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Chapter 3

Author: Blexyn
last update publish date: 2026-06-29 00:33:09

CHAPTER 3

Was sie weiß

Lena schlief nicht.

Sie saß auf ihrem Bett, den Mantel noch an, kalt und nass vom Regen, und las alles, was das Internet jemals über Romano gesagt hatte. Davon gab es eine Menge. Nachrichtenartikel in sorgfältiger Sprache, Formulierungen, die so klangen, als hätten Anwälte sie vor der Veröffentlichung geprüft: angebliche Verwicklungen, vermutete Verbindungen, derzeit keine formellen Anklagen. Fotografien eines Mannes in dunklem Anzug bei Benefizgalas, bei Stadtratsterminen, bei der Eröffnung eines Gemeindezentrums im Eastfield-Viertel, das den Familiennamen trug. Auf den Bildern sah er genau so aus wie auf der Straße: beherrscht, gesammelt, vollkommen unerreichbar hinter seinem eigenen Gesicht.

Es gab noch andere Fotos. Tatortberichte, die geleakt und von Leuten hochgeladen worden waren, die mutiger oder leichtsinniger als vernünftig waren. Ein Lagerhausbrand 2019 mit umstrittenem Ursprung. Eine Hafeninspektion 2021, bei der nichts gefunden worden war, weil, wie eine anonyme Quelle nahelegte, bis zum Eintreffen der Inspektoren nichts mehr zu finden gewesen sei. Die Leiche eines Mannes namens Carver, der den Fehler gemacht hatte, seine Operation auf Romano-Gebiet ausweiten zu wollen.

Sie las bis drei Uhr morgens, schloss dann den Browser, saß in der Stille ihrer Wohnung und dachte an die Art, wie er gesagt hatte: Ich weiß.

Nicht: Ich weiß, was Sie gesehen haben. Nicht: Ich weiß, dass da Männer mit Waffen waren. Nur: Ich weiß. Zwei Worte, die ein Universum aus beiläufiger Autorität in sich trugen, die reflexhafte Feststellung eines Mannes, für den Informationen über seine eigenen Geschäfte einfach die Luft waren, die er atmete.

Und dann: Gehen Sie nach Hause.

Sie dachte an die Art, wie er sie angesehen hatte. Nicht bedrohlich. Nicht mit jener aggressiven Besitzergreifung, die sie von einem Mann erwartet hätte, der es gewohnt war, immer zu bekommen, was er wollte. Er hatte sie mit einer Art intensiver Aufmerksamkeit angesehen, die sie nicht recht einordnen konnte, als wäre sie ein Problem, an dessen Lösung er wirklich interessiert war.

Sie dachte an den Mann in der Gasse und sagte sich fest, dass sie nichts hätte tun können. Sie dachte an die Schülerin, die sie morgen zum Nachhilfeunterricht traf, an die Hypothekenzahlung, die sie einplanen musste, an die Reinigung, die sie abgeholt hatte. Sie dachte an all die gewöhnlichen, haltgebenden Details ihres Lebens und klammerte sich daran wie an Möbel in einem schiefen Raum.

Sie hatte Angst. Sie begriff die Gestalt dessen, worin sie hineingestolpert war, gerade gut genug, um zu wissen, dass es groß und gefährlich war und dass das Vernünftige darin bestand, nichts zu tun, nichts zu sehen, nichts zu sagen.

Womit sie nicht gerechnet hatte, wofür sie absolut keinen Rahmen hatte, war die Art, wie seine Stimme immer wieder zu ihr zurückkehrte. Tief, ruhig und erschreckend sicher.

Ich weiß.

Adriana rief um sieben Uhr fünfundvierzig an, noch vor Lenas erstem Kaffee.

„Wie war der Weg nach Hause? Hat mein Schirm überlebt?“

„Ich habe ihn dir zurückgegeben.“

„Stimmt, ich habe ihn ja. Hast du den Heimweg überlebt?“

Lena dachte an die Gasse, die Waffe und den Mann mit den sturmwolkenfarbenen Augen. „Gut“, sagte sie. „Der Weg war gut.“

Es entstand eine kurze, diagnostische Pause. Adriana war Anwältin. Sie konnte sehr gut pausieren. „Du klingst, als hättest du ungefähr null Stunden geschlafen.“

„Zwei, vielleicht.“

„Was ist passiert?“

„Nichts. Ich hing wegen eines Schülers in meinen Gedanken fest.“

Eine weitere Pause. Diesmal länger. „Lena.“

„Adriana.“

„Du machst gerade das Ding, bei dem du nichts sagst und etwas Bedeutendes meinst.“

„Ich mache das Ding, bei dem ich zu spät zur Schule komme, wenn ich jetzt nicht auflege.“ Sie machte ihre Stimme weicher. „Mir geht’s gut, Adri. Wirklich. Können wir am Wochenende reden?“

„Samstag. Du zahlst den Kaffee.“

„Abgemacht.“

Sie legte auf und stand in ihrer Küche, das Telefon in der Hand, und versuchte zu entscheiden, ob sie in Ordnung war. Sie beschloss, dass sie vermutlich funktionstüchtig war, und das war nah genug, und machte sich fertig für die Schule.

