annahm, wenn er etwas dachte, das er beschlossen hatte, nicht auszusprechen.
„Ich habe ihre Nummer“, sagte Kai, obwohl er noch nicht entschieden hatte, warum das relevant war. Er hatte auf den Bildschirm gesehen. Ihr Telefon war entsperrt gewesen, ihr Name oben in einem Nachrichtenthread sichtbar. Lena. „Ich werde feststellen, ob sie ein Risiko darstellt.“
„Verstehe“, sagte Marco.
Sie gingen zum Wagen. Kai stieg hinten ein, sah auf die Nummer, die er sich eingeprägt hatte, und spürte, wie sich etwas, das er nicht betrachten wollte, tief in seine Brust senkte wie ein Stein, der ins stille Wasser fällt.
Er sagte sich, es sei operative Vorsicht.
Er wusste schon beim Denken daran, dass er log.
Kapitel 18Was beinahe zerbrachDie Fahrt zurück zum Penthouse verlief in nahezu völliger Stille; Lena war in einen Mantel gehüllt, der nach Kai roch, ihr Körper begann erst jetzt, da die unmittelbare Gefahr vorüber war, zu zittern, als wandle sich das Adrenalin in etwas, das dem Schock näherkam. In deutscher literarischer Prosa ist für solche Erzählpassagen das Präteritum der Standard, während Rückgriffe weiter zurück oft das Plusquamperfekt nutzen �.Kai hielt ihre Hand die ganze Fahrt über, sein Daumen strich langsam und gleichmäßig über ihre Knöchel, und er sagte nichts, weil es im Moment nichts gab, was angemessen gewesen wäre. Marco fuhr wortlos, warf alle paar Sekunden einen Blick in den Rückspiegel, und die Stadt zog in Lichtstreifen vorbei, die Lena nichts bedeuteten, während ihr Geist noch immer in einem fensterlosen Raum festsaß, bei der vorsichtigen, ruhigen Stimme eines toten Mannes �.„Er wusste von meinem Vater“, sagte sie schließlich, irgendwo hinter der zweiten Brücke
Kapitel 17Der Raum ohne FensterLena erwachte langsam; die Welt traf in Bruchstücken ein, bevor sie sich zu etwas Begreiflichem fügte: ein dumpfer Schmerz hinter den Augen, der Geschmack von etwas Chemischem noch am Rachen, ein Stuhl unter ihr, der nicht ihrer war, ihre Handgelenke locker genug gefesselt, dass das Blut noch zirkulieren konnte, aber fest genug, um eine Flucht unmöglich zu machen.Der Raum hatte keine Fenster. Kahle Betonwände, eine einzelne Glühbirne über ihr, eine Metalltür ohne sichtbaren Griff auf der Innenseite. Sie katalogisierte diese Details mit jener seltsamen, entfernten Ruhe des Schocks, dem Teil ihres Gehirns, der sechs Jahre unterfinanzierter Klassenzimmer und unberechenbarer Teenager überlebt hatte und offenbar ausgerechnet für einen solchen Notfall nützlich war.Die Tür öffnete sich vielleicht zwanzig Minuten später. Ein Mann trat ein, nicht einer der beiden, die sie geholt hatten; älter, mit Silber an den Schläfen, bewegte er sich mit der gelassenen Sel
Kapitel 16AlleinZuerst sagte sie sich, sie habe sich nur falsch erinnert, wo sie die Karte gelassen hatte. Sie durchwühlte die Schublade, dann den kleinen Tisch neben der Tür, dann die Taschen ihres Mantels, mit der eigentümlich entschlossenen Verleugnung von jemandem, der versucht, einer Angst davonzulaufen, bevor sie richtig angekommen ist.Die Wohnung fühlte sich anders an als noch vor drei Wochen, vor dem Regen, vor der Gasse, bevor die stahlgrauen Augen eines Mannes die ganze Architektur ihres Lebens umgestellt hatten. Dasselbe Bücherregal. Dieselben unpassenden Tassen. Dasselbe Studentenbild über dem Sofa. Und doch stellte sie, zum ersten Mal seit ihrem Einzug vor zwei Jahren, fest, wie dünn die Wände tatsächlich waren, wie wenig sie vom Flur trennte, wie leicht eine Tür, die sich immer ausreichend angefühlt hatte, in Wirklichkeit nichts gegen jemanden sein könnte, der entschlossen genug ist.Sie war sich sicher, dass sie nicht in der Wohnung war. Diese Gewissheit kam gegen Mi
