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KAPITEL 4: DER GOLDENE KÄFIG

Auteur: U.C BELLE
last update Date de publication: 2026-10-27 20:58:40

Rosas Sicht

Rosa erwachte mit Seide auf der Haut und einer Decke über sich, die sie nicht wiedererkannte.

Einen langen, verwirrten Augenblick lang erlaubte sie sich zu glauben, alles sei nur ein Traum gewesen – der Marmor, die schwindelerregende Höhe der Fenster, das sanfte graue Morgenlicht, das über einer Stadt hereinströmte, in der sie eigentlich nicht hätte aufwachen sollen. Dann schmerzte ihr Körper an Stellen, die ihr nur allzu deutlich vor Augen führten, wie real die vergangene Nacht gewesen war, und der Traum zerbrach wie Glas.

Sie setzte sich zu schnell auf. Der Raum begann sich zu drehen.

Allein das Bett war größer als das gesamte Einzimmerapartment, das sie sich mit zwei anderen Tänzerinnen teilte. Die Laken hatten die Farbe des Mondlichts. Die Bettdecke war so weich, dass sie sich beinahe obszön anfühlte auf einer Haut, die siebzehn Jahre lang auf dünnen Matratzen und gestohlenen Sofas geschlafen hatte. Jemand anderes als sie selbst hatte ihr ein Negligé in der Farbe eines Blutergusses angezogen, aus zarter Spitze, die sie sich in ihrem ganzen Leben niemals hätte leisten können. Der Anblick des Kleidungsstücks an ihrem eigenen Körper ließ ihr den Magen umdrehen.

Er hat dich angezogen. Während du geschlafen hast. Wie eine Puppe.

Rosa krallte die Hände in die Bettlaken.

Auf dem niedrigen Tisch am Fenster stand ein Tablett: dampfender Kaffee, ein Teller mit Gebäck, so kunstvoll angerichtet wie in einer Zeitschrift, daneben eine einzelne weiße Rose in einer schmalen Glasvase. Sie betrachtete das Ganze, als könnte es eine Falle sein.

Sie rührte sich nicht.

Stattdessen zog sie die Knie an die Brust, schlang die Arme darum und blickte durch die raumhohen Fenster auf die Spitzen des Doms, die sich scharf gegen den blassen Himmel abzeichneten. Schließlich erlaubte sie sich, das volle Gewicht dessen zu spüren, was geschehen war.

Vor vier Nächten war sie mit einem Plan in diesen Club gegangen. Mit einem Opfer. Mit einer Strategie für ihre Flucht. Sie hatte ihn verlassen und gehörte nun einem Mann, dessen Name erwachsene Männer erblassen ließ.

Die Tür öffnete sich, ohne dass jemand anklopfte.

Rosa fuhr herum. Ihr Rücken versteifte sich, jeder Muskel spannte sich an, noch bevor ihr Verstand überhaupt begriffen hatte, wer dort stand.

Alessandro erschien in der Tür. Er trug ein weißes Hemd, dessen Ärmel bis zu den Unterarmen hochgekrempelt waren. Sein dunkles Haar war noch feucht, als käme er gerade aus der Dusche. Zu ihrer maßlosen Verärgerung wirkte er vollkommen unbeeindruckt – als wäre eine Frau, die sich abwehrend und halb bekleidet in seinem Bett zusammenkauerte, ein ganz gewöhnlicher Anblick an einem Dienstagmorgen und nicht das Ergebnis eines Lebens, das er innerhalb einer einzigen Nacht aus den Angeln gehoben hatte.

„Du hast nichts gegessen.“ Er nickte in Richtung des unberührten Tabletts.

„Ich habe keinen Hunger.“

„Du lügst.“ Er durchquerte gemächlich den Raum und nahm selbst die Kaffeetasse in die Hand. Er betrachtete den aufsteigenden Dampf, als könnte er ihm etwas Nützliches entnehmen. „Du hast seit gestern Nachmittag nichts mehr gegessen. Ich habe nachsehen lassen.“

„Du hast nachsehen lassen.“ Ihre Stimme klang flacher, als sie beabsichtigt hatte. Ungläubigkeit sickerte durch ihre Erschöpfung. „Du hast mich also schon beobachten lassen, bevor du mich überhaupt mitgenommen hast.“

„Ich lasse jeden beobachten, der mir etwas bedeutet.“ Er stellte die Tasse ab und sah ihr in die Augen. Etwas in seinem Blick verlieh seinen Worten ein Gewicht, das weit über den eigentlichen Satz hinausging. „Du bedeutest mir jetzt etwas. Iss.“

„Das war keine Bitte.“

„Nein.“ Der Anflug von etwas, das beinahe ein Lächeln war, berührte seinen Mundwinkel. „Das ist es bei mir selten. Daran wirst du dich gewöhnen.“

Rosa zog die Bettdecke höher um ihre Schultern, als könnte sie sie tatsächlich vor irgendetwas schützen – vor ihm, vor der Erinnerung an die vergangene Nacht, die heiß und demütigend in ihrem Schädel nachhallte.

