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Der Test

Author: Yole Writes
last update publish date: 2026-06-22 01:52:00

Das schwarze Metall der Pistole fing das schwache Licht ein. Valeria rührte sich nicht. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen wie ein gefangener Vogel. Sie zwang sich zu einem ausdruckslosen Gesicht. Sie durfte keine Angst zeigen. Angst bedeutete Schuld. Sie betrachtete die Waffe. Dann sah sie ihm in die Augen. Leo erwiderte ihren Blick. Er wirkte völlig entspannt. Er sah aus wie ein Mann, der jeden Tag Menschen erschoss. Die Stille im Raum war erdrückend. Sie musste ihm antworten. Sie musste mitspielen. Sie atmete kurz aus. Sie verschränkte die Arme vor der Brust.

„Lüge ich dich an?“, fragte Valeria. Ihre Stimme klang genervt, nicht ängstlich. „Ich kenne dich gar nicht.“

„Mein Name ist Leo.“ Er senkte die Pistole nicht. „So viel weißt du.“

„Ich weiß, dass du die Gehaltsschecks unterschreibst.“ Sie verlagerte ihr Gewicht auf ein Bein. „Ich weiß, dass du die Tanzfläche leitest.“ „Ich weiß nicht, warum du eine Pistole auf eine Tänzerin richtest.“ „Wenn du willst, dass ich gehe, sag es mir einfach.“

 Leo neigte den Kopf. Seine dunklen Augen suchten ihr Gesicht ab. Er suchte nach einem Riss. Nach einem Zeichen, dass sie Polizistin war. Sie gab ihm nichts.

„Du bist nicht wie die anderen Mädchen“, sagte er. „Du betrachtest das Geld nicht mit gierigen Augen.“ „Du beobachtest die Ausgänge.“ „Du behältst die Türen im Auge.“ „Du beobachtest meine Männer.“

Valeria behielt ihr Gesicht völlig ausdruckslos. Er war sehr intelligent. Sie musste ihr Verhalten erklären.

„Ich bin in einem üblen Viertel aufgewachsen“, log sie. „Man lernt, die Ausgänge im Auge zu behalten.“ „Man lernt, die großen Männer in billigen Anzügen im Auge zu behalten.“ „So überlebt man.“ „So vermeidet man Verletzungen.“ „Ich bin vorsichtig.“ „Ist Vorsicht in diesem Club ein Verbrechen?“

Leo hielt die Waffe weitere fünf Sekunden erhoben. Die Zeit fühlte sich wie eine Ewigkeit an. Valeria blinzelte nicht. Sie starrte ihn direkt an. Sie kanalisierte all die Wut, die sie über den Verlust ihrer Dienstmarke empfand. Sie ließ diese Wut in ihren Augen aufblitzen. Schließlich senkte Leo die Pistole. Er legte sie zurück auf den massiven Holzschreibtisch und lehnte sich in seinem Ledersessel zurück.

„Vielleicht bist du einfach nur vorsichtig“, sagte er leise. „Oder vielleicht läufst du vor etwas weg.“ „Wir alle haben eine Vergangenheit.“

Valeria entspannte ihre Schultern ein wenig.

„Ich brauche diesen Job“, sagte sie. „Ich habe Schulden zu begleichen.“ „Ich will keinen Ärger.“

„Ärger ist das Einzige, was wir hier bieten“, erwiderte Leo. Er öffnete eine kleine Schublade in seinem Schreibtisch und zog einen dicken Stapel grüner Geldscheine heraus. Er warf ihn auf das dunkle Holz. Es war mehr Geld, als sie in einem Monat als Polizistin verdiente.

„Du hast bewiesen, dass du Rückgrat hast“, sagte er zu ihr. „Die meisten Mädchen würden weinen und betteln.“ „Du hast direkt in den Lauf geschaut.“ „Ich kann ein Mädchen mit Rückgrat gebrauchen.“

Valeria betrachtete das Geld.

