Se connecterRosas Sicht
„Wohin bringst du mich?“
Rosas Stimme hallte von den Betonwänden der Gasse wider und klang dünner, als ihr lieb war. Einer der Männer hielt sie am Ellbogen fest – nicht grob, sondern mit einer Endgültigkeit, als hielte man etwas fest, von dem man längst beschlossen hatte, dass es einem gehörte. Alessandro ging einen halben Schritt voraus, die Hände in den Taschen, völlig unbeeindruckt, als würde er einen Abendspaziergang machen, statt eine Frau zu einem schwarzen Wagen zu schleifen, der am Straßenrand wartete.
„An einen Ort, an dem wir reden können.“ Er drehte sich nicht um.
„Wir reden doch gerade.“
Das brachte ihn zum Stehen. Langsam wandte er sich um. Das Straßenlicht zeichnete die scharfe Linie seines Kiefers nach und beleuchtete die regungslose Miene, die ihr mehr Angst hätte machen sollen, als sie tatsächlich empfand. Sie hasste es, dass ein kleiner, dummer Teil ihres Gehirns die Form seines Mundes registrierte, statt nach einem Fluchtweg zu suchen.
„Tun wir das?“ Sein Blick glitt einmal bewusst an ihr hinab, über das kaum vorhandene, mit Pailletten besetzte Etwas, das sie unter ihrem offenen Morgenmantel trug, und kehrte dann ohne jede Entschuldigung zu ihrem Gesicht zurück. „Denn von meinem Standpunkt aus bist du diejenige, die die ganze Zeit redet, und ich habe noch nicht entschieden, ob mich deine Ausreden überhaupt interessieren.“
„Ich muss mich vor dir nicht rechtfertigen.“
„Nein.“ Ein Hauch von etwas huschte über seinen Mund, beinahe ein Lächeln, aber nicht ganz. „Das musst du nicht. Du musst in den Wagen steigen.“
„Und wenn ich es nicht tue?“
„Dann hebt Luca dich hoch und setzt dich in den Wagen, und dieses Gespräch wird für uns beide deutlich weniger würdevoll.“ Er sagte es ohne jede Schärfe, was irgendwie beängstigender war, als hätte er sie angeschrien. „Du hast die Wahl, tesoro.“
Rosa sah den Mann namens Luca an, der gebaut war wie eine Tür und dessen Gesicht aussah, als wäre es aus Stein gemeißelt, und überschlug ihre Chancen. Fünfzehn Zentimeter Stilettoabsatz und eine Chance, die kaum mehr wert war als ein Buttermesser, gegen zwei bewaffnete Männer und einen Boss, dem offenbar der ganze Häuserblock gehörte. Sie hatte siebzehn Jahre lang schlechte Chancen überlebt, indem sie wusste, bei welchen Kämpfen es sich lohnte, Zähne zu verlieren.
Dieser hier gehörte nicht dazu. Noch nicht.
Sie stieg in den Wagen.
Alessandro setzte sich neben sie, so dicht, dass sein Knie ihres auf dem Ledersitz streifte. Sie presste sich gegen die Tür, als könnte diese sie verschlucken, wenn sie es nur wollte. Er bemerkte es. Natürlich bemerkte er es. Er bemerkte alles. Das hatte sie in weniger als zwei Minuten, seit sie ihn kannte, bereits begriffen.
„Du wirst nicht aus einem fahrenden Wagen springen“, sagte er beinahe gelangweilt und beobachtete, wie die Stadt hinter den getönten Scheiben vorbeizog. „Dafür bist du zu klug.“
„Du weißt überhaupt nichts über mich.“
„Ich weiß, dass du meinen Club seit vier Nächten ausspionierst.“ Er drehte den Kopf, und die Straßenlaternen warfen in einem Rhythmus, der ihre Brust eng werden ließ, goldene und schwarze Lichtstreifen über sein Gesicht. „Ich weiß, dass du dir Fabrizio ausgesucht hast, weil er gern mit seinem Geld angibt und zu viel trinkt, um flinke Hände zu bemerken. Ich weiß, dass du nicht davongerannt bist, als Luca dich gepackt hat, weil du bereits deinen nächsten Zug geplant hast, statt in Panik zu geraten wie eine Frau, die glaubt, gleich sterben zu müssen.“
Rosa bekam einen trockenen Mund. „Vielleicht kann ich meine Angst einfach gut verbergen.“
„Vielleicht.“ Sein Blick wanderte zu ihren Händen, die sie so fest in ihrem Schoß verschränkt hielt, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. „Oder vielleicht hast du schreckliche Angst und gibst dir große Mühe, das nicht zu zeigen. Was davon trifft zu, kleine Stripperin?“
„Nenn mich nicht so.“
„Wie soll ich dich dann nennen?“
Beinahe hätte sie nicht geantwortet. Ein alter, hartnäckiger Überlebensinstinkt sagte ihr, dass Namen eine Währung waren, die man nicht einfach verschenkte. Doch irgendetwas an der Art, wie er sie ansah – geduldig, ohne zu blinzeln, als hätte er die ganze Nacht Zeit und jede weitere Nacht danach –, ließ die Lüge plötzlich sinnlos erscheinen.
