LOGINStaub und Stille
Artur saß auf einem Klappstuhl im Vorzelt der Mondstation. Den Helm hatte er abgenommen; das Vorzelt war luftdicht mit der Station verbunden, wurde jedoch mit vergleichsweise niedrigem Luftdruck beaufschlagt. Es diente als Staubfänger zwischen Außenwelt und Habitat. Trotzdem trug er eine eng anliegende Schutzmaske. Der feine Mondregolith schwebte als grauer Schleier in der Luft. Er kannte die Folgen einer Inhalation. Lunare Pneumokoniose – eine Erkrankung, die niemand lange genug untersucht hatte, um ihre Langzeitfolgen wirklich zu verstehen.
Vor ihm auf dem Tisch lag die Leiterplatte des Energiemanagementsystems, versiegelt in einer Kassette – einem metallischen Rahmen mit Kontaktleisten an der Stirnseite.
„Die muss rein“, murmelte Artur. „Die ist völlig zugesetzt.“
Er sprach vor sich hin. Er war allein auf der Station. Das Funkgerät hatte er abgeschaltet. Nach dem Ende der letzten Mission war er zurückgeblieben, um die Anlage betriebsbereit zu halten, bis die nächste Crew eintreffen würde.
Die Kassette steuerte das Energiemanagement des Radioisotopengenerators und der Solarzellen. Staub hatte offenbar feine Leckströme verursacht. Ein baugleiches, redundantes Modul hielt das System derzeit stabil. Sollte auch dieses ausfallen, blieben ihm nur noch die internen Batterien. Diese lieferten Elektrizität für etwa drei Tage.
Artur stand auf, nahm die Kassette in die linke Hand und griff mit der Rechten nach dem Helm. Dann begab er sich in die Schleuse, welche zum Habitat führte. Er setzte den Helm wieder auf, schloss den Anzug und verriegelte die Luke hinter sich, um den Druck im Vorzelt weiter absenken zu lassen. Der feine Regolith sollte dort bleiben.
Der Raumanzug fühlte sich steif an. Feiner Staub hatte sich trotz aller Dichtungen in den Gelenken festgesetzt. In der Schleusenkammer saugte er den Anzug sorgfältig ab. Der Staub durfte nicht ins Innere der Station gelangen. Er wischte mit einem antistatischen Tuch nach. Erst als das Vorzelt drucklos war und der Anzug entstaubt, öffnete er die zweite Luke zum Habitat.
In der Werkstatt legte er die Kassette in einen antistatischen Rahmen auf der Werkbank. Er verriegelte die Zugänge, aktivierte die Luftabsaugung und erzeugte Unterdruck. Die Filter rauschten leise. Artur schluckte, um den Druck in seinem Innenohr loszuwerden. Erst dann schaltete er das Audiosystem ein.
Bachs Weihnachtsoratorium erklang.
Mit komprimierter Luft entfernte er den Regolith aus den feinen Spalten der Kassette. Danach öffnete er sie und reinigte die Leiterbahnen mit Isopropylalkohol. Zwei Bauteile zeigten erhöhte Leckströme. Er ersetzte sie, setzte neue Lötpunkte und testete erneut. Die Werte stabilisierten sich.
Als er fertig war, blieb er einen Moment sitzen. Der schwierigste Teil stand noch bevor.
Der Modulschacht für das Energiemanagement befand sich außerhalb der Station, in einem hermetisch versiegelten Schaltkasten an der Außenhülle. Die Schächte waren druckbeaufschlagt und thermisch stabilisiert. Die Kassette würde dort eingeschoben und verriegelt werden müssen – ein Außeneinsatz.
Wenig später stand Artur im Raumanzug in der Luftschleuse. Die Musik lief über den internen Audiokanal. Weihnachten, dachte er, während der Druck sank. Die Luke zum drucklosen Vorzelt öffnete sich. Er durchstreifte es und öffnete die Außenluke.
Der Mond empfing ihn mit absoluter Stille.
Der Weg zum Schaltkasten war kurz. Der Anzug war steif, die Bewegung ungewohnt. Er erreichte den Kasten, öffnete die Abdeckung und steckte das gesäuberte Modul in den Schlitz. Die neue Kassette glitt sauber in den Schacht. Ein leiser mechanischer Klick bestätigte die Verriegelung.
Als das System neu startete, flackerte das Licht der Station kurz auf.
„Spannung stabil. Energiefluss nominal“, meldete sein Helm. Das RTG-Management hatte wieder übernommen.
Er drehte sich zur Schleuse um.
Da hörte er das Knistern.
Die Musik brach ab. Gleichzeitig begann eine Warnanzeige zu blinken.