Kapitel 15Die Distanz, die er schufKai sagte auf der Rückfahrt zum Penthouse nichts; sein Kiefer war angespannt, sein Blick auf einen Punkt jenseits der Scheibe gerichtet, mit dem Lena vermutete, dass die vorbeiziehende Stadt nichts zu tun hatte.Lena beobachtete ihn vom anderen Ende des Wagens aus, nah genug, um ihn zu berühren, und doch plötzlich, unmissverständlich weit entfernt, und dachte an die Männer vor der Schule am Morgen, an das Foto, das an seiner Tür zurückgelassen worden war, an die schreckliche Arithmetik des Zufalls, die er hinter seinem Schweigen sicher durchrechnete. Sie wollte nach seiner Hand greifen, so wie sie es in diesem selben Wagen Tage zuvor getan hatte, als er auf ihre ineinander verschränkten Finger geblickt hatte, als wären sie etwas Fremdes und Kostbares. Sie tat es nicht. Etwas an der Haltung seiner Schultern sagte ihr, dass die Geste nicht willkommen sein würde, und sie nicht zu machen, so sehr es sie auch kostete, war eine eigene Art von Respekt.Si
Kapitel 14Das VerzeichnisDer Schrank enthielt elf ledergebundene Bände, jeder nur nach Jahrgang beschriftet, die Rücken vom Alter und vom Gebrauch aufgesprungen.Kai strich mit den Fingern langsam über die Reihe der Rücken, so wie ein Mann über die Grabsteine derer streichen mochte, die er geliebt hatte, und Lena sah zu, wie er zögerte, bevor er einen auswählte, als hätte ein Teil von ihm bereits begriffen, dass das, was sie darin finden würden, sich nicht leicht wieder verlernen ließe.Kai zog den Band heraus, der mit dem Jahr markiert war, in dem Lena sieben geworden wäre, dem Jahr des Streits, den sie durch eine geschlossene Schlafzimmertür halb in Erinnerung hatte, und trug ihn zum langen Tisch in der Mitte des Arbeitszimmers, wo er ihn mit der sorgfältigen Präzision eines Mannes aufschlug, der etwas behandelte, das sich jederzeit als Waffe erweisen könnte.Das Arbeitszimmer um sie herum war sehr still geworden; Staubteilchen drehten sich langsam im einzigen Lichtstreifen des Na
Kapitel 13Was der Name trugLena starrte einen langen Moment auf die Worte auf der Rückseite des Fotos, ihr Gesicht im schwachen Licht des Penthouse-Wohnzimmers ganz blass geworden.„Frag mich nach Carter“, wiederholte sie langsam. „Das ist mein Name. Das ist mein Nachname. Was soll das heißen?“„Ich weiß es nicht“, sagte Kai, doch etwas in seinem Gesicht hatte sich verändert; es war vorsichtig und suchend geworden, auf eine Weise, die ihr sagte, dass er das Rätsel bereits drehte und wendete, die Kanten prüfte, die sie nicht sehen konnte. „Erzähl mir von deinem Vater.“„Warum ausgerechnet von meinem Vater?“„Weil derjenige, der das hier hinterlassen hat, wollte, dass ich nach deiner Familie frage, und deine Mutter auf dem Foto zu sehen ist, wie sie dich hält. Das heißt, die Botschaft handelt nicht von ihr. Sie handelt von dem Elternteil, der nicht darauf zu sehen ist.“Lena setzte sich langsam auf die Armlehne des Sofas und verschränkte die Hände im Schoß. „Ich erinnere mich nicht gu