„Rosa.“
„Rosa.“ Er sprach ihren Namen langsam aus, als prüfe er sein Gewicht, als würde er entscheiden, ob er ihn behalten wollte, wenn er ihn erst einmal im Mund hatte. „Alessandro.“
„Ich weiß, wer du bist.“ Zum ersten Mal seit dem Club drehte sie sich ihm ganz zu. Ihr Kinn war erhoben, und sie weigerte sich, ihre Stimme zittern zu lassen, obwohl ihr Puls wie eine Kriegstrommel in ihrer Kehle hämmerte. „Also, warum sagst du mir nicht einfach, was du mit mir vorhast, statt im Fond eines Wagens Spielchen zu treiben?“
Etwas veränderte sich in seinem Gesichtsausdruck. Keine Sanftheit, nichts derart Freundliches, sondern Interesse, scharf und plötzlich, als hätte sie ihn überrascht.
„Du willst es unverblümt.“
„Ich will die Wahrheit.“
„Gut.“ Er beugte sich zu ihr, nah genug, dass sie Zedernholz und etwas Dunkleres darunter riechen konnte, nah genug, dass sie sich zwingen musste, nicht zurückzuweichen und ihm damit zu beweisen, wie viel Angst sie tatsächlich hatte. „Du hast versucht, mich auszurauben. In meinem eigenen Club, vor meinen eigenen Männern. Die meisten Menschen, die so etwas tun, leben nicht lange genug, um es zu bereuen.“ Sein Blick glitt über ihr Gesicht, als präge er es sich für später ein. „Aber heute Abend interessieren mich die meisten Menschen nicht.“
„Und was interessiert dich dann?“
„Du.“
Keine Zögerlichkeit. Keine Abschwächung. Nur dieses eine Wort, kühl und unumstößlich, das wie ein Urteil in den kleinen Raum zwischen ihnen fiel.
„Ich will wissen, was eine Frau mit deinem Mut dazu bringt, für ein paar Almosen zu tanzen und Geldbörsen zu stehlen, obwohl sie mit ihrem Verstand etwas weitaus Interessanteres anfangen könnte.“
„Zum Beispiel was?“
„Zum Beispiel mir zu gehören.“
Im Wagen kehrte Stille ein. Nur das Summen des Motors und der Klang ihres eigenen Herzschlags waren zu hören, viel zu laut, als füllten sie ihre Ohren aus. Rosa starrte ihn an und wartete auf den Scherz, das spöttische Grinsen, auf irgendetwas, das es ihr erlauben würde, seine Worte als das Ego eines weiteren Mannes abzutun. Doch nichts davon kam. Er sah sie mit derselben ruhigen, geduldigen Gewissheit an, die er bereits in dem Moment ausgestrahlt hatte, als er ihr den Champagner an den Tisch hatte schicken lassen – als hätte das Ergebnis dieses Gesprächs nie wirklich zur Debatte gestanden.
„Ich bin kein Eigentum“, sagte sie und hasste es, dass ihre Stimme dabei eher zu einem Flüstern geriet, als ihr lieb war.
„Nein.“ Er streckte die Hand nach ihr aus. Sie zuckte zurück, noch bevor seine Finger sie berührten, doch er packte sie nicht und zwang sie zu nichts. Stattdessen strich er ihr lediglich eine lose Haarsträhne hinters Ohr. Diese Sanftheit fühlte sich gefährlicher an als sämtliche Drohungen, die er an diesem Abend ausgesprochen hatte. „Noch nicht.“
Der Wagen wurde langsamer. Rosa riss den Blick von seinem Gesicht los, sah aus dem Fenster und spürte, wie ihr der Magen bis in die Kniekehlen sank.