KÜHLKREISLAUF: DURCHFLUSSMINDERUNG
Artur erstarrte. Regolithstaub. Er wusste sofort, was passiert war. Der feine Staub hatte sich in einem der mikrofeinen Ventile des Flüssigkühlkreislaufs festgesetzt. Der Anzug hielt den Druck – aber die aktive Wärmeverteilung versagte.
Die Temperatur in seinem rechten, der Sonne zugewanten, Arm stieg. Auf der schattigen linken Seite sank sie spürbar ab.
„Notbetrieb aktiv“, meldete das System. „Restkühlung passiv.“
Passiv bedeutete: Zeit.
Artur setzte sich in Bewegung. Die Strecke zur Schleuse war kurz, aber jeder Schritt wurde schwerer. Die Wärme staute sich. Sein Atem ging schneller. CO₂-Filter funktionierten noch, aber nicht ewig.
Er erreichte die Außenluke. Der automatische Öffnungsmechanismus reagierte nicht. Der Staub hatte auch hier seine Arbeit getan.
„Manuelle Entriegelung“, sagte er laut, mehr zu sich selbst als zum System.
Mit steifen Fingern griff er nach dem Riegel. Es dauerte endlose Sekunden, dann gab das Schloss nach. Die Luke schwang nach innen. Er schritt hindurch und schloss sie wieder. Dann setzte er das Vorzelt unter Druck und nahm den Helm ab.
Kühle, gefilterte Luft schlug ihm entgegen.
Wenig später saß Artur im Habitat, sich des Anzugs entledigt, schweißnass, aber lebendig. Er kühlte seinen rechten Oberarm mit einer Thermoskanne.
Er atmete lange durch, dann schaltete er das Funkgerät ein.
„Basis Erde“, sagte er ruhig. „Ich habe einen Vorfallbericht.“
Er beschrieb den Defekt. Den Staub. Das Ventil.
„Empfehlung“, fügte er hinzu. „Der Kühlkreislauf der Anzüge braucht redundante, mechanisch größere Ventile oder eine elektrostatische Staubabweisung. Der Regolith findet jeden Spalt.“
Er lehnte sich zurück.
Musik setzte ein.
Weihnachten auf dem Mond war still. Aber durch Bach war er nicht mehr allein.
Obertshausen im Januar 2026
Das GelenkflugzeugNeulich hörte ich von einem Traum. Eine Podcasterin träumte, in einem Passagierflugzeug zu sitzen, das etwa in der Mitte des Rumpfes ein Gelenk aufwies, ähnlich einem Gelenkbus. Bei einem Gelenkbus, umgangssprachlich auch Knickbus genannt, verbindet ein flexibler, witterungsfester Faltenbalg den Vorder- und Hinterwagen. In dem Traum der Podcasterin befand sich der Faltenbalg etwa zehn Meter hinter dem Tragflügel, jedoch noch deutlich vor dem Höhen- und Seitenleitwerk. Der hintere Teil des Flugzeugs musste demnach über eine Deichsel-Konstruktion mit dem vorderen Teil verbunden sein, wobei die Verbindung durch einen Drehkranz und Gleitlager erfolgte. Mein erster Eindruck war, dass Passagiere im hinteren Teil des Flugzeugs den Korridor beim Durchfliegen von Radien abknicken sehen müssten. Das erinnert an den Gelenkbus, bei dem die Passagiere aus ihrer Perspektive hin- und herschaukeln. Eine amüsante Vorstellung, wie ich finde. Auch mit meinen dreiundvierzig Lenzen
Wendekinder IIMusikkassettenBandsalat quillt aus quadratischen Öffnungen. Hat sich das Magnetband einmal unbeabsichtigt von den Spulen abgewickelt, behilft man sich mit einem Bleistift. T-Shirts, welche unlängst in Online-Stores angeboten werden und ein Paar aus Musikkassette und Bleistift zeigen, vermitteln ein schiefes Bild. Ein Bleistift ist viel zu dünn, um die kleinen Rädchen zuverlässig und rutschfrei drehen zu können. Eine bessere Methode, das Band wieder aufzuspulen, ist, einen BIC Cristal in das Löchlein zu stecken und zu drehen. Der BIC Cristal ist der Klassiker unter den Kugelschreibern. Mit dem durchsichtigen und sechskantigen Schaft kann man die Zähne des Kassettenrädchens am besten anschubsen. Dieser Tipp kommt zu spät, meinen Sie? Viele Tipps kommen zu spät. Dass Kassetten auf der Oberseite zwei Aussparungen haben, die dem Kopierschutz dienen, habe ich erst erfahren, als die Compact Disc der Music Cassette so langsam den Garaus machte. Das war ungefähr Mitte der N
