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Geheimnisse hinter der Maske
Geheimnisse hinter der Maske
Author: Ellie Wynters

Kapitel 1

Author: Ellie Wynters
last update publish date: 2026-03-01 05:52:55

Donnerstag, 5. Oktober

Grayson wusste, dass er inzwischen in Boston hätte sein sollen, und doch stand er dort, vor seinem Upper West Side Brownstone, ein Opfer des wechselhaften New Yorker Wetters. Hagel hatte auf das Rollfeld eingeprasselt, was wiederum jede Hoffnung auf Flugreisen zunichtegemacht und ihn für die Nacht nach Hause geschickt hatte. Er hatte einen Flug früh morgen früh umgebucht, mit genug Zeit, um rechtzeitig zum Meeting in Boston anzukommen… Nur

Im Gegenzug gab es ihm die Gelegenheit, Morgan zu überraschen.

Er blickte die Straße entlang auf die Brownstones, das war ein großartiger Ort, um Kinder großzuziehen, und als er Morgan vor sechs Monaten den Verlobungsring an den Finger gesteckt hatte, hatte sie zugestimmt, einzuziehen und hier eines Tages ihre Familie zu haben.

Mit seinem Schlüssel ließ er sich hinein, leiser Jazz wehte ihm durch den Flur entgegen. Grayson stellte seine Aktentasche an der Tür ab, lockerte seine Krawatte. Er überlegte, nach ihr zu rufen, seine Ankunft anzukündigen, hielt jedoch inne, als er Lachen aus dem Hauptschlafzimmer hörte. Zwei Frauen. Morgan und… jemand anderes. Enttäuscht, dass sie den Abend nicht für sich allein haben würden, aber wirklich beschweren konnte er sich nicht. Er hatte nicht geplant, hier zu sein. Wenn Morgan eine Freundin eingeladen hatte, um ihr Gesellschaft zu leisten, war das für ihn in Ordnung.

Grayson lächelte. Mehr Lachen hallte den Flur entlang, gefolgt von Flüstern, das er nicht ganz verstehen konnte. Er hängte seinen Mantel an den Haken und dachte, er würde sich erst einen Drink holen, bevor er ihr Mädchengespräch unterbrach. Er ging in die Lounge, um sich einen Whiskey zu holen, bevor er nachsah, was Morgan vorhatte. Seinem Glück nach gingen sie Morgans Kleiderschrank durch und es würde ein Berg Kleidung über ihrem Bett liegen.

Das Lachen wurde lauter, als er sich dem Schlafzimmer näherte. Kichern. Gedämpfte Worte. Ein Geräusch, das ein Stöhnen gewesen sein könnte. Er blieb stehen, die Hand über dem Türknauf schwebend.

Eine Stimme, die nicht Morgans war, sagte: „Baby, genau so.“

Morgan antwortete mit einem Laut, den Grayson nur zu gut kannte. Lust.

Sein Magen sackte ab. Die Haare auf seinen Armen stellten sich auf. Ein kaltes Gefühl breitete sich in seiner Brust aus. Er wusste, noch bevor er die Tür berührte, worauf er gleich stoßen würde.

Aber er stieß die Tür trotzdem auf. Er konnte sich nicht vor dem Wissen verstecken. Er musste sich dem stellen und ihnen direkt ins Gesicht sehen. So wie er Geschäfte erledigte.

Aber auf den Anblick, der ihn begrüßte, war er nicht ganz vorbereitet.

Morgan lag ausgestreckt auf ihrem King-Size-Bett, nackt, ihr blondes Haar über sein Kissen gefächert. Auf ihr lag eine brünette Frau, ebenfalls nackt, die Finger einer Hand in Morgans Haar verfangen, er konnte nicht sehen, wo ihre andere Hand war, aber er konnte es sich denken.

Die Zeit blieb stehen. Die Welt kippte aus ihrer Achse, während Grayson erstarrt in der Tür stand, unfähig zu begreifen, was er sah. Er hatte es gewusst – sicher – sich sogar darauf vorbereitet – aber es zu sehen war etwas anderes.

Dann blickte Morgan auf, als hätte sie ihn gespürt, ihre Augen weiteten sich vor Schock.

„Grayson!“ Sie wand sich unter der anderen Frau hervor und griff nach dem Laken. „Du solltest in Boston sein!“

Die Brünette setzte sich auf, ohne Anstalten zu machen, sich zu bedecken, ein Grinsen spielte um ihre Lippen.

Grayson erkannte sie. Tina. Die Freundin seiner Schwester Emma. Die, die er auf der Verlobungsfeier seiner Schwester kennengelernt hatte.