Sie waren nicht vor irgendeinem Lagerhaus oder einem Hinterzimmer angekommen, in dem Männer wie er ihre Geschäfte abwickelten.
Vor ihnen ragte ein Gebäude auf, so hoch, dass es den Himmel zu verschlucken schien. Glas und Stahl fingen das Mondlicht ein. Am privaten Eingang standen zwei weitere Männer, die sich sofort aufrichteten, als sich die Wagentür öffnete.
„Wo sind wir?“ Ihre Stimme hatte jedes bisschen ihrer vorherigen Entschlossenheit verloren.
Alessandro stieg als Erster aus und wandte sich dann zu ihr um. Er bot ihr die Hand wie ein Gentleman auf einem Ball, statt wie ein Mann, der sie vor zwanzig Minuten aus einem Nachtclub hatte schleifen lassen.
„Zu Hause“, sagte er. „Deinem Zuhause, solange ich es beschließe.“
Rosa nahm seine Hand nicht.
Er wartete auch nicht darauf.
Das Letzte, was sie wahrnahm, bevor die Glastüren sie verschluckten und in das kalte, glänzende Licht der Lobby eintauchten, war, wie seine Männer sich hinter ihr einreihten – schweigend und zielstrebig, als wären sämtliche Ausgänge bereits verschlossen worden, noch bevor sie überhaupt die Gelegenheit gehabt hatte, nach ihnen Ausschau zu halten.
Rosas Sicht„Du warst bei Elena. Das ist alles?“Alessandro blickte nicht von dem Glas in seiner Hand auf, als er die Frage stellte. Er stand mit dem Rücken zu ihr am Fenster des Esszimmers. Hinter ihm erstrahlte der Mailänder Dom in goldenem Licht, und seine Worte fielen in die Stille des Raumes wie ein Stein, der in einen tiefen Brunnen geworfen wurde.Rosa blieb unmittelbar hinter der Tür stehen. Ihre Finger schlossen sich fester um den Riemen ihrer Tasche.„Das ist alles.“„Du warst vier Stunden weg.“„Wir haben geredet. Kaffee getrunken. Sie hat ein bisschen geweint.“ Rosa zwang sich zu einem leichten Schulterzucken und hasste, wie steif es sich anfühlte. „Du weißt doch, wie Elena ist.“„Das weiß ich.“ Erst jetzt drehte er sich langsam zu ihr um. Das bernsteinfarbene Getränk in seinem Glas fing das Licht ein, als er es auf dem Tisch abstellte. Seine Augen glitten über ihr Gesicht, als würde ein Mann einen Vertrag Zeile für Zeile lesen und nach einer versteckten Klausel suchen. „I
Rosas Sicht„Du siehst aus, als hättest du nicht geschlafen.“Alessandros Stimme erreichte Rosa am nächsten Morgen beim Kaffee. Sie zwang ihre Hände, die Tasse ruhig zu halten, und zwang ihr Gesicht zu einem Ausdruck, der nicht verriet, dass sie die schlaflose Nacht damit verbracht hatte, auf eine Drohung zu starren, die sich in ihre Gedanken eingebrannt hatte.Wir wissen ganz genau, wo Signora Conti wohnt.„Schlechte Träume“, sagte sie, was nicht einmal gelogen war.„Wegen letzter Nacht?“ Etwas Vorsichtiges huschte über sein Gesicht. Vielleicht Schuldgefühle, weil sie in der Lagerhalle diesen Teil seiner Welt hatte miterleben müssen, weil sie gesehen hatte, zu welchem Mann er hatte werden müssen. „Es tut mir leid, dass du diesen Teil meiner Welt sehen musstest.“„Daran liegt es nicht.“ Rosa stellte die Tasse ab, bevor ihre zitternden Hände sie verrieten. „Mir geht es gut. Wirklich.“Er musterte sie einen Moment länger, als ihr lieb war. Seine dunklen Augen entgingen nichts, und sie z