„Was soll ich tun?“ „Ich bin Tänzerin“, fragte sie. „Ich bin keine Mörderin.“

„Ich habe genug Killer“, sagte Leo. Er nahm die Pistole und steckte sie in seine Jacke. „Ich brauche jemanden, der mich an Orte bringen kann, an die ich nicht kann.“ „Ich brauche jemanden, der lächeln und Türen öffnen kann.“ „Ein hübsches Mädchen kommt an Wachleuten vorbei.“ „Ein hübsches Mädchen ist unsichtbar.“

Er stand auf. Er war sehr groß. Er ging um den Schreibtisch herum. Direkt vor ihr blieb er stehen. Er roch nach teurem Parfüm und Gefahr.

„Du wirst weiterhin tanzen“, sagte er. „Aber du wirst auch kleinere Aufträge für mich erledigen.“ „Lieferungen.“ „Informationen.“ „Wenn du dich gut anstellst, verdienst du genug Geld, um unterzutauchen.“

„Und wenn ich Nein sage?“, fragte Valeria. Sie kannte die Antwort bereits.

Leo lächelte zum ersten Mal. Es war ein kaltes Lächeln. Es erreichte nicht seine dunklen Augen.

„Niemand sagt Nein zu mir“, sagte er. „Nicht zweimal.“ Er griff in seine Tasche. Er zog ein kleines schwarzes Handy heraus. Er hielt es ihr hin. „Nimm das“, befahl er. „Lass es aufladen.“ „Bewahre es immer in deiner Nähe auf.“ „Wenn es klingelt, geh ran.“

Valeria nahm das Telefon. Das Plastik fühlte sich kalt auf ihrer warmen Haut an.

„Dein erster Auftrag beginnt jetzt.“ Leo trat zurück. „Ich brauche dich, um ein kleines Päckchen zuzustellen.“ „Es ist sehr wichtig.“ „Öffne es nicht.“ „Stell keine Fragen dazu.“

Er nahm eine kleine braune Schachtel von seinem Schreibtisch und legte sie ihr in die Hände. Die Schachtel war leicht und mit einer dunklen Schnur verschnürt.

„Wohin soll ich das bringen?“, fragte Valeria. Ihre Gedanken rasten. Sie musste ihrem Kontaktmann bei der Polizei von diesem Treffen berichten. Sie musste ihnen sagen, dass sie Kontakt zum Ziel aufgenommen hatte.

„Drei Blocks weiter ist ein Hotel“, sagte Leo. „Das Grand Hotel.“ „Zimmer 402.“ „Geh sofort dorthin.“ „Klopf dreimal.“

Valeria nickte.

 „Bring es einfach vorbei“, bestätigte sie. „Nur eine Lieferung.“

„Ja.“ Leo verschränkte die Arme. „Gib es dem Mann drinnen.“ „Gib es ihm persönlich.“ „Niemandem sonst.“

Valeria drehte sich um. Sie ging auf die schwere Eichentür zu. Sie legte die Hand auf den Messinggriff. Erleichterung durchströmte sie. Sie hatte die Prüfung überstanden. Sie würde den Raum lebend verlassen. Sie öffnete die Tür. Sie trat in den stillen Flur.

„Oh, und Valeria?“, rief Leo hinter ihr.

Sie erstarrte im Türrahmen. Sie hatte ihm nicht ihren richtigen Namen genannt. Sie hatte sich mit einem falschen Namen für diesen Job beworben. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Langsam drehte sie den Kopf. Leo stand mitten im dunklen Raum. Er hielt ein kleines Metallabzeichen hoch. Es war ihre alte Polizeimarke.

„Richten Sie Ihrem Captain meine Grüße aus.“ Er lächelte aus dem Schatten. „Richten Sie ihm aus, dass sein Plan gescheitert ist, bevor er überhaupt begonnen hat.“ Die schwere Eichentür knallte zu.

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