Die Schule war genau der Anker, den sie brauchte. Die dritte Stunde Literatur war mitten in der Gatsby-Einheit, und sie hatte die Unterrichtsstunde in den schlaflosen Lücken über Nacht neu strukturiert, sie um die Frage herum aufgebaut, mit der sich die Klasse tatsächlich beschäftigen sollte: Ist es möglich, jemanden zu lieben, den man sich selbst ausgedacht hat? Vierzehn Teenager mit unterschiedlichem Interesse an F. Scott Fitzgerald fanden sich zu ihrer eigenen Überraschung in einer echten Diskussion über Besessenheit, Projektion und den Unterschied zwischen einen Menschen zu lieben und eine Vorstellung zu lieben wieder.

Jaylen sagte in den letzten fünf Minuten des Unterrichts, ungefragt, einen einzigen Satz: „Das Schlimmste ist, dass Gatsby es wusste. Er wusste, dass sie nicht echt war, und liebte trotzdem die falsche Version, weil das einfacher war, als enttäuscht zu werden.“

Der Raum wurde still, auf jene besondere Weise, wie Räume still werden, wenn jemand etwas schmerzhaft Wahres sagt.

„Das ist das Beste, was in sechs Jahren, in denen ich dieses Buch unterrichte, irgendjemand dazu gesagt hat“, sagte Lena zu ihm.

Er wirkte, als wisse er nicht, was er damit anfangen sollte, was wiederum eine eigene Art von Information war.

Sie dachte noch über zwei weitere Stunden, eine Teambesprechung und die Heimfahrt im Bus darüber nach. Das Schlimmste ist, dass er es wusste.

Der Anruf kam um sechzehn Uhr siebenundvierzig.

Unbekannte Nummer. Sie wollte fast nicht rangehen. Sie ging doch ran.

„Ms. Carter.“

Ihr Magen sackte durch den Fußboden ihrer Wohnung und fiel weiter. Sie kannte diese Stimme. Sie hatte sie genau einmal gehört und unter erheblichen Stressbedingungen, und sie kannte sie so, wie man bestimmte Dinge kennt, mit einer Wiedererkennung, die das Denken komplett umging.

„Woher haben Sie diese Nummer“, sagte sie. Es war keine Frage. Eher ein laut ausgesprochener Unglaube.

„Ich habe Ihnen gesagt, dass ich sie habe.“

„Sie haben vier Sekunden lang auf mein Telefon gesehen.“

„Ich bin gut mit Zahlen“, sagte Kai Romano. Und dann, in einem Ton, der so nüchtern war, dass er fast beleidigend wirkte: „Geht es Ihnen gut?“

Sie blinzelte. „Fragen Sie mich gerade, ob es mir gut geht?“

„Ja.“

„Sie haben mir das Telefon abgenommen, mir gesagt, ich hätte nichts gesehen, und mich im Regen nach Hause geschickt.“

„Sie hatten einen Schirm.“

„Ich hatte ihn meiner Freundin gegeben.“

Eine kurze Stille. „Ich habe nicht an den Schirm gedacht“, sagte er, und irgendetwas an der Art, wie er es sagte, ließ vermuten, dass ihn das tatsächlich störte, dass er jemand war, der an alles dachte und der Regenschirm eine Lücke in seiner Bilanz war, die ihn wirklich ärgerte.

Es war das Menschlichste, was er je gesagt hatte.

„Mir geht’s gut“, sagte sie. „Was wollen Sie?“

„Ich wollte mich vergewissern, dass es Ihnen gut geht“, sagte er erneut. Als wäre das ein vernünftiger Satz für ihn.

„Ich will, dass Sie diese Nummer nicht noch einmal anrufen“, sagte sie.

Noch eine Stille.

„Gute Nacht, Ms. Carter“, sagte er. Und legte auf.

Sie stand mitten in ihrer Küche, hielt das Telefon eine volle Minute lang an ihre Brust, das Herz machte etwas Kompliziertes, und sagte sich, das sei vorbei. Dass Kai Romano einen Höflichkeitsanruf gemacht hatte, um zu bestätigen, dass seine Zeugin kein Problem werden würde, und dass das der ganze Umfang gewesen war.

Das sagte sie sich mit beträchtlicher Überzeugung.

Ihr Telefon vibrierte. Unbekannte Nummer. Eine SMS: Mir ist das aufgefallen. Wegen des Schirms. Es tut mir leid.

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