Rosas SichtRosa traute ihrer Stimme nicht und antwortete deshalb nur mit einem leichten Nicken. Dann verschwand sie im Flur und ließ ihn mit den Geistern allein, die dieser Anruf heraufbeschworen hatte.In dieser Nacht schlief sie nicht. Sie lag wach in dem riesigen, viel zu weichen Bett und lauschte dem gedämpften Klang seiner Stimme, der durch die Wände drang. Tief und eindringlich, gelegentlich scharf, mit etwas darin, das gefährlich nahe an Verzweiflung grenzte. Zum ersten Mal, seit sie vor vier Nächten diese Bühne betreten hatte, fragte sie sich weniger, wie sie Alessandro Morettis Welt entkommen konnte.Stattdessen fragte sie sich zunehmend, was genau dieser Anruf ihn kosten würde.Als die Morgendämmerung grau und kalt über den Türmen des Doms hereinbrach, war seine Stimme verstummt.Rosa war noch immer wach, als sie hörte, wie sich die Tür seines Arbeitszimmers öffnete und seine Schritte unmittelbar vor ihrer Schlafzimmertür innehielten. Einen langen, angespannten Moment blieb
Rosas Sicht„Du hast mir nicht gehorcht.“Alessandros Stimme hallte durch das Penthouse, kaum dass sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte. Sie klang tief und rau, auf eine Weise, die Rosa noch nie zuvor bei ihm gehört hatte. Es war weder der kalte Befehl aus dem Speisezimmer noch das Verlangen aus dem Flur. Etwas anderes lag darin, etwas, das bis zum Zerreißen angespannt war und sich nur mit Mühe zusammenhielt.„Ich wollte nicht einfach hier herumsitzen.“ Rosa erhob sich von dem Sofa, auf dem sie sich eine Stunde lang zusammengerollt hatte, während sie den Schuss in Gedanken immer wieder durchlebte, bis sich der Klang wie eine Rille in ihren Schädel gegraben hatte. „Du hättest getötet werden können.“„Das geht dich nichts an.“„Es ging mich in dem Moment etwas an, als du mich in dein Leben gezerrt hast.“ Ihre Stimme zitterte, doch sie wich nicht zurück. Sie ließ sich auch nicht von der Erinnerung an sein Gesicht auf der anderen Seite der Lagerhalle davon abhalten, jetzt auf ihn zuz
Rosas Sicht„Signorina, Sie dürfen nicht hier draußen sein.“Die Stimme des Portiers verfolgte Rosa durch die Lobby, doch sie stieß bereits die Glastüren auf und trat hinaus in die beißende Kälte der Mailänder Nacht. Sie hatte den Mantel über das schwarze Kleid geworfen und ihre Schuhe irgendwo im Penthouse zurückgelassen. Stattdessen berührten ihre nackten Füße das eisige Pflaster.Dumm. Leichtsinnig. Es war ihr egal.Alessandros Wagen war bereits verschwunden. Doch Lucas Wagen stand noch da, die zweite schwarze Limousine, die am Straßenrand mit laufendem Motor wartete und deren Scheinwerfer zwei Lichtkegel durch die Dunkelheit schnitten.Rosa riss die hintere Tür auf, bevor sie es sich anders überlegen konnte.„Bring mich zu ihm.“Luca drehte sich auf dem Fahrersitz zu ihr um. Sein breites Gesicht spiegelte eine Mischung aus Bestürzung und Unglauben wider.„Signorina, ich habe den Befehl, Sie im Gebäude zu behalten.“„Und ich habe das Gefühl, dass du es bereuen wirst, deinem Boss er
Rosas Sicht„Wer ist ein Verräter?“Rosas Stimme hallte den Flur hinunter, noch bevor sie sich endgültig dazu entschlossen hatte, ihm zu folgen. Alessandro fuhr herum, das Telefon noch immer ans Ohr gepresst. Der Blick, den er ihr zuwarf, ließ sie drei Fuß entfernt wie angewurzelt stehen bleiben. Es war keine Wut, zumindest nicht ganz, sondern etwas Kälteres, etwas, das den Marmorboden unter ihren nackten Füßen schief erscheinen ließ.„Geh zurück an den Tisch.“ Seine Stimme war tief, abgehackt und kaum unter Kontrolle.„Nein.“„Rosa …“„Du hast gesagt, ich dürfe niemals mit deinen Geschäftspartnern sprechen und niemals nach deinen Geschäften fragen.“ Sie verschränkte die Arme und hob das Kinn, entschlossen, sich die Angst, die ihr die Wirbelsäule hinaufkroch, nicht anmerken zu lassen. „Schön. Ich frage nicht nach deinen Geschäften. Ich will wissen, warum der gefährlichste Mann Mailands gerade in seinem eigenen Esszimmer kreidebleich geworden ist.“Etwas zuckte über sein Gesicht – viel