Passepartouts BeobachtungDie Teleskope Fogg und Passepartout waren auf denselben Punkt gerichtet. Ein roter Zwergstern im Sternbild Widder:Teegardens Stern.Unspektakulär. Fast unsichtbar. Seit Jahrzehnten waren seine Koordinaten vermessen und katalogisiert — Rektaszension¹ 2 Stunden 53 Minuten, Deklination² +17 Grad. Ein Stern, etwas abseits der Ekliptik. Mit einer scheinbaren Magnitude³ von 15,1 war Teegardens Stern kaum mehr als ein dunkler Stecknadelkopf im noch dunkleren Sternenhimmel. Doch Instrumente wie Fogg, ein irdisches Teleskop, machten ihn auffindbar. „Mehr Kontrast“, sagte Kuno leise, als seine Kollegin von Fogg auf Passepartout, ein Teleskop im Orbit um Teegardens Stern, umschaltete. Mara reagierte, ohne zu antworten. Filter griffen ineinander, Algorithmen zogen Konturen aus dem Rauschen. Auf den Monitoren verdichtete sich das Bild. Eine Röhre trat hervor. Kuno und Mara saßen reglos vor dem Monitor, während Passepartout ihre Blicke führte. Vier astronomische E
Staub und StilleArtur saß auf einem Klappstuhl im Vorzelt der Mondstation. Den Helm hatte er abgenommen; das Vorzelt war luftdicht mit der Station verbunden, wurde jedoch mit vergleichsweise niedrigem Luftdruck beaufschlagt. Es diente als Staubfänger zwischen Außenwelt und Habitat. Trotzdem trug er eine eng anliegende Schutzmaske. Der feine Mondregolith schwebte als grauer Schleier in der Luft. Er kannte die Folgen einer Inhalation. Lunare Pneumokoniose – eine Erkrankung, die niemand lange genug untersucht hatte, um ihre Langzeitfolgen wirklich zu verstehen. Vor ihm auf dem Tisch lag die Leiterplatte des Energiemanagementsystems, versiegelt in einer Kassette – einem metallischen Rahmen mit Kontaktleisten an der Stirnseite. „Die muss rein“, murmelte Artur. „Die ist völlig zugesetzt.“ Er sprach vor sich hin. Er war allein auf der Station. Das Funkgerät hatte er abgeschaltet. Nach dem Ende der letzten Mission war er zurückgeblieben, um die Anlage betriebsbereit zu halten, bis die
Die selbstreinigende KücheTobi kletterte aus seinem Katzenkörbchen. Der Kater streckte sich. Er bog den Rücken durch, reckte das Hinterteil in die Luft und hob den Kopf empor. Die Vorderläufe zog er dabei an. Tobi hatte ausgeschlafen und machte sich daran, eine Runde durch das Haus seines Frauchens zu drehen. Er verließ den HWR und lief den Flur entlang zur Treppe. Die Stufen erklomm er in vier Sätzen. Im oberen Stockwerk war alles ruhig. Zu ruhig, dachte sich Tobi. Es wurde Zeit, einen lebhafteren Raum aufzusuchen: die Küche. Er lief die Treppe wieder hinab, huschte den Korridor entlang bis zur Küchentür, welche einen Spalt offen stand. Noch ein kräftiger Stupser mit den Vorderpfoten, und schon zwängte er sich hindurch in die Küche – ein Ort voller Möglichkeiten. Noch war es still, doch bald, vermutete Tobi, würden die Geräte und Möbel ihren magischen Tanz beginnen. Die Wartezeit vertrieb sich Tobi mit dem Bewundern von Piktogrammen auf dem Geschirrspüler. Das erste Piktogramm wa
Der NanitenrasiererEs war Sonntagmorgen und Robert war gerade aufgestanden. Nun öffnete er den Spiegelschrank. Dieser war über dem Waschbecken angebracht, indem er etwas Wasser, für die Nassrasur, eingelassen hatte. Er griff in den Spiegelschrank hinein und entnahm eine hellblaue Verpackung mit der futuristisch-gestalteten Aufschrift: „nano blades – the revolution in your face“. Robert freute sich darauf, die neuen Rasierklingen mit Nanitentechnologie auszuprobieren. Als Naniten bezeichnete man, winzig-kleine Roboter, mit denen man Prozesse, welche auf Miniaturebene abliefen, automatisierte und verbesserte. Robert wusste, dass die Klingen seines Rasierers mit Hunderten von kleinen Robotern bestückt waren, die aktivgeschaltet wurden, sobald ein physischer Kontakt zum Rasierschaum hergestellt wurde. Einmal in Betrieb gesetzt, zwackten die Naniten kleinere Mengen des Rasierschaums für sich selber ab, um den Wasseranteil des Schaums, mittels kleiner Brennstoffzellen, in Elektrizität umzu