LOGINLara schwieg, das Herz schlug so stark, dass sie fürchtete, er könne es hören. Er las ihre Seele mit beängstigender Genauigkeit. Es war, als hätte er die dunkelsten und ehrgeizigsten Winkel ihres Geistes durchsucht, jene, die sie sich selbst kaum eingestand.„Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen“, flüsterte sie, aber die Stimme versagte, ohne Überzeugung.„Natürlich wissen Sie das.“ Er beugte sich erneut vor, seine Stimme sank zu einem fast vertraulichen, intimen Ton – und war deshalb noch gefährlicher. „Glauben Sie, ich bin durch ‚Fleiß‘ in diesen Sessel gekommen? Indem ich ein braver Junge war, der seine Hausaufgaben gemacht hat? Hier gibt es ein Ökosystem, Lara. Ein Dschungel aus Glas und Stahl. Es gibt Allianzen, die in Fluren geschmiedet werden, Feindschaften, die in Meetings geboren werden, Informationen, die mehr wert sind als Gold. Es gibt ungeschriebene Regeln. Und ich…“ – er machte eine dramatische Pause, seine Augen starr auf die ihren gerichtet – „… ich bin der Meister diese
Die Woche nach der Begegnung im Aufzug war eine Übung in kognitiver Dissonanz für Lara. Der siebte Stock war ein Universum aus Primärfarben, stehenden Agile-Meetings, Brainstormings mit bunten Haftnotizen und der nervtötenden Corporate-Fröhlichkeit eines jungen, ehrgeizigen Marketingteams. Ihre neuen Kollegen waren angenehm, ihr direkter Vorgesetzter, Herr Almeida, ein mittelalterlicher Mann mit einer permanent gequälten, aber gerechten Art. Die Arbeit war herausfordernd, aber im Rahmen dessen, was sie erwartet hatte: Marktanalysen, Kampagnenentwürfe, Leistungsberichte.Doch hinter jeder Aufgabe, jedem in der Küche ausgetauschten Lächeln, der rauen Textur des Gewerbeteppichs, schwebte der Schatten des zehnten Stocks. Es war, als wäre sie von einem stillen Virus infiziert worden, einer Perspektive, die sie von den anderen trennte. Während alle über das *Wie* diskutierten, dachte sie nun auch über das *Warum* nach. Während sie sich um das Engagement eines Posts sorgten, erwischte sie si
Er setzte seinen Weg fort. Lara folgte, ein stiller Schatten, der jedes Wort, jede Nuance aufsog. Er zeigte ihr nicht nur den Stock; er hielt eine Vorlesung über Macht, über Wahrnehmung.„Die unteren Etagen“, fuhr er fort, seine Stimme klar im Schweigen klingend, „sind fundamental. Sie sind die Hände, die bauen, die Stimmen, die verkaufen, die Köpfe, die erschaffen. Aber es ist leicht, die Perspektive zu verlieren, wenn man im Tun versunken ist. Im ‚Wie‘ stecken zu bleiben und das ‚Warum‘ zu vergessen. Der siebte Stock kümmert sich um die nächste Kampagne. Der zehnte kümmert sich um das nächste Jahr. Die nächsten fünf.“Sie blieben vor einer Rauchglaswand stehen, die in einen leeren Besprechungsraum blickte. Ein langer Glastisch, umgeben von schwarzen Ledersesseln. Eine Leinwand, die eine ganze Wand einnahm.„Dies ist der Raum, in dem wir von der Zukunft träumen. Und in dem wir Ideen töten.“ Sein Blick war kalt, als er den leeren Raum musterte. „Es ist wichtiger zu wissen, was man nic
Aber der Finger senkte sich nicht.Stattdessen schwenkte er ab, verweilte für einen Moment, bevor er entschlossen auf den Knopf ganz oben auf dem Panel drückte. Die Zahl 10 leuchtete in einem feierlichen Rot auf.Ein fast unhörbares Klicken, und der Aufzug, der bereits für den geplanten Halt im siebten Stock abgebremst hatte, nahm seinen sanften und unerbittlichen Aufstieg wieder auf. Der Richtungswechsel war ebenso subtil wie beängstigend. Lara spürte den leichten Druck in ihren Ohren, das Gefühl, an einen Ort gebracht zu werden, für den sie kein Ticket gelöst hatte.Sie sah den Mann an, ihre Augen nun weit geöffnet, eine stille, alarmierte Frage auf ihren Lippen erstarrt.Er drehte sich erneut um, um sie anzusehen, und diesmal lag eine Spur von etwas in diesem Sturmblick, ein Funke von Interesse, oder vielleicht nur die Kälte eines Wissenschaftlers, der beschlossen hat, den Verlauf seines Experiments zu ändern.„Der siebte Stock kann warten“, sagte er, die Stimme immer noch leise, a
Das erste Geräusch, das Lara wahrnahm, als sie die drehende Rauchglas-Tür des Mirage Corporate-Gebäudes durchschritt, war nicht das professionelle Gemurmel der Angestellten oder das elegante Klacken von Absätzen auf Marmor, sondern das tosende Geräusch ihrer eigenen Lungen, die um Luft rangen. Sie hatte die drei Straßenblöcke zwischen der Bushaltestelle und dem monumentalen Eingang zurückgelegt gerannt, wobei ihre neuen, unbequemen schwarzen Absätze, ein kleiner Verrat, im Panikrhythmus auf den Bürgersteig hämmerten. Das graue Kleid, das noch vor zwanzig Minuten in ihrer winzigen Wohnung makellos gesessen hatte, klebte jetzt mit dem kalten Schweiß der Angst an ihrem Rücken. Der erste Tag. Der große Tag. Und sie war spät dran.Die Lobby war ein Monument des kühlen Geschmacks. Eine weite Schlucht aus weißem Marmor, voller grauer Adern, in der die Luft nach aggressiver Reinheit und altem Geld roch. Eingebaute Leuchten in der doppelt hohen Decke warfen geometrische Muster aus Helligkeit a