„Ich will meine Kleidung.“

„Die Kleidung gehörte dem Club. Du arbeitest dort nicht mehr.“

„Seit wann?“

„Seit ich es beschlossen habe.“ Er sagte es so schlicht und ohne jede Grausamkeit, dass es beinahe schlimmer war, als hätte er sie angeschrien. „Du hast einen Kleiderschrank. Adriana wird ihn dir heute Nachmittag zeigen. Was immer du brauchst, lässt du dir geben. Du verlässt dieses Gebäude nicht ohne mich oder ohne meine Erlaubnis. Ist das klar?“

„Du kannst doch nicht einfach …“ Rosas Stimme brach, und sie hasste es. Sie hasste, wie dünn und jung sie plötzlich klang, während ihre mühsam errichtete Rüstung unter einem einzigen ruhigen Satz Risse bekam. „Du kannst doch nicht über Nacht mein ganzes Leben auslöschen.“

„Ich habe es nicht ausgelöscht.“ Er ging in die Hocke am Bettrand, nahe genug, dass sie die leichten Schatten unter seinen Augen erkennen konnte. Sein Kiefer war angespannt, anders als in der vergangenen Nacht. Nah genug, dass sich etwas Verräterisches in ihrer Brust beim Anblick dieser Anspannung zusammenzog. „Ich habe dir ein besseres gegeben. Du hast es nur noch nicht begriffen.“

„Ein Käfig bleibt ein Käfig, selbst wenn man eine schöne Aussicht hat.“

Etwas flackerte in seinen Augen auf – keine Wut. Vielleicht Erkenntnis. Als hätte sie etwas ausgesprochen, das wahrer war, als ihr selbst bewusst war.

„Die meisten Menschen würden für einen Käfig wie diesen töten, Rosa.“

„Ich bin nicht wie die meisten Menschen.“

„Nein.“ Seine Stimme wurde leiser, beinahe vertraulich. „Das bist du wirklich nicht.“

Einen Moment lang bewegte sich keiner von ihnen. Jenseits der Glasfront summte die Stadt in der Ferne, gleichgültig gegenüber den beiden Menschen, die nur wenige Schritte voneinander entfernt in einem Zimmer saßen, das mehr kostete als die Häuser der meisten Leute. Rosa suchte in seinem Gesicht nach dem Monster aus der vergangenen Nacht und fand es nicht ganz.

Stattdessen entdeckte sie einen Mann mit müden Augen und einer Narbe am Kiefer, die ihr zuvor nicht aufgefallen war. Einen Mann, der im blassen Morgenlicht, Gott steh ihr bei, beinahe menschlich aussah.

Sie hasste es, dass ihr das auffiel. Noch mehr hasste sie, dass ein kleiner, erschöpfter Teil von ihr ihn am liebsten weiter angesehen hätte.

„Warum ich?“, fragte sie schließlich leise. „Du könntest jede haben. Warum interessiert es dich, was mit irgendeiner Stripperin passiert, die versucht hat, dich zu bestehlen?“

Alessandro schwieg lange. Als er schließlich antwortete, hatte seine Stimme einen Teil ihrer einstudierten Beherrschung verloren.

„Weil du nicht gebettelt hast.“ Er sagte es wie ein Geständnis, das er gar nicht hatte ablegen wollen. „Jeder bettelt, Rosa. Mein ganzes Leben lang betteln alle um Geld, um Gnade, um einen Platz an meinem Tisch. Du hast Lucas Waffe angesehen und einen Fluchtweg berechnet, statt in Tränen auszubrechen.“ Sein Kiefer spannte sich an. „Ich weiß nicht, was ich mit jemandem anfangen soll, der nicht bettelt.“

„Vielleicht solltest du den Leuten dann nicht gleich eine Waffe vorhalten.“

Das entlockte ihm ein kurzes, raues Lachen, das echt und ungezwungen klang, aber fast sofort wieder verstummte, als hätte er sich dabei ertappt, etwas Verbotenes zu tun.

„Vielleicht sollte ich das nicht.“

Dann stand er auf, strich sein Hemd glatt, und die sorgfältig gewahrte Distanz kehrte in sein Gesicht zurück wie ein Fensterladen, der geschlossen wurde.

„Iss etwas“, sagte er nun leiser. „Adriana wird dich um zwölf abholen. In diesem Haus gibt es Regeln, und ich erwarte, dass du sie bis heute Abend kennst.“

„Und wenn ich sie gar nicht kennenlernen will?“

Er hielt an der Tür inne, eine Hand am Rahmen, und sah über die Schulter zu ihr zurück. Sein Gesichtsausdruck war schwer zu deuten – irgendetwas zwischen Warnung und Verlangen.

„Das wirst du“, sagte er. „Jeder lernt früher oder später meine Regeln, tesoro. Die einzige Frage ist, wie viel es dich kostet, sie auf die harte Tour zu lernen.“

Er ging, bevor sie antworten konnte.

Rosa saß noch lange reglos in dem riesigen Bett, nachdem die Tür mit einem leisen Klicken ins Schloss gefallen war. Sie starrte auf die Stelle, an der er gestanden hatte, während ihr Herz aus Gründen gegen ihre Rippen hämmerte, die sie nicht beim Namen nennen wollte.

Dann fiel ihr Blick auf etwas, das sie zuvor übersehen hatte: ein gefaltetes Blatt Papier auf dem Kissen neben ihr, dort, wo er es vermutlich abgelegt hatte, während sie schlief. Eine kurze Notiz, in seiner scharfen, schrägen Handschrift.

Heute Abend: Abendessen. Trag das schwarze Kleid aus dem Schrank. Bring mich nicht dazu, dich holen zu kommen.

Rosas Finger schlossen sich fester um die Notiz, bis das Papier zerknitterte. Ihr Puls raste irgendwo zwischen Zorn und einer Angst, für die sie noch keinen Namen hatte.

Was auch immer für Regeln er ihr heute Abend aufzuerlegen gedachte – sie hatte das tief sitzende, instinktive Gefühl, dass es keine Regeln sein würden, die sie überleben konnte, indem sie einfach dagegen ankämpfte.

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