„Der Flug wurde gestrichen.“ Seine Stimme klang fern, als gehörte sie jemand anderem. „Hagel.“

Morgan zog das Laken bis zu ihrem Kinn hoch. „Baby, ich kann das erklären.“

Tina lachte, ein kurzes, scharfes Geräusch. „Kannst du das wirklich?“

Grayson trat ins Zimmer. Der Jazz spielte noch immer aus dem Stereo-System in der Ecke des Zimmers, was erklärte, warum sie ihn nicht hatten hereinkommen hören. Er hatte nicht versucht, leise zu sein, weil er nicht gewusst hatte, was sie vor ihm verborgen hatte. Dieser Gedanke ließ ihn seine nächste Frage stellen.

„Wie lange?“ Seine Stimme war ruhig. Ruhiger, als er sich fühlte.

Morgan sah Tina an, dann wieder ihn. „Es ist nicht das, was du denkst.“

„Wie. Lange.“ Jedes Wort abgehackt, präzise.

„Es ist nichts Ernstes, nur—“

„Beantworte die Frage, Morgan.“ Seine Hände ballten sich an seinen Seiten zu Fäusten.

Sie blickte auf die zerwühlten Laken. „Kurz nach Emmas Verlobungsfeier.“

Acht Monate. Acht Monate voller Lügen. Die Verlobungsfeier. Der Tag, an dem Morgan Tina ebenfalls kennengelernt hatte. Sie mussten innerhalb weniger Tage nach ihrem Kennenlernen angefangen haben. Und zwei Monate später hatte er ihr einen Antrag gemacht, und sie hatte Ja gesagt, während sie nebenbei eine Frau fickte.

„Acht Monate“, wiederholte er die Worte und prüfte ihr Gewicht. „Um das klarzustellen, du hast also acht Monate lang die Freundin meiner Schwester gefickt.“

„Sei nicht vulgär.“ Morgan griff nach einem Seidenmantel, der über dem Bettpfosten hing. „Es ist nur körperlich. Es bedeutet nichts.“

Tina streckte sich, katzenhaft und unbekümmert. „Mach dich nicht kleiner, Morgan. Für mich bedeutet es etwas.“ Offensichtlich völlig unbeeindruckt davon, ertappt worden zu sein. Er hatte Tina nie gemocht. Aber er konnte seiner jüngeren Schwester nicht vorschreiben, wer ihre Freunde sein sollten. Emma war schließlich siebenundzwanzig.

Grayson fuhr sich mit der Hand durch das Haar. Acht Monate. Ihre gesamte Verlobung. Eine Lüge. Nicht nur ihre Verlobung, sondern ihre ganze Beziehung.

„Du hast sie in unser Bett gebracht.“ Nicht nur das, sondern in ihr Leben.

Morgan schlüpfte in den Mantel und band ihn an der Taille zu. „Du machst eine viel zu große Sache daraus. Es ist nur Sex.“

„In unserem Bett.“ Ihm war übel. Er würde das Bett verbrennen, bevor er wieder in diesem Zimmer schlief.

„Warum nicht?“ fragte Tina und griff endlich nach ihren Kleidern, die über den Boden verstreut lagen. „Morgan hat gesagt, du wärst bis morgen weg.“

Grayson sah sie nicht an. Sie schien es nicht zu kümmern, dass sie nackt vor ihm stand. Die Frau zeigte keinerlei Scham.

Die Selbstverständlichkeit ihres Verrats traf ihn wie ein körperlicher Schlag. Sie hatten das geplant. Gewartet, bis er ging. Wie viele andere Male war das passiert? Hatten sie gelacht, dass er ein Narr war?

„Raus.“ Er richtete das Wort an Tina.

Sie hob eine Augenbraue. „Wie bitte?“

„Verschwinde verdammt noch mal aus meinem Haus.“

Morgan trat mit erhobenen Händen in einer beschwichtigenden Geste auf ihn zu. „Wirklich, Grayson, ich verstehe einfach nicht, warum du so verärgert bist. Lass uns wie Erwachsene darüber reden.“

„Wie Erwachsene?“ Er lachte, der Klang hohl. „Du hast mich acht Monate lang betrogen, und du willst wie Erwachsene reden?“

„Es ist kein Betrug.“ Morgan legte eine Hand auf seine Brust. „Nicht wirklich. Tina ist eine Frau, kein Mann.“

Grayson trat von ihrer Hand zurück, seine Augen weiteten sich, ihm wurde klar, dass sie nicht verstand, dass Betrug Betrug war; es spielte keine Rolle, welches Geschlecht die andere Person hatte. War sie wirklich so dumm, oder hatte sie die Moral einer Gassenkatze? Das war niemand, den er seine Kinder großziehen lassen wollte, geschweige denn in seinem Leben.

Wenn er dachte, er sei vorher schon im Schock gewesen, machten ihre nächsten Worte alles noch schlimmer.

„Wir könnten dich irgendwann einladen, mitzumachen. Vielleicht würde es dir gefallen. Ist es nicht der Traum jedes Mannes, zwei Frauen auf einmal zu haben.“

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